Une leçon clinique à la Salpêtrière

Die Psychoanalyse steckt noch in den Kinderschuhen, als André Brouillet dieses Bild malt. Jean-Martin Charcot (* 29. November 1825 in Paris; † 16. August 1893 in Morvan), Pathologe und Neurologe, hat gerade die erste eigenständige Neurologische Abteilung am Hôpital de la Salpêtrière in Paris etabliert. Zu seinen Lieblingspatientinnen zählt schon bald Blanche Wittman, die „Königin der Hysterikerinnen“. Unter seiner Ägide macht sie mit sämtlichen, zur damaligen Zeit als fortschrittlich geltenden Heilungsmethoden Bekanntschaft. Zu diesen zählt auch die Hypnose, die er auf diesem Bild seinen Studenten an Blanche demonstriert:

André Brouillet, "Une leçon clinique à la Salpêtrière" (1887)
André Brouillet, „Une leçon clinique à la Salpêtrière“ (1887)

Charcot besaß die Kindlichkeit eines Entdeckungsreisenden und Forschers. Er bekannte sich zu den Idealen der Aufklärung, meinte aber, daß Erfinder, Untersucher, Physiker und Entdeckungsreisende jetzt neue und geheimnisvolle Landschaften erforschen sollten. Die Psyche der Frau war ein solcher Kontinent, nicht wesensverschieden von der des Mannes, aber gefährlicher. Die Frau war das Tor, schreibt er, durch das man in den dunklen Kontinent eindringen mußte. Dieser war reicher und rätselhafter als der des Mannes.

Das Bild! das berühmte! wie ist es nicht interpretiert worden! das Altarbild der verdrängten Erotik! der heilige Gral der pietistischen Erotik! das Sinnbild der weiblichen Hilflosigkeit in der Leidenschaft! die Verlassenheit!

Oder nur ein Bild, das verlockend und kühl die Erinnerung aufzeichnet an eine verunglückte Expedition in den Kontinent der Frau und der Liebe.

Per Olov Enquist, „Das Buch von Blanche und Marie“

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