Jane Eyre

Während der Film schlüssig unter dem alten, vom Blitz getroffenen Kastanienbaum endet, nimmt Charlotte Brontë im Buch lediglich noch einmal darauf Bezug. Den Rest hätte sie sich meiner Meinung nach sparen können, der ist aus heutiger Sicht ein bisschen zuviel Friede, Freude, Eierkuchen. Ich finde, er passt auch nicht so recht zum Widerspruchsgeist der Hauptfigur. Deshalb als „famous last words“ ein Auszug aus dem alles entscheidenden Dialog zwischen ihr und dem vom Schicksal mittlerweile schwer gebeutelten Rochester:

„Ich bin nicht mehr wert als der alte, vom Blitz getroffene Kastanienbaum im Obstgarten von Thornfield“, meinte er gleich darauf. „Und welches Recht hätte denn dieses Wrack, eine knospende Heckenlilie zu bitten, seinen Verfall mit frischen Blüten zu überdecken?“

„Sie sind ja kein Wrack, Sir, und kein vom Blitz getroffener Baum. Sie stecken voller Saft und Kraft. Um Ihre Wurzeln herum werden Pflanzen wachsen, ob Sie darum bitten oder nicht, weil es ihnen in Ihrem üppigen Schatten so gut gefällt. Und je größer sie werden, desto mehr werden sie sich an Sie anschmiegen und sich um Sie herum winden, weil Ihre Kraft ihnen eine so verläßliche Stütze bietet.“

Charlotte Brontë, „Jane Eyre“

Man muss schon eine romantische Ader haben für dieses Buch…

Jane Eyre

Nicht ohne ein gewisses wildes Vergnügen rannte ich vor dem Wind einher und überließ die Unruhe meines Herzens der unmäßigen Windsbraut, die jaulend über die Erde fegte. Ich lief den Lorbeerpfad entlang und landete vor den Überresten der Kastanie; schwarz und zerfetzt ragten sie in den Himmel, der mittendurch gespaltene Stamm klaffte gespenstisch auseinander. Die geborstenen Hälften waren nicht weggebrochen, denn eine solide Basis und starke Wurzeln hielten den Strunk unzerteilt zusammen. Allerdings war die lebensspendende Gemeinschaft tot – der Saft konnte nicht mehr fließen, die großen Äste waren auf beiden Seiten abgestorben, und mit Sicherheit würden die nächsten Winterstürme der einen Hälfte oder gar allen beiden den Garaus machen und sie zu Boden strecken. Bis dahin jedoch konnte man beide durchaus noch als einen Baum betrachten – eine Ruine zwar, aber noch komplett.

„Recht hattet ihr, daß ihr einander festgehalten habt“, sagte ich, als seien die Riesensplitter lebende Wesen, die mich hören konnten. „Obwohl ihr so zerzaust und versengt und verkohlt ausseht, muß in euch doch noch ein bißchen Leben stecken, das deshalb sprießen wird, weil ihr an euren zuverlässigen, rechtschaffenen Wurzeln miteinander verwachsen seid. Nie wieder werdet ihr grüne Blätter haben, nie mehr erleben, daß Vögel in euren Zweigen Nester bauen und idyllische Lieder singen. Die Zeit der Freuden und der Liebe ist für euch beide vorbei. Aber ihr seid nicht einsam und allein; jeder von euch hat einen Gefährten und Mitleidenden im gemeinsamen Verwelken.“ Als ich zu den Baumhälften hinaufblickte, kam gerade der Mond an jenem Teil des Himmels zum Vorschein, den man durch den klaffenden Spalt sehen konnte. Seine Scheibe war blutrot und halb verdeckt; er schien mir einen kurzen, bestürzten und bekümmerten Blick zuzuwerfen, wonach er sich gleich wieder hinter den dahinjagenden Wolken verbarg. Eine Sekunde lang legte sich der Wind um Thornfield, doch von weit her hörte man über Wäldern und Wassern ein wildes, melancholisches Wehklagen. Ihm zu lauschen erfüllte mich mit Trauer, und so rannte ich wieder weiter…

Charlotte Brontë, „Jane Eyre“

Jane Eyre

Ein lang gehegter Lesetraum geht in Erfüllung: Charlotte Brontës teils autobiographischer Roman über eine der berühmtesten Frauenfiguren der Weltliteratur, die mit den Rollenerwartungen ihrer Zeit bricht und sich mit Willensstärke, Leidenschaft und Ironie gegen ihr Schicksal auflehnt. Der Roman wurde erstmalig 1849 unter Brontës Pseudonym ‚Currer Bell‘ veröffentlicht.

ERSTES KAPITEL

Ein richtiger Spaziergang war an jenem Tag ausgeschlossen. Zwar waren wir am Morgen eine Stunde lang durch das blätterlose Strauchwerk gestreift, doch nach dem Dinner (Mrs. Reed speiste frühzeitig, wenn sie ohne Gesellschaft war) hatte der kalte Winterwind so düstere Wolken mit sich gebracht und einen so alles durchdringenden Regen, daß nun nicht daran zu denken war, sich noch einmal an der frischen Luft etwas Bewegung zu verschaffen…

Ein paar Absätze weiter: Die 10jährige Jane, die als Waise und mittelloses Mündel in einer so wohlhabenden wie hochnäsigen Pflegefamilie aufwächst, sucht Zuflucht in einem Buch…

…Ein kleines Frühstückszimmer schloß sich ans Wohnzimmer an; dort schlüpfte ich hinein. Es enthielt einen Bücherschrank; schnell bemächtigte ich mich eines Bandes, wobei ich darauf achtete, daß er auch mit Bildern ausgestattet war. Ich kletterte auf die Fensterbank, zog die Füße an den Körper und setzte mich, nach Türkenart, mit gekreuzten Beinen hin; und nachdem ich den schweren, roten Baumwollvorhang ganz dicht an mich herangezogen hatte, saß ich in zweifacher Zurückgezogenheit dahinter wie in einem Schrein.

Zur Rechten begrenzte der scharlachfarbene Faltenwurf mein Gesichtsfeld, zur Linken waren es die klaren Fensterscheiben, die mich vor dem trüben Novembertag beschützten, ohne mich völlig von der Außenwelt abzusondern. Während ich die Seiten meines Buches umblätterte, vertiefte ich mich zwischendurch immer wieder in den Anblick dieses Winternachmittags. In der Ferne bot er sich als ein fahles Nichts aus Dunst und Nebel dar, aus der Nähe als Landschaftsbild mit endlosen Regenschauern, die ungestüm vor den langen und klagenden Böen dahinfegten.

Ich kehrte wieder zu meinem Buch zurück, Bewicks „Darstellung der britischen Vogelwelt“. Eigentlich interessierte mich der Text dabei meist weniger, andererseits gab es da gewisse Seiten in der Einleitung, bei denen ich – selbst als Kind – nicht einfach so tun konnte, als seien sie leer. Es waren jene, auf denen die Schlupfwinkel von Seevögeln beschrieben wurden – die ausschließlich von ihnen besiedelten „einsam gelegenen Klippen und Felsvorsprünge“, die Küste Norwegens, übersät mit vorgelagerten Inseln von ihrem südlichsten Punkt Lindesnes (d. h.: Landspitze) bis hinauf zum Nordkap –

Wo das Nordmeer in wilden Wirbeln / Brodelt rings um die nackten düstren Inseln / Des fernen Thule und die Sturzseen des Atlantik / Hereinbrechen über die stürmischen Hebriden.

Genausowenig konnte ich die Beschwörung der öden Gestade von Lappland, Sibirien, Spitzbergen, Nowaja Semlja, Island und Grönland einfach übergehen mit „der riesigen Weite der Regionen nördlich des Polarkreises und jene gottverlassenen, öden Gebiete – diesen Vorratskammern an Frost und Schnee, wo erstarrte Eisfelder als jahrhundertealte Aufhäufung von Wintern gläsern in alpine Höhen hinaufragen und als geballte Verkörperung der vielfachen Unbilden extremer Kälte den Pol umgeben“. Aus diesen leichenstarren Sphären erschuf ich mir mein eigenes Reich: schemenhaft und verschwommen wie alle halbverstandenen Vorstellungen, die in einem Kinderhirn umherschwirren, aber eigenartig eindrucksvoll. Die Wörter auf den einleitenden Seiten verbanden sich mit den nachfolgenden Vignetten. Sie verliehen der Klippe, die einsam aus dem wogenden und tosenden Meer ragte, erst ihre Bedeutung, desgleichen dem gestrandeten Boot, das an einer trostlosen Küste zerschellt lag, und dem kalten und gespenstischen Mond, der zwischen Wolkenbänken hindurch auf ein Wrack sah, das gerade versank.

Ich könnte die Stimmung nicht wiedergeben, die geisterhaft über dem völlig verlassenen Friedhof lag mit seinen beschrifteten Grabsteinen, seinem Tor, den zwei Bäumen, der von einer verfallenen Mauer gesäumten, niedrigen Horizontlinie und der gerade aufgegangenen Mondsichel, welche die Abendstunde anzeigte.

Die beiden in Windstille und träger See dümpelnden Schiffe waren für mich meergeborene Traumgebilde.

Den Dämon, der sich dem Dieb auf den Rücken hockt und seine Krallen in den Sack mit dem Raubgut schlägt, überblätterte ich rasch; es war ein  Bild des Grauens.

Dies galt auch für das Bild mit dem schwarzen, gehörnten Unhold, der abseits auf einem Felsen saß und aus der Entfernung eine Menschenmenge beobachtete, die einen Galgen umstand.

Jedes einzelne Bild erzählte eine Geschichte; oftmals rätselhaft für meinen unentwickelten Verstand und meine unfertigen Gefühle, doch immer zutiefst fesselnd, so fesselnd wie die Geschichten, die Bessie manchmal an den Winterabenden zum besten gab, wenn sie gerade guter Laune war und uns, nachdem sie ihren Bügeltisch zum Ofen im Kinderzimmer gestellt hatte, erlaubte, daß wir uns um ihn herumsetzten. Und während sie Mrs. Reeds Spitzenrüschen bügelte und die Bordüren ihrer Nachthauben kräuselte, fütterte sie unsere gespannte Aufmerksamkeit mit Geschichten von Liebe und Abenteuer aus alten Märchen und noch älteren Balladen oder (wie ich zu einem späteren Zeitpunkt herausfand) aus „Pamela“ und „Henry, Graf von Moreland“.

Mit Bewicks Buch auf meinen Knien war ich glücklich, zumindest auf meine Weise. Ich fürchtete nichts so sehr, wie gestört zu werden, und das geschah nur allzu bald. Die Tür zum Frühstückszimmer ging auf…

Charlotte Brontë, „Jane Eyre“

Der im Hinblick darauf, dass hier eine Frau schreibt, auffallend aufsässige und gleichzeitig süffig-poetische Erzählstil gefällt mir auf Anhieb. Wobei „süffig“ ein Attribut ist, dass ich bis dato wohl immer eher männlichen Erzählern zugesprochen habe. Und ich bin überrascht, wie wenig antiquiert die Sprache klingt.