Der lange Marsch des Urvertrauens

Es gibt einen fundamentalen Irrtum, an dem alle Lebewesen, die durch die Evolution bis zu uns gefunden haben, die also übriggeblieben sind, festhalten: das Urvertrauen. Für die Evolution scheint dieser Irrtum von Vorteil zu sein. Der Mensch glaubt unmittelbar nach seiner Geburt – und man nimmt an, daß auch die Tiere so denken -, daß die Welt es gut mit ihm meint. Ein absoluter Irrtum. Marx würde sagen: notwendig falsches Bewußtsein. Die Welt meint es nicht gut. Dennoch läßt das sich keiner abhandeln. Es ist ein Schatz, den bis zum Lebensende keiner so leicht aufgibt. Ehrlich gesagt, leben wir davon. Das ist die Fähigkeit, Horizonte zu bilden. Das meint Nietzsche, wenn er von „wahrheitssuchenden Lebewesen“ spricht und davon, daß wir illusionsbildende Lebewesen sind. Und sicher bauen wir, wie Sloterdijk es auch beschreibt, einen Kokon um uns.

Alexander Kluge, „Glückliche Umstände, leihweise – Das Lesebuch“

Ein Geschenk von Thomas. Als Mitbringsel für den 05. April gedacht. Der glücklicheren Umstände Unterpfand…

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