Es geht uns gut

Gleich wird Philipp auf dem Giebel seines Großelternhauses in die Welt hinausreiten, in diesen überraschend weitläufigen Parcours. Alle Vorbereitungen sind getroffen, die Karten studiert, alles abgebrochen, aufgeräumt, auseinandergezerrt, geschoben, gerückt, gerüstet. Er wird reisen mit seinen Gefährten, für die er ein Fremder ist und bleibt, gleich geht es dahin auf den wenig stabilen Straßen der ukrainischen Südsee, gleich geht es dahin durch Moraste und über Abgründe. Er wird von den Dieben verfolgt sein, die ihn schon sein Leben lang verfolgen. Aber diesmal wird er schneller sein. Er wird den Löwen und Drachen auf den Kopf treten, singen und schreien (schreien bestimmt) und ungemein lachen (ja? sicher?), den Regen trinken (schon möglich) und – und über – – – über die Liebe nachdenken.

Er winkt zum Abschied.

Arno Geiger, „Es geht uns gut“

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Splendid Isolation

Heute heilfroh über einen halben arbeitsfreien Tag, wenngleich die Hälfte davon in der Praxis zugebracht.

Das überlebensgroße Bild der Urahnin an der Wand des Wartezimmers droht, einen zu erschlagen. Dabei wirkt sie selbst ganz friedlich und beneidenswert aufrecht in ihrer schwarzen Witwentracht. Die Hände, von einem arbeitsreichen Leben gezeichnet, haben ihr Tagwerk vollbracht. Sie ruhen tatenlos in ihrem Schoß. Der Blick geht ins Leere. Endlich Zeit. Was davon übrig ist, reicht vielleicht, um dem Leben zu lauschen, wie es allmählich verklingt.

Ein ums andere Mal kann ich den Anblick kaum ertragen. Diesmal wähle ich einen freien Platz im rechten Winkel zu ihr. Aus dem gegenüberliegenden Fenster flutet Sonnenlicht den Raum. Das Bild klafft um so unheimlicher wie ein großes schwarzes Loch in der Wand. Nur das Profil der Witwe leuchtet daraus hervor. Ein Lächeln liegt auf ihrer rechten Gesichtshälfte, und mir scheint, als schiele sie in meine Richtung.

Ich vergrabe mich in mein Buch. Immer noch der wunderbare Arno Geiger. Eine Familiengeschichte über drei Generationen, sprunghaft und mehr in die Tiefe denn in die Breite erzählt. Parallelen und Brüche. Immer wieder Brüche. Philipp, der Enkel, erbt das Haus der Großmutter, aber die letzten losen Fäden bekommt er nicht zu fassen…

Es hagelt Schloßen von gut einem Zentimeter Durchmesser. Den größten springt er hinterher, und während sie in seiner Hand schmelzen, machen sie ihn stolz, als ob sie nur über seiner Herrschaft niedergegangen wären, auf seine Länderei. Das ist nicht wahrscheinlich und auch nicht logisch, aber das wenigste ist da, um logisch zu sein, und der Gedanke, daß der Hagel diesmal nur für ihn gefallen ist, ist ihm sympathisch, obwohl er sich gleichzeitig einsam fühlt wie seit Monaten nicht. Weil kein Schwein neben ihm steht. Weil die Liebe den Hunden preisgegeben ist. Weil am Himmel die düsteren Fische mit den Schwanzflossen schlagen. Undsoweiter, undsoweiter.

Irgendwie gehört seine Mutter in diesen Zusammenhang. Es ist, als wäre sie nur kurz zum Einkaufen weggegangen und er zu Hause geblieben. Aber er kann nicht genau bestimmen, woher dieser Eindruck stammt, diese vage Kontur einer Erinnerung, die er schon so gut wie aus seinem Gedächtnis verloren hat und die in ihren präzisen Umrissen nicht wiederherzustellen sein wird.

Dann werde ich aufgerufen. Die Frage, die ich am wenigsten leiden kann, soll ich auch heute beantworten: Wie geht es Ihnen? Aber keine Prosa, bitte, sondern Zahlen, Daten, Fakten. Einen Wert, wenn möglich, auf einer Skala zwischen eins und zehn. Sind Sie ängstlich, wütend, froh oder traurig? Aber gegen den Kloß im Hals komme ich nicht an. Wenn ich doch nur über das Wetter oder den Himmel hätte reden können. Das Wetter ist so: Heulen möchte man. Oder: Ich mag es, wenn der Himmel aussieht wie ein russischer Zupfkuchen. So, als müsste man nur seine Hand ausstrecken und hinein fassen in die watteweichen Wolkenstreusel, wenn man wollte, und sie pflücken. Einen nach dem anderen. Ich mag es, wenn das Himmelsblau blass ist und etwas Barmherziges hat, wie die Luft am Morgen, wie etwas, das seine Bedeutung erst in der Zukunft zugewiesen bekommt, wie etwas, das sich erst in der Zukunft begibt. Und dass Schloßen in Eis verwandelte Regentropfen sind und ein Schloßenschauer nur eine vorübergehende Unbill. Stattdessen stammele ich zusammenhangloses Zeugs. Tod und Trauer haben mehr Eloquenz verdient, denke ich, während mein Gegenüber jedes meiner wirren Worte mitzustenographieren scheint. Fußnoten, nichts als Fußnoten.

Freilich, das Mögliche in der Vergangenheitsform ist das Vergebliche.

(Zitate: Arno Geiger, „Es geht uns gut“)

Es geht uns gut

Die Stimmen, die Philipp hinter der Mauer hört, sind Kinderstimmen, und er stellt sich vor, daß sie alten und vernachlässigten Freunden gehören, die immer noch Kinder sind und auf ihn warten, seit achtundzwanzig Jahren, beharrlich, geduldig und zuversichtlich. Vielleicht hat man ihnen als Volksschüler aufgetragen, in das Schönschreibheft zu schreiben, daß das Glück zu denen kommt, die warten können. Zehn, zwanzig, einundzwanzig, zweiundzwanzig Mal immer dasselbe schreiben bis zur völligen Abstumpfung, in eine Unverbindlichkeit hinein, in der alles nichts mehr bedeutet. Während die Stimmen in Philipps Rücken immer konturloser werden, weil er sich Mühe gibt, möglichst wenig von dem, was gesprochen wird, zu verstehen, denkt er, daß alles immer ist, als versuche man denselben Satz diesmal noch schöner in sein Heft zu schreiben. Vielleicht ist es das, was uns zu armen Teufeln macht.

Arno Geiger, „Es geht uns gut“

Es geht uns gut

Unmittelbar nach den schrecklichen Ereignissen, wie es nach jeder Katastrophe im Leben der Menschen früher oder später heißt – unmittelbar nach diesen schrecklichen Ereignissen, also, begegneten mir zwei Bücher, die ich eigentlich sofort lesen wollte. „Herr Kiyak dachte, jetzt fängt der schöne Teil des Lebens an“ von Mely Kiyak und „Krebs. Die unsterbliche Krankheit“ von Martin Bleif. Mittlerweile schleiche ich um die beiden wie eine Katze um den heißen Brei. Es hat mich eine Eishaut überzogen, die dünn ist. So dünn, dass sie vor jedem Tropfen Kondenswasser auf der Hut ist. Mely Kiyak und Martin Bleif habe ich deshalb in jenem mehrstöckigen Gebäude der Bücher, die danach schreien, gelesen zu werden, in eine tiefere Etage verbannt. Wo ich sie nicht mehr so laut hören kann. Vorerst.

Ein paar Stufen hinauf in diesem Gebäude kletterte dafür Valeria Luiselli. In meiner Buchhandlung entdeckte ich vor zwei Wochen einen kleinen feinen Bestand ihrer „Schwerelosen“. Der Verkauf geht nämlich weiter, obwohl gerade renoviert wird, und die Bücher dort in einem intermediären, notdürftig errichteten Stapelsystem, so weit das Auge reicht, einer neuen Ordnung harren. Nun. Offensichtlich geht es auch ohne, denn „Die Schwerelosen“ haben sich zwischenzeitlich verflüchtigt. Too late, Baby. Ich hätte beim ersten Mal zugreifen müssen.

Eine Weile mäanderte ich fadenlos durch das Labyrinth der Bücher, bis mir plötzlich der wunderbare Arno Geiger in die Hände fiel. Wobei: Was heißt schon plötzlich? Oder: Unerwartet. Eine meiner Lieblingslektüren im vergangenen Jahr war „Der alte König in seinem Exil“. Und auf meine Listen kann ich eigentlich setzten, was ich will, ich greife garantiert daneben.

Montag, 16. April 2001

Er hat nie darüber nachgedacht, was es heißt, daß die Toten uns überdauern. Kurz legt er den Kopf in den Nacken. Während er die Augen noch geschlossen hat, sieht er sich wieder an der klemmenden Dachbodentür auf das dumpf durch das Holz dringende Fiepen horchen. Schon bei seiner Ankunft am Samstag war ihm aufgefallen, daß am Fenster unter dem westseitigen Giebel der Glaseinsatz fehlt. Dort fliegen regelmäßig Tauben aus und ein. Nach einigem Zögern warf er sich mit der Schulter gegen die Dachbodentür, sie gab unter den Stößen jedesmal ein paar Zentimeter nach. Gleichzeitig wurde das Flattern und Fiepen dahinter lauter. Nach einem kurzen und grellen Aufkreischen der Angel, das im Dachboden ein wildes Gestöber auslöste, stand die Tür so weit offen, daß Philipp den Kopf ein Stück durch den Spalt stecken konnte. Obwohl das Licht nicht das allerbeste war, erfaßte er mit dem ersten Blick die ganze Spannweite des Horrors. Dutzende Tauben, die sich hier eingenistet und alles knöchel- und knietief mit Dreck überzogen hatten, Schicht auf Schicht wie Zins und Zinseszins, Kot, Knochen, Maden, Mäuse, Parasiten, Krankheitserreger (Tbc? Salmonellen?). Er zog den Kopf sofort wieder zurück, die Tür krachend hinterher, sich mehrmals vergewissernd, daß die Verriegelung fest eingeklinkt war.

Arno Geiger, „Es geht uns gut“

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Der alte König in seinem Exil

Für meinen Vater ist seine Alzheimererkrankung bestimmt kein Gewinn, aber für seine Kinder und Enkel ist noch manches Lehrstück dabei. Die Aufgabe von Eltern besteht ja auch darin, den Kindern etwas beizubringen.

Das Alter als letzte Lebensetappe ist eine Kulturform, die sich ständig verändert und immer wieder neu erlernt werden muss. Und wenn es einmal so ist, dass der Vater seinen Kindern sonst nichts mehr beibringen kann, dann zumindest noch, was es heißt, alt und krank zu sein. Auch dies kann Vaterschaft und Kindschaft bedeuten, unter guten Voraussetzungen. Denn Vergeltung am Tod kann man nur zu Lebzeiten üben.

Des Menschen Tage sind wie Gras.

Ein paar Kuckucksblumen dazwischen.

Es heißt, jede Erzählung sei eine Generalprobe für den Tod, denn jede Erzählung muss an ein Ende gelangen. Gleichzeitig bringt das Erzählen dadurch, dass es sich dem Verschwinden widmet, die verschwundenen Dinge zurück.

Schicksal war jahrtausendelang ein elementarer Begriff. Heute ist es fast verpönt, von Schicksal zu reden, alles muss erklärt werden. Aber manchmal kommt etwas auf uns zu, das wir nicht erklären und auch nicht aufhalten können. Zufällig trifft es die einen, die anderen zufällig nicht. Warum? Das bleibt ein Rätsel.

Fast jeder und jede scheitert an der Idee, die man vom Vater hat. Kaum ein Mann schafft es, dem Bild gerecht zu werden, das Kinder sich vom Vater machen.

Ich wollte mir mit diesem Buch Zeit lassen, ich habe sechs Jahre darauf gespart. Gleichzeitig hatte ich gehofft, es schreiben zu können, bevor der Vater stirbt. Ich wollte nicht nach seinem Tod von ihm erzählen, ich wollte über einen Lebenden schreiben, ich fand, dass der Vater, wie jeder Mensch, ein Schicksal verdient, das offenbleibt.

Zum Zeitpunkt, da ich diese Sätze schreibe, bin ich fast genau halb so alt wie er. Es hat lange gedauert, hierher zu kommen. Es hat lange gedauert, etwas herauszufinden über die grundlegenden Dinge, die uns getrieben haben, die Menschen zu werden, die wir sind.

„Früher war ich ein kräftiger Bursche“, sagt der Vater zu Katharina und mir. „Nicht solche Geißlein wie ihr!“

Es heißt: Wer lange genug wartet, kann König werden.

Arno Geiger, „Der alte König in seinem Exil“

Der alte König in seinem Exil

James Joyce hat von sich gesagt, er habe keine Phantasie, überlasse sich aber einfach den Offerten der Sprache. So kam es mir auch beim Vater vor…

Wenn ihm ein Wort nicht einfiel, sagte er:

„Ich weiß nicht, wie ich es taufen soll.“

…und was ihm einfiel, war oft nicht nur originell, sondern hatte eine Tiefe, bei der ich mir dachte: Warum fällt mir so etwas nicht ein! Ich wunderte mich, wie präzise er sich ausdrückte und wie genau er den richtigen Ton traf und wie geschickt er die Wörter wählte. Er sagte:

„Du und ich, wir werden uns das Leben gegenseitig so angenehm wie möglich machen, und wenn uns das nicht gelingt, wird eben einer von uns das Nachsehen haben.“

In solchen Augenblicken war es, als trete er aus dem Haus der Krankheit heraus und genieße die frische Luft. Momentweise war er wieder ganz bei sich. Wir verlebten glückliche Stunden, deren Besonderheit darin bestand, dass sie der Krankheit abgetrotzt waren.

„Mir geht es meiner Beurteilung nach gut“, sagte er. „Ich bin jetzt ein älterer Mann, jetzt muss ich machen, was mir gefällt, und schauen, was dabei herauskommt.“

„Und was willst du machen, Papa?“

„Nichts eben. Das ist das Schönste, weißt du. Das muss man können.“

Arno Geiger, „Der alte König in seinem Exil“

Der alte König in seinem Exil

Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm. Dort drüben innerhalb der Grenzen seiner geistigen Verfassung, jenseits unserer auf Sachlichkeit und Zielstrebigkeit ausgelegten Gesellschaft, ist er noch immer ein beachtlicher Mensch, und wenn auch nach allgemeinen Maßstäben nicht immer ganz vernünftig, so doch irgendwie brillant. Eine Katze streift durch den Garten. Der Vater sagt:

„Früher hatte ich auch Katzen, nicht gerade für mich allein, aber als Teilhaber.“

Und einmal, als ich ihn frage, wie es ihm gehe, antwortet er:

„Es geschehen keine Wunder, aber Zeichen.“

Der quälende Eindruck, nicht zu Hause zu sein, gehört zum Krankheitsbild. Ich erkläre es mir so, dass ein an Demenz erkrankter Mensch aufgrund seiner inneren Zerrüttung das Gefühl der Geborgenheit verloren hat und sich an einen Platz sehnt, an dem er diese Geborgenheit wieder erfährt. Da jedoch das Gefühl der Irritation auch an den vertrautesten Orten nicht vergeht, scheidet selbst das eigene Bett als mögliches Zuhause aus.

Um es mit Marcel Proust zu sagen, die wahren Paradiese sind die, die man verloren hat.

Apropos Singen: Oft heißt es, an Demenz erkrankte Menschen seien wie kleine Kinder – kaum ein Text zum Thema,  der auf diese Metapher verzichtet; und das ist ärgerlich. Denn ein erwachsener Mensch kann sich unmöglich zu einem Kind zurückentwickeln, da es zum Wesen des Kindes gehört, dass es sich nach vorne entwickelt. Kinder erwerben Fähigkeiten, Demenzkranke verlieren Fähigkeiten. Der Umgang mit Kindern schärft den Blick für Fortschritte, der Umgang mit Demenzkranken den Blick für Verlust. Die Wahrheit ist, das Alter gibt nichts zurück, es ist eine Rutschbahn, und eine der größeren Sorgen, die einem das Alter machen kann, ist die, dass es gar zu lange dauert.

So etwa stand es um unsere Gemütsverfassungen im Jahr 2000. Die Krankheit fraß sich nicht nur ins Gehirn des Vaters, sondern auch in das Bild, das ich mir als Kind von ihm gemacht hatte. Meine ganze Kindheit lang war ich stolz gewesen, sein Sohn zu sein. Jetzt hielt ich ihn zunehmend für einen Schwachkopf.

Es wird wohl stimmen, was Jacques Derrida gesagt hat: dass man stets um Vergebung bittet, wenn man schreibt.

Mein Vater wäre gern ein Leben lang unabhängig geblieben, das war Teil der fest in ihm verankerten bäuerlichen Prägung, das hatte sich so für ihn bewährt, zum Missfallen seiner Frau und seiner Kinder, die in eine Welt des Konsums und des Wegwerfens hineinwuchsen. Die Fähigkeit, zu reparieren und weiterzuverwerten, und die von den Eltern übernommene Einstellung, die Befriedigung von Bedürfnissen aufzuschieben oder gewisse Bedürfnisse gar nicht erst zu haben, gehören zu einer Kultur, die hierzulande untergeht.

Alzheimer ist eine Krankheit, die, wie jeder bedeutende Gegenstand, auch Aussagen über anderes als nur über sich selbst macht. Menschliche Eigenschaften und gesellschaftliche Befindlichkeiten spiegeln sich in dieser Krankheit wie in einem Vergrößerungsglas. Für uns alle ist die Welt verwirrend, und wenn man es nüchtern betrachtet, besteht der Unterschied zwischen einem Gesunden und einem Kranken vor allem im Ausmaß der Fähigkeit, das Verwirrende an der Oberfläche zu kaschieren. Darunter tobt das Chaos.

Auch für einen einigermaßen Gesunden ist die Ordnung im Kopf nur eine Fiktion des Verstandes.

Uns Gesunden öffnet die Alzheimerkrankheit die Augen dafür, wie komplex die Fähigkeiten sind, die es braucht, um den Alltag zu meistern. Gleichzeitig ist Alzheimer ein Sinnbild für den Zustand unserer Gesellschaft. Der Überblick ist verlorengegangen, das verfügbare Wissen nicht mehr überschaubar, pausenlose Neuerungen erzeugen Orientierungsprobleme und Zukunftsängste. Von Alzheimer reden heißt, von der Krankheit des Jahrhunderts reden. Durch Zufall ist das Leben des Vaters symptomatisch für diese Entwicklung. Sein Leben begann in einer Zeit, in der es zahlreiche feste Pfeiler gab (Familie, Religion, Machtstrukturen, Ideologien, Geschlechterrollen, Vaterland), und mündete in die Krankheit, als sich die westliche Gesellschaft bereits in einem Trümmerfeld solcher Stützen befand.

Angesichts dieser mir während der Jahre heraufdämmernden Erkenntnis lag es nahe, dass ich mich mit dem Vater mehr und mehr solidarisch fühlte.

Immer wieder bringen wir unser Leben in eine Form, immer wieder zerbricht das Leben die Form.

Arno Geiger, „Der alte König in seinem Exil“

Der alte König in seinem Exil

Man muss auch das Allgemeine

persönlich darstellen.

Hokusai

 

Als ich sechs Jahre alt war, hörte  mein Großvater auf, mich zu erkennen. Er wohnte im Nachbarhaus unterhalb unseres Hauses, und weil ich seinen Obstgarten als Abkürzung auf dem Weg zur Schule benutzte, warf er mir gelegentlich ein Scheit Holz hinterher, ich hätte in seinen Feldern nichts verloren. Manchmal jedoch freute ihn mein Anblick, er kam auf mich zu und nannte mich Helmut. Das war ebenfalls nichts, womit ich etwas anfangen konnte. Der Großvater starb. Ich vergaß diese Erlebnisse – bis die Krankheit bei meinem Vater losging.

In Russland gibt es ein Sprichwort, dass nichts im Leben wiederkehrt außer unseren Fehlern. Und im Alter verstärken sie sich. Da mein Vater schon immer einen Hang zum Eigenbrötlerischen hatte, erklärten wir uns seine bald nach der Pensionierung auftretenden Aussetzer damit, dass er jetzt Anstalten machte, jegliches Interesse an seiner Umwelt zu verlieren. Sein Verhalten erschien typisch für ihn. Also gingen wir ihm etliche Jahre mit Beschwörungen auf die Nerven, er solle sich zusammenreißen.

Heute befällt mich ein stiller Zorn über diese Vergeudung von Kräften; denn wir schimpften mit der Person und meinten die Krankheit. „Lass dich bitte nicht so gehen!“, sagten wir hundertmal, und der Vater nahm es hin, geduldig und nach dem Motto, dass man es am leichtesten hat, wenn man rechtzeitig resigniert. Er wollte dem Vergessen nicht trotzen, verwendete nie auch nur die geringsten Gedächtnisstützen und lief daher auch nicht Gefahr, sich zu beklagen, jemand mache Knoten in seine Taschentücher. Er leistete sich keinen hartnäckigen Stellungskrieg gegen seinen geistigen Verfall, und er suchte nicht ein einziges Mal das Gespräch darüber, obwohl er – aus heutiger Sicht – spätestens Mitte der neunziger Jahre um den Ernst der Sache gewusst haben muss. Wenn er zu einem seiner Kinder gesagt hätte, tut mir leid, mein Gehirn lässt mich im Stich, hätten alle besser mit der Situation umgehen können. So jedoch fand ein jahrelanges Katz-und-Maus-Spiel, statt, mit dem Vater als Maus, mit uns als Mäusen und mit der Krankheit als Katze.

Arno Geiger, „Der alte König in seinem Exil“