Einladung zu einer Tasse Jasmintee

Treten Sie ein, / legen Sie Ihre Traurigkeit ab, / hier dürfen Sie schweigen.

Reiner Kunze

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Luftmensch

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Vilhelm Hammershøi, „Young Girl pouring Tea“ (The Artist’s Sister, 1884)

The out-of-work painter sketches the ghetto / emptied of its inhabitants. / The painting is filled with objects. / The absence of the living is only temporary / and hints at the most delicious mysteries. / The “somewhat overstocked zoos” of pre WWII Europe. / Zeppelins are required. Liftships leave every day. / We all took pretty ponies up the golden stairs to the sun. / Extraordinary visions all last night. / Along the lake of Silvaplana, / not too far from a certain powerful pyramidal rock near Suler / I was given the envelope. / Into the teacup, quickly, my friends! / The cup (as the mirror shows) / is indeed the cracked yellow one / Otto Frank is now holding in his trembling hands / as the Nazis march down the little street. / But little teacup does make it through! / And the silence and dust are so dear to us.

Later the teacup is filled with the eyelashes of owls. / A wind comes and we waft through the night.

Joe Green

Lila

Michael Andrews, „Melanie and me swimming“ (1978-79)

Sie wusch gern ihre Sachen. Manchmal stiegen Fische nach den Blasen. Die Seife roch etwas streng, wie der Fluss. In solchem Wasser konntest du Sachen schön sauber ausspülen. Konnte zwar sein, dass es nach einem ordentlichen Regen etwas braun war, Ackerboden, aber der Schlamm floss ab oder setzte sich. Ihre Hemden und ihr Kleid kamen ihr vor wie Wesen, die gar nicht zur Welt kommen wollten, so welkten sie in sich rein und sanken unter die Oberfläche, als wollten sie nur gelassen werden, vielleicht um einen tieferen, dunkleren Gumpen zu finden. Und wenn sie sie dann herauszog und an den Schultern hochhielt, sahen sie nach blanker Erschöpfung aus und nach Bedauern. Wie ihre eigene geschundene Haut. Aber wenn sie sie über eine Kordel hängte und das Wasser herauslaufen und Sonne und Wind sie trocknen ließ, kriegten sie langsam was von Wesen, die leben könnten. In der Kirche hatten sie einmal die Geschichte gelesen, wie die Königin von Ägypten an einen Fluss kam und ein Baby fand, das in einem Korb trieb, und das war dann ihr Baby. Lebe! Die richtige Mutter sollte das Kind eigentlich töten, aber das konnte sie nicht. Sie legte es auf den Fluss, und die Königin fischte es heraus. Aber es wurde erwachsen und zum Mann, und der beschloss, dass er nicht ihr Kind sein wollte. Oder vielleicht war sie gestorben, und ihr Vater konnte mit dem Burschen nicht, bloß ist das nicht Teil der Geschichte. Na ja, dachte Lila, ich kann nur hoffen, dass sie gestorben ist, bevor er sie so schlecht behandeln konnte. Sie hätte ihm trauen können müssen. Ach, jetzt denk ich schon wieder so. Kannst niemand trauen. Das denke ich die ganze Zeit. Wenn ich’s überhaupt noch versuchen will, dann am besten jetzt, wo ich gehen kann, wenn’s sein muss, und wo ich noch jung genug bin, eine Weile über die Runden zu kommen. Wo es nicht so drauf ankommt, wenn’s schief geht.

Also.

Marilynne Robinson, „Lila“

They sentenced me to 20 years of boredom oder Schnee, der auf Linden fällt.

Literweise Lindenblütentee trinken und sich von fiebrigen Assoziationen treiben lassen. In die Untiefen des Blogs eintauchen und alte Einträge zutage fördern…

…gefegt vom Lindenbaum, in der Allee, 1 Ästchen grünes Laub 1 Ästchen Lindenbaum, 1 Gedichtzeile womöglich

…und ich liesz meine Arme / Augen emporfliegen zu den Häuptern der Linden welche in 1 Allee in der Strasze, und ihren Duft verströmten…

Friederike Mayröcker

Seit einigen Nächten nun, nur geträumt, logiere ich immer im selben Hotel. Ich checke ein, der Empfangschef weist mir einen Parkplatz zu, dann zerfließt alles in einem Mix aus mehr gefühlten denn konkreten Inhalten…

Der Mond. La Lune. The Moon. Ein Bilderbuchmond. Ein Kinomond. Wie ein Stück Leinwand leuchtend im kreisrunden Lichtkegel eines imaginären Projektors. Durchzogen von einer geheimnisvollen blau-violetten Schwade: der Atemhauch eines eng umschlungenen Paares an einem fernen Horizont oder der feucht-heiße Odem eines einsam heulenden Wolfes. Mühelos liefert der Kopf Bild und Ton zur himmlischen Dramaturgie. Der inszenierte Partyrummel verblasst, verklingt. Ein Vorhang fällt. Dein Film läuft Backstage.

Im Park knistern die letzten Regentropfen im Laub. Die Blütenkelche des Jasmin prangen wie Sterne im dunklen Spalier. Ihr betörender Duft mischt sich mit dem der Lindenblüten, die goldgelben Glöckchen gleich von den Zweigen baumeln. Ein leises Potpourri fernab des ohrenbetäubenden Lärms.

Aus einem Brief Bettina Brentanos an ihren Bruder Clemens:

Die Linden blühen, Clemente, und der Abendwind schüttelt sich in ihren Zweigen. Wer bin ich, daß ihr mir all euren Duft zuweht, ihr Linden? Ach, sagen die Linden, Du gehst so einsam zwischen unseren Stämmen herum und umfaßt unsre Stämme, als wenn wir Menschen wären, da sprechen wir dich an mit unserm Duft.

Ich liebe diesen Duft, auch weil er mich an eine reich bebilderte Geschichte erinnert, die ich als Kind gelesen habe. Sie handelte von einem kleinen Jungen, der sich des nachts auf einer Baustelle herumtreibt, wo die Arbeitsgeräte plötzlich zu mysteriösem Leben erwachen. Irgendwann beginnt es zu regnen. Vollkommen durchnässt findet er sich nach diesem traumhaften Abenteuer in seinem Bette wieder. Am nächsten Morgen ist er krank. Die Mutter kocht ihm heißen Lindenblütentee, von dem gesagt wird, dass er scheußlich schmecke. Kaum zu glauben, wo die frischen Blüten doch so köstlich riechen.

Nie wollte ich so krank sein, dass meine Mutter mir heißen Lindenblütentee würde einflößen müssen, denn bei der Vorstellung, Kamille und Pfefferminze würden einmal nicht mehr ihre Wirkung tun, schauderte mir.

Was wohl die Botschaft dieser Geschichte war? Betreten der Baustelle bei Strafe verboten? Oder: Mach Dir nichts vor, das Leben ist kaum mehr als ein Fiebertraum.

Das Buch dürfte bei einem Umzug auf der Strecke geblieben sein. Merkwürdig: An seinen Titel erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber daran, dass es in einem DDR-Verlag erschienen war.

Und dann ist da noch Wilhelm Müllers Lindenbaum: Ich träumt‘ in seinem Schatten so manchen kühlen Traum. Ja, es ist Sommer, und ich höre die Winterreise. Manchmal ist es gut, wenn einer den Finger in die Wunde legt und sagt: „Sieh. Hier. Du blutest.“

Die Aufgabe zu erinnern statt zu vergessen

Bilder unterbrechen nicht den Zeitfluß, sie machen ihn nur reißender. Reißerischer würde Marlies sagen. Mag sein, daß die Photos bleibende Präparate von Querschnitten durch die Zeit waren, sie fraßen einen aber auch von innen auf, waren Würmer, die sich fortpflanzten.

Torturen dauerhafter Wiederbelebung.

Sabine Gruber, „Daldossi oder Das Leben des Augenblicks“

Sterne im September

Bei Katja Schraml alias Herrn Zitter ein Gedicht von Ingeborg Bachmann wiederentdeckt. Ich  erlaube mir, meine Lieblingszeilen an dieser Stelle zu ergänzen:

In die Formel unfruchtbarer Gedanken / fügt sich das Universum nach dem Beispiel / des Lichts, das nicht an den Schnee rührt.

Unter dem Schnee wird auch Staub sein / und, was nicht zerfiel, des Staubes / spätere Nahrung. O Wind, der anhebt!

Ingeborg Bachmann, „Sterne im März“

Frau am Fenster VII

Matisse and his wife met for what proved to be the last time, ostensibly to discuss details of their legal separation, in July 1939. The meeting took place in Paris at the Gare St. Lazare and lasted thirty minutes, during which Amélie Matisse kept up a flow of small talk while her husband stared at her in silence, frozen in the pose painted three decades earlier in The Conversation. “My wife never looked at me, but I didn’t take my eyes off her…,” Matisse wrote on the night of that final encounter: “I couldn’t get a word out…. I remained as if carved out of wood, swearing never to be caught that way again.”

Hilary Spurling, „Matisse’s Pajamas“

Frau am Fenster VI

(after the painting by Egar Degas)

There’s nothing in my appearance except that I am disappearing / into the uncertain light; nothing that would make me certain / of any conviction, or if I’ve made the right decisions in my life. / At this point, with my skin drinking in the available light, / I find it impossible to remember if I am widow or wife, / if I’ve had a life of ease, a life of strife…

Jackie Kay, „Woman at a Window“

Frau am Fenster V

[Edward Hopper’s] women do not seem to have lives apart from the rooms in which we find them. They peer out into a world, the one the rest of us occupy – and it may be with a degree of longing – but it is not their world. … We feel it as certainly as we do the assertive geometrical character of the rooms they occupy. This spatial solidity is what lends the paintings an air of permanence and fixes the woman in place, as in Morning Sun (1952):

So much so that imagining them in any other context represents only a form of escape on the viewer’s part from the imprisoning resolution of the painting. The tendency to create narratives around the works of Hopper only sentimentalizes and trivializes them. The women in Hopper’s rooms do not have a future or a past. They have come into existence with the rooms we see them in. And yet, on some level, these paintings do invite our narrative participation – as if to show how inadequate it is. No, the paintings are each a self-enclosed universe in which its mysteriousness remains intact, and for many of us this is intolerable. To have no future, no past would mean suspension, not resolution – the unpleasant erasure of narrative, or any formal structure that would help normalize the uncanny as an unexplainable element in our own lives.

Mark Strand on Edward Hopper

Frau am Fenster IV

Welch eine sonderbare und großartige Erfindung ist doch Glas – nah zu sein, ohne aneinanderzugeraten. … Ich sitze hinter Glas, still, mein eigenes Porträt.

Tomas Tranströmer, „Isländischer Orkan“ in „Sämtliche Gedichte“

Die Zeichnende junge Frau wird erst seit 1996 Marie-Denise Villers zugeschrieben und ist möglicherweise ein Selbstporträt der Künstlerin. Ihr bevorzugtes Motiv waren Bildnisse junger Frauen unter dem selbst gewählten Begriff études des femmes.

Eine schwarze Höhle ist unser Schweigen…

…Daraus bisweilen ein sanftes Tier tritt / Und langsam die schweren Lider senkt. / Auf deine Schläfen tropft schwarzer Tau,

Das letzte Gold verfallener Sterne.

Georg Trakl, „Ellis, wenn die Amsel im schwarzen Wald ruft“

Edouard Manet - Jeanne Duval, Baudelaire's Mistress, Reclining (Lady with a Fan) - 1862
Edouard Manet, „Lady with a Fan“(1862)

Die Dame mit dem Fächer war Charles Baudelaires Geliebte Jeanne Duval. Manet malte sie im Jahr ihres vermuteten Todes – 1862. Sowohl Baudelaire als auch Duval waren an Syphilis erkrankt. Es scheint ungeklärt, wer von beiden tatsächlich zuerst verstarb.

Im Zeitpunkt der Entstehung dieses Bildes war Jeanne bereits erblindet und gelähmt. Zwei schwarze Augenhöhlen, ein ungelenk unter der Krinoline hervorragendes Bein und eine unproportioniert groß und männlich wirkende Hand irritieren den Betrachter. Gleichzeitig quillt das Bild beinahe über von einem Berg aus Tüll, der wie in einem letzten Aufbäumen die Hinfälligkeit des Körpers unter sich begräbt. Halb weht es, halb liegt es kunstvoll drapiert über die Lehne des Canapés, ein zartes Gardinengespinst, dahinter das letzte Gold verfallener Sterne bereits verglüht scheint.

Aufmerksam wurde ich auf das Bild durch einen raffinierten Schnappschuss von Gueorgui Pinkhassov.

Aging Actress

This is the last time I do this. I’m so sick of using myself, how much more can I try to change myself? … It’s the most sincere thing I can do.

Cindy Sherman

Rooms by the Sea

Über [Rooms by the Sea] liest man in Jo Hoppers Logbuch, daß es erst anders heißen sollte, nämlich The Jumping Off Place. Und das sieht man dem Bild auch an: Gerade noch ist jemand aus der offenen Tür ins Meer hinausgesprungen, das da bis unmittelbar unter die Schwelle des Zimmers heranschlägt, so als sei dieses Haus auf eine Klippe gebaut oder stünde auf Stelzen im Meer. Und im nächsten Moment wird auch in der Ferne, am Horizont, ein Boot erscheinen, zu weit weg, um den noch aufzufischen, der sich da in das unendliche Meer gestürzt hat. [Es] scheint eine herrliche milde Nachmittagssonne (Jo im Tagebuch: „Early October“) in ein leeres Zimmer, aber auch hier kann ihr schönes Licht nicht die Feindlichkeit der Welt vergessen lassen

Wim Wenders in der Zeit in einem Artikel über die vierbändige Ausgabe der Werke Edward Hoppers, „Edward Hopper, An Intimate Biography“ von Gail Levin

Ein wenig anders sieht es Mark Strand in seiner Schrift „Über Gemälde von Edward Hopper“:

Eine heitere Fremdartigkeit hat von den Räumen Besitz ergriffen. Der Ausblick, der den offenen Zugang rechts ausfüllt, ist zwar gewaltig, aber nicht bedrohlich. Das Wasser scheint bis unmittelbar an die Tür zu reichen, als ob es keinen Mittelgrund oder kein Ufer gäbe, ja als ob es von Magritte gestohlen worden wäre. Es ist eine Ansicht der Natur, die ungeschönt und außergewöhnlich ist. Auf der linken Seite des Bildes bietet sich uns ein schmaler, gedrängter Ausblick auf das Gegenstück zur Natur – auf einen Raum, ausgestattet mit einem Sofa oder einem Sessel, einer Kommode und einem Gemälde – eine Auswahl von Gegenständen des häuslichen Lebens. Das Bild drängt uns zu einer Bewegung von rechts nach links, so als ginge es bei dem Anblick, den es uns bieten will, nicht um das Meer, sondern um den teilweise verdeckten, zweiten Raum. Selbst das Meer, so scheint es, schaut auf und herein, und auch das Licht weist uns eben darauf hin und teilt uns mit, wohin wir blicken müssen.

Der zweite Raum ist ein möbliertes Echo des ersten. Die Verdoppelung des Raumes ist beruhigend, weil sie Vorstellungen von Beständigkeit und Gemeinsamkeit ins Bild setzt, die beide zusammen die Grundlage für häusliches Wohlbehagen ausmachen. Und das Meer und der Himmel, zwei Agenten des Willens der Natur, sehen in diesem Zusammenhang unverfänglich aus.

Der vermeintlich bösartige Unterton von „A Jump Off Place“ soll Hopper bewogen haben, den Titel des Bildes zu ändern.

Beiden Sichtweisen kann ich etwas abgewinnen. Was immer mit den Menschen sein mag, die darauf nicht zu sehen sind, es wäre kein Hopper, ohne sein enigmatisches Moment, dem das von Magritte gestohlene Wasser durchaus etwas Heiteres verleiht. Wenn mich etwas beunruhigt, dann ist es das in der Tat unverfängliche Aussehen der beiden Agenten des Willens der Natur. Ein Satz von Herta Müller fällt mir ein:

Die Landschaft steht intakt da, während du nicht weißt, wie es weitergeht. Irgendwie ist es ihr total egal. Sie will dich ja doch fressen. Wenn du stirbst, hat sie dich.

Ziemlich viel Glück

Gustav Klimt - Fischblut - 1898
Gustav Klimt, „Fischblut“ (1898)

Ziemlich viel Glück / Gehört dazu, / Daß ein Körper auf der Luft / Zu schweben beginne / Mit Brust, Achsel und Knie / Und auf dieser Luft / einem anderen Körper begegne, / Wie er / Unterwegs.

Die Atmosphäre macht / Zwei innige Torsen aus ihnen. / Unbemerkt beschreibt ihr Entzücken / Zärtliche Linien in Baumkronen. / Eine ganze Zeit noch / Ist Ihr Flüstern zu vernehmen, / Und wie sie einander / Das schenken, /  Was leicht an Ihnen ist.

Glücklichsein beginnt immer / Ein wenig über der Erde.

Dog Women

Inspired by a story a friend had written for her, Paula Rego draws her Dog Woman in pastels, referencing the raw physicality of Degas’ drawings:

„To be a dog woman is not necessarily to be downtrodden; that has very little to do with it. In these pictures every woman’s a dog woman, not downtrodden, but powerful. To be bestial is good. It’s physical. Eating, snarling, all activities to do with sensation are positive. To picture a woman as a dog is utterly believable.“

Quelle: Saatchi Gallery

Blanketing Space

Zu Kiki Smiths Triptychon siehe bei der Mützenfalterin: „Kiki Smith – Sky, Earth, Underground“.

Mich erinnert es unwillkürlich an die Bilder von Éduard Vuillard, der sich in den 1890er Jahren von Tapisserien inspirieren ließ. Er malte seine Bilder als würde er sie weben. Interieurs, die seine Mutter und Schwester bei der Hausarbeit zeigen oder Näherinnen bei ihrer Arbeit in einer der Korsettwerkstätten jener Zeit. Sie werden durch gemusterte Tapeten konturiert, ja, scheinen daraus hervorzutreten oder darin zu verschwinden, was den vermeintlichen Alltagsszenen eine zuweilen unheimliche Atmosphäre verleiht.

„What is behind it?“,  fragt Charles Simic in seinem Gedicht Tapestry.  – „Space, plenty of empty space.“ Aber während Kiki Smith von diesen Räumen dahinter erzählt, scheint es aus denen von Éduard Vuillard kein Entrinnen zu geben.

[i carry your heart with me(i carry it in]

Carry a Poem in your Pocket…

i carry your heart with me(i carry it in
my heart)i am never without it(anywhere
i go you go,my dear;and whatever is done
by only me is your doing,my darling)
i fear
no fate(for you are my fate,my sweet)i want
no world(for beautiful you are my world,my true)
and it’s you are whatever a moon has always meant
and whatever a sun will always sing is you

here is the deepest secret nobody knows
(here is the root of the root and the bud of the bud
and the sky of the sky of a tree called life;which grows
higher than soul can hope or mind can hide)
and this is the wonder that’s keeping the stars apart

i carry your heart(i carry it in my heart)

E. E. Cummings

An effort to enter into morning

Orange thorns snag the hair. / The old fist of bourbon / flowers in the mouth / as you step out, / the doormat wet and straight / behind your foot, / the screendoor shutting and shutting / like a fact in the mind. / The most difficult thing / is to see the morning / for what it is: a foolish / autumn, a pale crust of dragonflies / frantic in their amber / coats, circling in slow /  difficult joy.

Brenda Hilman

Momentaufnahmen

Auf dem Gemälde hält die Tochter des Malers die Kamera in der Hand, mit der das Foto gemacht wurde:

THE GOLDEN ECHO

Spare!
There ís one, yes I have one (Hush there!);
Only not within seeing of the sun,
Not within the singeing of the strong sun,
Tall sun’s tingeing, or treacherous the tainting of the earth’s air,
Somewhere elsewhere there is ah well where! one,
Oné. Yes I can tell such a key, I do know such a place,
Where whatever’s prized and passes of us, everything that ’s fresh and fast flying of us, seems to us sweet of us and swiftly away with, done away with, undone,
Undone, done with, soon done with, and yet dearly and dangerously sweet
Of us, the wimpled-water-dimpled, not-by-morning-matchèd face,
The flower of beauty, fleece of beauty, too too apt to, ah! to fleet,
Never fleets móre, fastened with the tenderest truth
To its own best being and its loveliness of youth: it is an everlastingness of, O it is an all youth!

Gerard Manley Hopkins, „The Leaden Echo and the Golden Echo“

Das Vorhandensein und das Fehlen der Zukunft

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Jules Bastien-Lepage, „Johanna von Orleans“ (1879)

Drei durchscheinende Engel schweben in der oberen linken Hälfte des Gemäldes. Sie haben Jeanne, die an einem Webstuhl im Garten ihrer Eltern gearbeitet hat, soeben aufgerufen, Frankreich zu retten. Ein Engel hält seinen Kopf in den Händen. Jeanne scheint auf den Betrachter zuzuwanken, einen Arm ausgestreckt, vielleicht in der Verzückung des Gerufenwerdens Halt suchend. Anstatt Zweige oder Blätter zu packen, scheint ihre Hand, die sorgfältig in der Sichtachse eines der anderen Engel platziert ist, sich aufzulösen. Laut dem Begleittext des Museums wurde Bastien-Lepage angegriffen, weil es ihm nicht gelungen sei, das Ätherische der Engel mit dem Realismus des Körpers der künftigen Heiligen zu versöhnen, aber ebendieses „Misslingen“ macht es zu einem meiner Lieblingsgemälde. Es ist, als erzeugte die Spannung zwischen der metaphysischen und physischen Welt, zwischen zwei Ordnungen von Zeitlichkeit, eine Störung in der Matrix des Bildes; der Hintergrund verschluckt Jeannes Finger. Während ich an jenem Nachmittag mit Alex dort stand, wurde ich an das Foto erinnert, das Marty in „Zurück in die Zukunft“, entscheidender Film meiner Jugend, mit sich führt:

Back to the Future - Photo

Während Martys Zeitreise die Vorgeschichte seiner Familie zerrüttet, beginnen er und seine Geschwister auf dem Foto zu verblassen. Nur ist es hier [bei Jeanne] etwas Vorhandenes, nicht etwas Fehlendes, das ihre Hand zersetzt: Sie wird in die Zukunft gezogen.

Ben Lerner, „22:04“

Nachtrag:

„Und weil man nicht spürt, welche Entscheidung die richtige ist, steht man still, wächst zitternd in den Boden bis die Lawine einen überrollt…“

Mützenfalterin

Nachts / Danach

Nachts

Nachts hören, was nie gehört wurde:
Den hundertsten Namen Allahs,
den nicht mehr aufgeschriebenen Paukenton,
als Mozart starb,
im Mutterleib vernommene Gespräche.

Günter Eich

Gustav Klimt, Danaë, 1907-08
Gustav Klimt, „Danaë“ (1907/08)

Danach

Hinausgehen
auf den Flecken,
der still ist,
unter die Sonne,
die heute
das Lärmen läßt,
das alte Geprahle.
Herausfinden,
jetzt herausfinden,
wo die hinrannten,
die hier
verwegen und leise waren
in welchen Gestalten,
Chören, Verfänglichkeiten
sie unauffindbar sind.

Ilse Aichinger

Excursion into Philosophy

Mark Strand vermag Edward Hopper’s Excursion into Philosophy kaum etwas abzugewinnen. Hopper’s Frau soll einmal gesagt haben, das aufgeschlagene Buch sei Platon, zu spät noch einmal gelesen. Ein Kritiker berichtet, Hopper selbst habe über den Mann die Bemerkung fallen lassen, dieser habe Platon erst recht spät in seinem Leben gelesen. Strand selbst kann nicht erkennen, welchen Schaden es überhaupt anrichten sollte, Platon zu lesen. Und so endet seine Betrachtung mit den Worten:

Das Leben des Geistes gegen das Leben des Körpers? Das Spirituelle gegen das das Physische? Die streng gerunzelten Brauen des Mannes wirken immer mehr übertrieben und das grob gemalte Gesäß der Frau wie ein Witz.

Wieso, weshalb, warum ausgerechnet Platon? Denn auch von jener Spielart der Liebe, die nach ihm benannt und von seelischer Zuneigung geprägt ist, also auf den Respekt vor der Person des geliebten Menschen gründet, ist in Hoppers Bild wenig zu spüren. Philosophie aber, wie Platon sie versteht, ist selbst eine Weise des Eros, ist vom Wesen her Liebe. Der tiefere Sinn der platonischen Liebe besteht in der Überführung des sinnlichen Begehrens in eine höhere Form des Verlangens. Der Eros, wie Platon ihn versteht, ist Streben nach dem Urbild, nach der Idee des Schönen. Das eigentlich Wirkliche im Wirklichen sind nicht die Dinge, die das Schöne verkörpern, sondern jenes Urbild des Schönen, das in ihnen aufscheint. Die Dinge sind nur die Abbilder der Idee und vergänglich. Die Idee selber jedoch währt ewig. Nur, woher stammt das Urbild, das wir immer schon vor Augen haben, wenn wir das Wirkliche erkennen? Platon erklärt ihren Ursprung anhand eines Bildes, das unser Dasein vor unserer Existenz auf Erden beschreibt, die Seelen im Gefolge der Götter oberhalb des Himmelsgewölbes, wie sie die Urbilder alles Wirklichen erblicken:

Zeus, der große Fürst im Himmel, zieht als erster aus, seinen geflügelten Wagen lenkend; er ordnet alles und sorgt für alles. Ihm folgt ein Heer von Göttern und Dämonen. [Ihnen schließen sich auch die menschlichen Seelen an, als Zwiegespann mit einem Wagenlenker. Sie] fahren, wenn sie zur Höhe gekommen sind, hinaus und betreten den Rücken des Himmelsgewölbes. Wenn sie dort anhalten, führt sie der Umschwung herum, und sie schauen, was außerhalb des Himmelsgewölbes ist. [Der Geist] einer jeglichen Seele, die in sich aufnehmen will, was ihr gemäß ist, sieht so von Zeit zu Zeit das Sein. Er liebt und schaut das Wahre, nährt sich von ihm und genießt es, bis der Umschwung im Kreise wieder an dieselbe Stelle zurückgekehrt ist. Während des Umlaufs aber betrachtet er die Gerechtigkeit selbst, betrachtet die Besonnenheit, betrachtet die Erkenntnis… und das übrige wahrhaft Seiende und labt sich daran. Dann taucht die Seele wieder ein in den Bereich unterhalb des Himmelsgewölbes und fährt nach Hause…

Erkennen ist also Wiedererinnern. Dem Schönen kommt dabei eine besondere Bedeutung bei:

…Wenn einer die Schönheit hier sieht und sich dabei an das Wahre erinnert, wird er mit Flügeln versehen, und so geflügelt sehnt er sich danach, sich hinaufzuschwingen. Das aber vermag er nicht. Darum blickt er nur wie ein Vogel nach oben und vernachlässigt, was unten ist. Dann beschuldigt man ihn, er sei wahnsinnig. Das aber ist der beste aller Enthusiasmen. Doch ist es nicht einer jeden Seele leicht, sich von den Dingen her wieder daran zu erinnern: weder denen, die herabgestürzt und dort nur kurz geschaut haben, noch denen, die herabgestürzt und dabei verunglückt sind und sich nun in fragwürdigem Umgang der Ungerechtigkeit zuwenden und das Heilige vergessen, das sie dort geschaut haben. Nur wenigen bleibt eine ausreichende Erinnerung. Wenn diese aber etwas erblicken, was dem ähnlich ist, was sie dort gesehen haben, geraten sie außer sich und sind nicht mehr ihrer selbst mächtig.

Wilhelm Weischedel, „Die philosophische Hintertreppe“

Die Kunsthistorikerin Gail Levin interpretiert Hoppers Excursion in Philosophy so:

Plato’s philosopher, in search of the real and the true, must turn away from this transitory realm and contemplate the eternal Forms and Ideas. The pensive man in Hopper’s painting is positioned between the lure of the earthly domain, figured by the woman, and the call of the higher spiritual domain, represented by the ethereal lightfall. The pain of thinking about this choice and its consequences, after reading Plato all night, is evident. He is paralysed by the fervent inner labour of the melancholic.

Gail Levin, „The Complete Oil Paintings of Edward Hopper“

Studenten der Ohio University, deren Aufgabe es war, ein 2 – 3minütiges Video zu drehen, in dem die letzte Szene sich mit einem Gemälde von Edward Hopper decken sollte, haben Platon kurzerhand durch Faulkner ersetzt:

They say love dies between two people. That’s wrong. It doesn’t die. It just leaves you, goes away, if you aren’t good enough, worthy enough. It doesn’t die; you’re the the one that dies. It’s like the ocean: if you’re no good, if you begin to make a bad smell in it, it just spews you up somewhere to die. You die anyway, but I had rather drown in the ocean than be urped up onto a strip of dead beach and be dried away by the sun into a little foul smear with no name to it, just this was for an epitaph.

William Faulkner, „The Wild Palms“

Am Ende stellt sich mir die Frage, welche Bedeutung es haben könnte, Platon erst spät oder zu spät noch einmal zu lesen.

If her life were a train, she wouldn’t be able to catch it…

Die hohe Decke [in Chair Car], die nicht wie gewöhnlich gewölbt, sondern rechteckig ist, und die geschlossene Tür bewirken, daß unserer Bewegung nach vorne eine absolute Grenze gesetzt und der zwingende Eindruck erzeugt wird, daß diese Leute hier nicht sehr weit fahren, wenn sie überhaupt reisen. Auch außerhalb des Fensters gibt es nichts, was auf eine Bewegung hindeutet, nichts als das Licht, das – obwohl es den Betrachter zur Tür führt – das Bild scheinbar erstarren läßt, es in einer absoluten Gegenwart einfriert…

Etwas, was uns in Chair Car anzieht, ist die Art und Weise, wie die vier Passagiere die Beliebigkeit individueller Interessen vorführen… Die Insichgekehrtheit jeder Person überschneidet sich gewissermaßen mit der Hauptstoßrichtung des Bildes und befreit sie aus dem wie ein Gefängnis erscheinenden Wagen. Das Gefühl, gleichzeitig eingesperrt und ausgesperrt zu sein, ist dem, was wir in Nighthawks verspüren, eng verwandt, es treibt uns vorwärts, obwohl es darauf beharrt, daß wir bleiben. Dabei handelt es sich um ein ziemlich konsistentes Muster bei Hopper, daß die Geometrie des Bildes eine Handlung einfordert, die der von der Erzählung gewollten Handlung entgegensteht.

Mark Strand, „Über Gemälde von Edward Hopper“

Für eine sehr schön animierte Version von Compartment C Car 293 von Nick Brown siehe hier… (…und in diesem Zusammenhang ein herzliches Dankeschön an die Beat Company!)

Die gestundete Zeit

Es kommen härtere Tage. / Die auf Widerruf gestundete Zeit / wird sichtbar am Horizont. / Bald mußt du den Schuh schnüren  / und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe. / Denn die Eingeweide der Fische / sind kalt geworden im Wind. / Ärmlich brennt das Licht der Lupinen. / Dein Blick spurt im Nebel: / die auf Widerruf gestundete Zeit / wird sichtbar am Horizont…

Ingeborg Bachmann, „Die gestundete Zeit“

On Photography

A photograph is not only an image (as a painting is an image), an interpretation of the real; it is also a trace, something directly stenciled off the real, like a footprint or a death mask.

Susan Sontag, „On Photography“

Office at Night

The poem, [“Edward Hopper’s Office at Night”], is a part of a series of poems titled The Boss.  I, probably like many people in America, have had my fair share of horrible bosses, but one was so horrible that I started thinking about power and how it shapes or misshapes our relationships in the workplace.  The whole series became a query into the odd hierarchical relationships we form and how we struggle for power.  As an entryway into such poems, I returned to some of my favorite ekphrastic inspiration – Edward Hopper’s paintings.  Surprisingly he has several paintings that take place in offices and [Office at Night] is one of them.  Form, or lack of form is also something that helped mirror the sense of breathlessness, urgency, or spinning out of control that I felt necessary to convey so this whole series lacks any form of punctuation and is written in long lines.

Victoria Chang

Edward Hopper - Office at Night (1940)
Edward Hopper, „Office at Night“ (1940)

The boss is sitting at the desk the boss doesn’t look
at her the boss is waiting for the black telephone
to ring she also waits for a ring from the boss he is
waiting for the files from her

her blue dress like a reused file folder around
her body her hands tight around the files
the filing cabinet might eat her might take her hand off
the boss might eat her the boss

wants her but the boss wants money more just a little bit
more the boss always seems to want
the money a bit more the boss doesn’t hear
there are taxis outside waiting

for all the women down on the street across the street
a boss prepares for bed another boss above him
in apartment X rotates a Q-tip in his ear before sex
despite instructions on the box we took

my father out of the paper the living will the letters
with their little capes will leave the paper
who will take care of my children later who will take care
of my father the will will take care

of no one a piece of paper cannot take care of anyone I
cannot take care of everyone on some nights
I wake in a panic and can’t tell if I am dead or alive
this year I dye my hair so I won’t have to die

Victoria Chang

Automat

Wenn das, was das Fenster widerspiegelt, wahr ist, dann ereignet sich die Szene in einem Zwischenreich, in einer Art Schwebezustand, und die sitzende Frau ist eine Illusion. Das ist eine beunruhigende Vorstellung. Und wenn die Frau in einem solchen Kontext über sich nachdenkt, kann sie unmöglich glücklich sein…

Mark Strand, „Über Gemälde von Edwad Hopper“

Edward Hopper - Automat - 1927
Edward Hopper, „Automat“ (1927)

The woman in the automat must work must
have a boss must walk
to work two legs red with heat two legs
pressed into each other as if one
depended on the other the woman in the automat
takes one glove off to hold
the cup to shake the hand of a boss one hand
free she looks down at the circle
on the table looks down at the round reflection
of circular lights her boss circulates
memos her boss is the circle the circumference
circles her each day like a minno

Victoria Chang

Gott, mit dem Gesicht zum Meer

Wir hatten hinter uns Schritte und das Geraschel von trockenem Laub vernommen, von einem, der zugleich müde und eilig einherging. Es war der Maler Joan Miró, der uns einzuholen versuchte. Unter jedem Arm trug er ein ziemlich schweres, buntes Herz-Jesu-Bild. Er teilte uns mit, dass er Gott gesucht und sich letztendlich mit einer Annäherung zufriedengegeben habe. Einer aus unserer Gruppe – einer, der in den Cafés immer den Schal in der Garderobe vergisst – antwortete ihm, dass er Gott, stark und ewig, Anfang und Ende von allem, Vermesser des Absoluten, allgegenwärtig, zu jeder Stunde und in jedem Land, mit dem Meer zugewandtem Gesicht, geduldig und barmherzig bei den Alten und Rentnern sitzend finden könne, auf der Bank der Wenn’s-Nicht-So-Wäre.

Josep Vicenç Foix

Aus dem Katalanischen übersetzt von Johannes Beilharz. Die Vorlage stammt aus: J. V. Foix, Obres Completes, 1985.

Quelle: Fixpoetry

Joan Miró, "Photo: This is the color of my dreams" (1925)
Joan Miró, „Photo: Ceci est la couleur de mes rêves“ (1925)

What still remains

Turning points, in-between states, a beautiful kind of limbo that tugs at the heart and suggests stories of loss and remembrance. That is what photographs are, after all, memorials that stop time and hold it for a moment, for our contemplation. If Backhaus’s photographs are partly memorials to lost combs and half-eaten apples, they surely allude, as well, to other things, that have been lost along the way.

Jean Dykstra

Finis Operis

Tatsächlich: es / gibt sie die Augenblicke / in denen uns / der letzte Pinselstrich / gelingt / der leuchtende Schlußsatz / die Einstellung mit der / der Film / enden müßte –

Aber dann?

Es geht einfach alles weiter: / die Zeit läuft / (ob du willst oder nicht) / bis der Pinsel / Borsten verliert / die Feder das Papier / zerkratzt / und nur noch / Schatten / über die / Leinwand flimmern.

Ludwig Steinherr, „Finis operis“ aus „Musikstunde bei Vermeer“

This bitter earth, well, what a fruit it bears VII

Francisco Zurbarán, "Cristo y la Virgen en Nazaret" (1630)
Francisco Zurbarán, „Cristo y la Virgen en Nazaret“ (1630)

„Der Grund, weshalb mich sein Werk so fasziniert? Ich weiß es nicht… Die Menschen, die er malte, gehören einer Welt an, die für uns endgültig unzugänglich geworden ist. Das Wunder besteht darin, dass wir sie trotzdem sehen können. Näher kann man einem Rätsel nicht kommen.“

Cees Nooteboom, „Zurbarán. Ausgewählte Gemälde 1624-1664“

Woman at a Window waving at a Girl

Jacobus Vrel,
Jacobus Vrel, „Woman at a Window waving at a Girl“ (ca. 1650-1700)

Vieles in diesem Bild spricht gegen seinen Titel. Als würde die Hand der Frau, die wir nur von hinten sehen – wenn sich wenigstens ihr Gesicht im Fensterglas spiegeln würde – in einer Geste der Ungläubigkeit an die Scheibe fassen, als handelte es sich bei dem Mädchen um ein vermeintliches Trugbild, dessen Erscheinung nur durch Berührung wahr werden könnte. Dieses Kind, das wie ein Licht in dunkler Nacht vor dem Fenster auftaucht, was macht es überhaupt zu offensichtlich später Stunde da draußen im Stockfinsteren? Und wie oft und wie lange mag die Frau schon dort gesessen haben in diesem nicht besonders bequem anmutenden Stuhl. Tatenlos vermutlich. Bis sie plötzlich ruckartig nach vorne schnellt, weil das, wonach sie vielleicht Ausschau gehalten haben mag – oder auch nicht -, weil auf einmal etwas wie aus dem Nichts und zum Greifen nahe vor ihr steht. Wenn auch nur fast. Nietzsche fällt mir ein: …Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. Oder Edgar Allan Poe:

Take this kiss upon the brow! / And, in parting from you now, / Thus much let me avow – / You are not wrong, who deem / That my days have been a dream; / Yet if hope has flown away / In a night, or in a day, / In a vision, or in none, / Is it therefore the less gone? / All that we see or seem / Is but a dream within a dream…

Well, folks: Take this kiss upon the brow! Das Hamsterrad ruft, hier wird es nun zwangsläufig wieder etwas ruhiger werden. Ich danke vielmals und ganz herzlich für Eure Aufmerksamkeit, und wo immer Ihr seid: Let your nodes glow on in the dark!

Mein Leben hat das gleiche Kleid und Haar

Mein Leben hat das gleiche Kleid und Haar
wie aller alten Zaren Sterbestunde.

Die Macht entfremdete nur meinem Munde,
doch meine Reiche, die ich schweigend runde,
versammeln sich in meinem Hintergrunde

Rainer Maria Rilke, „Mein Leben hat das gleiche Kleid und Haar“

Can’t be taken away

Imagine you lost everything that really mattered to you, and then you had a dream, and in that dream you found out that you never really lost it, because it can’t be taken away from you. That’s how Vermeer makes me feel.

Michael White, „Travels in Vermeer: A memoir“

Wahrheit oder Pflicht

Hans Aichinger,
Hans Aichinger, „Les Certitude du Réalisme“ (2010)

Ich fühle mich geehrt. Matthias von der Beat Company hat mich nominiert. Und das zu einer Zeit, da mir scheinen will, die Frau, die hier rumwerkelt, verschwindet zunehmend hinter ihren Spiegelbildern. Ich gebe kaum noch Privates von mir preis. Ich folge nur einer Handvoll Blogs. Es geht mir gut.

In mein analoges Leben ist auf leisen Sohlen ein Mensch getreten, den ich anfangs gar nicht bemerkte. Es sind nicht nur die Samtpfoten, die ihn auszeichnen. Es ist wohl seiner Hartnäckigkeit zuzuschreiben, dass er gewartet hat, bis ich ihm eine Tür öffnen konnte. Lange Zeit dachte ich, bis zum Ende meiner Tage würde ich das tiefe Tal nicht mehr verlassen. Und plötzlich fühlt es sich ein bisschen weniger einsam an. Was die Zukunft bringen wird, weiß ich nicht. Dieser Mensch ist wesentlich jünger als ich, und eigentlich weiß ich auch überhaupt nicht, was er bei mir findet. Es gibt diesen Sicherheitsabstand zwischen uns, der sich nicht überwinden ließe, ohne dass ich ihn auf meine grauen Haare, auf meine Krähenfüße oder Lachfalten, kurzum: auf die Tatsache aufmerksam machen müsste, dass ich seine Mutter sein könnte. Nicht dass er nicht wüsste, wie alt ich bin. Jahrgang 1964. Kein Geheimnis. Und obwohl ich mich zuweilen älter fühle als meine Mutter, sehe ich nicht so aus und spüre das junge Mädchen in mir, immer auf dem Sprung, all den verpassten Gelegenheiten nachzujagen, die seinen Weg bis zum heutigen Tage pflastern. Keiner von uns macht Anstalten, diesen Sicherheitsabstand aufzugeben, und selbst das fühlt sich ganz natürlich an. Es ist, wie es ist. Und so, wie es ist, ist es erst einmal gut. Wir sind kein Paar, wir sind Freunde, und das ist so viel mehr, als ich vor geraumer Zeit noch für möglich gehalten hätte in meinem Leben.

Ach ja, worum geht es denn überhaupt? Um den Liebsten Award natürlich. Das Spannende an der ganzen Sache sind manchmal die Fragen. Was machst Du im Leben nach dem Tod? Wie bitte? Träumst du noch oder bist du schon wach, dachte ich, als ich das heute morgen las. Well, „in the morning it was morning and I was still alive.“ So weit, so gut. Darüber hinaus konnte es sich nur um einen Zufall handeln, dass mir jemand ausgerechnet die Frage stellt, die mich seit geraumer Zeit umtreibt. Zufall? Wie immer verweise ich auch diesmal auf Max Frisch.

1. Was machst Du im Leben nach dem Tod?

Nach jetzigem Stand der Dinge werde ich nicht zu den Menschen gehören, die rundum zufrieden auf ihr Leben zurückblicken können, wenn sie auf dem Totenbett liegen. Ich hoffe, es wird mir deshalb nicht schwerer fallen, zu gehen, wenn es soweit ist. Ich glaube auch nicht, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. In letzter Zeit denke ich nur manchmal, dass es mich trösten würde, wenn ich glauben könnte, dass sich mir nach dem Tod tatsächlich die Möglichkeit bieten würde, mich für ein weiteres Leben zu entscheiden. Mit etwas Glück würde mir die Gnade eines unproblematischeren Elternhauses zuteil, mein beruflicher Werdegang wäre kein Zickzackkurs, sondern die Entscheidungen lägen klarer und früher auf der Hand, und ich wäre mit genügend Selbstbewusstsein ausgestattet, das zu verwirklichen, wovon ich immer nur geträumt habe. Konkret: Im Leben nach dem Tod arbeite ich, Hauptsache irgendwas, im Bereich Kunst und Kultur, und der Job dient nicht nur dazu, das Dach über dem Kopf und das tägliche Brot zu sichern, ohne jemals Freude zu machen, sondern ist, darunter geht gar nichts, Berufung. Andernfalls kann mir ein Leben nach dem Tod auch gut und gerne gestohlen bleiben.

2. Wen siehst Du, wenn Du morgens in den Spiegel schaust?

Gute Frage an eine, die sich Frau im Spiegel nennt und ein Morgenmuffel ist. Aber ich sehe das oben erwähnte junge Mädchen, das wie jeden Tag schon in den Startlöchern steht. Ich sehe ihr in die Augen und denke: „Here’s looking at you, kid.“ Wenn ich morgens in den Spiegel schaue, sehe ich auch die unverbesserliche Romantikerin in mir, der ich für den Rest des Tages konsequent aus dem Weg gehen werde.

3. Wahrheit oder Pflicht ? (Best of Flaschendrehen)

Ich weiß nicht, ob ich das Spiel überhaupt jemals gespielt habe, deshalb musste ich mich erst einmal schlau machen:

Entweder nach beantworteter Frage bzw. erfüllter Aufgabe oder der Reihe nach oder durch eine Zufallsauswahl (oftmals mittels Flaschendrehen) wird der Befragte, welcher nun „Wahrheit oder Pflicht“ (also eine Aufgabe) zu erfüllen hat, ausgewählt. Dazu muss sich der Befragte zuerst zwischen „Wahrheit“ und „Pflicht“ entscheiden. Bei „Wahrheit“ wird dem Ausgewählten eine Frage gestellt, die er wahrheitsgemäß beantworten muss; bei „Pflicht“ muss der Ausgewählte eine von den anderen Mitspielern auserkorene Aufgabe erledigen. Die Frage oder Aufgabe stellt dabei derjenige, der vorher der Befragte war. Je nachdem, in welchem Alter sich die Spieler befinden, gehen die Fragen und Aufgaben oft in den persönlichen oder intimen Bereich.

Quelle: wikipedia

Hier fällt mir die Entscheidung nicht schwer. Unter welchen Umständen auch immer, ich gebe der Wahrheit den Vorzug. Jede Wahrheit ist besser, als eine Pflicht zu erfüllen, die womöglich lästig ist.

Für den Fall, dass ich mich jetzt auf eine weitere Frage gefasst machen muss: „I am ready, I am fine“, Matthias. Und last but not least: Herzlichen Dank!

Verkündigung

Ich sah das Tizian-Gemälde in der Scuola Grande di San Rocco in Venedig und wollte es einfach haben, wenigstens als Kopie. Die ist mir nicht gelungen, sie konnte gar nicht gelingen, denn diese ganze wundervolle Kultur ist verloren. Uns bleibt nur mit dem Verlust klarzukommen und trotzdem etwas daraus zu machen.

Gerhard Richter

Über die Landschaft warf er einen blauen Schatten.

Blau ist das männliche Prinzip, herb und geistig. Gelb das weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich. Rot die Materie, brutal und schwer und stets die Farbe, die von den anderen beiden bekämpft und überwunden werden muß! Mischst Du z. B. das ernste, geistige Blau mit Rot, dann steigerst Du das Blau bis zur unerträglichen Trauer, und das versöhnende Gelb, die Komplementärfarbe zu Violett, wird unerläßlich. […] Mischst Du Rot und Gelb zu Orange, so gibst Du dem passiven und weiblichen Gelb eine megärenhafte, sinnliche Gewalt, daß das kühle, geistige Blau wiederum unerläßlich wird, der Mann, und zwar stellt sich das Blau sofort und automatisch neben Orange, die Farben lieben sich. Blau und Orange, ein durchaus festlicher Klang. Mischst Du nun aber Blau und Gelb zu Grün, so weckst Du Rot, die Materie, die Erde, zum Leben.

Franz Marc, „Franz Marc, August Macke: Briefwechsel“

Willst du das Unsichtbare fassen…

Worauf es mir in meiner Arbeit vor allem ankommt, ist die Idealität, die sich hinter der scheinbaren Realität befindet. Ich suche aus der gegebenen Gegenwart die Brücke zum Unsichtbaren – ähnlich wie ein berühmter Kabbalist es einmal gesagt hat: „Willst du das Unsichtbare fassen, dringe, so tief du kannst, ein – in das Sichtbare.“ Es handelt sich für mich immer wieder darum, die Magie der Realität zu erfassen und diese Realität in Malerei zu übersetzen. – Das Unsichtbare sichtbar machen durch die Realität. – Das mag vielleicht paradox klingen – es ist aber wirklich die Realität, die das eigentliche Mysterium des Daseins bildet!

Max Beckmann, Tagebuch 1938

Gesehen in der Ausstellung „Monster. Fantastische Bilderwelten zwischen Grauen und Komik“ im Germanischen Nationalmuseum, Nürnberg.

Ut pictura poesis oder: Ein Gemälde ist wie ein Gedicht.

Einmal mehr bei Vermeer gelandet, der sich hier selbst ins Bild setzt und das mit voller Wucht. „Ein schöner Rücken kann auch entzücken“, möchte man fast flapsig sagen. Entzückend einmal mehr auch sein vieldiskutiertes Sujet: Die Malerkunst, Vermeer in seiner Werkstatt, Der Maler im Atelier, Die Künstlerwerkstatt, Allegorie der Malerei, Das Atelier von Vermeer, Ruhm der Malkunst, Modell und Maler oder Die Malkunst, so die verschiedenen Titel des Gemäldes im Laufe seiner Provenienzgeschichte. Man beachte den zurechtgerückten Stuhl vor dem beiseite geschobenen schweren Vorhang, der den Betrachter einlädt, der Offenbarung, die dem Maler zuteil wird, mit allen Sinnen selbst inne zu werden:

Jan Vermeer,
Jan Vermeer, „Die Malkunst“ (1664/68 oder 1673)

Das Atelier des Malers

Die Welt kommt in mein Atelier, um sich malen zu lassen. Rechts die Teilhabenden, das heißt die Freunde, Mitarbeiter und Liebhaber der Welt der Kunst. Links dagegen die andere Hälfte der Welt, das alltägliche Leben, das Elend, die Armut, der Reichtum, die Ausgebeuteten, die Ausbeuter, die Menschen, die vom Tode leben.

Gustave Courbet

Gustave Courbet, "Das Atelier des Malers" (1855)
Gustave Courbet, „Das Atelier des Malers“ (1855)

Vollständiger Titel des Bildes:

„Das Atelier des Malers. Eine wirkliche Allegorie, die sieben Jahre meines Künstlerlebens zusammenfasst.“

Ghostly Presence

„I’m interested in dreams and subconscious thoughts and the weirdness of how we go from one thought to another in an almost drifting process“, benennt Mike Worrall die Inspirationsquellen für seine Bilder. Dazu Matthew Pillsbury mit seinen Time Frames, geisterhaft wirkende Menschenmassen, die ihrerseits durch Museen driften – beobachtet von der Kunst.

Becoming a Vermeer

Diese helle Freude, wann immer mir ein Vermeer begegnet, was will sie mir sagen?

Ein Tag kann eine Perle sein / Und hundert Jahre – Nichts!“, schreibt Gottfried Keller über die Zeit. Und der Guardian über Gerhard Richters Lesende: “He snaps his daughter reading a letter, meditative in the sunshine, and she becomes a Vermeer.”

Bündele das verfügbare Licht, gieße alle Hingabe in den Moment und werde zu einem Vermeer. So einfach ist das.

A thin place ist ein alter keltischer Ausdruck für einen Ort, an dem der Schleier zwischen Himmel und Erde fast transparent ist. Und in den hebräischen Schriften gibt es eine Erzählung, nach der sich Gott anlässlich dramatischer Ereignisse erst recht nicht zu erkennen gibt, selbst wenn wir uns gerade in solchen Momenten besonders danach sehnen. Dagegen tritt er als kaum wahrnehmbares Flüstern in Erscheinung, in a thin silence, da, wo wir ihn am wenigsten vermuten und vermeintlich brauchen würden.

Vermeer übte keine Gesellschaftskritik. Seine Frauen sind keine ausgemachten Schönheiten wie die Mona Lisa oder Botticellis Unvergleichliche. Die Sujets gleichen sich, unterscheiden sich lediglich in dem, was seine Figuren gerade tun und worin sie so ganz und gar aufgehen. Wie der Maler selbst, vermutlich.

Ich möchte mein Ohr an diese Bilder legen. Ich würde zu gerne jenes kaum wahrnehmbare Flüstern vernehmen, das Vermeer in ihnen eingschlossen hat und das die Jahrhunderte überdauert wie die Inklusen zartgeflügelter Insekten in Bernstein.

„Ein Etwas, form- und farbenlos, / Das nur Gestalt gewinnt, / Wo ihr drin auf und nieder taucht, / Bis wieder ihr zerrinnt.“

Die Frau auf der Treppe

„Zum Jungsein gehört das Gefühl, alles könne wieder gut werden, alles, was schiefgelaufen ist, was wir versäumt, was wir verbrochen haben. Wenn wir das Gefühl nicht mehr haben, wenn Ereignisse und Erfahrungen unwiederbringlich werden, sind wir alt… Denken Sie auch manchmal, dass Gott uns unser Glück neidet und es daher zerstören muss?“

Bernhard Schlink, „Die Frau auf der Treppe“

Gerhard Richter, "Ema" (Akt auf einer Treppe, 1966)
Gerhard Richter, „Ema“ (Akt auf einer Treppe, 1966)

Der helle Himmel hat sich schräg zur Wand gestellt.

Jan Vermeer, "Die Musikstunde (ca. 1662-65)
Jan Vermeer, „Die Musikstunde (ca. 1662-65)

Es saust in den Ohren von Tiefe oder Höhe. / Das ist der Druck von der anderen Seite der Wand. / Er bringt jede Tatsache zum Schweben / und macht den Pinsel fest.

Es tut weh, durch Wände zu gehen, man wird davon krank, / aber es muß sein. / Die Welt ist eins. Aber Wände… / Und die Wand ist ein Teil von dir selbst – / man weiß es oder weiß es nicht, doch es gilt für alle, / nur für kleine Kinder nicht. Für sie keine Wand.

Der helle Himmel hat sich schräg zur Wand gestellt. / Es ist wie ein Gebet zur Leere. / Und die Leere kehrt uns ihr Gesicht zu / und flüstert: / „Ich bin nicht leer, ich bin offen.“

Tomas Tranströmer, „Vermeer“