Auf weite Sicht

 

Eliza French & Jeff Charbonneau, "Europa" (2010)
Eliza French & Jeff Charbonneau, „Europa“ (2010)

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, als wir zunächst die Elektronen und dann auch andere Elementarteilchen des Universums zu manipulieren begannen, war das menschliche Leben einem raschen Wandel unterworfen. Ein Beispiel dafür, wie schnell das alles ging: Noch vor knapp hundert Jahren – bevor Marconi die drahtlose Nachrichtenübermittlung und Edison den Phonopgraphen erfanden – war alle Musik, die jemals auf der Erde gehört worden war, live. Heute ist es nur noch ein winziger Bruchteil: ein Prozent. Der Rest wird elektronisch wiedergegeben oder in den Äther ausgestrahlt, Tag für Tag zusammen mit Billionen Wörtern und Bildern.

Diese Radiowellen verschwinden nicht einfach – wie Licht breiten sie sich aus. Das menschliche Gehirn sendet ebenfalls elektrische Impulse von sehr niedriger Frequenz aus: ähnlich den Radiowellen, die man zur Kommunikation mit U-Booten verwendet, nur sehr viel schwächer.

Auch die Emanationen unserer Gehirne müssen sich, wie Radiowellen, endlos ausbreiten – wohin? Der Raum wird heute als expandierende Blase beschrieben, allerdings ist das nur eine Theorie. Daher ist die Vorstellung vielleicht gar nicht so abwegig, dass unsere Gehirnwellen eines Tages auf geheimnisvollen interstellaren Raumzeitkrümmungen wieder hierher zurückfinden. So könnten unsere Gedanken und Erinnerungen – lange nach unserem Hinscheiden – irgendwann mittels einer kosmischen elektromagnetischen Welle zur Erde zurückkehren, voller Sehnsucht nach der Welt, aus der wir uns selbst vertrieben haben.

Alan Weisman, „Die Welt ohne uns – Reise über eine unbevölkerte Erde“