Der große Gatsby

Die meisten großen Villen am Ufer waren jetzt geschlossen und verriegelt, und mit Ausnahme des schattenhaften, langsam über den Sund gleitenden Schimmers einer Fähre schien fast nirgends Licht. Und während der Mond immer höher stieg, schmolzen die nichtigen Häuser weg, bis ich allmählich die alte Insel gewahrte, so wie sie einst vor den Augen der holländischen Seefahrer erblüht war – die frische, grüne Brust der neuen Welt. Ihre längst gefallenen Bäume, jene Bäume, die Gatsbys Haus weichen mussten, hatten einst flüsternd den letzten und größten aller Menschheitsträume genährt; einen flüchtigen, verzauberten Moment lang muss der Mensch im Angesicht dieses Kontinents den Atem angehalten haben, in eine ästhetische Betrachtung hineingezwungen, die er weder verstand noch gesucht hatte, und zum letzten Mal in der Geschichte schaute er ein für ihn fassbares Wunder.

Und wie ich so dasaß und über die alte, unbekannte Welt nachsann, dachte ich daran, welches Wunder es für Gatsby bedeutet haben musste, als er zum ersten Mal das grüne Licht am Ende von Daisys Steg erblickte. Er hatte einen weiten Weg bis zu diesem blauen Rasen zurückgelegt, und sein Traum muss ihm zum Greifen nah erschienen sein. Er wusste nicht, dass der Traum bereits hinter ihm lag, irgendwo in jener unermesslichen Finsternis jenseits der Stadt, wo die dunklen Felder des Landes unter dem Nachthimmel wogten.

Gatsby glaubte an das grüne Licht, die wundervolle Zukunft, die Jahr für Jahr vor uns zurückweicht. Damals erwischte sie uns, aber was macht das schon – morgen laufen wir schneller, strecken die Arme weiter aus… Und eines schönen Tages…

So kämpfen wir weiter, wie Boote gegen den Strom, und unablässig treibt es uns zurück in die Vergangenheit.

F. Scott Fitzgerald, „Der große Gatsby“

Der große Gatsby

American actors Mia Farrow, as Daisy Buchanan, and Robert Redford, as Jay Gatsby, reach for one another across a room in a scene from 'The Great Gatsby,' based on the novel by F. Scott Fitzgerald and directed by Jack Clayton, 1974.
American actors Mia Farrow, as Daisy Buchanan, and Robert Redford, as Jay Gatsby, reach for one another across a room in a scene from ‚The Great Gatsby,‘ based on the novel by F. Scott Fitzgerald and directed by Jack Clayton, 1974.

„Wenn der Nebel nicht wäre, könnten wir auf der anderen Seite der Bucht euer Haus sehen“, sagte Gatsby. „Am Ende eures Stegs leuchtet die ganze Nacht über ein grünes Licht.“

Daisy schob plötzlich ihren Arm unter seinen, doch Gatsby sann offenbar noch über das nach, was er eben gesagt hatte. Vielleicht dämmerte ihm, dass die ungeheure Bedeutung dieses Lichts jetzt für immer dahin war. Gemessen an der enormen Distanz, die ihn von Daisy getrennt hatte, war das Licht ihr so nah gewesen, dass es sie fast zu berühren schien; es schien ihr so nah zu sein wie ein Stern dem Mond. Jetzt hatte es sich in ein grünes Licht an einem Steg zurückverwandelt. Seine Sammlung verzauberter Gegenstände war um ein Stück kleiner geworden.

Irgendwann ging ich zu den beiden hinüber, um mich zu verabschieden, und sah, dass der Ausdruck von Verwirrung in Gatsbys Gesicht zurückgekehrt war, als ob er leise an dem Glück, das er empfand, zu zweifeln begänne. Nahezu fünf Jahre! Selbst an jenem Nachmittag muss es Augenblicke gegeben haben, in denen Daisy hinter seine Träume zurückfiel – nicht durch ihre Schuld, sondern weil seine Illusion so kolossal lebendig gewesen war. Sie ging über Daisy, ja eigentlich über alles hinaus. Er hatte sich ihr voll schöpferischer Leidenschaft anheimgegeben und immer noch etwas hinzugefügt, sie mit jeder leuchtenden Feder ausgeschmückt, die ihm über den Weg schwebte. Kein Feuer und kein noch so frischer Wind vermag es mit dem aufzunehmen, was ein Mann in seinem gespenstischen Herzen bewahrt.

F. Scott  Fitzgerald, „Der große Gatsby“

The Great Gatsby

And so with the sunshine and the great bursts of leaves growing on the trees, just as things grow in fast movies, I had that familiar conviction that life was beginning over again with the summer.

F. Scott Fitzgerald, „The Great Gatsby“

Tender Is The Night

One writes of scars healed, a loose parallel to the pathology of the skin, but there is no such thing in the life of an individual. There are open wounds, shrunk sometimes to the size of a pin-prick, but wounds still. The marks of suffering are more comparable to the loss of a finger, or of the sight of an eye. We may not miss them, either, for one minute in a year, but if we should there is nothing to be done about it.

F. Scott Fitzgerald, „Tender Is The Night“

…wenngleich ich dieses Zitat und die Wiederlektüre des Buches eigentlich der wunderbaren Asal verdanke!

Zärtlich ist die Nacht

In einem bewohnten Raum gibt es spiegelnde Gegenstände, die man nicht wirklich in dieser Eigenschaft wahrnimmt – lackiertes Holz, mehr oder weniger blankgeputztes Messing, Silber und Elfenbein und dahinter tausend so schwache Spender von Licht und Schatten, dass wir sie kaum als solche empfinden, die oberen Ränder von Bilderrahmen, die Kanten von Bleistiften oder Aschenbechern, von Zierrat aus Kristall oder Porzellan. Die Gesamtheit dieser Spiegelungen, welche die subtilen Reflexe des Sehvermögens ebenso ansprechen wie jene assoziativen Fragmente unseres Unterbewusstseins, an denen wir festhalten wie ein Glaskünstler an den unregelmäßig geformten Stücken, die er womögliich später noch einmal gebrauchen könnte – all dies machte das aus, was Rosemary später geheimnisvoll als die „Erkenntnis“ bezeichnete, die Erkenntnis nämlich, dass noch jemand im Zimmer war, ehe sie sich davon tatsächlich hatte überzeugen können…

F. Scott Fitzgerald, „Zärtlich ist die Nacht“

Zärtlich ist die Nacht

Mrs. Speers war müde geworden, so frisch sie nach außen hin auch wirkte. Totenbetten machen sehr müde, und sie hatte an zweien gewacht.

F. Scott Fitzgerald, „Zärtlich ist die Nacht“

Ode To A Nightingale / Tender Is The Night

Already with thee! tender is the night…
…But here there is no light,
Save what from heaven is with the breezes blown
Through verdurous glooms and winding mossy ways.

John Keats, „Ode To A Nightingale“

Dieses Zitat stellte F. Scott Fitzgerald seinem Roman Tender Is The Night voran. Im Folgenden rezitiert er selbst Keats’ “Ode” an die Sterblichkeit und das Vergehen der Schönheit:

 

Fitzgerald kommt einige Male vom Text ab, bevor er vollständig den Faden verliert und sein Vortrag kurz vor dem Ende abrupt abbricht. Eine traurige Metapher auch für sein Leben, das im Alter von nur 44 Jahren bereits ausgehaucht war.

Die Frankfurter Rundschau schrieb: „Engel sind die eleganteren Menschen. Aber wer hoch steigt, wird tief fallen. Niemand zeigte beides so schön wie F. Scott Fitzgerald.“ Und Heinrich Detering in seinem Nachwort zu Zärtlich ist die Nacht: „Jedes Detail hat einen doppelten Boden.“

Wieviel unheilvolle Vorahnung allein in dieser Beschreibung liegt:

A mile from the sea, where pines give way to dusty poplars, is an isolated railroad stop, whence one June morning in 1925 a victoria brought a woman and her daughter down Gausse’s Hotel. The mother’s face was of a fading prettiness that would soon be patted with broken veins; her expression was both tranquil and aware in a pleasant way. However, one’s eye moved on quickly to her daughter, who had magic in her pink palms and her cheeks lit to a lovely flame, like the thrilling flush of children after their cold bath in the evening. Her fine forehead sloped gently up to where her hair, bordering it like an armorial shield, burst into lovelocks and waves and curlicues of ash blonde and gold. Her eyes were bright, big, clear, wet, and shining, the color of her cheeks was real, breaking close to the surface from the strong young pump of her heart. Her body hovered delicately on the last edge of childhood – she was almost eighteen, nearly complete, but the dew was still on her.

As sea and sky appeared below them in a thin, hot line the mother said:

„Something tells me we’re not going to like this place.“

F. Scott Fitzgerald, „Tender Is The Night“