Die Frau auf der Treppe

„Zum Jungsein gehört das Gefühl, alles könne wieder gut werden, alles, was schiefgelaufen ist, was wir versäumt, was wir verbrochen haben. Wenn wir das Gefühl nicht mehr haben, wenn Ereignisse und Erfahrungen unwiederbringlich werden, sind wir alt… Denken Sie auch manchmal, dass Gott uns unser Glück neidet und es daher zerstören muss?“

Bernhard Schlink, „Die Frau auf der Treppe“

Gerhard Richter, "Ema" (Akt auf einer Treppe, 1966)
Gerhard Richter, „Ema“ (Akt auf einer Treppe, 1966)

Der Vorleser

Die Schichten unseres Lebens ruhen so dicht aufeinander auf, daß uns im Späteren immer Früheres begegnet, nicht als Abgetanes und Erledigtes, sondern gegenwärtig und lebendig.

Bernhard Schlink, „Der Vorleser“

Der Vorleser

Dann habe ich begonnen, sie zu verraten.

Nicht daß ich Geheimnisse preisgegeben oder Hanna bloßgestellt hätte. Ich habe nichts offenbart, was ich hätte verschweigen müssen. Ich habe verschwiegen, was ich hätte offenbaren müssen. Ich habe mich nicht zu ihr bekannt. Ich weiß, das Verleugnen ist eine unscheinbare Variante des Verrats. Von außen ist nichts zu sehen, ob einer verleugnet oder nur Diskretion übt, Rücksicht nimmt, Peinlichkeit und Ärgerlichkeiten meidet. Aber der, der sich nicht bekennt, weiß es genau. Und der Beziehung entzieht sich das Verleugnen ebenso den Boden wie die spektakulären Varianten des Verrats.

Bernhard Schlink, „Der Vorleser“

Der Vorleser

Warum? Warum wird uns, was schön war, im Rückblick dadurch brüchig, daß es häßliche Wahrheiten verbarg? … Manchmal hält die Erinnerung dem Glück schon dann die Treue nicht, wenn das Ende schmerzlich war. Weil Glück nur stimmt, wenn es ewig hält? Weil schmerzlich nur enden kann, was schmerzlich gewesen ist, unbewußt und unerkannt? … Ist es das, was mich traurig macht? Der Eifer und Glaube, der mich damals erfüllte und dem Leben ein Versprechen entnahm, das es nie und nimmer halten konnte? … Ist diese Traurigkeit die Traurigkeit schlechthin? Ist sie es, die uns befällt, wenn schöne Erinnerungen im Rückblick brüchig werden, weil das erinnerte Glück nicht nur aus der Situation, sondern aus einem Versprechen lebte, das nicht gehalten wurde?

Bernhard Schlink, „Der Vorleser“

Der Vorleser

Was sind die Zeiten der Krankheit in Kindheit und Jugend doch für verwunschene Zeiten! Die Außenwelt, die Freizeitwelt in Hof oder Garten oder auf der Straße dringt nur mit gedämpften Geräuschen ins Krankenzimmer. Drinnen wuchert die Welt der Geschichten und Gestalten, von denen der Kranke liest. Das Fieber, das die Wahrnehmung schwächt und die Phantasie schärft, macht das Krankenzimmer zu einem neuen, zugleich vertrauten und fremden Raum; Monster zeigen in den Mustern des Vorhangs und der Tapete ihre Fratzen, und Stühle, Tische, Regale und Schrank türmen sich zu Gebirgen, Gebäuden oder Schiffen auf, zugleich zum Greifen nah und in weiter Ferne. Durch lange Nachtstunden begleiten den Kranken die Schläge der Kirchturmuhr, das Brummen gelegentlich vorbeifahrender Autos und der Widerschein ihrer Scheinwerfer, der über Wände und Decke tastet. Es sind Stunden ohne Schlaf, aber keine schlaflosen Stunden, nicht Stunden eines Mangels, sondern Stunden der Fülle. Sehnsüchte, Erinnerungen, Ängste, Lüste arrangieren Labyrinthe, in denen sich der Kranke verliert und entdeckt und verliert. Es sind Stunden, in denen alles möglich wird, Gutes wie Schlechtes.

Das läßt nach, wenn es dem Kranken besser geht. Hat die Krankheit aber lange genug gedauert, dann ist das Krankenzimmer imprägniert und noch der Genesende, der kein Fieber mehr hat, in die Labyrinthe verloren.

Bernhard Schlink, „Der Vorleser“