Der schwarze Steg

Gerade jetzt ist er hier, denkt sie. Ich werde versuchen, ihn nicht so festzuhalten, dass er sich losreißen will. Ich werde mich darüber freuen.

Dass er jetzt hier ist.

Asa Larsson, „Der schwarze Steg“

Asa Larsson besitzt anscheinend die Gabe, mit jeder vollbrachten Geschichte die vorherige noch einmal zu übertreffen. Was ich der gelernten Steueranwältin anfangs gar nicht zutrauen wollte. Neben Zahlen, Daten, Fakten beherrscht sie offensichtlich auch die Fähigkeit, sich in einer Weise in die diversen Protagonisten ihrer Romane einzufühlen, die weit über das bloße Beschreiben von Charakteren hinaus geht. Seelenzustände werden so assoziativ heraufbeschworen, dass man sich mittendrin wähnt in den mannigfaltigsten Persönlichkeitsgeflechten. Alles frei von Stereotypen, wo die Guten auf der einen, die Bösen auf der anderen Uferböschung stehen. „Der Schwarze Steg“ ist nicht nur ein spannender Krimi mit einem hochkomplexen Plot sondern auch eine Metapher für den schmalen Grat, auf dem jede der handelnden Figuren auf ihre Art mit dem Leben jongliert.

Der schwarze Steg

Können Sie sich erinnern?

Rebekka Martinsson sah ihren toten Freund in Poikkijärvi im Kies liegen. Und die Welt brach zusammen. Rebecca musste festgehalten werden, sonst wäre sie in den Fluss gegangen.

Das hier ist das dritte Buch.

Der Oberarzt fragt, wie es mir geht. Ich antworte: Gut.

Er schweigt und sieht mich an. Fast ein Lächeln. Verständnisvoll. Er kann unendlich lange schweigen. Darin ist er Experte. Schweigen provoziert ihn nicht. Am Ende antworte ich: Gut genug. Das ist die richtige Antwort. Er nickt.

Ich darf nicht hierbleiben. Habe lange genug Platz weggenommen. Es gibt Frauen, die diesen Platz dringender brauchen. Solche, die sich die Haare anstecken. Die hier auf der Toilette Spiegelscherben schlucken und in aller Eile auf die Notstation gebracht werden müssen. Ich kann sprechen, antworten, morgens aufstehen und mir die Zähne putzen.

Ich hasse ihn, weil er mich nicht dazu zwingt, in alle Ewigkeit hierzubleiben. Weil er nicht Gott ist.

Dann sitze ich im Zug nach Norden. Die Landschaft jagt in kleinen Bruchstücken vorbei. Zuerst hohe Laubbäume in roten und gelben Tönen. Herbstsonne und jede Menge Häuser. In allen leben Menschen ihre Leben. Auf irgendeine Weise kommen sie weiter.

Hinter Bastuträsk liegt Schnee. Und dann endlich: Wald, Wald, Wald. Ich bin auf dem Heimweg. Die Birken schrumpfen, heben sich jämmerlich und schwarz vom Weiß ab.

Ich presse Stirn und Nase ans Fenster.

Mir geht es gut, sage ich mir. So ist es, wenn es gut geht.

Asa Larsson, „Der schwarze Steg“

Weiße Nacht

Freitag, 21. Juni

ICH LIEGE SEITLICH auf dem Küchensofa. Kann einfach nicht schlafen. Jetzt, mitten im Sommer, sind die Nächte blassblau und lassen mir keine Ruhe. Bald wird die Wanduhr über mir einmal schlagen. In der Stille wird das Ticken des Pendels immer lauter. Zerhackt jeglichen Sinn. Jeglichen Versuch, vernünftig zu denken. Auf dem Tisch liegt der Brief dieser Frau.

Ganz stillliegen, sage ich mir. Jetzt liegst du still und schläfst.

Ich muss an Traja denken, eine Pointerhündin, die ich als Kind hatte. Traja fand niemals Ruhe, sie wanderte durch die Küche wie ein unseliger Geist, und ihre Krallen scharrten über den lackierten Holzboden. In den ersten Monaten musste sie im Haus in einem Käfig schlafen, damit sie nicht immer herumlief. Die Befehle „sitz“, „Platz“, „bleib“ füllten die ganze Zeit das Haus.

Jetzt ist es genauso. In meiner Brust liegt ein Hund auf der Lauer, der bei jedem Ticken der Uhr aufspringen will. Es ist aber nicht Traja, die da in meiner Brust auf dem Sprung liegt. Traja wollte nur herumwandern. Diese Hündin hier wendet den Kopf von mir ab, wenn ich versuche, sie anzusehen. Und sie hegt lauter böse Absichten.

Ich will versuchen zu schlafen. Irgendwer müsste mich einschließen. Ich müsste einen Käfig in der Küche aufstellen…

Asa Larsson, „Weiße Nacht“

Sonnensturm

Sven-Erik verabschiedete sich und verschwand in der anderen Richtung. Mans drückte auf den Fahrstuhlknopf, und die Tür öffnete sich mit einem leisen „Pling“. Er fluchte, als er mit dem Bett gegen die Fahrstuhlwand stieß. Er streckte die Hand nach dem Tropf aus und hielt zugleich den einen Fuß vor die Fotozelle, damit die Tür noch offen blieb. Von der vielen Gymnastik war er schon ganz außer Atem. Er sehnte sich nach einem Whiskey. Er sah Rebecka an. Sie hatte die Augen geschlossen. Vielleicht war sie eingeschlafen.

„Willst du dir das gefallen lassen?“, fragte er grinsend. „Dich von einem alten Kerl durch die Gegend schieben zu lassen?“

Aus einem Lautsprecher in der Decke war eine mechanische Stimme zu hören: „Ebene drei“, und die Fahrstuhltür öffnete sich.

Rebeckas Augen öffneten sich nicht.

Schieb du nur, dachte sie. Ich kann mir keine großen Ansprüche leisten. Ich muss nehmen, was ich kriegen kann.

Asa Larsson, „Sonnensturm“

Western und Krimis, die im Schnee spielen, üben einen ganz besonderen Reiz aus auf mich. In diesem hier fällt so viel Schnee, dass ich es schon fast rieseln hörte, wenn ich mich in der Stille der Nacht seiner Lektüre widmete. Anna-Maria Mella, die ermittelnde Kommissarin, die noch dazu hochschwanger ist, hat einen netten Ehemann, der ihr den Weg frei schaufelt. Sie bringt zum Schluss unter den obligatorischen Schmerzen sogar ihr Baby zur Welt. Rebecka dagegen muss sich ihren Weg frei schießen. Drei Priester einer dubiosen Glaubensgemeinschaft sind es, die in die weiße Pracht beißen. Und das Bild von Blut, das auf Schnee vergossen wird, vergisst man nicht so schnell.

Zum Glück verkündet die Autorin gleich in ihrer Danksagung, dass Rebecka Martinsson wieder auftauchen wird. Der Name „Rebecka“ stammt übrigens aus der Tora: Die Frau Isaaks heißt dort Rebekka (hebr. רבקה Rivkah), mit der Bedeutung ‚ die Bestrickende‘ oder ‚die Verbindung Schaffende‘.

Ich trenne mich nur ungern von Romanfiguren, die so bestrickend sind wie diese Rebecka Martinsson. Noch dazu wenn sie einem den Schlaf rauben und nur um ein Haar überleben. Deshalb liegt auch die „Weiße Nacht“ schon bereit.

Sonnensturm

Und es ward Abend, und es ward Morgen, das war der erste Tag.

DASS ER STIRBT, passiert Viktor Strandgard durchaus nicht zum ersten Mal. Er liegt in der Kirche der Kraftquelle auf dem Rücken und schaut durch die riesigen Dachfenster hoch droben. Nichts scheint ihn von dem düsteren Winterhimmel über ihm zu trennen.

Näher als jetzt kann man gar nicht kommen, denkt er. Wenn man die Kirche auf dem Felsen am Ende der Welt erreicht hat, dann ist der Himmel so nah, dass man fast die Hand ausstrecken und ihn berühren kann.

Das Nordlicht schlängelt sich wie ein Lindwurm durch die Nacht. Sterne und Planeten müssen ihm weichen, diesem gewaltigen Wunder aus funkelndem Licht, das sich gelassen seinen Weg durch das Himmelsgewölbe bahnt.

Viktor Strandgard folgt dieser Wanderung mit seinen Augen.

Ob es wohl singt, überlegt er. Wie ein einsamer Wal unter dem Himmel?

Und als hätten seine Gedanken es erreicht, hält das Nordlicht für eine Sekunde inne. Unterbricht seine unaufhaltsame Reise. Betrachtet Viktor Strandgard aus kalten Winteraugen. Denn er ist wahrlich schön wie eine Ikone, wie er so daliegt. Das dunkle Blut wie ein Heiligenschein um seine langen blonden Luciahaare. Jetzt spürt er seine Beine nicht mehr. Er ist unendlich müde. Er hat keine Schmerzen.

Seltsamerweise denkt er an seinen ersten Tod, während er hier liegt und dem Lindwurm ins Auge schaut. Damals fuhr er im Spätwinter auf dem Rad den langen Hang auf die Kreuzung von Adolf Hedinsvägen und Hjalmar Lundbohmsvägen zu. Fröhlich und fromm und mit der Gitarre auf dem Rücken. Er weiß noch, wie sein Rad hilflos über das Eis glitt, als er zu bremsen versuchte. Wie er sie von rechts kommen sah, die Frau mit dem roten Fiat Uno. Wie sie einen Blick tauschten, wie beide im Auge des Gegenübers die Erkenntnis registrierten, jetzt beginnt sie, die eisige Rutschfahrt in den Tod.

Mit diesem Bild vor Augen stirbt Viktor Strandgard zum zweiten Mal in seinem Leben. Schritte nähern sich, aber die hört er nicht. Seine Augen brauchen das funkelnde Messer nicht einmal zu sehen. Wie eine leere Schale liegt sein Körper auf dem Kirchenboden und wird durchbohrt. Wieder und wieder. Und der Lindwurm nimmt gelassen seine Wanderung über das Himmelgewölbe wieder auf.

Asa Larsson, „Sonnensturm“