Tagesbild

Seit ungefähr drei Jahren verfolge ich nun die Tagesbilder von Edward B. Gordon.

Zu diesem hier kehre ich immer wieder zurück:

„The Cathedral At Dawn“

Sieht aus, als hätte der Künstler es nicht fertig gemalt. Als bestünde der Reiz der Morgendämmerung auf diesem Bild einfach im Fehlen von ein paar Farbschichten mehr.

Also im Weglassen.

Der Dom schwebt wie eine Fata Morgana inmitten der Stadt. Vielleicht ist es die Art und wie Weise, wie die Stimmung der Form entweicht, die mich so fasziniert. Als hätte es für dieses Bild nur eine Rohskizze von der Stadt gegeben, nicht aber von der Erscheinung des Domes.

Und Ihre Zeichnungen sehen so aus wie die Träume?, fragte Inga. Finden Sie, dass auf dem fertigen Bild alles genau stimmt? Miranda beugte sich vor und machte eine Geste mit der rechten Hand. Nein, sagte sie. Nicht so, wie Sie das meinen. Ich fange nach dem Aufwachen mit einer Rohskizze an und fülle sie dann schrittweise auf, suche einen Weg, damit in dem Bild das richtige Gefühl zum Ausdruck kommt.

Siri Hustvedt, „Die Leiden eines Amerikaners“

Ich selbst habe heute Lippenstift aufgetragen. Komisches Gefühl. Als hätte ich mein Tagesbild heute übertüncht und dem richtigen Gefühl damit die Gelegenheit genommen, sich Ausdruck zu verleihen.