Kohlmeise & Kopfsteher

Leider können wir nirgends eine mittelalterliche Deutung der Kohlmeise finden. Die Meise berührt mit ihrem Schwanz die obere Hälfte der Muschel und verbindet so die Gruppe des Muschelträgers mit der Gruppe der Distel. Ihr Schnabel deutet direkt auf einen Dorn der Distel – wehrt sie das Böse ab, oder ist sie davon angezogen? Völlig unklar ist, warum die Meise verkehrt herum an der Distel hängt. In gewisser Weise wiederholt sich damit in der Meise der Kopfsteher.

Voll Blüten

Vermutlich gibt es nichts, was in Boschs Garten keine Blüten (oder Perlen) treibt. Auch eine Art Grünlippmuschel findet sich darin. Das haut sogar die Kohlmeise um, wie es scheint bzw. Notiz an mich: Finde heraus, was es mit dem Vogel auf sich hat!

Hieronymus Bosch, "Der Garten der Lüste" (Detail)
Hieronymus Bosch, „Der Garten der Lüste“ (Detail)

Gedankenranken

Himbeere
Himbeere

Um Himbeeren, Sprechblasen, Spruchbänder und Erdbeeren. Der Auslöser war ein Gedicht. Das Gedicht folgt im Anschluss.

Die Fähigkeit, aus dem eigenen Speichel Blasen zu bilden, ist Teil der sprachlichen Entwicklung des Menschen. Bevor das erste Wort seine Lippen verlässt, müssen sämtliche Sprechwerkzeuge aufeinander abgestimmt werden. Spitting bubbles ist eine der kleinstkindlichen Übungen, um die Bewegungen des Mundes koordiniert zu bekommen. Erwachsene haben diese Fähigkeit insofern verfeinert, als sie den Speichel nach bestem Vermögen durch die reine Atemluft ersetzen. Blowing raspberries nennt sich das auf Englisch. Mütter und Väter tun es gerne auf den nackten Bäuchen ihrer Babys:

Enge Grünlippmuschel Himbeer Mund spucken; Komödie Küsse, Lippen klatscht, Himbeeren & Pfeifen.

So lautet die Beschreibung der sich dahinter verbergenden Sounddatei. Der geneigte Leser klicke also auf den Link, um zu hören, wovon hier die Rede ist.

In diesem Zusammenhang fiel mir auf, dass ich die Sprechblase bislang vollkommen vernachlässigt habe. Dabei wurde schon im Mittelalter Gesprochenes auf Gemälden und Druckgrafiken durch flatternde Bänder (Spruchbänder) angedeutet.

Venus steckt in allen Frauen, meint der Kunsthistoriker Professor Eberhard König zum Liebeszauber eines unbekannten niederrheinischen Meisters. Es lässt sich also nicht genau sagen, ob eine heidnische Göttin, eine gute Fee oder nur ein einfaches Mädchen vom Niederrhein das riesige Herz beträufelt, das in einer eigens dafür vorgesehen Schatulle ruht. Versonnen blickt die Frau auf ihr magisches Werk, während in ihrem Rücken ein junger Mann den Raum betritt. Der Meister selbst mag gespürt haben, dass seine Kunst dem Anspruch nicht genügen wollte, nämlich das eigentlich Gemeinte adäquat auszudrücken. Vielleicht lässt er deshalb die Frau und den Mann in ihrem Rücken selber zu Wort kommen und ihre Sätze als geschwungene Spruchbänder durch den Raum ziehen. Sogar der Hund und das in der Schatulle geborgene, gefangene, versteckte oder prunkende Herz haben etwas zu sagen. Das Herz aber scheint jene Erdbeere zu sein, die im Garten der Lüste von Hieronymus Bosch wahrscheinlich schon längst zu einem allgegenwärtigen Motiv der Wollust geworden ist…
Aus Babeltrack

auf einer insel sitzen, ein kind haben, kindhaben
das gegenteil von verinselung, nämlich archipel werden, die
ränder schwemmen auf, werden durchlässig, bilden neue
festländer für versorgungen – fähren unterwegs bis in den
morgen, ziehen milchbahnen hinter sich her, milchbahnen
und fransige schlafbänder, so dass auch die festländer
wieder dösen, sich lösen von allem, und in der sprach der
insel macht es war, in der sprache des kindes macht es
noch sauglaut, bald sprachlaut, in der schnipselsprache
der mittendrin tippenden schlagen blasen, werden sachen
aufgelesen, steht in einer blase jakobson, sagt: die kinder
mit ihren wilden lauten, mit dem ersten blustern lallen,
sind sie in der lage, alle denklichen laute aller sprachen zu
erzeugen, blase steigt auf, welche sie dann vergessen, blase
schwebt bedeutungsschwanger überm Mittag, wenn sie ihre
muttersprache lernen, platzt

Uljana Wolf, aus: „Meine schönste Lengevitch“

Notiz an die Mützenfalterin: Tausend Dank fürs Auflesen und zu mir Herüberschweben lassen…

Avaritia (Habgier, Geiz)

Hieronymus Bosch,

„Tisch mit Szenen zu den sieben Todsünden und den letzten vier Dingen

Szene: sieben Todsünden, Detail: Avaritia“

Ein sinnfälligeres Zitat als das von L. Ron Hubbard kann es in diesem Zusammenhang kaum geben:

Mache Geld, mache mehr Geld, mache, dass Leute mehr Geld machen!

Die Habgier spielt eine besondere Rolle im deutschen Strafrecht als Tatbestandsmerkmal des Mordes (§ 211 StGB) und ist eines der Merkmale, das eine Tötung als Mord qualifiziert. Habgier wird von der Rechtswissenschaft als „rücksichtsloses Streben nach Gewinn um jeden Preis“ definiert. Sie gehört zum subjektiven Tatbestand (Mordmerkmal der ersten Gruppe). Damit das Vorliegen der Habsucht bejaht werden kann, muss sie nicht das einzige Motiv der Tötung sein, aber tatbeherrschend und/oder „bewusstseinsdominant“. Es genügt nach – umstrittener – Auffassung nicht, wenn der Täter durch die Tötung allein Aufwendungen erspart. Der Täter muss vielmehr durch die Tat sein Vermögen objektiv wie auch aus seiner Sicht unmittelbar vermehren (beim Versuch ist beim Ausbleiben des Erfolges auf die Wahrscheinlichkeit abzustellen).

Geiz (von mittelhochdeutsch gīt[e]: „Gier“, „Habgier“) bezeichnet eine zwanghafte Sparsamkeit, damit verbunden auch den Unwillen, Güter zu teilen.

Meyer’s Konversationslexikon (1888) über den Geiz:

Geiz kommt mit dem Erwerbstrieb darin überein, daß er auf die Vermehrung, mit der Sparsamkeit darin, daß er auf die Erhaltung des Besitzes bedacht ist, unterscheidet sich aber von beiden dadurch, daß jenes Streben nicht wie bei diesen Mittel, sondern, wie bei der Habsucht die Vermehrung und wie bei der Sparsucht die Erhaltung des Besitzes, Selbstzweck ist, daher er wie jene auch unerlaubte Erwerbsmittel nicht scheut, und wie diese auf die Befriedigung auch notwendiger Bedürfnisse Verzicht leistet. Geringerer Grad von Geiz ist die Kargheit, die sich auf das unentbehrliche Maß von Genüssen beschränkt und zur Knickerei wird, wenn sie auch wirkliche Bedürfnisse übersieht, zur Knauserei aber, wenn sie darauf ausgeht, andre auf kleinliche Weise in dem ihnen Gebührenden zu beeinträchtigen oder zu beschädigen. Der höchste Grad des Geizes, wo derselbe das Ehrgefühl des Menschen völlig ertötet und eine niedrige und verächtliche Gesinnungs- und Handlungsweise zuwege gebracht hat, heißt schmutziger Geiz oder Filzigkeit und der ihm Verfallene Geizhals. Eine Musterschilderung des Geizes (als Knauserei) hat Molière in seinem berühmten Lustspiel „L’Avare“ gegeben.

Einerseits erscheint der Begriff heutzutage schon fast veraltet. Andererseits hat er durch den Slogan „Geiz ist geil!“ gerade erst eine Wiederbelebung erfahren.

Quelle: wikipedia

Superbia (Hochmut)

Hieronymus Bosch,

„Tisch mit Szenen zu den sieben Todsünden und den letzten vier Dingen

Szene: sieben Todsünden, Detail: Superbia“

Der Hochmut (altgr. „ὕβρις“, Hybris; lat. arrogantia, superbia), auch die Anmaßung, Überheblichkeit, Arroganz, veraltet: Hoffart, Dünkel, ist eine Haltung, die Wert und Rang (Standesdünkel) oder Fähigkeiten der eigenen Person besonders hoch veranschlagt. Der Gegensatz zum Hochmut ist die Demut.

Meint man mit „Selbstüberschätzung“ eine Überbewertung eigenen Könnens, so zielen Hochmut und Arroganz auf soziale Distanz. In Haltung und Umgangsform werden sie durch Anstand und Höflichkeit gezügelt. Den Hochmut begünstigende Ursachen sind Eitelkeit und Narzissmus.

Dünkel dagegen soll insgeheim gefühlte Leere kompensieren und wird als Anmaßung empfunden. Tölpelhafter Dünkel macht seinen Träger zum Schnösel.

Der Begriff Hochmut beinhaltet (wie auch Übermut u. a.) die Komponente -mut in der alten Bedeutung von Gemüt (zu Etymologie und weiteren Komposita vgl. Mut).

Die Hybris (griechisch ὕβρις „der Übermut“, „die Anmaßung“) bezeichnet eine Selbstüberhebung, die unter Berufung auf einen gerechten göttlichen Zorn, die Nemesis, gerächt wird. Die Hybris ist der Auslöser des Falls vieler Hauptfiguren in griechischen Tragödien. Die Hauptfigur ignoriert in ihrer Überheblichkeit Befehle und Gesetze der Götter, was unvermeidlich zu ihrem Fall und Tod führt.

Nach Auffassung von Walter Arnold Kaufmann ist Hybris mitnichten zu verstehen als Stolz auf eigene Leistung oder eigenen Wert, nicht einmal Herausstreichen des eigenen Verdiensts. Hybris ist nicht wie Stolz etwas, das man fühlt, sondern mit einer Handlung verquickt. Das griechische Verb ὑβρίζειν bedeutet bei Homer „zügellos werden“ oder „sich austoben“ und wird auch auf Flüsse, wuchernde Pflanzen und überfütterte Esel angewandt, die schreien und aufstampfen. Hybris bedeutet demnach „mutwillige Gewalt“ und „Frechheit“ (etwa in der Odyssee gebraucht für Penelopes Freier). Es bedeutet auch „Gier“ und „Lüsternheit“. Hybrisma bedeutet „Frevel, Vergewaltigung, Raub“ und fasst im Recht alles zusammen, was einer Gottheit oder einem Menschen an schwerer Unbill zugefügt wird.

Im aktuellen Sprachgebrauch wird „Hybris“ als ein bildungssprachlicher Ausdruck für Vermessenheit und Selbstüberhebung verwendet, die zu einem schlimmen Ende führen werden. Beispiel: „Die Hybris, die uns versuchen läßt, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen, verführt uns dazu, unsere gute Erde in eine Hölle zu verwandeln.“ (Karl Popper)

Hybrid ist neben hybrisch seit dem 20. Jahrhundert fälschlicherweise als Adjektivierung von Hybris gebräuchlich und bezeichnet etwas sich selbst Überschätzendes, Größenwahnsinniges, von Hybris Besessenes.

Quelle: wikipedia

Todsünden, Hauptlaster und Kardinaltugenden

Mit dem Begriff Todsünde (peccatum mortiferum) werden im Katechismus der Katholischen Kirche bestimmte, besonders schwerwiegende Sünden (Mord, Ehebruch und Glaubensabfall) bezeichnet.

Davon grenzt die katechetische Tradition der römisch-katholischen Kirche einerseits die „himmelschreiende Sünde“ als Steigerung gegenüber der Todsünde, andererseits die „lässliche Sünde“ als minderschweres, geringfügiges Vergehen ab.

Papst Johannes Paul II. konkretisierte den Begriff Todsünde im Apostolischen Schreiben über Versöhnung und Buße in der Kirche Reconciliatio et paenitentia aus dem Jahr 1984 wie folgt:

Die Lehre der Kirche nennt „denjenigen Akt eine Todsünde, durch den ein Mensch bewusst und frei Gott und sein Gesetz sowie den Bund der Liebe, den dieser ihm anbietet, zurückweist, indem er es vorzieht, sich selbst zuzuwenden oder irgendeiner geschaffenen und endlichen Wirklichkeit, irgendeiner Sache, die im Widerspruch zum göttlichen Willen steht“.

Sünden entstehen nach der klassischen Theologie aus sieben schlechten Charaktereigenschaften:

  • Superbia: Hochmut (Übermut, Eitelkeit, Stolz)
  • Avaritia: Geiz (Habgier, Habsucht)
  • Luxuria: Wollust (Genusssucht, Ausschweifung)
  • Ira: Zorn (Wut, Vergeltung, Rachsucht)
  • Gula: Völlerei (Gefräßigkeit, Unmäßigkeit, Maßlosigkeit, Selbstsucht)
  • Invidia: Neid (Missgunst, Eifersucht)
  • Acedia: Trägheit des Herzens/des Geistes (Faulheit, Feigheit, Ignoranz)

Diese Charaktereigenschaften werden als Hauptlaster bezeichnet. Sie sind selbst keine Sünden im engeren Sinne, jedoch die Ursache von Sünden und können sowohl zu schweren als auch zu lässlichen Sünden führen. Da die Hauptlaster Ursache und somit Wurzel von Sünden sind, werden sie gelegentlich auch als „Wurzelsünden“ bezeichnet; auch der Begriff „Hauptsünde“ ist gebräuchlich. Verwirrend und theologisch falsch, aber umgangssprachlich gebräuchlich ist die Bezeichnung der sieben Hauptlaster als „sieben Todsünden“.

Hieronymus Bosch, „Tisch mit Szenen zu den sieben Todsünden und den letzten vier Dingen (Totenbett, Letztes Gericht, Himmel und Hölle)“

„Unter den drei Lastern: Faulheit, Feigheit und Falschheit, scheint das erstere das verächtlichste zu sein. Allein in dieser Beurteilung kann man dem Menschen oft sehr unrecht tun. Denn die Natur hat auch den Abscheu für anhaltende Arbeit manchem Subjekt weislich in seinen für ihn sowohl als andere heilsamen Instinkt gelegt: weil dieses etwa keinen langen oder oft wiederholenden Kräfteaufwand ohne Erschöpfung vertrug, sondern gewisser Pausen der Erholung bedurfte. Demitrius hätte daher nicht ohne Grund immer auch dieser Unholdin (der Faulheit) einen Altar bestimmen können: indem,

  • wenn nicht Faulheit noch dazwischenträte, die rastlose Bosheit weit mehr Übels, als jetzt noch ist, in der Welt verüben würde;
  • wenn nicht Feigheit sich der Menschen erbarmte, der kriegerische Blutdurst die Menschen bald aufreiben würde,
  • und, wäre nicht Falschheit [da nämlich unter vielen sich zum Komplott vereinigenden Bösewichtern in großer Zahl (z. B. in einem Regiment) immer einer sein wird, der es verrät], bei der angeborenen Bösartigkeit der menschlichen Natur ganze Staaten bald gestürzt sein würden.“

Immanuel Kant: Anthropologie in pragmatischer Hinsicht; 1798; § 87: Von dem höchsten physischen Gut

Seit der mittelalterlichen Theologie werden den Hauptlastern häufig die Kardinaltugenden gegenübergestellt, die verschiedene Teil-Tugenden zusammenfassen.

Als Kardinaltugenden (von lat. cardo, „Türangel, Dreh- und Angelpunkt“) bezeichnet man seit der Antike eine Gruppe von vier Grundtugenden. Diese waren anfangs nicht bei allen Autoren dieselben. Eine Vierergruppe ist bereits im Griechenland des 5. Jahrhunderts v. Chr. belegt und war wohl schon früher bekannt; die Bezeichnung „Kardinaltugenden“ wurde in der spätantiken Patristik im 4. Jahrhundert eingeführt.

Platon ordnet jedem der drei von ihm angenommenen Seelenteile und jedem der drei Stände seines Idealstaats eine Tugend zu, nämlich dem obersten Seelenteil bzw. Stand die Weisheit, dem zweitrangigen die Tapferkeit und dem niedersten die Verständigkeit oder Fähigkeit des Maßhaltens. Die Gerechtigkeit ist allen drei zugewiesen, sie sorgt für das rechte Zusammenwirken der Teile des Ganzen.

Im Neuen Testament kommt der Kanon der vier Tugenden nicht vor. Der Apostel Paulus führte drei theologische Tugenden ein: Glaube (lateinisch fides), Hoffnung (lateinischspes) und Liebe (lateinisch caritas).

Zusammen ergibt das die Siebenzahl:

  • Weisheit oder Klugheit
  • Gerechtigkeit
  • Tapferkeit
  • Mäßigung
  • Glaube
  • Hoffnung
  • Liebe

Immanuel Kant lässt nur eine Primärtugend gelten: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als allein ein guter Wille.“ Fehle dieser, können alle anderen Tugenden „auch äußerst böse und schädlich werden“.

In China finden sich die fünf konfuzianischen Kardinaltugenden (siehe auch Mengzi), im Yoga und im Hinduismus die fünf Yamas bzw. Niyamas.

Quelle: wikipedia