1913

Oskar Kokoschka feiert Weihnachten mit Alma, deren Mutter und deren Tochter im neugebauten Haus in Breitenstein. Das Licht funktioniert noch nicht, darum sitzen nach dem Eintritt der Dämmerung alle vor dem Kamin, das lodernde Feuer und die vielen Katzen tauchen alles in ein feierliches Licht. Kokoschka schenkt Alma einen großen Fächer, den er für sie bemalt hat, in der Mitte verliert der Mann Alma an einen großen Fisch. Kokoschka ist sich sicher: „Seit dem Mittelalter hat es nichts Gleichartiges gegeben, denn kein Liebespaar hat je so leidenschaftlich in sich hineingeatmet.“ (Später dann, als Alma längst in Walter Gropius hineinatmet, da hat sich Kokoschka Alma als Puppe nachbauen lassen, lebensgroß mit der Puppenbauerin besprach er detailliert jede Falte und jedes Fettpolster in der Hüftgegend, er lebt mit der Puppe dann länger zusammen als mit Alma selbst, aber das nur in Klammern, wir wollen ja nicht wissen, wie alles weitergeht, hier im Jahr 1913).

Florian Illies, „1913“

Oskar Kokoschka, "Liebende mit Katze" (1917)
Oskar Kokoschka, „Liebende mit Katze“ (1917)
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1913

August Macke, "Dame in grüner Jacke" (1913)
August Macke, „Dame in grüner Jacke“ (1913)

Elisabeth Macke erzählte später, wie ihr Mann mittags die Bilder aus dem Atelier unter dem Dach in den Garten brachte, „der in leuchtenden Herbstfarben von der Sonne durchflutet war, und stellte sie mitten hinein in dieses Glühen: Sie verblassten keineswegs, sie hatten ihr eigenes Leuchten. Dann frug er mich: >Was meinst Du, ist das nun was oder ist das Kitsch, ich kann es wirklich nicht sagen?<“ Elisabeth wusste, was es ist. Und wir wissen es auch. Es sind Bilder von solch echter, bezwingender Schönheit, dass man sie manchmal nur ertragen kann, wenn man versucht, sie als Kitsch zu denunzieren.

Florian Illies, „1913“

1913

Es gibt den stets melancholisch wirkenden Walter, die Nickelbrille des Frühreifen auf der Nase, der früh zu malen begann, dann Edeltrude, introvertiert, die aussieht, als leide sie sehr an der Welt im Allgemeinen und ihrem Vornamen im Besonderen, schließlich Lotte, die lebendigste, strahlendste, und dann Hans, den jüngsten, geduldigen Bub. Heinrich Kühn ist ein liebevoller Vater, aber ein radikaler Künstler. Wenn am Ende ein Kind zuviel auf dem Bild ist, wenn eines den Bildaufbau stört, dann retuschiert er es rigoros weg, auch wenn er Stunden gebraucht hat, um alle Kinder in Position zu bringen. Was Kühn in seinen Bildern zeigen will, ist nichts weniger als das Paradies. Spielende Kinder, ruhende Kinder, Frauen in wallenden Kleidern, die unschuldige Natur. „Der Sündenfall“, so schreibt er in einem Brief, „hat zweierlei Gestalt: Die Sozialdemokratie. Und den Kubismus.“

Florian Illies, „1913“

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In Venedig

Georg Trakl am Lido in Venedig, 1913Stille in nächtigem Zimmer.
Silbern flackert der Leuchter
Vor dem singenden Odem
Des Einsamen;
Zaubrisches Rosengewölk.

Schwärzlicher Fliegenschwarm
Verdunkelt den steinernen Raum,
Und es starrt von der Qual
Des goldenen Tags das Haupt
Des Heimatlosen.

Reglos nachtet das Meer.
Stern und schwärzliche Fahrt
Entschwand am Kanal.
Kind, dein kränkliches Lächeln
Folgte mir leise im Schlaf.

Georg Trakl, aus „Die Dichtungen“ (Dritter Teil, „Gesang des Abgeschiedenen“)

1913

Giorgio de Chirico, "Mystery and Melancholy of a Street"
Giorgio de Chirico, „Mystery and Melancholy of a Street“ (zwischen 1911 und 1919)

Das Psychologische, das Transzendentale liegt in der Luft. Der Italiener Giorgio de Chirico malt 1913 seine erste richtige „metaphysische Landschaft“, wie sie Guillaume Apollinaire nennt. Sie heißt „Piazza d’Italia“ und zeigt: die Leere…

Böcklin und Klinger waren de Chiricos künstlerische, Schopenhauer und Nietzsche seine geistigen Väter – und sie braucht de Chirico für seine Studien der Einsamkeit des einsamen Menschen nicht mehr. Denn das ist der Betrachter selbst, der unweigerlich hineingezogen wird in die Sinnlosigkeit des neuen Jahrhunderts. Oder wie es de Chirico selbst sagt: „Die Kunst wurde durch die modernen Philosophen und Dichter befreit. Nietzsche und Schopenhauer lehrten als erste die tiefe Bedeutung des Nicht Sinns des Lebens und wie dieser Nicht Sinn verwandelt werden könnte in Kunst. Die guten neuen Künstler sind Philosophen, welche die Philosophie überwunden haben.“ Deshalb führt de Chirico die Perspektive, das Symbol der Orientierung, ad absurdum. Und wird genau dadurch zu einer schnell in Paris, Berlin und Mailand verehrten Orientierungsfigur auf einem zunehmend schwankenden Untergrund.

Florian Illies, „1913“

1913

Colonel Mervyn O’Gorman, der Leiter der britischen „Royal Aircraft Company“, treibt 1913 zwei technische Entwicklungen voran, die ebenfalls alles bisher Gebotene übertreffen sollen: Unter der Woche entwickelt der legendäre Luftfahrtingenieur schlagkräftige Kampfflugzeuge für den Kriegseinsatz. Und am Sonntag, wenn die Sonne scheint, arbeitet er mit seiner Kamera und dem Autochromverfahren, um gestochen scharfe Farbfotos von seiner schönen, herben Tochter Christina zu machen. Seine Flugzeuge gehen in die Weltgeschichte ein. Seine Fotos vom Strand in der Nähe von Lulworth Cove in Dorset in die Kunstgeschichte. Ein unschuldiges junges Mädchen in Farbe, am Strand entlanglaufend, an einem Ruderboot lehnend. Kein Flugzeug am Himmel. Nur Rottöne, Blautöne, Brauntöne, sanft schlagen die Wellen an den Strand. Verwunschene Fotos, 1913 entstanden, doch zum Greifen nah.

Florian Illies, „1913“

Mervyn O'Gorman, "Christina" (1913)

Mervyn O'Gorman, "Christina" (1913)

1913

Wer bin ich und wenn ja wie viele? Otto Dix malt 1913 das „Kleine Selbstbildnis“, das „Selbstbildnis“, das Gemälde „Köpfe (Selbstbildnisse)“, dann das „Selbstbildnis mit Gladiolen“ und natürlich das „Selbstbildnis als Raucher“. Max Beckmann, der große Selbstporträtist, schreibt 1913 in sein Tagebuch: „Wie traurig und unangenehm, sich immer mit sich selbst abgeben zu müssen. Manchmal wäre man froh, sich selbst los zu sein.“

Florian Illies, „1913“

Otto Dix, "Selbstbildnis"
Otto Dix, „Selbstbildnis“
Otto Dix, "Selbstbildnis als Raucher"
Otto Dix, „Selbstbildnis als Raucher“

Das „Kleine Selbstbildnis“ und „Köpfe“ sind leider im Moment unauffindbar, das „Selbstbildnis mit roten Gladiolen“ gilt heute als verschollen. Auf einer Karteikarte im Otto-Dix-Archiv ist der knappe Hinweis „wahrscheinlich von den Nazis vernichtet“ vermerkt.

Notizen

Noti t zen schreibt man so. Immer, wenn ich dieses Wort verwende, muss ich an eine diskrete Geste denken, mit der ich während einer Klassenarbeit auf meinen Rechtschreibfehler aufmerksam gemacht wurde. Ich sehe eine Hand, die mir unauffällig einen kleinen Zettel zuschiebt. Die korrekte Diktion ist mir nie in Fleisch und Blut übergegangen. Immer setzt die Zeit für einen kurzen Moment aus, und der Akt des Schreibens wird von der Erinnerung überblendet, die das Wort Notizen in mir auslöst.

Was hat Duchamps Akt, eine Treppe herabsteigend mit mir zu tun? Wenn ich das Bild auch kannte, die Druckwelle verspürte ich erst beim Lesen von Illies‘ Beschreibung: Eine Frau, die Raum und Zeit durchschreitet – sie katapultierte mich direkt in einen Raum vor dieser Zeit:

2011-11-01_out-of-a-dreamZu Duchamps Bild gibt es einen exzellenten Artikel bei Wikipedia.

Das Gemälde vereint Elemente des Kubismus und des Futurismus und ist vom noch jungen Medium Film, von fotografischen Bewegungsstudien und von der Chronofotografie, mit der unter anderem Thomas Eakins, Étienne-Jules Marey und Eadweard Muybridge experimentierten, beeinflusst. Vornehmlich Muybridges Serienfotografie Woman Walking Downstairs aus dessen 1887 veröffentlichter Bildserie The Human Figure in Motion und die 1890-91 entstandene fotografische Bewegungsstudie Man Walking von Étienne-Jules Marey dienten Duchamp als Anregungen.

Eadweard Joseph Muybridge, "Woman Walking Downstairs" aus der Serie "The Human Figure in Motion" (spätes 19. Jahrhundert)
Eadweard Joseph Muybridge, „Woman Walking Downstairs“
aus der Serie „The Human Figure in Motion“
(spätes 19. Jahrhundert)
Étienne-Jules Marey, "Man walking"
Étienne-Jules Marey, „Man walking“

Im Unterschied zum Futurismus, der sich mit der reinen Abbildung von Bewegungsabläufen, der „statischen Bewegung“, auseinandersetzte, wollte Duchamp allerdings „den visuellen Eindruck der Idee von Bewegung“ wiedergeben. Ihm war es nicht wichtig, „ob es sich um eine reale Person, die eine reale Treppe herabsteigt, handelt oder nicht.“

Was den Schluss nahelegt, dass sich auch die Frage, ob es sich bei der Person, die in Duchamps Bild eine Treppe herabsteigt, um eine Frau oder einen Mann handelt, für ihn nicht stellte. Und doch scheint sie bei der Interpretation eine der spannendsten überhaupt zu sein, wie dieses Gedicht zeigt, das aus einem Wettbewerb um die Enträtselung des Bildes als Gewinner hervor ging:

Du hast versucht, sie zu finden,
Und hast vergebens geschaut
Das Bild hinauf und hinab,
Hast versucht, sie zusammenzusetzen
Aus tausend zerbrochenen Stücken
Hast bald dich zu Tode gemartert;
Den Grund für dein Scheitern ich sagen kann:
Es ist keine Lady, er ist nur ein Mann.

Der Preis war übrigens mit 10 Dollar dotiert.

Ich frage mich also nicht nur, was dieser Akt, eine Treppe herabsteigend mit mir zu tun hat sondern auch, was Illies dazu veranlasst, von einer Frau, die Raum und Zeit durchschreitet, zu sprechen, und: Wie meine Reaktion wohl ausgefallen wäre, wenn hier nicht von einer Frau die Rede gewesen wäre.

Kurz nachdem Marcel Duchamp mit seiner Malerei endlich in aller Munde war, erklärte er, sie langweile ihn und das Thema „mit Bewegung vermischte Ölfarbe“ für beendet:

Für mich ist die Malerei veraltet. Sie ist Energieverschwendung, keine gute Masche, nicht praktisch. Wir haben jetzt die Photographie, das Kino – soviel andere Wege um das Leben auszudrücken.

Eadweard_Muybridge_1Der Rest ist bekanntlich Geschichte.

1913

„Explosion in einer Schindelfabrik“, nannte es ein Kritiker, das sollte nach Spott klingen, demonstrierte aber, wie stark die Druckwellen waren, die von diesem Werk ausgingen. Eine Frau, die Raum und Zeit durchschreitet – eine geniale Kombination aus den großen Zeitphänomenen des Kubismus, Futurismus und der Relativitätstheorie…

Florian Illies, „1913“

Marcel Duchamp, "Nu descendant un escalier N° 2" (1912)
Marcel Duchamp, „Nu descendant un escalier N° 2“ (1912)