Einen Stein werd ich lieben

Einen Stein werd ich lieben

küssen dein Herz

Alte Weise aus Reguengos

Erstes Foto

Ich bin zwei Jahre alt und sitze auf dem Schoß meiner Mutter: Es ist eine Studioaufnahme, in erhabenen, verschnörkelten Lettern unterzeichnet mit Photo Lda, der Stuhl, auf den man uns gesetzt hat, war für alle Kunden da, majestätisch, der Samt abgewetzt, ein Pappkeil unter dem rechten Bein, so hoch, dass die Schuhe meiner Mutter den Boden nicht erreichten

(steife, reglose Füße eines Gehenkten)

die Hintergrundleinwand wurde ausgewechselt

(eine Zirkusszene, eine Stierkampfarena, ein Urwald mit Wasserschlangen und Zebras, einmal ganz abgesehen von den wie Pullover mit niemandem darin an einem einzigen Arm von den Baumkleiderhaken herab hängenden Gorillas

und der Stuhl blieb stehen, die Leinwand, die diesmal hinter uns an die Wand gelehnt wurde

(übrigens schief, so dass die Hälfte unscharf war)

stellte das Schloss von Dornröschen auf dem Gipfel eines Berges dar, Spitzbogenfenster, Zinnen, die Prinzessin mit Schleife im Haar ruderte, im Tejo Grünalgen fischend, in einem Boot, auf meiner Schulter war der Abdruck eines Daumens, der Angestellte

  • Was heißt hier Abdruck?

kam mit der Nase näher, log

  • Ich sehe keinen einzigen Abdruck

rieb, abermals lügend, mit einem Tuch darüber

  • Sieht man doch gar nicht

und man sah es noch deutlicher, die Schleife wurde rosa, meine Hosen blau angemalt, ein Tropfen Blau auf meinem Knie, ein weiterer auf dem Boot, das aus einem meiner Ohren herauszukommen schien

(wenn ich kratzen würde, könnte ich es ganz herausholen)

António Lobo Antunes, „Einen Stein werd ich lieben“