Lila

Michael Andrews, „Melanie and me swimming“ (1978-79)

Sie wusch gern ihre Sachen. Manchmal stiegen Fische nach den Blasen. Die Seife roch etwas streng, wie der Fluss. In solchem Wasser konntest du Sachen schön sauber ausspülen. Konnte zwar sein, dass es nach einem ordentlichen Regen etwas braun war, Ackerboden, aber der Schlamm floss ab oder setzte sich. Ihre Hemden und ihr Kleid kamen ihr vor wie Wesen, die gar nicht zur Welt kommen wollten, so welkten sie in sich rein und sanken unter die Oberfläche, als wollten sie nur gelassen werden, vielleicht um einen tieferen, dunkleren Gumpen zu finden. Und wenn sie sie dann herauszog und an den Schultern hochhielt, sahen sie nach blanker Erschöpfung aus und nach Bedauern. Wie ihre eigene geschundene Haut. Aber wenn sie sie über eine Kordel hängte und das Wasser herauslaufen und Sonne und Wind sie trocknen ließ, kriegten sie langsam was von Wesen, die leben könnten. In der Kirche hatten sie einmal die Geschichte gelesen, wie die Königin von Ägypten an einen Fluss kam und ein Baby fand, das in einem Korb trieb, und das war dann ihr Baby. Lebe! Die richtige Mutter sollte das Kind eigentlich töten, aber das konnte sie nicht. Sie legte es auf den Fluss, und die Königin fischte es heraus. Aber es wurde erwachsen und zum Mann, und der beschloss, dass er nicht ihr Kind sein wollte. Oder vielleicht war sie gestorben, und ihr Vater konnte mit dem Burschen nicht, bloß ist das nicht Teil der Geschichte. Na ja, dachte Lila, ich kann nur hoffen, dass sie gestorben ist, bevor er sie so schlecht behandeln konnte. Sie hätte ihm trauen können müssen. Ach, jetzt denk ich schon wieder so. Kannst niemand trauen. Das denke ich die ganze Zeit. Wenn ich’s überhaupt noch versuchen will, dann am besten jetzt, wo ich gehen kann, wenn’s sein muss, und wo ich noch jung genug bin, eine Weile über die Runden zu kommen. Wo es nicht so drauf ankommt, wenn’s schief geht.

Also.

Marilynne Robinson, „Lila“

Lila

Dorothea Lange, „Migrant Mother“ (Florence Owens Thompson, 1936)

So seltsam das war, es war was dran. Allein schon wie seltsam es war. Der alte Mann hatte keine Ahnung. Lasst uns beten, und alle beteten sie. Lasst uns gemeinsam Lied Nummer egal was anstimmen, und alle sangen sie. Wozu verschwendeten sie Kerzen ans Tageslicht? Und er stellte sich hin und redete von Leuten, die wer weiß wie lange tot waren, wenn die Geschichten über sie überhaupt wahr waren, und die meisten Leute hörten zu, oder versuchten es. Das war alles unnötig. Die Tage kamen und gingen ganz von alleine, ganz ohne beten. Und trotzdem überall Versammlungen und Erweckungen, Leute, die sehend wurden. Die Trost fanden, wo es keinen Trost gab, bloß diesen alten Mann, der Dinge sagte, die er so oft schon gesagt hatte, dass er sie scheints selber gar nicht hörte. Ging um den Sinn der Existenz, sagte er. In Ordnung. Von der Existenz verstand sie ein bisschen was. Es war ziemlich das Einzige, wo sie was von verstand, und das Wort dafür hatte sie von ihm gelernt. Das war wie mit den Vereinigten Staaten von Amerika – irgendwas mussten sie dazu ja sagen. Der Abend  und der Morgen, schlafen und aufwachen. Hunger und Einsamkeit und Erschöpfung und trotzdem mehr davon wollen. Existenz. Wozu plage ich mich damit ab? Das konnte er ihr auch nicht sagen. Dabei wusste er’s, das sah sie ihm an. Warum will er mehr davon, wo sein Haus doch so leer ist, seine Frau und sein Kind längst unter der Erde? Der Abend und der Morgen, singen und beten. Die Seltsamkeit des Ganzen. Du hörst nicht auf zu suchen. Er würde den Hügel zu der traurigen Stelle hochsteigen und sie mit Rosen bedeckt vorfinden. Ob er nun wusste oder nicht wusste, wer sie zum Blühen gebracht hatte, er würde es seltsam und recht finden. Rosen waren unnötig.

Marilynne Robinson, „Lila“

They sentenced me to 20 years of boredom oder Schnee, der auf Linden fällt.

Literweise Lindenblütentee trinken und sich von fiebrigen Assoziationen treiben lassen. In die Untiefen des Blogs eintauchen und alte Einträge zutage fördern…

…gefegt vom Lindenbaum, in der Allee, 1 Ästchen grünes Laub 1 Ästchen Lindenbaum, 1 Gedichtzeile womöglich

…und ich liesz meine Arme / Augen emporfliegen zu den Häuptern der Linden welche in 1 Allee in der Strasze, und ihren Duft verströmten…

Friederike Mayröcker

Seit einigen Nächten nun, nur geträumt, logiere ich immer im selben Hotel. Ich checke ein, der Empfangschef weist mir einen Parkplatz zu, dann zerfließt alles in einem Mix aus mehr gefühlten denn konkreten Inhalten…

Der Mond. La Lune. The Moon. Ein Bilderbuchmond. Ein Kinomond. Wie ein Stück Leinwand leuchtend im kreisrunden Lichtkegel eines imaginären Projektors. Durchzogen von einer geheimnisvollen blau-violetten Schwade: der Atemhauch eines eng umschlungenen Paares an einem fernen Horizont oder der feucht-heiße Odem eines einsam heulenden Wolfes. Mühelos liefert der Kopf Bild und Ton zur himmlischen Dramaturgie. Der inszenierte Partyrummel verblasst, verklingt. Ein Vorhang fällt. Dein Film läuft Backstage.

Im Park knistern die letzten Regentropfen im Laub. Die Blütenkelche des Jasmin prangen wie Sterne im dunklen Spalier. Ihr betörender Duft mischt sich mit dem der Lindenblüten, die goldgelben Glöckchen gleich von den Zweigen baumeln. Ein leises Potpourri fernab des ohrenbetäubenden Lärms.

Aus einem Brief Bettina Brentanos an ihren Bruder Clemens:

Die Linden blühen, Clemente, und der Abendwind schüttelt sich in ihren Zweigen. Wer bin ich, daß ihr mir all euren Duft zuweht, ihr Linden? Ach, sagen die Linden, Du gehst so einsam zwischen unseren Stämmen herum und umfaßt unsre Stämme, als wenn wir Menschen wären, da sprechen wir dich an mit unserm Duft.

Ich liebe diesen Duft, auch weil er mich an eine reich bebilderte Geschichte erinnert, die ich als Kind gelesen habe. Sie handelte von einem kleinen Jungen, der sich des nachts auf einer Baustelle herumtreibt, wo die Arbeitsgeräte plötzlich zu mysteriösem Leben erwachen. Irgendwann beginnt es zu regnen. Vollkommen durchnässt findet er sich nach diesem traumhaften Abenteuer in seinem Bette wieder. Am nächsten Morgen ist er krank. Die Mutter kocht ihm heißen Lindenblütentee, von dem gesagt wird, dass er scheußlich schmecke. Kaum zu glauben, wo die frischen Blüten doch so köstlich riechen.

Nie wollte ich so krank sein, dass meine Mutter mir heißen Lindenblütentee würde einflößen müssen, denn bei der Vorstellung, Kamille und Pfefferminze würden einmal nicht mehr ihre Wirkung tun, schauderte mir.

Was wohl die Botschaft dieser Geschichte war? Betreten der Baustelle bei Strafe verboten? Oder: Mach Dir nichts vor, das Leben ist kaum mehr als ein Fiebertraum.

Das Buch dürfte bei einem Umzug auf der Strecke geblieben sein. Merkwürdig: An seinen Titel erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber daran, dass es in einem DDR-Verlag erschienen war.

Und dann ist da noch Wilhelm Müllers Lindenbaum: Ich träumt‘ in seinem Schatten so manchen kühlen Traum. Ja, es ist Sommer, und ich höre die Winterreise. Manchmal ist es gut, wenn einer den Finger in die Wunde legt und sagt: „Sieh. Hier. Du blutest.“

Die Aufgabe zu erinnern statt zu vergessen

Bilder unterbrechen nicht den Zeitfluß, sie machen ihn nur reißender. Reißerischer würde Marlies sagen. Mag sein, daß die Photos bleibende Präparate von Querschnitten durch die Zeit waren, sie fraßen einen aber auch von innen auf, waren Würmer, die sich fortpflanzten.

Torturen dauerhafter Wiederbelebung.

Sabine Gruber, „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“

Du sagst es

connie palmen - du-sagst-esIch glaube an so etwas wie ein echtes Selbst, und ich weiß, wie selten es ist, so ein Selbst sprechen zu hören, zu sehen, wie es sich aus dem Kokon der Falschheit und des Nichtssagenden herausschält, aus den Scheingestalten, die wir anderen präsentieren, um ihnen zu gefallen, sie irrezuführen. Je gefährlicher das echte Selbst, desto raffinierter die Masken. Je ätzender das Gift, das wir am liebsten über andere ausspeien würden – um sie zu lähmen, zu töten -, desto süßer der Nektar, mit dem wir sie locken, zu uns zu kommen, in unserer Nähe zu sein, uns zu lieben.

Sie war ein süß duftendes Gefäß voll Venenum.

Ich war nie zuvor jemandem begegnet, bei dem Lieben und Hassen so nah beieinanderlagen, dass es fast keinen Unterschied gab. Sie wollte nichts lieber, als jemanden lieben, aber sie hasste es, wenn sie es tatsächlich tat. Sie wollte nichts lieber, als geliebt werden, aber sie hat jeden, der sie je geliebt hat, gnadenlos für diese Liebe bestraft.

Hinter einer Fassade umwerfender Fröhlichkeit verbarg sich ein scheuer Hase mit einer Seele aus Glas, ein Kind voller Ängste, voll alptraumhafter Bilder von Amputationen, Eingesperrtsein, Stromstößen. Und ich – der verliebte Schamane – betete das zerbrechliche, verwundete Mädchen an, ihr wahres Selbst, wollte tun, was die Liebe vom Liebenden verlangt: ihr Konterfei zertrümmern wie ein zärtlicher Ikonoklast. Weil ich sie liebte, war es an mir, sie als Frau und Schriftstellerin aus der unechten Schale zu pellen, sie dazu zu bewegen, dass sie ihre eigene Stimme zu Gehör brachte. Die bange Stimme, die böse Stimme, die quengelige Stimme, mit der sie über Nichtigkeiten nörgelte, die wortlose Stimme, mit der sie demütigte und schikanierte, die verbotene Stimme, mit der sie wie eine wütende Rachegöttin Bannflüche über jeden aussprach, der sie verletzte. Ihre steinerne Zunge sollte im Versmaß ihrer Seele tanzen können, der schwarzen Seele, vor der sie – zu Recht – Angst hatte. Es war an mir, sie aus dem Tod auferstehen zu lassen.

Was ich damals nicht sah, war, dass ich damit auch mich selbst zu befreien suchte.

Ihr Wahnsinn ist mein Wahnsinn.

Connie Palmen, „Du sagst es“

Frau am Fenster V

[Edward Hopper’s] women do not seem to have lives apart from the rooms in which we find them. They peer out into a world, the one the rest of us occupy – and it may be with a degree of longing – but it is not their world. … We feel it as certainly as we do the assertive geometrical character of the rooms they occupy. This spatial solidity is what lends the paintings an air of permanence and fixes the woman in place, as in Morning Sun (1952):

So much so that imagining them in any other context represents only a form of escape on the viewer’s part from the imprisoning resolution of the painting. The tendency to create narratives around the works of Hopper only sentimentalizes and trivializes them. The women in Hopper’s rooms do not have a future or a past. They have come into existence with the rooms we see them in. And yet, on some level, these paintings do invite our narrative participation – as if to show how inadequate it is. No, the paintings are each a self-enclosed universe in which its mysteriousness remains intact, and for many of us this is intolerable. To have no future, no past would mean suspension, not resolution – the unpleasant erasure of narrative, or any formal structure that would help normalize the uncanny as an unexplainable element in our own lives.

Mark Strand on Edward Hopper

Frau am Fenster IV

Welch eine sonderbare und großartige Erfindung ist doch Glas – nah zu sein, ohne aneinanderzugeraten. … Ich sitze hinter Glas, still, mein eigenes Porträt.

Tomas Tranströmer, „Isländischer Orkan“ in „Sämtliche Gedichte“

Die Zeichnende junge Frau wird erst seit 1996 Marie-Denise Villers zugeschrieben und ist möglicherweise ein Selbstporträt der Künstlerin. Ihr bevorzugtes Motiv waren Bildnisse junger Frauen unter dem selbst gewählten Begriff études des femmes.

The Double-Take of Seeing

Robert Frank said, “When people look at my pictures I want them to feel the way they do when they want to read a line of a poem twice.” I’m drawn to this poetic notion of photography, and I think Frank’s idea is what Pinkhassov, too, is after. He tries to foster the double-take of seeing.

Teju Cole

I could give all to Time

Gabriele Münter, Breakfast of the Birds, 1934
Gabriele Münter, „Breakfast of the Birds“ (1934)

To Time it never seems that he is brave / To set himself against the peaks of snow / To lay them level with the running wave, / Nor is he overjoyed when they lie low, / But only grave, contemplative and grave.

What now is inland shall be ocean isle, / Then eddies playing round a sunken reef / Like the curl at the corner of a smile; / And I could share Time’s lack of joy or grief / At such a planetary change of style.

I could give all to Time except – except / What I myself have held. But why declare / The things forbidden that while the Customs slept / I have crossed to Safety with? For I am There, / And what I would not part with I have kept.

Robert Frost, „I could give all to time“

Rooms by the Sea

Über [Rooms by the Sea] liest man in Jo Hoppers Logbuch, daß es erst anders heißen sollte, nämlich The Jumping Off Place. Und das sieht man dem Bild auch an: Gerade noch ist jemand aus der offenen Tür ins Meer hinausgesprungen, das da bis unmittelbar unter die Schwelle des Zimmers heranschlägt, so als sei dieses Haus auf eine Klippe gebaut oder stünde auf Stelzen im Meer. Und im nächsten Moment wird auch in der Ferne, am Horizont, ein Boot erscheinen, zu weit weg, um den noch aufzufischen, der sich da in das unendliche Meer gestürzt hat. [Es] scheint eine herrliche milde Nachmittagssonne (Jo im Tagebuch: „Early October“) in ein leeres Zimmer, aber auch hier kann ihr schönes Licht nicht die Feindlichkeit der Welt vergessen lassen

Wim Wenders in der Zeit in einem Artikel über die vierbändige Ausgabe der Werke Edward Hoppers, „Edward Hopper, An Intimate Biography“ von Gail Levin

Ein wenig anders sieht es Mark Strand in seiner Schrift „Über Gemälde von Edward Hopper“:

Eine heitere Fremdartigkeit hat von den Räumen Besitz ergriffen. Der Ausblick, der den offenen Zugang rechts ausfüllt, ist zwar gewaltig, aber nicht bedrohlich. Das Wasser scheint bis unmittelbar an die Tür zu reichen, als ob es keinen Mittelgrund oder kein Ufer gäbe, ja als ob es von Magritte gestohlen worden wäre. Es ist eine Ansicht der Natur, die ungeschönt und außergewöhnlich ist. Auf der linken Seite des Bildes bietet sich uns ein schmaler, gedrängter Ausblick auf das Gegenstück zur Natur – auf einen Raum, ausgestattet mit einem Sofa oder einem Sessel, einer Kommode und einem Gemälde – eine Auswahl von Gegenständen des häuslichen Lebens. Das Bild drängt uns zu einer Bewegung von rechts nach links, so als ginge es bei dem Anblick, den es uns bieten will, nicht um das Meer, sondern um den teilweise verdeckten, zweiten Raum. Selbst das Meer, so scheint es, schaut auf und herein, und auch das Licht weist uns eben darauf hin und teilt uns mit, wohin wir blicken müssen.

Der zweite Raum ist ein möbliertes Echo des ersten. Die Verdoppelung des Raumes ist beruhigend, weil sie Vorstellungen von Beständigkeit und Gemeinsamkeit ins Bild setzt, die beide zusammen die Grundlage für häusliches Wohlbehagen ausmachen. Und das Meer und der Himmel, zwei Agenten des Willens der Natur, sehen in diesem Zusammenhang unverfänglich aus.

Der vermeintlich bösartige Unterton von „A Jump Off Place“ soll Hopper bewogen haben, den Titel des Bildes zu ändern.

Beiden Sichtweisen kann ich etwas abgewinnen. Was immer mit den Menschen sein mag, die darauf nicht zu sehen sind, es wäre kein Hopper, ohne sein enigmatisches Moment, dem das von Magritte gestohlene Wasser durchaus etwas Heiteres verleiht. Wenn mich etwas beunruhigt, dann ist es das in der Tat unverfängliche Aussehen der beiden Agenten des Willens der Natur. Ein Satz von Herta Müller fällt mir ein:

Die Landschaft steht intakt da, während du nicht weißt, wie es weitergeht. Irgendwie ist es ihr total egal. Sie will dich ja doch fressen. Wenn du stirbst, hat sie dich.

Der einsame Engel

Auf dem Fensterbrett brannte eine dicke weiße Kerze, die er jeden Abend dorthin stellte. Er sprach nicht darüber, doch ich war mir sicher, dass er die Kerze wegen meiner Mutter anzündete. Damit sie uns von der anderen Welt aus sehen konnte.

Friedrich Ani, „Der einsame Engel“

Alles zählt

fan_ho_journey_to_uncertainty
Fan Ho, „Journey to Uncertainty“

Weil sie schon früh wusste, vor allem anderen würde sie ihr Augenlicht verlieren, begann diese Patentante, Gedichte auswendig zu lernen. Celan und Rilke vor allem, sie kaute wochenlang auf einzelnen Wörtern und Versen herum, bis sie deren Bedeutung ganz erfasst hatte. Oder so weit, wie der Dichter das zuließ. Sie verlor ihren Verstand nie. Und mit dem letzten Gedicht, das sie lernte, es war eine der Elegien, spürte sie, wie sich noch einmal ein Raum voller unbekannter Empfindungen und Gedanken öffnete. „Nirgends, Geliebte, wird Welt sein als innen. [Unser Leben geht hin mit Verwandlung.] Und immer geringer schwindet das Außen.“ Es war ein Raum, zu dem sie erst Zutritt erlangte, als der Tod schon in der Zimmerecke stand und immer öfter zu ihr herüberschaute. Sie hatte ihr das erzählt, um ihr zu sagen, es gibt trotz allem etwas, das nur das Alter zu geben vermag.

Verena Lueken, „Alles zählt“

Das Vorhandensein und das Fehlen der Zukunft

Jules_Bastien-Lepage_Johanna_von_Orleans_1879
Jules Bastien-Lepage, „Johanna von Orleans“ (1879)

Drei durchscheinende Engel schweben in der oberen linken Hälfte des Gemäldes. Sie haben Jeanne, die an einem Webstuhl im Garten ihrer Eltern gearbeitet hat, soeben aufgerufen, Frankreich zu retten. Ein Engel hält seinen Kopf in den Händen. Jeanne scheint auf den Betrachter zuzuwanken, einen Arm ausgestreckt, vielleicht in der Verzückung des Gerufenwerdens Halt suchend. Anstatt Zweige oder Blätter zu packen, scheint ihre Hand, die sorgfältig in der Sichtachse eines der anderen Engel platziert ist, sich aufzulösen. Laut dem Begleittext des Museums wurde Bastien-Lepage angegriffen, weil es ihm nicht gelungen sei, das Ätherische der Engel mit dem Realismus des Körpers der künftigen Heiligen zu versöhnen, aber ebendieses „Misslingen“ macht es zu einem meiner Lieblingsgemälde. Es ist, als erzeugte die Spannung zwischen der metaphysischen und physischen Welt, zwischen zwei Ordnungen von Zeitlichkeit, eine Störung in der Matrix des Bildes; der Hintergrund verschluckt Jeannes Finger. Während ich an jenem Nachmittag mit Alex dort stand, wurde ich an das Foto erinnert, das Marty in „Zurück in die Zukunft“, entscheidender Film meiner Jugend, mit sich führt:

Back to the Future - Photo

Während Martys Zeitreise die Vorgeschichte seiner Familie zerrüttet, beginnen er und seine Geschwister auf dem Foto zu verblassen. Nur ist es hier [bei Jeanne] etwas Vorhandenes, nicht etwas Fehlendes, das ihre Hand zersetzt: Sie wird in die Zukunft gezogen.

Ben Lerner, „22:04“

Nachtrag:

„Und weil man nicht spürt, welche Entscheidung die richtige ist, steht man still, wächst zitternd in den Boden bis die Lawine einen überrollt…“

Mützenfalterin

Tabu

Sobald sich das Licht der Farben
Grün, Rot und Blau
in gleicher Weise mischt
erscheint es uns als Weiß.

Farbenlehre nach Helmholtz

An einem hellen Frühlingstag des Jahres 1838 wurde in Paris auf dem Boulevard du Temple eine neue Wirklichkeit erschaffen. Sie veränderte das Sehen, das Wissen und die Erinnerung der Menschen. Und schließlich veränderte sie die Wahrheit.

Daguerre war ein französischer Theatermaler. Er wollte Kulissen herstellen, die aussehen wie die Wirklichkeit selbst. Durch ein Loch in einem Holzkasten ließ er Licht auf jodierte Silberplatten fallen. Quecksilberdämpfe machten sichtbar, was sich vor dem Kasten befand. Aber es dauerte lange, bis die Silbersalze reagierten: Pferde und Spaziergänger waren zu schnell, Bewegung war noch unsichtbar, das Licht gravierte nur Häuser, Bäume und Straßen auf die Platten. Daguerre hatte die Fotografie erfunden.

Auf seinem Foto von 1838 ist in den diffusen Schatten der Kutschen und Menschen merkwürdig deutlich ein Mann zu erkennen. Während alles um ihn rast, steht er still, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Nur sein Kopf ist verschwommen. Der Mann wusste nichts von Daguerre und seiner Erfindung, er war ein Passant, der sich die Schuhe putzen ließ. Der Apparat konnte ihn und den Schuhputzer sehen – es waren die beiden ersten Menschen auf einem Foto.

Pariser Straßenansicht (Boulevard du Temple), Daguerreotypie von Louis Daguerre
Louis Daguerre, „Pariser Straßenansicht“(Boulevard du Temple, 1838)

Sebastian von Eschburg hatte oft an den bewegungslosen Mann und seinen zerfließenden Kopf gedacht. Aber erst jetzt, erst nachdem alles geschehen war und niemand die Dinge mehr rückgängig machen konnte, verstand er es: Dieser Mann war er selbst.

Ferdinand von Schirach, „Tabu“

Excursion into Philosophy

Mark Strand vermag Edward Hopper’s Excursion into Philosophy kaum etwas abzugewinnen. Hopper’s Frau soll einmal gesagt haben, das aufgeschlagene Buch sei Platon, zu spät noch einmal gelesen. Ein Kritiker berichtet, Hopper selbst habe über den Mann die Bemerkung fallen lassen, dieser habe Platon erst recht spät in seinem Leben gelesen. Strand selbst kann nicht erkennen, welchen Schaden es überhaupt anrichten sollte, Platon zu lesen. Und so endet seine Betrachtung mit den Worten:

Das Leben des Geistes gegen das Leben des Körpers? Das Spirituelle gegen das das Physische? Die streng gerunzelten Brauen des Mannes wirken immer mehr übertrieben und das grob gemalte Gesäß der Frau wie ein Witz.

Wieso, weshalb, warum ausgerechnet Platon? Denn auch von jener Spielart der Liebe, die nach ihm benannt und von seelischer Zuneigung geprägt ist, also auf den Respekt vor der Person des geliebten Menschen gründet, ist in Hoppers Bild wenig zu spüren. Philosophie aber, wie Platon sie versteht, ist selbst eine Weise des Eros, ist vom Wesen her Liebe. Der tiefere Sinn der platonischen Liebe besteht in der Überführung des sinnlichen Begehrens in eine höhere Form des Verlangens. Der Eros, wie Platon ihn versteht, ist Streben nach dem Urbild, nach der Idee des Schönen. Das eigentlich Wirkliche im Wirklichen sind nicht die Dinge, die das Schöne verkörpern, sondern jenes Urbild des Schönen, das in ihnen aufscheint. Die Dinge sind nur die Abbilder der Idee und vergänglich. Die Idee selber jedoch währt ewig. Nur, woher stammt das Urbild, das wir immer schon vor Augen haben, wenn wir das Wirkliche erkennen? Platon erklärt ihren Ursprung anhand eines Bildes, das unser Dasein vor unserer Existenz auf Erden beschreibt, die Seelen im Gefolge der Götter oberhalb des Himmelsgewölbes, wie sie die Urbilder alles Wirklichen erblicken:

Zeus, der große Fürst im Himmel, zieht als erster aus, seinen geflügelten Wagen lenkend; er ordnet alles und sorgt für alles. Ihm folgt ein Heer von Göttern und Dämonen. [Ihnen schließen sich auch die menschlichen Seelen an, als Zwiegespann mit einem Wagenlenker. Sie] fahren, wenn sie zur Höhe gekommen sind, hinaus und betreten den Rücken des Himmelsgewölbes. Wenn sie dort anhalten, führt sie der Umschwung herum, und sie schauen, was außerhalb des Himmelsgewölbes ist. [Der Geist] einer jeglichen Seele, die in sich aufnehmen will, was ihr gemäß ist, sieht so von Zeit zu Zeit das Sein. Er liebt und schaut das Wahre, nährt sich von ihm und genießt es, bis der Umschwung im Kreise wieder an dieselbe Stelle zurückgekehrt ist. Während des Umlaufs aber betrachtet er die Gerechtigkeit selbst, betrachtet die Besonnenheit, betrachtet die Erkenntnis… und das übrige wahrhaft Seiende und labt sich daran. Dann taucht die Seele wieder ein in den Bereich unterhalb des Himmelsgewölbes und fährt nach Hause…

Erkennen ist also Wiedererinnern. Dem Schönen kommt dabei eine besondere Bedeutung bei:

…Wenn einer die Schönheit hier sieht und sich dabei an das Wahre erinnert, wird er mit Flügeln versehen, und so geflügelt sehnt er sich danach, sich hinaufzuschwingen. Das aber vermag er nicht. Darum blickt er nur wie ein Vogel nach oben und vernachlässigt, was unten ist. Dann beschuldigt man ihn, er sei wahnsinnig. Das aber ist der beste aller Enthusiasmen. Doch ist es nicht einer jeden Seele leicht, sich von den Dingen her wieder daran zu erinnern: weder denen, die herabgestürzt und dort nur kurz geschaut haben, noch denen, die herabgestürzt und dabei verunglückt sind und sich nun in fragwürdigem Umgang der Ungerechtigkeit zuwenden und das Heilige vergessen, das sie dort geschaut haben. Nur wenigen bleibt eine ausreichende Erinnerung. Wenn diese aber etwas erblicken, was dem ähnlich ist, was sie dort gesehen haben, geraten sie außer sich und sind nicht mehr ihrer selbst mächtig.

Wilhelm Weischedel, „Die philosophische Hintertreppe“

Die Kunsthistorikerin Gail Levin interpretiert Hoppers Excursion in Philosophy so:

Plato’s philosopher, in search of the real and the true, must turn away from this transitory realm and contemplate the eternal Forms and Ideas. The pensive man in Hopper’s painting is positioned between the lure of the earthly domain, figured by the woman, and the call of the higher spiritual domain, represented by the ethereal lightfall. The pain of thinking about this choice and its consequences, after reading Plato all night, is evident. He is paralysed by the fervent inner labour of the melancholic.

Gail Levin, „The Complete Oil Paintings of Edward Hopper“

Studenten der Ohio University, deren Aufgabe es war, ein 2 – 3minütiges Video zu drehen, in dem die letzte Szene sich mit einem Gemälde von Edward Hopper decken sollte, haben Platon kurzerhand durch Faulkner ersetzt:

They say love dies between two people. That’s wrong. It doesn’t die. It just leaves you, goes away, if you aren’t good enough, worthy enough. It doesn’t die; you’re the the one that dies. It’s like the ocean: if you’re no good, if you begin to make a bad smell in it, it just spews you up somewhere to die. You die anyway, but I had rather drown in the ocean than be urped up onto a strip of dead beach and be dried away by the sun into a little foul smear with no name to it, just this was for an epitaph.

William Faulkner, „The Wild Palms“

Am Ende stellt sich mir die Frage, welche Bedeutung es haben könnte, Platon erst spät oder zu spät noch einmal zu lesen.

We dance round in a ring and suppose, / But the Secret sits in the middle and knows.

„Man sollte wirklich alles, was sich über das Gemeine erheben muss, in Versen wenigstens anfänglich konzipieren, denn das Platte kommt nirgends so ins Licht, als wenn es in gebundener Schreibart ausgesprochen wird.“

Friedrich Schiller

Wohlan denn:

Feiertag.
Suhlen im
Wasser und Tauchen
im Finsteren Tal. Feuchte
und Stille, nur die Spannung
schwebt wie ein Bogen im Raum.
Noch 84 Seiten bis zum gnadenlosen Showdown.

Inzwischen:

Latte Macchiato schmeichelt den Schleimhäuten, macht die
Mundhöhle geschmeidig für Smalltalk und Subtext,
ölig an der Oberfläche, aber
zwischen den Zeilen, da
zerfallen die Sprechblasen,
porös wie
Milchschaum.

If her life were a train, she wouldn’t be able to catch it…

Die hohe Decke [in Chair Car], die nicht wie gewöhnlich gewölbt, sondern rechteckig ist, und die geschlossene Tür bewirken, daß unserer Bewegung nach vorne eine absolute Grenze gesetzt und der zwingende Eindruck erzeugt wird, daß diese Leute hier nicht sehr weit fahren, wenn sie überhaupt reisen. Auch außerhalb des Fensters gibt es nichts, was auf eine Bewegung hindeutet, nichts als das Licht, das – obwohl es den Betrachter zur Tür führt – das Bild scheinbar erstarren läßt, es in einer absoluten Gegenwart einfriert…

Etwas, was uns in Chair Car anzieht, ist die Art und Weise, wie die vier Passagiere die Beliebigkeit individueller Interessen vorführen… Die Insichgekehrtheit jeder Person überschneidet sich gewissermaßen mit der Hauptstoßrichtung des Bildes und befreit sie aus dem wie ein Gefängnis erscheinenden Wagen. Das Gefühl, gleichzeitig eingesperrt und ausgesperrt zu sein, ist dem, was wir in Nighthawks verspüren, eng verwandt, es treibt uns vorwärts, obwohl es darauf beharrt, daß wir bleiben. Dabei handelt es sich um ein ziemlich konsistentes Muster bei Hopper, daß die Geometrie des Bildes eine Handlung einfordert, die der von der Erzählung gewollten Handlung entgegensteht.

Mark Strand, „Über Gemälde von Edward Hopper“

Für eine sehr schön animierte Version von Compartment C Car 293 von Nick Brown siehe hier… (…und in diesem Zusammenhang ein herzliches Dankeschön an die Beat Company!)

Light Circles

„Dann strömt das Licht plötzlich herein und verbirgt uns ganz.“

Tomas Espedal, „Wider die Kunst“

On Photography

A photograph is not only an image (as a painting is an image), an interpretation of the real; it is also a trace, something directly stenciled off the real, like a footprint or a death mask.

Susan Sontag, „On Photography“

Automat

Wenn das, was das Fenster widerspiegelt, wahr ist, dann ereignet sich die Szene in einem Zwischenreich, in einer Art Schwebezustand, und die sitzende Frau ist eine Illusion. Das ist eine beunruhigende Vorstellung. Und wenn die Frau in einem solchen Kontext über sich nachdenkt, kann sie unmöglich glücklich sein…

Mark Strand, „Über Gemälde von Edwad Hopper“

Edward Hopper - Automat - 1927
Edward Hopper, „Automat“ (1927)

The woman in the automat must work must
have a boss must walk
to work two legs red with heat two legs
pressed into each other as if one
depended on the other the woman in the automat
takes one glove off to hold
the cup to shake the hand of a boss one hand
free she looks down at the circle
on the table looks down at the round reflection
of circular lights her boss circulates
memos her boss is the circle the circumference
circles her each day like a minno

Victoria Chang

Finis Operis

Tatsächlich: es / gibt sie die Augenblicke / in denen uns / der letzte Pinselstrich / gelingt / der leuchtende Schlußsatz / die Einstellung mit der / der Film / enden müßte –

Aber dann?

Es geht einfach alles weiter: / die Zeit läuft / (ob du willst oder nicht) / bis der Pinsel / Borsten verliert / die Feder das Papier / zerkratzt / und nur noch / Schatten / über die / Leinwand flimmern.

Ludwig Steinherr, „Finis operis“ aus „Musikstunde bei Vermeer“

My November Guest

My Sorrow, when she’s here with me,
Thinks these dark days of autumn rain
Are beautiful as days can be;
She loves the bare, the withered tree;
She walked the sodden pasture lane.

Her pleasure will not let me stay.
She talks and I am fain to list:
She’s glad the birds are gone away,
She’s glad her simple worsted gray
Is silver now with clinging mist.

The desolate, deserted trees,
The faded earth, the heavy sky,
The beauties she so truly sees,
She thinks I have no eye for these,
And vexes me for reason why.

Not yesterday I learned to know
The love of bare November days
Before the coming of the snow,
But it were vain to tell her so,
And they are better for her praise.

Robert Frost

Die zerknitterte Zartheit des Crêpe de Chine und den Duft des Reispuders

An einem Novemberabend, kurz nach dem Tod meiner Mutter, ordnete ich Photos. Ich hoffte nicht, sie „wiederzufinden“, ich versprach mir nichts von „diesen Photographien einer Person, durch deren Anblick man sich weniger an diese erinnert fühlt, als wenn man nur an sie denkt“ (Proust)…

So schließt das Leben eines Menschen, dessen Existenz der unseren um ein weniges vorausgegangen ist, in seiner Besonderheit gerade die Spannung der GESCHICHTE, ihre Abspaltung mit ein. Die GESCHICHTE ist hysterisch: sie nimmt erst Gestalt an, wenn man sie betrachtet – und um sie zu betrachten, muß man davon ausgeschlossen sein. Als lebendiges Wesen bin ich das genaue Gegenteil der GESCHICHTE, ich bin das, was sie dementiert, was sie zugunsten meiner eigenen Geschichte zerstört (es ist mir unmöglich, an „Zeugen“ zu glauben; unmöglich zumindest, deren einer zu sein; …). Die Zeit, in der meine Mutter vor mir lebte, das ist für mich die GESCHICHTE (übrigens ist es diese Epoche, die mich historisch gesehen am meisten interessiert). Keine Anamnese kann mich je diese Zeit, die vor meiner Existenz liegt, erahnen lassen (das ist die Definition der Anamnese) – während ich beim Betrachten eines Photos, auf dem die Mutter mich als Kind an sich drückt, die zerknitterte Zartheit des Crêpe de Chine und den Duft des Reispuders in mir wachrufen kann.

Roland Barthes, „Die helle Kammer“

H wie Habicht

Zu einer bestimmten Zeit im Leben erwarten wir, dass die Welt ständig voll von Neuem ist. Dann kommt der Tag, an dem uns bewusst wird, dass das nicht der Fall sein wird. Wir erkennen, dass sich das Leben aus Löchern zusammensetzt. Aus Dingen, die fehlen. Aus Verlusten. Dinge, die einmal waren und nun nicht mehr da sind. Und wir erkennen, dass wir um diese Lücken herum und zwischen sie hineinwachsen müssen, obwohl wir die Hand ausstrecken und dort, wo die Dinge waren, den öden Raum fühlen können, wo jetzt die Erinnerungen sind.

Helen Macdonald, „H wie Habicht“

Das ist nichts für dich, das steht auf der Bestsellerliste, meinte meine Schwester letztens. Um es gleich vorweg zu nehmen: Es handelte sich nicht um dieses Buch. Auf „H wie Habicht“ wurde ich bei Jarg aufmerksam. Im Übrigen stimmt das so nicht. Wenn ein Buch wie dieses, das aus der Zeit gefallen scheint, einen Nerv bei vielen Lesern trifft, finde ich das wundervoll, auch wenn „Ja, wir haben dieses Buch schon oft verkauft“ weder Kriterium noch die Art von Empfehlung ist, die ich mir von einer Buchhändlerin erwarte. Zum Glück stand mein Entschluss schon fest, und der Habicht auf dem Umschlag weckte Erinnerungen an einen vermeintlich gesehenen alten Spielfilm mit Errol Flynn in der Hauptrolle. Als Falkner wohlgemerkt. Nur… in Zeiten wie diesen genügen ein paar läppische Klicks, um die Bilder im Kopf als wilde Mischung aus  „Sea Hawk“ und „The Adventures of Robin Hood“ zu entlarven und herauszufinden, dass Errol Flynn zu Lebzeiten nie einen Falkner gemimt hat. Was ist das Gedächtnis doch für ein mieser Gaukler!

Das alles sagt natürlich nichts über dieses Buch. Die Autorin selbst fasst es so zusammen:

While the backbone of the book is a memoir about that year when I lost my father and trained a hawk, there are also other things tangled up in that story which are not memoir. There is the shadow biography of T. H. White and a lot of nature-writing, too. I was trying to let these different genres speak to each other.

Quelle: The Guardian

Man muss aber weder von Greifvögeln besessen sein noch ein Faible für T. H. White haben, um der Magie von Helen Macdonalds Prosa vom Fleck weg zu erliegen. Die eigenwillige Chronik ihrer Trauerarbeit geht auf jeden Fall unter die Haut.

 

En Route III

Sergey Ponomarev, "Looking out of the train carrying refugees through Macedonia, to its border with Serbia"
Sergey Ponomarev, „Looking out of the train carrying refugees through Macedonia, to its border with Serbia“

Der Schleppdampfer ist sommersprossig vor Rost. Was tut er hier, so tief im Land drinnen?
Er ist eine schwere erloschene Lampe in der Kälte.
Aber die Bäume haben wilde Farben. Signale zum anderen Ufer!
Als wollten welche geholt werden.

Auf dem Weg nach Haus sehe ich die Tintenpilze durch die Grasnarbe schießen.
Sie sind die hilfesuchenden Finger von einem,
der lange vor sich hingeschluchzt hat im Dunkeln dort unten.
Wir gehören der Erde.

Tomas Tranströmer, „Skizze im Oktober“

Hier sehr schön interpretiert von Herbert Steib.

Bildquelle: New York Times Lens Blog, „On Migrant Trail, Melding Words and Images“

For once, then, something

Others taunt me with having knelt at well-curbs
Always wrong to the light, so never seeing
Deeper down in the well than where the water
Gives me back in a shining surface picture
Me myself in the summer heaven godlike
Looking out of a wreath of fern and cloud puffs.
Once, when trying with chin against a well-curb,
I discerned, as I thought, beyond the picture,
Through the picture, a something white, uncertain,
Something more of the depths – and then I lost it.
Water came to rebuke the too clear water.
One drop fell from a fern, and lo, a ripple
Shook whatever it was lay there at bottom,
Blurred it, blotted it out. What was that whiteness?
Truth? A pebble of quartz? For once, then, something.

Robert Frost

Woman at a Window waving at a Girl

Jacobus Vrel,
Jacobus Vrel, „Woman at a Window waving at a Girl“ (ca. 1650-1700)

Vieles in diesem Bild spricht gegen seinen Titel. Als würde die Hand der Frau, die wir nur von hinten sehen – wenn sich wenigstens ihr Gesicht im Fensterglas spiegeln würde – in einer Geste der Ungläubigkeit an die Scheibe fassen, als handelte es sich bei dem Mädchen um ein vermeintliches Trugbild, dessen Erscheinung nur durch Berührung wahr werden könnte. Dieses Kind, das wie ein Licht in dunkler Nacht vor dem Fenster auftaucht, was macht es überhaupt zu offensichtlich später Stunde da draußen im Stockfinsteren? Und wie oft und wie lange mag die Frau schon dort gesessen haben in diesem nicht besonders bequem anmutenden Stuhl. Tatenlos vermutlich. Bis sie plötzlich ruckartig nach vorne schnellt, weil das, wonach sie vielleicht Ausschau gehalten haben mag – oder auch nicht -, weil auf einmal etwas wie aus dem Nichts und zum Greifen nahe vor ihr steht. Wenn auch nur fast. Nietzsche fällt mir ein: …Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. Oder Edgar Allan Poe:

Take this kiss upon the brow! / And, in parting from you now, / Thus much let me avow – / You are not wrong, who deem / That my days have been a dream; / Yet if hope has flown away / In a night, or in a day, / In a vision, or in none, / Is it therefore the less gone? / All that we see or seem / Is but a dream within a dream…

Well, folks: Take this kiss upon the brow! Das Hamsterrad ruft, hier wird es nun zwangsläufig wieder etwas ruhiger werden. Ich danke vielmals und ganz herzlich für Eure Aufmerksamkeit, und wo immer Ihr seid: Let your nodes glow on in the dark!

Wahrheit oder Pflicht

Hans Aichinger,
Hans Aichinger, „Les Certitude du Réalisme“ (2010)

Ich fühle mich geehrt. Matthias von der Beat Company hat mich nominiert. Und das zu einer Zeit, da mir scheinen will, die Frau, die hier rumwerkelt, verschwindet zunehmend hinter ihren Spiegelbildern. Ich gebe kaum noch Privates von mir preis. Ich folge nur einer Handvoll Blogs. Es geht mir gut.

In mein analoges Leben ist auf leisen Sohlen ein Mensch getreten, den ich anfangs gar nicht bemerkte. Es sind nicht nur die Samtpfoten, die ihn auszeichnen. Es ist wohl seiner Hartnäckigkeit zuzuschreiben, dass er gewartet hat, bis ich ihm eine Tür öffnen konnte. Lange Zeit dachte ich, bis zum Ende meiner Tage würde ich das tiefe Tal nicht mehr verlassen. Und plötzlich fühlt es sich ein bisschen weniger einsam an. Was die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht. Dieser Mensch ist wesentlich jünger als ich, und eigentlich weiß ich auch überhaupt nicht, was er bei mir findet. Es gibt diesen Sicherheitsabstand zwischen uns, der sich nicht überwinden ließe, ohne dass ich ihn auf meine grauen Haare, auf meine Krähenfüße oder Lachfalten, kurzum: auf die Tatsache aufmerksam machen müsste, dass ich seine Mutter sein könnte. Nicht dass er nicht wüsste, wie alt ich bin. Jahrgang 1964. Kein Geheimnis. Und obwohl ich mich zuweilen älter fühle als meine Mutter, sehe ich nicht so aus und spüre das junge Mädchen in mir, immer auf dem Sprung, all den verpassten Gelegenheiten nachzujagen, die seinen Weg bis zum heutigen Tage pflastern. Keiner von uns macht Anstalten, diesen Sicherheitsabstand aufzugeben, und selbst das fühlt sich ganz natürlich an. Es ist, wie es ist. Und so, wie es ist, ist es erst einmal gut. Wir sind kein Paar, wir sind Freunde, und das ist so viel mehr, als ich vor geraumer Zeit noch für möglich gehalten hätte in meinem Leben.

Ach ja, worum geht es denn überhaupt? Um den Liebsten Award natürlich. Das Spannende an der ganzen Sache sind manchmal die Fragen. Was machst Du im Leben nach dem Tod? Wie bitte? Träumst du noch oder bist du schon wach, dachte ich, als ich das heute morgen las. Well, „in the morning it was morning and I was still alive.“ So weit, so gut. Darüber hinaus konnte es sich nur um einen Zufall handeln, dass mir jemand ausgerechnet die Frage stellt, die mich seit geraumer Zeit umtreibt. Zufall? Wie immer verweise ich auch diesmal auf Max Frisch.

1. Was machst Du im Leben nach dem Tod?

Nach jetzigem Stand der Dinge werde ich nicht zu den Menschen gehören, die rundum zufrieden auf ihr Leben zurückblicken können, wenn sie auf dem Totenbett liegen. Ich hoffe, es wird mir deshalb nicht schwerer fallen, zu gehen, wenn es soweit ist. Ich glaube auch nicht, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. In letzter Zeit denke ich nur manchmal, dass es mich trösten würde, wenn ich glauben könnte, dass sich mir nach dem Tod tatsächlich die Möglichkeit bieten würde, mich für ein weiteres Leben zu entscheiden. Mit etwas Glück würde mir die Gnade eines unproblematischeren Elternhauses zuteil, mein beruflicher Werdegang wäre kein Zickzackkurs, sondern die Entscheidungen lägen klarer und früher auf der Hand, und ich wäre mit genügend Selbstbewusstsein ausgestattet, das zu verwirklichen, wovon ich immer nur geträumt habe. Konkret: Im Leben nach dem Tod arbeite ich, Hauptsache irgendwas, im Bereich Kunst und Kultur, und der Job dient nicht nur dazu, das Dach über dem Kopf und das tägliche Brot zu sichern, ohne jemals Freude zu machen, sondern ist, darunter geht gar nichts, Berufung. Andernfalls kann mir ein Leben nach dem Tod auch gut und gerne gestohlen bleiben.

2. Wen siehst Du, wenn Du morgens in den Spiegel schaust?

Gute Frage an eine, die sich Frau im Spiegel nennt und ein Morgenmuffel ist. Aber ich sehe das oben erwähnte junge Mädchen, das wie jeden Tag schon in den Startlöchern steht. Ich sehe ihr in die Augen und denke: „Here’s looking at you, kid.“ Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, sehe ich auch die unverbesserliche Romantikerin in mir, der ich für den Rest des Tages konsequent aus dem Weg gehen werde.

3. Wahrheit oder Pflicht ? (Best of Flaschendrehen)

Ich weiß nicht, ob ich das Spiel überhaupt jemals gespielt habe, deshalb musste ich mich erst einmal schlau machen:

Entweder nach beantworteter Frage bzw. erfüllter Aufgabe oder der Reihe nach oder durch eine Zufallsauswahl (oftmals mittels Flaschendrehen) wird der Befragte, welcher nun „Wahrheit oder Pflicht“ (also eine Aufgabe) zu erfüllen hat, ausgewählt. Dazu muss sich der Befragte zuerst zwischen „Wahrheit“ und „Pflicht“ entscheiden. Bei „Wahrheit“ wird dem Ausgewählten eine Frage gestellt, die er wahrheitsgemäß beantworten muss; bei „Pflicht“ muss der Ausgewählte eine von den anderen Mitspielern auserkorene Aufgabe erledigen. Die Frage oder Aufgabe stellt dabei derjenige, der vorher der Befragte war. Je nachdem, in welchem Alter sich die Spieler befinden, gehen die Fragen und Aufgaben oft in den persönlichen oder intimen Bereich.

Quelle: wikipedia

Hier fällt mir die Entscheidung nicht schwer. Unter welchen Umständen auch immer, ich gebe der Wahrheit den Vorzug. Jede Wahrheit ist besser, als eine Pflicht zu erfüllen, die womöglich lästig ist.

Für den Fall, dass ich mich jetzt auf eine weitere Frage gefasst machen muss: „I am ready, I am fine“, Matthias. Und last but not least: Herzlichen Dank!

Hingabe

…letztlich ist es vielleicht eine Frage des „Zufalls“: der Photograph hat die Hand des Jungen (…) genau im richtigen Grad des Sich-Öffnens, in der Intensität der Hingabe festgehalten…

Roland Barthes, „Die helle Kammer“

In a photograph, a person’s history is buried as if under a layer of snow.

Rahel Müller, "In the silence, I listen." (aus "Burning Pictures", 2008)
Rahel Müller, „In the silence, I listen.“ (aus „Burning Pictures“, 2008)

Er konnte seinen Blick nicht losreißen von dieser Fotografie, und er fragte sich, warum er sie zwischen den Blättern der „Akte“ vergessen hatte. War sie etwas, was ihn störte, ein Beweisstück, wie man in der Rechtssprache sagt, das er, Daragane, gern aus seinem Gedächtnis verdrängt hätte? Er spürte eine Art Schwindel, ein Kribbeln in den Haarwurzeln. Dieses Kind, von vielen Jahrzehnten in so graue Ferne gerückt, dass ein Fremder aus ihm wurde, nun musste er sich’s eingestehen, das war er.

Patrick Modiano, „Damit du dich im Viertel nicht verirrst“

Damit du dich im Viertel nicht verirrst

Er, der keine anderen Bücher mehr las, nur noch die Naturgeschichte von Buffon, er erinnerte sich plötzlich an eine Stelle aus den Memoiren einer französischen Philosophin. Diese war empört über etwas, was eine Frau während des Krieges gesagt hatte: „Was wollen Sie, der Krieg ändert doch nicht meine Beziehungen zu einem Grashalm.“ Sie hielt diese Frau gewiss für oberflächlich oder gleichgültig. Aber für ihn, Daragane, hatte der Satz einen anderen Sinn: In Zeiten von Katastrophen oder geistiger Not gab es keinen anderen Ausweg, man musste sich einen Fixpunkt suchen, um das Gleichgewicht zu halten und nicht über Bord zu gehen. Der Blick bleibt an einem Grashalm hängen, an einem Baum, den Blütenblättern einer Blume, als würde man sich an eine Rettungsboje klammern…

Patrick Modiano, „Damit du dich im Viertel nicht verirrst“

Der große Gatsby

Die meisten großen Villen am Ufer waren jetzt geschlossen und verriegelt, und mit Ausnahme des schattenhaften, langsam über den Sund gleitenden Schimmers einer Fähre schien fast nirgends Licht. Und während der Mond immer höher stieg, schmolzen die nichtigen Häuser weg, bis ich allmählich die alte Insel gewahrte, so wie sie einst vor den Augen der holländischen Seefahrer erblüht war – die frische, grüne Brust der neuen Welt. Ihre längst gefallenen Bäume, jene Bäume, die Gatsbys Haus weichen mussten, hatten einst flüsternd den letzten und größten aller Menschheitsträume genährt; einen flüchtigen, verzauberten Moment lang muss der Mensch im Angesicht dieses Kontinents den Atem angehalten haben, in eine ästhetische Betrachtung hineingezwungen, die er weder verstand noch gesucht hatte, und zum letzten Mal in der Geschichte schaute er ein für ihn fassbares Wunder.

Und wie ich so dasaß und über die alte, unbekannte Welt nachsann, dachte ich daran, welches Wunder es für Gatsby bedeutet haben musste, als er zum ersten Mal das grüne Licht am Ende von Daisys Steg erblickte. Er hatte einen weiten Weg bis zu diesem blauen Rasen zurückgelegt, und sein Traum muss ihm zum Greifen nah erschienen sein. Er wusste nicht, dass der Traum bereits hinter ihm lag, irgendwo in jener unermesslichen Finsternis jenseits der Stadt, wo die dunklen Felder des Landes unter dem Nachthimmel wogten.

Gatsby glaubte an das grüne Licht, die wundervolle Zukunft, die Jahr für Jahr vor uns zurückweicht. Damals erwischte sie uns, aber was macht das schon – morgen laufen wir schneller, strecken die Arme weiter aus… Und eines schönen Tages…

So kämpfen wir weiter, wie Boote gegen den Strom, und unablässig treibt es uns zurück in die Vergangenheit.

F. Scott Fitzgerald, „Der große Gatsby“

Der große Gatsby

American actors Mia Farrow, as Daisy Buchanan, and Robert Redford, as Jay Gatsby, reach for one another across a room in a scene from 'The Great Gatsby,' based on the novel by F. Scott Fitzgerald and directed by Jack Clayton, 1974.
American actors Mia Farrow, as Daisy Buchanan, and Robert Redford, as Jay Gatsby, reach for one another across a room in a scene from ‚The Great Gatsby,‘ based on the novel by F. Scott Fitzgerald and directed by Jack Clayton, 1974.

„Wenn der Nebel nicht wäre, könnten wir auf der anderen Seite der Bucht euer Haus sehen“, sagte Gatsby. „Am Ende eures Stegs leuchtet die ganze Nacht über ein grünes Licht.“

Daisy schob plötzlich ihren Arm unter seinen, doch Gatsby sann offenbar noch über das nach, was er eben gesagt hatte. Vielleicht dämmerte ihm, dass die ungeheure Bedeutung dieses Lichts jetzt für immer dahin war. Gemessen an der enormen Distanz, die ihn von Daisy getrennt hatte, war das Licht ihr so nah gewesen, dass es sie fast zu berühren schien; es schien ihr so nah zu sein wie ein Stern dem Mond. Jetzt hatte es sich in ein grünes Licht an einem Steg zurückverwandelt. Seine Sammlung verzauberter Gegenstände war um ein Stück kleiner geworden.

Irgendwann ging ich zu den beiden hinüber, um mich zu verabschieden, und sah, dass der Ausdruck von Verwirrung in Gatsbys Gesicht zurückgekehrt war, als ob er leise an dem Glück, das er empfand, zu zweifeln begänne. Nahezu fünf Jahre! Selbst an jenem Nachmittag muss es Augenblicke gegeben haben, in denen Daisy hinter seine Träume zurückfiel – nicht durch ihre Schuld, sondern weil seine Illusion so kolossal lebendig gewesen war. Sie ging über Daisy, ja eigentlich über alles hinaus. Er hatte sich ihr voll schöpferischer Leidenschaft anheimgegeben und immer noch etwas hinzugefügt, sie mit jeder leuchtenden Feder ausgeschmückt, die ihm über den Weg schwebte. Kein Feuer und kein noch so frischer Wind vermag es mit dem aufzunehmen, was ein Mann in seinem gespenstischen Herzen bewahrt.

F. Scott  Fitzgerald, „Der große Gatsby“

The Great Gatsby

And so with the sunshine and the great bursts of leaves growing on the trees, just as things grow in fast movies, I had that familiar conviction that life was beginning over again with the summer.

F. Scott Fitzgerald, „The Great Gatsby“

Tender Is The Night

One writes of scars healed, a loose parallel to the pathology of the skin, but there is no such thing in the life of an individual. There are open wounds, shrunk sometimes to the size of a pin-prick, but wounds still. The marks of suffering are more comparable to the loss of a finger, or of the sight of an eye. We may not miss them, either, for one minute in a year, but if we should there is nothing to be done about it.

F. Scott Fitzgerald, „Tender Is The Night“

…wenngleich ich dieses Zitat und die Wiederlektüre des Buches eigentlich der wunderbaren Asal verdanke!

Zärtlich ist die Nacht

In einem bewohnten Raum gibt es spiegelnde Gegenstände, die man nicht wirklich in dieser Eigenschaft wahrnimmt – lackiertes Holz, mehr oder weniger blankgeputztes Messing, Silber und Elfenbein und dahinter tausend so schwache Spender von Licht und Schatten, dass wir sie kaum als solche empfinden, die oberen Ränder von Bilderrahmen, die Kanten von Bleistiften oder Aschenbechern, von Zierrat aus Kristall oder Porzellan. Die Gesamtheit dieser Spiegelungen, welche die subtilen Reflexe des Sehvermögens ebenso ansprechen wie jene assoziativen Fragmente unseres Unterbewusstseins, an denen wir festhalten wie ein Glaskünstler an den unregelmäßig geformten Stücken, die er womögliich später noch einmal gebrauchen könnte – all dies machte das aus, was Rosemary später geheimnisvoll als die „Erkenntnis“ bezeichnete, die Erkenntnis nämlich, dass noch jemand im Zimmer war, ehe sie sich davon tatsächlich hatte überzeugen können…

F. Scott Fitzgerald, „Zärtlich ist die Nacht“

Zärtlich ist die Nacht

Mrs. Speers war müde geworden, so frisch sie nach außen hin auch wirkte. Totenbetten machen sehr müde, und sie hatte an zweien gewacht.

F. Scott Fitzgerald, „Zärtlich ist die Nacht“

Ode To A Nightingale / Tender Is The Night

Already with thee! tender is the night…
…But here there is no light,
Save what from heaven is with the breezes blown
Through verdurous glooms and winding mossy ways.

John Keats, „Ode To A Nightingale“

Dieses Zitat stellte F. Scott Fitzgerald seinem Roman Tender Is The Night voran. Im Folgenden rezitiert er selbst Keats’ “Ode” an die Sterblichkeit und das Vergehen der Schönheit:

 

Fitzgerald kommt einige Male vom Text ab, bevor er vollständig den Faden verliert und sein Vortrag kurz vor dem Ende abrupt abbricht. Eine traurige Metapher auch für sein Leben, das im Alter von nur 44 Jahren bereits ausgehaucht war.

Die Frankfurter Rundschau schrieb: „Engel sind die eleganteren Menschen. Aber wer hoch steigt, wird tief fallen. Niemand zeigte beides so schön wie F. Scott Fitzgerald.“ Und Heinrich Detering in seinem Nachwort zu Zärtlich ist die Nacht: „Jedes Detail hat einen doppelten Boden.“

Wieviel unheilvolle Vorahnung allein in dieser Beschreibung liegt:

A mile from the sea, where pines give way to dusty poplars, is an isolated railroad stop, whence one June morning in 1925 a victoria brought a woman and her daughter down Gausse’s Hotel. The mother’s face was of a fading prettiness that would soon be patted with broken veins; her expression was both tranquil and aware in a pleasant way. However, one’s eye moved on quickly to her daughter, who had magic in her pink palms and her cheeks lit to a lovely flame, like the thrilling flush of children after their cold bath in the evening. Her fine forehead sloped gently up to where her hair, bordering it like an armorial shield, burst into lovelocks and waves and curlicues of ash blonde and gold. Her eyes were bright, big, clear, wet, and shining, the color of her cheeks was real, breaking close to the surface from the strong young pump of her heart. Her body hovered delicately on the last edge of childhood – she was almost eighteen, nearly complete, but the dew was still on her.

As sea and sky appeared below them in a thin, hot line the mother said:

„Something tells me we’re not going to like this place.“

F. Scott Fitzgerald, „Tender Is The Night“

Even memory is not necessary for love.

„But soon we shall die and all memory of those five will have left the earth, and we ourselves shall be loved for a while and forgotten. But the love will have been enough; all those impulses of love return to the love that made them. Even memory is not necessary for love. There is a land of the living and a land of the dead and the bridge is love, the only survival, the only meaning.“

Thornton Wilder, „The Bridge of San Luis Rey“

Die Brücke von San Luis Rey

thornton-wilder-bruecke-san-luis-reyJeder andere hätte sich heimlich gefreut und gesagt: „Nur zehn Minuten später, und ich…!“ Doch Bruder Juniper bewegte ein anderer Gedanke. „Warum passierte das ausgerechnet diesen fünf?“, fragte er sich. Wenn es überhaupt einen Plan im Universum gab, wenn das menschliche Dasein irgendeinem Muster folgte, so mussten diese doch, verborgen angelegt, in den so jäh abgeschnittenen Lebensläufen zu finden sein. Entweder wir leben durch Zufall und sterben durch Zufall, oder wir leben nach Plan und sterben nach Plan…

Die einen sagen, dass wir es nie wissen werden und dass wir für die Götter wie Fliegen sind, die Jungen an einem Sommertag töten; andere hingegen sagen, dass kein Spatz eine Feder verliert, die nicht zuvor von Gottes Hand berührt worden ist.

Thornton Wilder, „Die Brücke von San Luis Rey“

Die Frau auf der Treppe

„Zum Jungsein gehört das Gefühl, alles könne wieder gut werden, alles, was schiefgelaufen ist, was wir versäumt, was wir verbrochen haben. Wenn wir das Gefühl nicht mehr haben, wenn Ereignisse und Erfahrungen unwiederbringlich werden, sind wir alt… Denken Sie auch manchmal, dass Gott uns unser Glück neidet und es daher zerstören muss?“

Bernhard Schlink, „Die Frau auf der Treppe“

Gerhard Richter, "Ema" (Akt auf einer Treppe, 1966)
Gerhard Richter, „Ema“ (Akt auf einer Treppe, 1966)

Der Vorleser

Die Schichten unseres Lebens ruhen so dicht aufeinander auf, daß uns im Späteren immer Früheres begegnet, nicht als Abgetanes und Erledigtes, sondern gegenwärtig und lebendig.

Bernhard Schlink, „Der Vorleser“

Der Vorleser

Dann habe ich begonnen, sie zu verraten.

Nicht daß ich Geheimnisse preisgegeben oder Hanna bloßgestellt hätte. Ich habe nichts offenbart, was ich hätte verschweigen müssen. Ich habe verschwiegen, was ich hätte offenbaren müssen. Ich habe mich nicht zu ihr bekannt. Ich weiß, das Verleugnen ist eine unscheinbare Variante des Verrats. Von außen ist nichts zu sehen, ob einer verleugnet oder nur Diskretion übt, Rücksicht nimmt, Peinlichkeit und Ärgerlichkeiten meidet. Aber der, der sich nicht bekennt, weiß es genau. Und der Beziehung entzieht sich das Verleugnen ebenso den Boden wie die spektakulären Varianten des Verrats.

Bernhard Schlink, „Der Vorleser“

Der Vorleser

Warum? Warum wird uns, was schön war, im Rückblick dadurch brüchig, daß es häßliche Wahrheiten verbarg? … Manchmal hält die Erinnerung dem Glück schon dann die Treue nicht, wenn das Ende schmerzlich war. Weil Glück nur stimmt, wenn es ewig hält? Weil schmerzlich nur enden kann, was schmerzlich gewesen ist, unbewußt und unerkannt? … Ist es das, was mich traurig macht? Der Eifer und Glaube, der mich damals erfüllte und dem Leben ein Versprechen entnahm, das es nie und nimmer halten konnte? … Ist diese Traurigkeit die Traurigkeit schlechthin? Ist sie es, die uns befällt, wenn schöne Erinnerungen im Rückblick brüchig werden, weil das erinnerte Glück nicht nur aus der Situation, sondern aus einem Versprechen lebte, das nicht gehalten wurde?

Bernhard Schlink, „Der Vorleser“

Der helle Himmel hat sich schräg zur Wand gestellt.

Jan Vermeer, "Die Musikstunde (ca. 1662-65)
Jan Vermeer, „Die Musikstunde (ca. 1662-65)

Es saust in den Ohren von Tiefe oder Höhe. / Das ist der Druck von der anderen Seite der Wand. / Er bringt jede Tatsache zum Schweben / und macht den Pinsel fest.

Es tut weh, durch Wände zu gehen, man wird davon krank, / aber es muß sein. / Die Welt ist eins. Aber Wände… / Und die Wand ist ein Teil von dir selbst – / man weiß es oder weiß es nicht, doch es gilt für alle, / nur für kleine Kinder nicht. Für sie keine Wand.

Der helle Himmel hat sich schräg zur Wand gestellt. / Es ist wie ein Gebet zur Leere. / Und die Leere kehrt uns ihr Gesicht zu / und flüstert: / „Ich bin nicht leer, ich bin offen.“

Tomas Tranströmer, „Vermeer“

Verstohlen melkten wir den Kosmos und überlebten.

Wir wissen es im Grunde nicht, ahnen es aber: zu unserem Leben gibt es ein Schwesterschiff, das einen ganz anderen Kurs steuert. Während die Sonne hinter den Inseln brennt.

Tomas Tranströmer, „Das blaue Haus“

(* 15. April 1931 in Stockholm, † 26. März 2015 ebenda)

Der Vorleser

Was sind die Zeiten der Krankheit in Kindheit und Jugend doch für verwunschene Zeiten! Die Außenwelt, die Freizeitwelt in Hof oder Garten oder auf der Straße dringt nur mit gedämpften Geräuschen ins Krankenzimmer. Drinnen wuchert die Welt der Geschichten und Gestalten, von denen der Kranke liest. Das Fieber, das die Wahrnehmung schwächt und die Phantasie schärft, macht das Krankenzimmer zu einem neuen, zugleich vertrauten und fremden Raum; Monster zeigen in den Mustern des Vorhangs und der Tapete ihre Fratzen, und Stühle, Tische, Regale und Schrank türmen sich zu Gebirgen, Gebäuden oder Schiffen auf, zugleich zum Greifen nah und in weiter Ferne. Durch lange Nachtstunden begleiten den Kranken die Schläge der Kirchturmuhr, das Brummen gelegentlich vorbeifahrender Autos und der Widerschein ihrer Scheinwerfer, der über Wände und Decke tastet. Es sind Stunden ohne Schlaf, aber keine schlaflosen Stunden, nicht Stunden eines Mangels, sondern Stunden der Fülle. Sehnsüchte, Erinnerungen, Ängste, Lüste arrangieren Labyrinthe, in denen sich der Kranke verliert und entdeckt und verliert. Es sind Stunden, in denen alles möglich wird, Gutes wie Schlechtes.

Das läßt nach, wenn es dem Kranken besser geht. Hat die Krankheit aber lange genug gedauert, dann ist das Krankenzimmer imprägniert und noch der Genesende, der kein Fieber mehr hat, in die Labyrinthe verloren.

Bernhard Schlink, „Der Vorleser“

Nur die notwendigen Bewegungen.

Ich habe dieses Buch in meinen Regalen wiedergefunden. Ich habe keine Erinnerung daran, es gelesen zu haben. Ich weiß, dass ich es getan habe, dass ich es war, die es gelesen hat, ich erkenne meine Unterstreichungen wieder, doch ich sehe mich nicht beim Lesen dieses Buches.

So ähnlich beginnt Der Schmerz von Marguerite Duras. (Immer wenn die Mützenfalterin sie erwähnte, wollte ich es einmal wiederlesen.) Ich habe es am 18.03.1986 gekauft, und möglicherweise war es das letzte Buch, bevor ich lange Zeit keines mehr gelesen habe.

Man darf nicht allzu viele Bewegungen machen, das ist vergeudete Energie, man muß alles Kräfte für das Martyrium aufsparen… – Auf den Straßen sind viel zu viele Leute, ich möchte in einer großen Ebene vorwärtsgehen, allein… – Jene, die von Allgemeinheiten leben, haben nichts mit mir gemein… – Sie haben das spezifische Lächeln von Frauen, die wollen, daß man ihre große Erschöpfung wahrnimmt, aber auch ihre Anstrengung, sie zu verbergen…

Ein paar der Unterstreichungen, die mir auf den ersten Seiten wiederbegegnet sind.

Nun lässt der Frühling sein blaues Band wieder flattern, nicht nur in der Natur, auch in der Stadt flattert wieder blütenzarte Wäsche durch die Lüfte, und selbst das Summen der Motoren vernimmt sich plötzlich viel verführerischer als den ganzen Winter über, streift wie etwas von Sehnsucht erfülltes ahnungsvoll das Ohr. Wie jedes Jahr schlägt die Frühjahrsmanie allerorten bei mir ins Gegenteil um. Als müsste ich mich mit Händen und Füßen gegen einen gut gemeinten Ratschlag zur Wehr setzen. Während sich unter immer noch winterhartem Tweed welke Haut in Falten legt, denke ich dann beim Anblick der wehenden Wäsche im Wind.

In die Notwendigkeit des Häutens und Hüllenabwerfens muss ich mich erst wieder einfinden. So lange es irgendwie geht, weiche ich dem aus, verfolge lieber die seichte Fährte des Lichts schweifend im milchigen Mittag. Auch schön. Zu sehen, wie sie von Woche zu Woche länger wird.

…sobald das Leben wieder zu uns zurückkommt, finden sich auch alle Chancen wieder.

Knausgårds Sterben vorerst auf Eis gelegt.

Inbetween

Es ist einer jener Augenblicke „dazwischen“, die in unserem Leben verbreiteter und für unser Leben charakteristischer sind, als wir bereit sind einzugestehen. Dieses Bild erinnert unter allen Hopper-Bildern am meisten an Vermeer, besonders an sein Bild „Dame mit Dienstmagd und Brief“. Die Dame schreibt und die Dienstmagd wartet, so wie die Frau in „Room in New York“ wartet… sie sind gleich in Bezug auf die Annahme, daß die eigene Abgeschiedenheit auch dann gedeihen kann, wenn man mit anderen zusammen ist.

Mark Strand, „Über Gemälde von Edward Hopper“

Dort, in der Enge unserer Gedanken…

Nun könnte jemand einwenden, die Augen der jungen Frau seien geschlossen und deswegen könne sie nicht für den Betrachter stehen. Das ist richtig; aber ist nicht auch richtig, daß wir genau wissen, was wir sehen, wenn wir uns von dem, was sich vor uns befindet, ab- und den Blick nach innen wenden? Dort, in der Enge unserer Gedanken, werden die Bilder festgehalten und werden am Ende zu einem Teil unseres Wissens von der Welt.

Mark Strand, „Über Gemälde von Edward Hopper“