Das Kindermädchen

Mit meiner Mutter und Hüthchen fuhr ich öfter nach Reinickendorf. Manchmal spielten wir auch Bridge miteinander. Ich blieb dann gerne noch etwas länger. Und wenn wir die zweite Flasche Eierlikör köpften, fingen sie an zu erzählen. Dann leuchteten ihre Augen, und sie kicherten wie junge Mädchen. Ich merkte, dass Zuhören das beste Aufputschmittel ist. Nicht bei einem selbst. Aber bei denen, die erzählen.

Elisabeth Herrmann, „Das Kindermädchen“

Advertisements

Das Kindermädchen

Die Tage unserer Jahre, ihrer sind siebzig Jahre, und, wenn in Kraft, achtzig Jahre, und ihr Stolz ist Mühsal und Nichtigkeit, denn schnell eilt es vorüber, und wir fliegen dahin.

DIE BIBEL, PSALM 90

Die Flugzeuge.

Mit zitternden Händen versucht sie, das Schwarzpapier dort zu befestigen, wo es sich am Fenster gelöst hat. Das Sirenengeheul kündigt sie an, die zehn Reiter der Apokalypse. Noch ist es mehr zu ahnen, das dunkle Dröhnen, doch es kommt näher. Vielleicht Richtung Neukölln. Vielleicht wird es auch Spandau treffen. Oder Köpenick. Vielleicht aber auch Grunewald dieses Mal, diese Straße und dieses Haus. Wo Olga jetzt sein mag? Nicht nachdenken. Bloß nicht nachdenken. Vielleicht hilft Wachs.

Sie löscht die Kerze und taucht den Finger in die heiße Flüssigkeit. Damit bestreicht sie den Holzrahmen und versucht erneut, das Fenster korrekt zu verdunkeln. Der Sirenenton jagt den Schrecken in den Körper, der nur noch einen Impuls kennt: fliehen, sich verkriechen, Schutz suchen. Beten.

Vor dir sind tausend Jahre wie ein Tag. Lehre uns, Herr, unsere Tage zu zählen. Du warst unsere Zuflucht, von Geschlecht zu Geschlecht.

„Paula?“

Elisabeth Herrmann, „Das Kindermädchen“

040409117-das-kindermaedchen

Zeugin der Toten

„Ich will das Grab.“

Er drehte sich zu ihr um und sah sie an. „Sie bekommen es. Ich verspreche es Ihnen.“

Judith griff in ihre Tasche, holte die Florena-Dosen hervor und gab sie ihm. Winkler öffnete eine und machte sie sofort wieder zu.

„Es gibt einen verrückten Copyshop in der Silbersteinstraße“, sagte sie. „Die scannen, digitalisieren, duplizieren… Da war ich gestern. Wenn ich merke, dass Sie wieder mal die Kleinen hängen und die Großen laufenlassen…“

„Keine Sorge“, sagte Winkler schnell. Er betrachtete die Dosen immer noch mit einem Blick, als könnte er nicht glauben, was er gerade in der Hand hielt. „Danke.“

Er stieg aus, überquerte die Brücke und verschwand im Bahnhof. Judith wickelte das Päckchen aus. Es war ein MP3-Player. Sonst nichts. Sie wendete den Wagen und ordnete sich hinter dem Kurfürstendamm Richtung Avus ein.

Das erste Lied, das sie hörte, war von Edith Piaf und hieß „Parlez-moi d’amour“.

Sie verließ die Avus an der nächsten Ausfahrt, wendete und fuhr die Stadtautobahn hoch Richtung Prenzlauer Berg.

Elisabeth Herrmann, „Zeugin der Toten“

Zeugin der Toten

„Und Kassetten? Hat Ihnen jemand mal eine Kassette aufgenommen?“

„Wozu das denn?“

„Um zu sagen, was man denkt und fühlt.“

„Auf Kassette? Wie doof ist das denn.“

Kaiserley schüttelte lächelnd den Kopf. „Nein. Keine Sprachaufnahme. Ich meine Musik. Lieder, die ausdrücken, was man für jemanden empfindet. Die sagen, was man vielleicht so nie aussprechen würde. Ich habe stundenlang über der Auswahl und der Reihenfolge gesessen, weil jedes Stück für sich so wichtig gewesen ist. Ich habe sogar noch ein paar zu Hause. Alle paar Jahre höre ich sie mir mal wieder an und denke an…“

„Ja? Und?“

„Nicht wichtig. Vorbei.“

Er trank einen Schluck Kaffee und sah sich um, als ob das Regal, die Umzugskartons und die Sperrmülleinrichtung ein Bühnenbild wären und er sich gerade fragte, welches Stück an diesem Abend gespielt wurde.

„Ich habe auch keine Kassetten bekommen“, sagte Judith schließlich. „Wahrscheinlich wäre sowieso nur death metal drauf gewesen.“

„Death was?“

„Was hören Sie denn?“

„Immer noch Musik, die mir was zu sagen hat.“

Sein Blick verfing sich in ihren Augen. Judith verfluchte die Tabletten. Sie fühlte sich schwach, und das ärgerte sie. Schärfer als beabsichtigt fragte sie: „Und welche Platte käme da jetzt in Frage? Irgendwas mit Sehnsucht vielleicht?“

Für einen jähen wilden Moment stieg in Judith die Furcht hoch, er könnte ja sagen. Man redete anders miteinander, wenn man über Bücher und Musik gesprochen hatte. Kaiserley wies mit dem Kopf auf die Platten.

„>Face à la mer<. Morcheeba und Les Négresses Vertes.“

„Warum?“

„Melancholie. Ein Friedhof am Meer. Das passt doch. Zu Ihnen passt das.“

Elisabeth Herrmann, „Zeugin der Toten“

Zeugin der Toten

KINDERHEIM JURI GAGARIN, SASSNITZ (RÜGEN), 1985

Martha Jonas stand vor ihrem geöffneten Kleiderschrank und presste die Bakelit-Hörer noch enger an die Ohren. Das Rauschen wurde stärker. Der Sender verschwand hinter anderen elektromagnetischen Wellen. Stimmen und Musikfetzen aus benachbarten Kanälen legten sich pulsierend  über die Frequenz. Sie hielt den Atem an und drehte den Sendersuchlauf um eine Winzigkeit nach rechts, dann nach links, vergeblich Sie hatte ihn verloren.

Elisabeth Herrmann, „Zeugin der Toten“

9783548284125_cover