Am Fluß

Ich suchte das Geschäft öfter auf, auch wenn ich dort wenig zu kaufen fand, doch ich betastete und betrachtete gern die Dinge, die mir aus Osteuropa vertraut waren und sich immer mit einem kleinen Stich deplazierten Heimwehs verbanden, einer Art Heimweh zweiter Hand, wie man es für Orte empfindet, von denen man unter Auslassung der sogenannten Wirklichkeitsform meint, sie hätten Heimat sein können.

Esther Kinsky, „Am Fluß“

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Am Fluß

Wir tragen unser Herz umher am falschen Ort, das fiel mir an jedem Fluß ein, an der Oder ganz besonders…

Was ist der falsche Ort für unser Herz, was der richtige?

Jeder Fluß ist eine Grenze, das war eine der Lehren der Kindheit. Er bildet den Blick auf das Andere, zwingt zum Stehenbleiben, zum In-Augenschein-Nehmen der gegenüberliegenden Seite. Der Fluß ist die bewegte Bühne gegen die sich das andere Land des Gegenüber zum starren Bild fügt, zum Hintergrundgemälde, das sich der Erinnerung einprägt. Was, wenn der Fluß über die von ihm gezogene Grenze hinaus auch Grenzfluß ist? Ist das Fließen, die unaufhaltsame Mündungswärtigkeit des Wassers stärker als die Bedeutung einer starren Linie, die über Zugehörigkeiten verfügt? Trägt das Wasser etwas ab, läßt es Staatsgrenzliches gering und abnutzbar erscheinen, bestimmt es die wahre Zugehörigkeit als die zu einem Blick auf die jeweils andere Seite?

Esther Kinsky, „Am Fluß“

Am Fluß

Unter mehr Himmel als man brauchen kann, wenn man einem geregelten Leben nachgeht, lag diese Stelle in der Obhut des Weidengehölzes, das ich unvermittelt im selten scharfen Licht unter bunten, nach Osten zu eilenden Herbstwolken als Grenzbild schlechthin aus jedermanns Kindheit erkannte, ein schütterer Hain, der unscheinbar zwei Welten trennt, von denen man weiß, daß man sich nur einer wird zuschlagen können.

Esther Kinsky, „Am Fluß“

Am Fluß

Die alten Farbfotografien waren rot- und grünstichig geworden oder trugen eine bläuliche Bleichheit, die die Gestalten darauf in eine unbeschreibliche Ferne rückten, die nichts mit Zeit und Ort zu tun hatte. Vor allem diese bleichen Fotos erschienen mir wie die Erinnerungen, die mein verstorbener Vater in seinem Totenreich nun haben mochte, und dieser Gedanke legte sie mir ans Herz.

Esther Kinsky, „Am Fluß“

Am Fluß

Esther Kinsky - Am FlussUnd jedesmal überkam mich das gleiche Staunen, wenn ich sah, was sich zwischen meinem Auge, der Linse, dem Lichteinfall und den an Luft und Licht wirkenden Chemikalien ereignet hatte. Jedesmal der gleiche Gedanke, daß das Geheimnis dieser nicht besonders ansehnlichen Kunststoffschachtel womöglich darin bestand, daß ihre Bilder mehr mit dem Sehenden als mit dem Gesehenen zu tun hatten. Unter der abgezogenen Entwicklungsfolie kam auf dem Schwarzweißfoto mit seinen unzähligen Grauabstufungen eine Erinnerung zum Vorschein, von der ich noch gar nicht gewußt hatte, daß ich sie besaß. Es waren Bilder von etwas, das hinter den Dingen lag, auf die das Objektiv gerichtet gewesen war und die der Auslöser einen unmerklichen Augenblick lang beiseite gestreift haben mußte. Die Bilder gehörten in die Vergangenheit, von der ich allerdings nicht sicher war, ob es meine war, sie rührten an etwas, für das mir der Name abhanden gekommen sein mochte, vielleicht hatte ich ihn auch nie gekannt. Etwas selbstverständlich Vertrautes lag in den Landschaftsszenen, die bis auf den gelegentlichen Zufallspassanten leer waren und mir aus dieser weiß umrandeten Ferne der Fotografie zuwinkten und weißt du noch flüsterten, du weißt doch noch. Und gleich daneben diese Welt im Negativ, nächtlich, fremdtuend, wieder in Frage stellend, was zu welcher Seite gehörte, hier oder dort, rechts oder links.

Esther Kinsky, „Am Fluß“

Am Fluß

Esther Kinski - Am FlussIn einer kleinen, mehrere Stufen über der Wohnungsebene gelegenen Kammer, die gerade so lang war, daß ich mich gelegentlich zum Schlafen auf dem Boden ausstrecken konnte, verbrachte ich Stunden mit dem Versuch, mir jede Einzelheit, die ich in Hof, Garten und dem kleinen Ausschnitt Straße zwischen zwei Häusern sehen konnte, einzuprägen, und ich lernte das Licht. Von August bis April las ich, was der große Ahorn auf die nur von einem einzigen Fenster unterbrochene Ziegelwand des nächsten Hauses am Ende des Gartens schrieb. Es war Spätsommer, es war Herbst, es war Winter, es wurde Frühling. Westwind, die Schatten der Blätter kritzelten etwas in Richtung Bahnstation, wo ein paar Meter hinter dem Garten auf den tiefergelegenen Gleisen alle Viertelstunde der Zug hielt. Nordwind, selten, letztes Laub war ein unruhiges Flackern über der ganzen Wand im scharfen Licht, am Mittag lag der Schatten der Baumkrone klar gezeichnet wie die Landkarte einer fremden Stadt auf der Wand. Der Winter nach einem stürmischen Herbst war ungewöhnlich windstill, der kahle Baum stand in dem milchigen ebenmäßigen Licht als nur noch zu erahnendes Schattenbild auf der Wand und schrieb mir schwer zu entschlüsselnde Nachrichten wie aus großer Ferne, die aber wegen der stillen Gerechtigkeit dieses Lichts gegenüber all den schattenlos stehenden Dingen nicht traurig waren.

Esther Kinski, „Am Fluß“