Ich beichte

Georges de la Tour, "Éducation de la Vierge" (1650)
Georges de la Tour, „Éducation de la Vierge“ (1650)

Es ist ja mal so, beginnt die gute Tikerscherk so manchen ihrer wunderbaren Einträge auf Kreuzberg Süd-Ost, und wenn ich schon von ihr nominiert bin, bediene ich mich auch gleich einer ihrer Formulierungen: Es ist ja mal so: Beichten ist eine ernste Angelegenheit. Das ein oder andere Geständnis habe ich aus eben diesem Grund in die Tonne getreten. Zu kokett. Zu wenig intim. Zu schmerzlos. Dass ich die Wäsche so lange auf der Leine hin- und herschiebe, bis das Gesamtbild meinen Vorstellungen entspricht, zum Beispiel. Immer nach denselben Kriterien, als da wären: Art, Größe und Farbe der einzelnen Teile. Am ehesten vergleichbar mit Rubik’s Cube oder Solitär, ein mechanisches Geduldsspiel ohne erkennbaren Mehrwert außer der Manifestation einer äußeren Ordnung und dabei möglichst wenig Fehlgriffe zu landen. Und, ja, ich ärgere mich, wenn aus der Tiefe des Raumes plötzlich noch eine schwarze Unterhose schlüpft, während die Reihen mit selbigen schon gefüllt und die Lücken dahinter bereits geschlossen sind. Aber die Schamesröte? Da gilt es schon ein bisschen tiefer zu buddeln.

Als ich in die vierte Klasse kam, zogen wir um. Nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal. Diesmal von Nord nach Süd. Warum, weshalb, warum, und was das mit mir machte, wäre eine andere Geschichte. Es ist der erste Umzug, an den ich mich bewusst erinnere. The first cut is the deepest. Meine Mutter, die mit mir manchmal die Sonntagsmesse besuchte und eine, wie sich herausstellen sollte, eher vage Vorstellung von den Sitten und Gebräuchen in anderen Bundesländern hatte, meldete mich am alten Wohnort vorsorglich zur Erstkommunion an. Ich besuchte also kurz bevor es Abschied nehmen hieß noch einen entsprechenden Kurs für Kinder aller Altersstufen in der örtlichen Pfarrgemeinde. Und wenngleich mir schon damals nicht klar war, weshalb ich in der Kirche immer das tun musste, was alle anderen taten, machte ich meine Sache gut, ja, geradezu vorbildlich. Das dazugehörige Malbuch befindet sich noch heute in meinem Fundus.

Zu Beginn des neuen Schuljahrs fand ich mich in einem Dorf auf der Schwäbischen Alb wieder. Dort gab es jede Menge Uhren, und alle tickten sie anders als die altbekannten. Mit der Erstkommunion hatte meine Mutter richtig gelegen, darüber hinaus aber hatten meine neuen Klassenkameraden alle schon gebeichtet. Denn den Leib Christi empfangen, ohne gebeichtet zu haben, war eine Sünde für sich. Eines derart verirrten Schäfchens nahm sich der Geistliche am Ort höchstpersönlich an. Er drückte mir also ein Heftchen in die Hand, zum Lesen, nicht zum Ausmalen, das sollte ich durcharbeiten und an einem der folgenden Samstagnachmittage zu ihm in den Beichtstuhl kommen. Gewissenhaft wie ich war, bereitete ich mich auch darauf mit der gebotenen Sorgfalt vor. Nur, je näher die Stunde der Wahrheit rückte, um so größer wurde meine Angst. Als ich schließlich vor dem Priester kniete, das vergitterte Profil mit dem mir zugeneigten Ohr vor Augen, ergriff mich die erste Panikattacke meines Lebens. Schluchzend stürzte ich aus dem Beichtstuhl. Auf und davon. In der Folge musste ich jedoch einsehen, dass es nicht an der Zeit war, eine Sache, die einer gewissen Ordnung bedarf, auf sich beruhen zu lassen. Ich musste also wohl oder übel in einen sauren Apfel beißen, von dem ich überhaupt nicht wusste, was er mir bedeuten sollte.

Damals hatte ich eine Freundin, Edith, deren Mutter an Leukämie erkrankt war. Ich erinnere dunkle Winternachmittage, an denen wir zusammen im Wohnzimmer saßen und ihr abwechselnd aus dem Doppelten Lottchen vorlasen, während es draußen stürmte und schneite. Das war schön. Wie im Märchen. Ein großer schwarzer Vogel stand mitten im Raum, und eine seiner Schwingen lag schwer auf den Schultern der stillen blassen Frau, die gefasst in ihrem Sessel saß, aber wenn auch noch ein Bär an die Tür geklopft und um Einlass gebeten hätte, ich hätte mich nicht gewundert. Der Bär wäre mein gewesen, mein ganz allein, denn Edith hatte schon einen Freund. Wenn sie von ihm erzählte, wurde ich neidisch, ich, die heimlich noch mit Puppen spielte, ich wollte auch einen Freund, und er sollte genau so sein wie der, den Edith mir beschrieb. Irgendwann begann ich, mir Briefe auszudenken und aufzuschreiben. Und immer wenn Edith von ihrem Freund sprach, zog ich einen von ihnen aus der Tasche und gab ihr zu lesen, was meiner mir geschrieben hatte. Von hier an lässt mich meine Erinnerung im Stich. Ich denke, dass ich den Bogen überspannte, dass meine Phantasie mit mir durchging, ja, ich bin mir sicher, dass Edith mir irgendwann nicht mehr glaubte und ich mich zu schämen begann. Jedenfalls waren wir schon nicht mehr befreundet, als ihre Mutter starb. Die Schmach, die ich empfand, als ich ihr auf Geheiß meiner Eltern unsere Beileidswünsche überbringen musste, hätte nicht größer sein können. Ein Gang nach Canossa, bei dem ich ihr kaum in die Augen sehen konnte.

Diesmal war ich froh, als wir wenig später wieder umzogen. Mittlerweile hatte ich den Tick entwickelt, jeden Morgen mit dem Vorsatz aufzustehen, ein völliges neues Leben zu beginnen. Ein Spiel, das sich jetzt um die Dimension eines neuen Ortes erweitern ließ.

Der Priester dort hielt mir in seinem Beichtstuhl eine Strafpredigt, als ich ihm vertrauensselig versicherte, dass ich, obwohl meine letzte Beichte mehr als vier Wochen zurücklag, selbstverständlich die Kommunion empfangen hätte. Die mir zur Buße auferlegten 10 Gegrüßet-seist-du-Maria und 10 Vater-unser habe ich wohl noch ein letztes Mal gebetet, während ich mir gleichzeitig insgeheim schwor, nie wieder einen Beichtstuhl zu betreten.

Die gute Tikerscherk möge mir nun also verzeihen, dass ich keine sieben Geständnisse zuwege gebracht habe, das Stöckchen nicht ordnungsgemäß weiterreiche und mich am Ende auch noch als Spielverderberin oute. Es ist ja mal so: Beichten ist eine ernste Angelegenheit.