Maigret und der gelbe Hund

Ein Geschenk vom Kater:

I

Der herrenlose Hund

Freitag, 7. November. Concarneau ist wie ausgestorben. Auf der beleuchteten Turmuhr der Altstadt, die über den Festungsmauern zu sehen ist, ist es fünf vor elf.

Die Flut hat ihren Höhepunkt erreicht, und ein Sturm aus Südwest lässt die Kähne im Hafen aneinanderstoßen. Der Wind fegt durch die Straßen, wo man zuweilen Papierfetzen über den Boden huschen sieht.

Kein einziges Licht auf dem Quai de l’Aiguillon. Alles ist geschlossen. Alles schläft. Nur aus den drei Fenstern des Hotel de l’Amiral, an der Ecke, die der Platz mit dem Quai bildet, dringt noch Licht…

Georges Simenon, „Maigret und der gelbe Hund“

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Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien

„Weißt du, was, alter Junge? Noch zehn solche Fälle, und ich lasse mich pensionieren. Weil das nämlich der Beweis dafür wäre, dass der gute, alte liebe Gott da oben die Arbeit der Polizei höchstpersönlich übernommen hat…“

Allerdings fügte er dann noch, während er den Kellner herbeiwinkte, hinzu:

„Aber keine Bange! Von der Sorte gibt’s keine zehn! – Und was tut sich derweil so im Haus?“

Georges Simenon, „Maigret und der Gehenkte von Saint-Pholien“

Kirche Saint-Pholien in Lüttich

Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien

Er war groß und breit gebaut, breit vor allem, klobig und robust, wobei das Ungeschlachte seines Körperbaus noch durch seine nachlässige Kleidung hervorgehoben wurde. Seine Züge waren grob, die Augen vermochten mühelos einen Ausdruck animalischen Stumpfsinns anzunehmen.

Damit glich er einer jener Gestalten aus Kinderalpträumen, deren monströs aufgedunsene, ausdruckslose Gesichter auf den Schlafenden zukommen, als wollten sie ihn zermalmen.

Von seiner gesamten Erscheinung ging etwas Unerbittliches, Unmenschliches aus, das an einen Dickhäuter denken ließ, der auf sein Ziel zustapft und sich von keiner Macht der Welt mehr davon abbringen lässt.

Er trank sein Bier, rauchte seine Pfeife und beobachtete mit Genugtuung den Zeiger der Uhr, der ruckartig, mit einem metallischen Klicken, von Minute zu Minute sprang. Eine nichtssagende Uhr.

Es hatte den Anschein, als sei seine Umgebung ihm völlig gleichgültig, und doch entging ihm keine noch so winzige Bewegung zur Rechten oder zur Linken.

Es war eine der merkwürdigsten Stunden seines Lebens, denn auf diese Weise verging fast eine Stunde! Genau zweiundfünfzig Minuten dauerte dieser Nervenkrieg!

Schweigen. Ein jeder wartete, ohne zu wissen, worauf. Ein jeder erwartete irgendetwas. Aber nichts geschah!

Bei jeder Minute, die verstrich, erbebte der Zeiger der Uhr, vernahm man ein leichtes Schnarren des Uhrwerks. Anfangs war es nicht zu hören gewesen, nun war es geradezu unerträglich laut. Und die Bewegung des Zeigers selbst zerfiel in drei verschiedene Phasen: erst ein Klicken, dann setzte sich der Zeiger in Bewegung, dann eine Wiederholung desselben Geräusches, wie um ihn an seinem neuen Platz einzurasten. Jedes Mal änderte sich das Gesicht der Uhr, der stumpfe Winkel wurde nach und nach zu einem spitzen, in dem Maße, wie die Zeiger sich aufeinander zubewegten.

Georges Simenon, „Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien“

Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet

Die reine, nackte Wahrheit? Die würde Madame Gallet um ihre dreihunderttausend Franc bringen. Und Madame Gallet würde sich mit ihrem Sohn, mit Eléonore, mit Tiburce de Saint-Hilaire auseinandersetzen müssen und sich mit ihren Schwestern und Schwagern von neuem überwerfen.

Alles, was dabei herauskäme, wäre ein Knäuel von Intrigen, Hass, endlosen Prozessen… Vielleicht bestünde ein besonders gewissenhafter Richter sogar darauf, dass Emile Gallets Leiche exhumiert und nochmals untersucht würde!

Maigret hatte das Bild des Toten abgeschickt. Er brauchte es nicht mehr. Das verblichene Foto hatte seinen Zweck erfüllt.

„… Seine rechte Wange färbte sich rot. Dann sah ich das Blut. Er stand und starrte immer auf den gleichen Punkt, als ob er auf etwas wartete…“

„Auf den Frieden, zum Teufel! Das war es, worauf er sein Leben lang wartete!“, knirschte Maigret und verließ das Haus, obschon es noch längst nicht elf Uhr war.

Mit hängenden Schultern stand er zehn Minuten später vor seinem Chef.

„Eine verpatzte Angelegenheit. Wir können diese kleine, schmutzige Geschichte zu den Akten legen.“

Nach einer Pause fuhr er fort:

„Der Arzt sagt, er hätte keine drei Jahre mehr zu leben gehabt. Nehmen wir an, die Versicherungsgesellschaft verliert sechzigtausend… Was heißt das schon, bei einem Kapital von neunzig Millionen…?“

Morsang, an Bord der >Ostrogoth<, Sommer 1930

Georges Simenon, „Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet“

Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet

„An jenem Samstag wollte er auf der Stelle zwanzigtausend Franc. Ich hätte sie ihm so oder so nicht geben können, denn die Bank war geschlossen. Abgesehen davon, fand ich, ich hätte schon genug bezahlt.

Das sagte ich ihm. Und er sei ein gemeiner Schmarotzer… Am Nachmittag kam er wieder, so demütig, dass einem übel werden konnte.

Ein Mensch hat nicht das Recht, sich so gehenzulassen. Das Leben ist ein Glücksspiel. Entweder man gewinnt oder man verliert. Aber man bewahrt seinen Stolz…“

„Sagten sie ihm das auch?“, unterbrach ihn Maigret erstaunlich sanft.

„Warum nicht? Ich hoffte, ihn damit ein wenig aufrütteln zu können. Ich bot ihm fünfhundert Franc…“

Maigret trat zum Kamin, rückte das Bild des Toten zurecht.

„Fünfhundert Franc“, wiederholte er.

Georges Simenon, „Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet“

Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet

Der Kommissar war ein Hüne. Wenn er durch das Zimmer schritt, streifte sein Kopf die Deckenlampe, und seine breiten Schultern füllten das Fensterrechteck aus, so wie die mittelalterlichen Ritter mit ihren gebauschten Ärmeln die alten Gemälderahmen zu sprengen schienen.

Georges Simenon, „Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet“

Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet

„Achtzehn Jahre!“, sagte er laut.

Achtzehn Jahre lang Briefe fälschen und mit Niel unterzeichnen. Postkarten via Rouen befördern lassen. Und in all der Zeit ein braves, biederes, ereignisloses Leben in Saint-Fargeau führen…

Mit der Mentalität des Verbrechers war der Kommissar vertraut. Ob Mörder, ob kleiner Gauner – immer war es irgendeine Leidenschaft, die sein Handeln bestimmte.

Und das war es, wonach er jetzt in dem Gesicht mit dem Spitzbart, den schweren Lidern, dem übermäßig breiten Mund suchen musste!

Georges Simenon, „Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet“

Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet

Jeder Kriminalfall hat sein charakteristisches Merkmal, das einem früher oder später in die Augen springt und das oft den Schlüssel zum Geheimnis darstellt.

War das Charakteristische an dieser Mordaffäre nicht gerade ihre Mittelmäßigkeit?

Mittelmäßigkeit in Saint-Fargeau. Mittelmäßige Villa. Mittelmäßiges, spießiges Mobiliar, mit dem Porträt des Erstkommunikanten an der Wand und dem Bild des Vaters im zu engen Jackett auf dem Klavier.

Mittelmäßigkeit in Sancerre. Billige Sommerfrische. Zweitklassiges Hotel.

Und dieses ganze Grau-in-Grau wurde noch grauer, wenn man sich die übrigen Einzelheiten ins Gedächtnis rief.

Generalvertreter der Firma Niel. Falsches Silber, falscher Luxus, falscher Stil.

Ein Jahrmarkt. Schießbuden. Knallfrösche.

Das ging bis zu Madame Gallets geziertem Getue, ja, bis zu ihrem mit Strass verzierten Hut, der über den staubbedeckten Schulhof gerollt war.

Georges Simenon, „Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet“

Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet

Ein Geschenk vom Kater:

I

Eine lästige Pfllicht

Der erste Kontakt zwischen Kommissar Maigret und dem Toten, mit dem er in den nächsten Tagen auf eine so beklemmend intime Weise zusammenleben sollte, erfolgte am 27. Juni 1930 unter alltäglichen, zugleich aber unangenehmen und unvergesslichen Umständen…

Georges Simenon, „Maigret und der verstorbene Monsieur Gallet“

Maigret und Pietr der Lette

Für die famous first words siehe hier

 

…Dennoch hielt er aus, weil er ein unbestimmtes Gefühl hatte, das er noch nicht einmal als Vorahnung hätte bezeichnen können. Es war vielmehr eine seiner Theorien, die er übrigens nie weiterentwickelt hatte und die auch in seiner Vorstellung unscharf blieb. Für sich nannte er sie die Theorie vom Riß.

In jedem Missetäter, in jedem Banditen steckt ein Mensch, aber auch und vor allem ein Spieler, ein Gegner, und auf ihn hat es die Polizei abgesehen, er ist es, den sie im allgemeinen bekämpft.

Wird ein Verbrechen begangen oder irgendein Delikt? Der Kampf gilt den mehr oder weniger objektiven Gegebenheiten. Dem Problem mit einer oder mehreren Unbekannten, das der Verstand zu lösen versucht.

Maigret handelte wie die anderen. Und wie jene bediente er sich ungewöhnlicher Hilfsmittel, die die Bertillon, die Reiss oder Locard in die Hände der Polizei lieferten und die eine Wissenschaft  für sich darstellten.

Aber er suchte, erwartete, belauerte vor allem den Riß. Mit anderen Worten: den Augenblick, in dem hinter dem Spieler der Mensch erscheint…

Georges Simenon, „Maigret und Pietr der Lette“