Mohn und Gedächtnis

Das Gedächtnis ist keine verlässliche Größe im Leben… zitiert die Mützenfalterin in ihrem wundervollen Tagebuch Karl Ove Knausgård. Während die Zeilen noch in meinem Kopf kursieren, kommt mir Paul Celans Corona in den Sinn: …wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis. Dazu gibt es diese Arbeit von Anselm Kiefer, „Mohn und Gedächtnis – Der Engel der Geschichte“, aus der die beiden oben gezeigten Detailansichten stammen. (Ein Beitrag hierzu, „Ocker, braun, schwarz, wie nähere ich mich einem Künstler“, findet sich im übrigen auf dem schönen Blog von Susanne Haun.) Kiefer bezieht sich neben Celan auch auf Walter Benjamin, dessen Begriff vom Neuen Engel wiederum in Paul Klees Angelus Novus seinen Ursprung hat.

Und weil heute ihr Geburtstag ist, Fusznote 105 zu Friederike Mayröckers nichtgeschriebenem Werk:

der grosze kretische Stein auf meinem Magen, einer auf der Schuhablage von 1 Sonnenstrahl gespornter Sommerschuh, der Geruch einer halbierten Zuckermelone, sobald ich die Eiskastentür öffnete, honigverklebte Medikament Packung auf dem Küchentisch, Schriftzüge auf bodenlosen Zettelchen, das Kind in mir, sagt Amos Oz, ich bin in der Anstalt der Wärter fönt mir die nassen Haarspitzen, es ist 1 Zärtlichkeit, habe Geduld mit mir sagte die Mutter in ihren letzten Tagen, die aufgebissenen Lippen die versunkenen Rosen : die welkenden Blumen des eigenen Lebens, schreibe ab aus den eigenen Büchern.

Friederike Mayröcker, „Ich bin in der Anstalt Fusznoten zu einem nichtgeschriebenen Werk”

Angelus Novus

Paul Klee, „Angelus Novus“ (1920)

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.

Walter Benjamin, „Über den Begriff der Geschichte“ (1940), These IX