Frau am Fenster V

[Edward Hopper’s] women do not seem to have lives apart from the rooms in which we find them. They peer out into a world, the one the rest of us occupy – and it may be with a degree of longing – but it is not their world. … We feel it as certainly as we do the assertive geometrical character of the rooms they occupy. This spatial solidity is what lends the paintings an air of permanence and fixes the woman in place, as in Morning Sun (1952):

So much so that imagining them in any other context represents only a form of escape on the viewer’s part from the imprisoning resolution of the painting. The tendency to create narratives around the works of Hopper only sentimentalizes and trivializes them. The women in Hopper’s rooms do not have a future or a past. They have come into existence with the rooms we see them in. And yet, on some level, these paintings do invite our narrative participation – as if to show how inadequate it is. No, the paintings are each a self-enclosed universe in which its mysteriousness remains intact, and for many of us this is intolerable. To have no future, no past would mean suspension, not resolution – the unpleasant erasure of narrative, or any formal structure that would help normalize the uncanny as an unexplainable element in our own lives.

Mark Strand on Edward Hopper

Frau am Fenster IV

Welch eine sonderbare und großartige Erfindung ist doch Glas – nah zu sein, ohne aneinanderzugeraten. … Ich sitze hinter Glas, still, mein eigenes Porträt.

Tomas Tranströmer, „Isländischer Orkan“ in „Sämtliche Gedichte“

Die Zeichnende junge Frau wird erst seit 1996 Marie-Denise Villers zugeschrieben und ist möglicherweise ein Selbstporträt der Künstlerin. Ihr bevorzugtes Motiv waren Bildnisse junger Frauen unter dem selbst gewählten Begriff études des femmes.

Rooms by the Sea

Über [Rooms by the Sea] liest man in Jo Hoppers Logbuch, daß es erst anders heißen sollte, nämlich The Jumping Off Place. Und das sieht man dem Bild auch an: Gerade noch ist jemand aus der offenen Tür ins Meer hinausgesprungen, das da bis unmittelbar unter die Schwelle des Zimmers heranschlägt, so als sei dieses Haus auf eine Klippe gebaut oder stünde auf Stelzen im Meer. Und im nächsten Moment wird auch in der Ferne, am Horizont, ein Boot erscheinen, zu weit weg, um den noch aufzufischen, der sich da in das unendliche Meer gestürzt hat. [Es] scheint eine herrliche milde Nachmittagssonne (Jo im Tagebuch: „Early October“) in ein leeres Zimmer, aber auch hier kann ihr schönes Licht nicht die Feindlichkeit der Welt vergessen lassen

Wim Wenders in der Zeit in einem Artikel über die vierbändige Ausgabe der Werke Edward Hoppers, „Edward Hopper, An Intimate Biography“ von Gail Levin

Ein wenig anders sieht es Mark Strand in seiner Schrift „Über Gemälde von Edward Hopper“:

Eine heitere Fremdartigkeit hat von den Räumen Besitz ergriffen. Der Ausblick, der den offenen Zugang rechts ausfüllt, ist zwar gewaltig, aber nicht bedrohlich. Das Wasser scheint bis unmittelbar an die Tür zu reichen, als ob es keinen Mittelgrund oder kein Ufer gäbe, ja als ob es von Magritte gestohlen worden wäre. Es ist eine Ansicht der Natur, die ungeschönt und außergewöhnlich ist. Auf der linken Seite des Bildes bietet sich uns ein schmaler, gedrängter Ausblick auf das Gegenstück zur Natur – auf einen Raum, ausgestattet mit einem Sofa oder einem Sessel, einer Kommode und einem Gemälde – eine Auswahl von Gegenständen des häuslichen Lebens. Das Bild drängt uns zu einer Bewegung von rechts nach links, so als ginge es bei dem Anblick, den es uns bieten will, nicht um das Meer, sondern um den teilweise verdeckten, zweiten Raum. Selbst das Meer, so scheint es, schaut auf und herein, und auch das Licht weist uns eben darauf hin und teilt uns mit, wohin wir blicken müssen.

Der zweite Raum ist ein möbliertes Echo des ersten. Die Verdoppelung des Raumes ist beruhigend, weil sie Vorstellungen von Beständigkeit und Gemeinsamkeit ins Bild setzt, die beide zusammen die Grundlage für häusliches Wohlbehagen ausmachen. Und das Meer und der Himmel, zwei Agenten des Willens der Natur, sehen in diesem Zusammenhang unverfänglich aus.

Der vermeintlich bösartige Unterton von „A Jump Off Place“ soll Hopper bewogen haben, den Titel des Bildes zu ändern.

Beiden Sichtweisen kann ich etwas abgewinnen. Was immer mit den Menschen sein mag, die darauf nicht zu sehen sind, es wäre kein Hopper, ohne sein enigmatisches Moment, dem das von Magritte gestohlene Wasser durchaus etwas Heiteres verleiht. Wenn mich etwas beunruhigt, dann ist es das in der Tat unverfängliche Aussehen der beiden Agenten des Willens der Natur. Ein Satz von Herta Müller fällt mir ein:

Die Landschaft steht intakt da, während du nicht weißt, wie es weitergeht. Irgendwie ist es ihr total egal. Sie will dich ja doch fressen. Wenn du stirbst, hat sie dich.

Excursion into Philosophy

Mark Strand vermag Edward Hopper’s Excursion into Philosophy kaum etwas abzugewinnen. Hopper’s Frau soll einmal gesagt haben, das aufgeschlagene Buch sei Platon, zu spät noch einmal gelesen. Ein Kritiker berichtet, Hopper selbst habe über den Mann die Bemerkung fallen lassen, dieser habe Platon erst recht spät in seinem Leben gelesen. Strand selbst kann nicht erkennen, welchen Schaden es überhaupt anrichten sollte, Platon zu lesen. Und so endet seine Betrachtung mit den Worten:

Das Leben des Geistes gegen das Leben des Körpers? Das Spirituelle gegen das das Physische? Die streng gerunzelten Brauen des Mannes wirken immer mehr übertrieben und das grob gemalte Gesäß der Frau wie ein Witz.

Wieso, weshalb, warum ausgerechnet Platon? Denn auch von jener Spielart der Liebe, die nach ihm benannt und von seelischer Zuneigung geprägt ist, also auf den Respekt vor der Person des geliebten Menschen gründet, ist in Hoppers Bild wenig zu spüren. Philosophie aber, wie Platon sie versteht, ist selbst eine Weise des Eros, ist vom Wesen her Liebe. Der tiefere Sinn der platonischen Liebe besteht in der Überführung des sinnlichen Begehrens in eine höhere Form des Verlangens. Der Eros, wie Platon ihn versteht, ist Streben nach dem Urbild, nach der Idee des Schönen. Das eigentlich Wirkliche im Wirklichen sind nicht die Dinge, die das Schöne verkörpern, sondern jenes Urbild des Schönen, das in ihnen aufscheint. Die Dinge sind nur die Abbilder der Idee und vergänglich. Die Idee selber jedoch währt ewig. Nur, woher stammt das Urbild, das wir immer schon vor Augen haben, wenn wir das Wirkliche erkennen? Platon erklärt ihren Ursprung anhand eines Bildes, das unser Dasein vor unserer Existenz auf Erden beschreibt, die Seelen im Gefolge der Götter oberhalb des Himmelsgewölbes, wie sie die Urbilder alles Wirklichen erblicken:

Zeus, der große Fürst im Himmel, zieht als erster aus, seinen geflügelten Wagen lenkend; er ordnet alles und sorgt für alles. Ihm folgt ein Heer von Göttern und Dämonen. [Ihnen schließen sich auch die menschlichen Seelen an, als Zwiegespann mit einem Wagenlenker. Sie] fahren, wenn sie zur Höhe gekommen sind, hinaus und betreten den Rücken des Himmelsgewölbes. Wenn sie dort anhalten, führt sie der Umschwung herum, und sie schauen, was außerhalb des Himmelsgewölbes ist. [Der Geist] einer jeglichen Seele, die in sich aufnehmen will, was ihr gemäß ist, sieht so von Zeit zu Zeit das Sein. Er liebt und schaut das Wahre, nährt sich von ihm und genießt es, bis der Umschwung im Kreise wieder an dieselbe Stelle zurückgekehrt ist. Während des Umlaufs aber betrachtet er die Gerechtigkeit selbst, betrachtet die Besonnenheit, betrachtet die Erkenntnis… und das übrige wahrhaft Seiende und labt sich daran. Dann taucht die Seele wieder ein in den Bereich unterhalb des Himmelsgewölbes und fährt nach Hause…

Erkennen ist also Wiedererinnern. Dem Schönen kommt dabei eine besondere Bedeutung bei:

…Wenn einer die Schönheit hier sieht und sich dabei an das Wahre erinnert, wird er mit Flügeln versehen, und so geflügelt sehnt er sich danach, sich hinaufzuschwingen. Das aber vermag er nicht. Darum blickt er nur wie ein Vogel nach oben und vernachlässigt, was unten ist. Dann beschuldigt man ihn, er sei wahnsinnig. Das aber ist der beste aller Enthusiasmen. Doch ist es nicht einer jeden Seele leicht, sich von den Dingen her wieder daran zu erinnern: weder denen, die herabgestürzt und dort nur kurz geschaut haben, noch denen, die herabgestürzt und dabei verunglückt sind und sich nun in fragwürdigem Umgang der Ungerechtigkeit zuwenden und das Heilige vergessen, das sie dort geschaut haben. Nur wenigen bleibt eine ausreichende Erinnerung. Wenn diese aber etwas erblicken, was dem ähnlich ist, was sie dort gesehen haben, geraten sie außer sich und sind nicht mehr ihrer selbst mächtig.

Wilhelm Weischedel, „Die philosophische Hintertreppe“

Die Kunsthistorikerin Gail Levin interpretiert Hoppers Excursion in Philosophy so:

Plato’s philosopher, in search of the real and the true, must turn away from this transitory realm and contemplate the eternal Forms and Ideas. The pensive man in Hopper’s painting is positioned between the lure of the earthly domain, figured by the woman, and the call of the higher spiritual domain, represented by the ethereal lightfall. The pain of thinking about this choice and its consequences, after reading Plato all night, is evident. He is paralysed by the fervent inner labour of the melancholic.

Gail Levin, „The Complete Oil Paintings of Edward Hopper“

Studenten der Ohio University, deren Aufgabe es war, ein 2 – 3minütiges Video zu drehen, in dem die letzte Szene sich mit einem Gemälde von Edward Hopper decken sollte, haben Platon kurzerhand durch Faulkner ersetzt:

They say love dies between two people. That’s wrong. It doesn’t die. It just leaves you, goes away, if you aren’t good enough, worthy enough. It doesn’t die; you’re the the one that dies. It’s like the ocean: if you’re no good, if you begin to make a bad smell in it, it just spews you up somewhere to die. You die anyway, but I had rather drown in the ocean than be urped up onto a strip of dead beach and be dried away by the sun into a little foul smear with no name to it, just this was for an epitaph.

William Faulkner, „The Wild Palms“

Am Ende stellt sich mir die Frage, welche Bedeutung es haben könnte, Platon erst spät oder zu spät noch einmal zu lesen.

If her life were a train, she wouldn’t be able to catch it…

Die hohe Decke [in Chair Car], die nicht wie gewöhnlich gewölbt, sondern rechteckig ist, und die geschlossene Tür bewirken, daß unserer Bewegung nach vorne eine absolute Grenze gesetzt und der zwingende Eindruck erzeugt wird, daß diese Leute hier nicht sehr weit fahren, wenn sie überhaupt reisen. Auch außerhalb des Fensters gibt es nichts, was auf eine Bewegung hindeutet, nichts als das Licht, das – obwohl es den Betrachter zur Tür führt – das Bild scheinbar erstarren läßt, es in einer absoluten Gegenwart einfriert…

Etwas, was uns in Chair Car anzieht, ist die Art und Weise, wie die vier Passagiere die Beliebigkeit individueller Interessen vorführen… Die Insichgekehrtheit jeder Person überschneidet sich gewissermaßen mit der Hauptstoßrichtung des Bildes und befreit sie aus dem wie ein Gefängnis erscheinenden Wagen. Das Gefühl, gleichzeitig eingesperrt und ausgesperrt zu sein, ist dem, was wir in Nighthawks verspüren, eng verwandt, es treibt uns vorwärts, obwohl es darauf beharrt, daß wir bleiben. Dabei handelt es sich um ein ziemlich konsistentes Muster bei Hopper, daß die Geometrie des Bildes eine Handlung einfordert, die der von der Erzählung gewollten Handlung entgegensteht.

Mark Strand, „Über Gemälde von Edward Hopper“

Für eine sehr schön animierte Version von Compartment C Car 293 von Nick Brown siehe hier… (…und in diesem Zusammenhang ein herzliches Dankeschön an die Beat Company!)

Office at Night

The poem, [“Edward Hopper’s Office at Night”], is a part of a series of poems titled The Boss.  I, probably like many people in America, have had my fair share of horrible bosses, but one was so horrible that I started thinking about power and how it shapes or misshapes our relationships in the workplace.  The whole series became a query into the odd hierarchical relationships we form and how we struggle for power.  As an entryway into such poems, I returned to some of my favorite ekphrastic inspiration – Edward Hopper’s paintings.  Surprisingly he has several paintings that take place in offices and [Office at Night] is one of them.  Form, or lack of form is also something that helped mirror the sense of breathlessness, urgency, or spinning out of control that I felt necessary to convey so this whole series lacks any form of punctuation and is written in long lines.

Victoria Chang

Edward Hopper - Office at Night (1940)
Edward Hopper, „Office at Night“ (1940)

The boss is sitting at the desk the boss doesn’t look
at her the boss is waiting for the black telephone
to ring she also waits for a ring from the boss he is
waiting for the files from her

her blue dress like a reused file folder around
her body her hands tight around the files
the filing cabinet might eat her might take her hand off
the boss might eat her the boss

wants her but the boss wants money more just a little bit
more the boss always seems to want
the money a bit more the boss doesn’t hear
there are taxis outside waiting

for all the women down on the street across the street
a boss prepares for bed another boss above him
in apartment X rotates a Q-tip in his ear before sex
despite instructions on the box we took

my father out of the paper the living will the letters
with their little capes will leave the paper
who will take care of my children later who will take care
of my father the will will take care

of no one a piece of paper cannot take care of anyone I
cannot take care of everyone on some nights
I wake in a panic and can’t tell if I am dead or alive
this year I dye my hair so I won’t have to die

Victoria Chang

Automat

Wenn das, was das Fenster widerspiegelt, wahr ist, dann ereignet sich die Szene in einem Zwischenreich, in einer Art Schwebezustand, und die sitzende Frau ist eine Illusion. Das ist eine beunruhigende Vorstellung. Und wenn die Frau in einem solchen Kontext über sich nachdenkt, kann sie unmöglich glücklich sein…

Mark Strand, „Über Gemälde von Edwad Hopper“

Edward Hopper - Automat - 1927
Edward Hopper, „Automat“ (1927)

The woman in the automat must work must
have a boss must walk
to work two legs red with heat two legs
pressed into each other as if one
depended on the other the woman in the automat
takes one glove off to hold
the cup to shake the hand of a boss one hand
free she looks down at the circle
on the table looks down at the round reflection
of circular lights her boss circulates
memos her boss is the circle the circumference
circles her each day like a minno

Victoria Chang

Nur die notwendigen Bewegungen.

Ich habe dieses Buch in meinen Regalen wiedergefunden. Ich habe keine Erinnerung daran, es gelesen zu haben. Ich weiß, dass ich es getan habe, dass ich es war, die es gelesen hat, ich erkenne meine Unterstreichungen wieder, doch ich sehe mich nicht beim Lesen dieses Buches.

So ähnlich beginnt Der Schmerz von Marguerite Duras. (Immer wenn die Mützenfalterin sie erwähnte, wollte ich es einmal wiederlesen.) Ich habe es am 18.03.1986 gekauft, und möglicherweise war es das letzte Buch, bevor ich lange Zeit keines mehr gelesen habe.

Man darf nicht allzu viele Bewegungen machen, das ist vergeudete Energie, man muß alles Kräfte für das Martyrium aufsparen… – Auf den Straßen sind viel zu viele Leute, ich möchte in einer großen Ebene vorwärtsgehen, allein… – Jene, die von Allgemeinheiten leben, haben nichts mit mir gemein… – Sie haben das spezifische Lächeln von Frauen, die wollen, daß man ihre große Erschöpfung wahrnimmt, aber auch ihre Anstrengung, sie zu verbergen…

Ein paar der Unterstreichungen, die mir auf den ersten Seiten wiederbegegnet sind.

Nun lässt der Frühling sein blaues Band wieder flattern, nicht nur in der Natur, auch in der Stadt flattert wieder blütenzarte Wäsche durch die Lüfte, und selbst das Summen der Motoren vernimmt sich plötzlich viel verführerischer als den ganzen Winter über, streift wie etwas von Sehnsucht erfülltes ahnungsvoll das Ohr. Wie jedes Jahr schlägt die Frühjahrsmanie allerorten bei mir ins Gegenteil um. Als müsste ich mich mit Händen und Füßen gegen einen gut gemeinten Ratschlag zur Wehr setzen. Während sich unter immer noch winterhartem Tweed welke Haut in Falten legt, denke ich dann beim Anblick der wehenden Wäsche im Wind.

In die Notwendigkeit des Häutens und Hüllenabwerfens muss ich mich erst wieder einfinden. So lange es irgendwie geht, weiche ich dem aus, verfolge lieber die seichte Fährte des Lichts schweifend im milchigen Mittag. Auch schön. Zu sehen, wie sie von Woche zu Woche länger wird.

…sobald das Leben wieder zu uns zurückkommt, finden sich auch alle Chancen wieder.

Knausgårds Sterben vorerst auf Eis gelegt.

Inbetween

Es ist einer jener Augenblicke „dazwischen“, die in unserem Leben verbreiteter und für unser Leben charakteristischer sind, als wir bereit sind einzugestehen. Dieses Bild erinnert unter allen Hopper-Bildern am meisten an Vermeer, besonders an sein Bild „Dame mit Dienstmagd und Brief“. Die Dame schreibt und die Dienstmagd wartet, so wie die Frau in „Room in New York“ wartet… sie sind gleich in Bezug auf die Annahme, daß die eigene Abgeschiedenheit auch dann gedeihen kann, wenn man mit anderen zusammen ist.

Mark Strand, „Über Gemälde von Edward Hopper“

Dort, in der Enge unserer Gedanken…

Nun könnte jemand einwenden, die Augen der jungen Frau seien geschlossen und deswegen könne sie nicht für den Betrachter stehen. Das ist richtig; aber ist nicht auch richtig, daß wir genau wissen, was wir sehen, wenn wir uns von dem, was sich vor uns befindet, ab- und den Blick nach innen wenden? Dort, in der Enge unserer Gedanken, werden die Bilder festgehalten und werden am Ende zu einem Teil unseres Wissens von der Welt.

Mark Strand, „Über Gemälde von Edward Hopper“

Die Kleine Bijou

Edward Hopper, "Le Bistro", (1909)
Edward Hopper, „Le Bistro“, (1909)

Die  Wintermorgen, an denen es noch dunkel ist, bei scharfer Luft, wenn die Lichter brennen und die ersten Gäste an der Theke stehen wie Verschwörer, geben einem die Illusion, der kommende Tag werde ein abenteuerlicher sein. Und diese Illusion wirkt am Morgen noch eine Zeitlang weiter. Im Sommer, wenn sich ein heißer Tag ankündigte und erst wenig Verkehr war, setzte ich mich auf die erste offene Caféterrasse und sagte mir, es genüge, die Rue Blanche hinunterzugehen, und ich käme zum Strand. Auch an Morgen wie diesen verflogen die schlechten Erinnerungen.

Patrick Modiano, „Die Kleine Bijou“

Briefwechsel

Wenn die Post nachts käme / und der Mond / schöbe die Kränkungen / unter die Tür:
Sie erschienen wie Engel / in ihren weissen Gewändern / und stünden still im Flur.

Ilse Aichinger