This bitter earth, well, what a fruit it bears III

Das Fenster öffnet sich wie eine Orange
Die schöne Frucht des Lichts

Guillaume Apollinaire, „Die Fenster“

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Christina’s World

Andrew Wyeth, "Christina's World" (1948)
Andrew Wyeth, „Christina’s World“ (1948)

Sehr ungewöhnlich, hierzulande mit einem Bild von Andrew Wyeth konfrontiert zu werden, obwohl er einer der populärsten amerikanischen Maler ist. Allerdings dabei so ur-amerikanisch, dass er außerhalb der USA größtenteils auf wenig Verständnis trifft, zumal die Welt der Kritiker und Kuratoren sofort Kitschalarm ausrufen, wenn der Name Wyeth fällt. Ein bisschen zu Unrecht, wie ich finde. Immerhin verdanken wir ihm eines der herausragenden Bilder der amerikanischen Malerei des 20. Jahrhunderts, das in der New Yorker „MOMA“ einen Ehrenplatz behauptet. Das 1948 gemalte Bild „Christinas World“. Ein Bild, das seltsam berührt und irritiert, und das, wenn man so will, ein Gegenstück zu der idealisierten „amerikanischen Traum“ Idylle eines Norman Rockwell ist. Während bei Rockwell ein rotbäckiger Santa Claus lacht (das Bild kennen alle), zeigt uns Wyeth mit seiner gedämpften Farbpalette eine verarmte ländliche Gegenwelt, aus deren Figurenkabinett ein „Norman Bates“ entspringen könnte, oder eben eine Christina Olson, wie im erwähnten Bild „Christinas World“. Dort erscheint sie, wie ein Wesen aus einer anderen Welt, gelandet in einer weiten Landschaft, einer Wiese und in der Ferne sieht man ein kleines Farmhaus und eine Scheune stehen. Sie sitzt im trockenen Gras der Wiese mit ihren auffallend dünnen Ärmchen, den Blick auf das Farmhaus gerichtet. Eine schöne amerikanische Idylle, so könnte man denken. Aber das, was der Realist Wyeth dem Betrachter zu erzählen hat, geht weit über das Bild hinaus. Die zerbrechliche Christina, die Figur des Bildes, konnte Zeit ihres Lebens nur wenige Schritte selbständig gehen und kriecht auf allen Vieren über die Wiese ihrem Haus entgegen, einen Rollstuhl hat sie nie besessen. Das vermeintlich junge Mädchen das wir sehen, ist, als das Bild gemalt wurde, schon über fünfzig Jahre alt. Ein Bild, das eher einem Film von David Lynch entspringen könnte, als dem amerikanischen Traum. Die besten Bilder liefern die Geschichten hinter den Bildern. Vor und hinter dem Vorhang Deines ausgewählten Bildes von Wyeth lauern ganz andere Bilder, und sie zeigen selten eine „schöne“ ländliche Welt. Eines haben aber alle gemeinsam, sie zeigen ein grandioses handwerkliches Können.

Dieter Motzel, HausHundHirschblog