Große Erwartungen

Ich ergriff ihre Hand, und wir verließen den verwüsteten Ort; und so, wie sich vor langer Zeit die Morgennebel gehoben hatten, als ich die Schmiede verließ, so hoben sich nun allmählich die Abendnebel, und in all der weiten Fläche ruhigen Lichts, die sie mir enthüllte, sah ich keinen Schatten einer Trennung von ihr.

Charles Dickens, „Große Erwartungen“

Advertisements

Große Erwartungen

Ich schlief ein mit der Erinnerung daran, was ich „zu tun pflegte“, wenn ich bei Miss Havisham war, als hätte ich dort Wochen oder Monate verbracht statt Stunden und als wäre es ein vertrauter Gegenstand des Erinnerns und nicht erst an jenem Tag entstanden.

Das war ein unvergesslicher Tag für mich, denn er bewirkte große Veränderungen in mir. Doch so verhält es sich mit jedem Leben. Man stelle sich einen einzigen daraus hervorgehobenen Tag vor und bedenke, wie anders er hätte verlaufen können. Verweilen Sie, die Sie dies lesen, und bedenken Sie für einen Augenblick die lange Kette aus Eisen oder Gold, aus Dornen oder Blüten, die Sie nie gefesselt hätte,  wenn nicht an jenem unvergesslichen Tag das erste Glied geschmiedet worden wäre.

Charles Dickens, „Große Erwartungen“

Große Erwartungen

ERSTER BAND

Kapitel I

Meines Vaters Name lautet Pirrip, mein Vorname Philip, und aus beiden Namen vermochte meine kindliche Zunge nichts Längeres und Verständlicheres zu bilden als Pip. So kam es, dass ich mich Pip nannte und Pip genannt wurde.

Pirrip nenne ich als meines Vaters Namen im Vertrauen auf seinen Grabstein und meine Schwester Mrs. Joe Gargery, die den Schmied geheiratet hat. Da ich weder meinen Vater noch meine Mutter gekannt und nie ein Porträt von ihnen gesehen habe (denn sie lebten lange vor den Zeiten der Photographie), fußten meine ersten Vorstellungen von ihrem Aussehen törichterweise auf ihren Grabsteinen. Die Form der Buchstaben auf dem meines Vaters gab mir den sonderbaren Gedanken ein, er sei ein vierschrötiger, untersetzter, brünetter Mann mit lockigem schwarzen Haar gewesen. Aus Form und Gestalt der Inschrift „Desgleichen Georgiana, Gattin des Obigen“ gewann ich die kindliche Schlussfolgerung, dass meine Mutter sommersprossig und kränkelnd war. Fünf kleinen Grabsteinen von jeweils eineinhalb Fuß Länge, in gerader Reihe neben den Gräbern meiner Eltern angelegt und dem Gedächtnis meiner fünf kleinen Brüder geweiht, die den Existenzkampf außerordentlich früh aufgegeben hatten, verdanke ich den andächtig gehegten Glauben, sie seien allesamt auf den Rücken liegend und mit den Händen in den Hosentaschen zur Welt gekommen und hätten sie in diesem Leben kein einziges Mal herausgenommen.

Unsere Heimat war das Marschland in den Schleifen der Flussmündung, keine zwanzig Meilen vom Meer entfernt. An einem denkwürdigen nasskalten Nachmittag, der sich zum Abend neigte, erhielt ich offenbar meine erste lebhafte und eindringliche Vorstellung von den wahren Beschaffenheiten der Dinge. An jenem Tag kam mir mit unumstößlicher Gewissheit zu Bewusstsein, dass dieser trostlose, von Nesseln überwucherte Ort der Friedhof war; dass Philip Pirrip, in dieser Gemeinde verstorben, desgleichen Georgiana, Gattin des Obigen, tot und begraben waren; dass Alexander, Bartholomew, Abraham, Tobias und Roger, als Säuglinge verstorbene Kinder der Obigen, ebenfalls tot und begraben waren; dass die von Gräben, Dämmen und Schleusen durchzogene dunkle, flache Einöde jenseits des Friedhofs, auf der vereinzelt Vieh graste, das Marschland war; dass die tiefe bleierne Linie am Horizont der Fluss war; dass das ferne wilde Lager, von dem der Wind herbeistürmte, das Meer war und dass das kleine Espenlaubbündel, das sich vor alledem zu fürchten und zu weinen begann, Pip war…

Charles Dickens, „Große Erwartungen“