Mohn und Gedächtnis

Das Gedächtnis ist keine verlässliche Größe im Leben… zitiert die Mützenfalterin in ihrem wundervollen Tagebuch Karl Ove Knausgård. Während die Zeilen noch in meinem Kopf kursieren, kommt mir Paul Celans Corona in den Sinn: …wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis. Dazu gibt es diese Arbeit von Anselm Kiefer, „Mohn und Gedächtnis – Der Engel der Geschichte“, aus der die beiden oben gezeigten Detailansichten stammen. (Ein Beitrag hierzu, „Ocker, braun, schwarz, wie nähere ich mich einem Künstler“, findet sich im übrigen auf dem schönen Blog von Susanne Haun.) Kiefer bezieht sich neben Celan auch auf Walter Benjamin, dessen Begriff vom Neuen Engel wiederum in Paul Klees Angelus Novus seinen Ursprung hat.

Und weil heute ihr Geburtstag ist, Fusznote 105 zu Friederike Mayröckers nichtgeschriebenem Werk:

der grosze kretische Stein auf meinem Magen, einer auf der Schuhablage von 1 Sonnenstrahl gespornter Sommerschuh, der Geruch einer halbierten Zuckermelone, sobald ich die Eiskastentür öffnete, honigverklebte Medikament Packung auf dem Küchentisch, Schriftzüge auf bodenlosen Zettelchen, das Kind in mir, sagt Amos Oz, ich bin in der Anstalt der Wärter fönt mir die nassen Haarspitzen, es ist 1 Zärtlichkeit, habe Geduld mit mir sagte die Mutter in ihren letzten Tagen, die aufgebissenen Lippen die versunkenen Rosen : die welkenden Blumen des eigenen Lebens, schreibe ab aus den eigenen Büchern.

Friederike Mayröcker, „Ich bin in der Anstalt Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk”

Osterblume

mein federäugiger Liebling!

mein schellenfüsziges Erkerschlöszchen!

meine wunderschöne Osterblume

wie sehr du mich verlassen hast

und jetzt musz ich um dich weinen

weisze Osterblume

kleiner Ostermond

fernes Springwasser meines Herzens

fünfzehntes Schlüsselchen meiner Not

lebwohl ins Frühlingsgrün!

Friederike Mayröcker


Und ich schüttelte einen Liebling

…, und sie schnitt die nassen Pfingstrosen und sagte, die weiszen und rosaroten verströmen Pracht und Duft nicht die tiefroten. Das Atemwäldchen tropfte und taute grünes Blut, wir saszen da und hielten uns an der Hand heute morgen hörte ich zwei Gedichte von Reiner Kunze, verzweifelt, die sich verzweigen in meiner Brust, vorher und nachher geweint weil die Welt so verlassen, Sonntag früh, kahler Morgen –

Friederike Mayröcker, „Und ich schüttelte einen Liebling“

Und ich schüttelte einen Liebling

Ein Geschenk vom Liebling:

meine Nerven waren sehr aufgeregt, und Gertrude Stein sagt, in dem Gesicht stand dasz er, wenn er ein Stück Wiese angeschaut hatte, es immer ein Stück Wiese für ihn gewesen wäre, aber dann habe er die getroffen die er liebte, und wenn er dann auf ein Stück Wiese geschaut hätte, seien auf dem Stück Wiese Vögel und Schmetterlinge gewesen, die vorher nicht da waren, das also ist Liebe.

Und wie sie die freie Natur in den Saal schleppen, sage ich, und dann hatte ich immer Angst wenn der Sommerwind heftig war dasz er alle Zettel mit den allerwichtigsten Aufzeichnungen davonblasen und ich sie nie wieder finden würde in meiner Wohnung, also beschwerte ich alle Aufzeichnungen mit großen Steinen die mir EDITH aus Kreta mitgebracht hatte und wohin ich auch immer reisen hätte wollen aber es nie zuwege brachte weil es mir kaum je gelang meine Behausung zu verlassen und eine so weite Reise anzutreten, also schwebend die ganze Sprache wie mit ausgebreiteten Armen.

Friederike Mayröcker, „Und ich schüttelte einen Liebling“


Fusznoten zu einem nicht geschriebenen Werk

Noch nie hat mich ein Buch so sehr inspiriert wie dieses. Wie eine einzige Fusznote wird es an mir haften bleiben.

242 ich bin die geprügelte Seele eines Hundes, sage ich zu IHM, die Stunden die Wochen die Jahre seien so rasch vergangen als säsze man im Zug und die Landschaft flöge vorbei und das Ende der Reise sei nahe

243 ………………..

Friederike Mayröcker, „ich bin in der Anstalt Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk“

Fusznote 106

Visagen des Waldbodens, Veilchentür am Saume des Gartens, wir gingen durch 1 waldige Gasse, ich krieche ins Ambulanzhäuschen, ich hatte dann die Wäsche vergessen in der Waschmaschine ich hatte dann das Geschirr vergessen in der Spülmaschine aber der rechte Handballen klebte von Honig während ich 1 Zusammenbruch : 1 Zornesausbruch hatte, auch wegen des kalten Wetters (1.5.09) wünschte mir warme milchige Tage an welchen die Haare sanft wehen, und der VOGELKLANG

Friederike Mayröcker, „Ich bin in der Anstalt Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk“

Fusznote 105

der grosze kretische Stein auf meinem Magen, einer auf der Schuhablage von 1 Sonnenstrahl gespornter Sommerschuh, der Geruch einer halbierten Zuckermelone, sobald ich die Eiskastentür öffnete, honigverklebte Medikament Packung auf dem Küchentisch, Schriftzüge auf bodenlosen Zettelchen, das Kind in mir, sagt Amos Oz, ich bin in der Anstalt der Wärter fönt mir die nassen Haarspitzen, es ist 1 Zärtlichkeit, habe Geduld mit mir sagte die Mutter in ihren letzten Tagen, die aufgebissenen Lippen die versunkenen Rosen : die welkenden Blumen des eigenen Lebens, schreibe ab aus den eigenen Büchern.

1 Schmutzlippe aufgeweichter HUND von Stürmen, zerwühlt, er sagte „cool kitsch“ während die Palmkätzchen in der Kaffeeschale, die Traumatisierung dauert an, so verwelkte der rosenrote Wieland, Jean Paul

Friederike Mayröcker, „Ich bin in der Anstalt Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk“

Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk

1 Bekenntnisse haben nichts mit der Wahrheit zu tun, nämlich die hingeweinten, sage ich, der Beginn des Textes noch 1 wenig schwerfällig, man müsse wohl erst allmählich Tritt fassen – haben Sie Erleuchtung, wohlmeinender Leser, erhabene Leserin, „ich werde nie, Sie auch nicht, alles von mir wissen mich niemals ganz kennen, d.h. nie wissen mit wem ich gelebt habe, geheimer als alle Geheimnisse von denen ich weisz dasz ich sie mit in den Tod nehme ..“, Jacques Derrida. Wie Mutter, einige Jahre vor ihrem Tod sagte, nicht 1 x dir kann ich es sagen, kann ich sprechen was mich bedrückt was mir geschehen ist, mit deinem Vater, ehe dein Vater starb, so werde ich alles mit in den Tod, usw. – natürlich wuszte ich, was sie mir verborgen hielt

Friederike Mayröcker, „ich bin in der Anstalt Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk“

Ein kleines, feines Gespräch mit der Autorin