Fundevogel

Illustration zu dem Märchen "Fundevogel". Feder in Braun, aquarelliert, über Spuren von schwarzem Stift. 43,8 x 23,1 cm, spätestens 1859
Ferdinand Fellner, Illustration zu dem Märchen „Fundevogel“, spätestens 1859. Feder in Braun, aquarelliert, über Spuren von schwarzem Stift. 43,8 x 23,1 cm.

Es war einmal ein Förster, der gieng in den Wald auf die Jagd, und wie er in den Wald kam, hörte er schreien, als ob’s ein kleines Kind wäre. Er gieng dem Schreien nach und kam endlich zu einem hohen Baum,  und oben darauf saß ein kleines Kind. Es war aber die Mutter mit dem Kinde unter dem Baum eingeschlafen, und ein Raubvogel hatte das Kind in ihrem Schoße gesehen: da war er hinzu geflogen, hatte es mit seinem Schnabel weggenommen und auf den hohen Baum gesetzt…

Illustration vermutlich Ruth Koser-Michaels
Illustration von Ruth Koser-Michaels

…Nun machte sich die alte Köchin selbst auf die Beine und gieng mit den drei Knechten den Kindern nach. Die Kinder sahen aber die drei Knechte von weitem kommen, und die Köchin wackelte hinten nach. Da sprach Lenchen: „Fundevogel, verlässt du mich nicht, so verlass ich dich auch nicht.“ Da sprach der Fundevogel „nun und nimmermehr.“ Sprach Lenchen „werde zum Teich und ich die Ente drauf.“ Die Köchin aber kam herzu, und als sie den Teich sahe, legte sie sich drüber hin und wollte ihn aussaufen. Aber die Ente kam schnell geschwommen, fasste sie mit ihrem Schnabel beim Kopf und zog sie ins Wasser hinein: da musste die alte Hexe ertrinken. Da giengen die Kinder zusammen nach Haus und waren herzlich froh; und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Fundevogel“)

Das Lumpengesindel

Aquarell nach Ruth Koser-Michaels, in: Märchen der Brüder Grimm, Leipzig: Brockhaus, 1937
Aquarell nach Ruth Koser-Michaels, in: Märchen der Brüder Grimm, Leipzig: Brockhaus, 1937
Josef Hegenbarth, Zu Grimm, Das Lumpengesindel
um 1960, Federzeichnung, 210 × 180 mm, Privatbesitz

 

Als sie ein Stück Weges gefahren waren, begegneten sie zwei Fußgängern, einer Stecknadel und einer Nähnadel. Sie riefen „halt! halt!“ und sagten es würde gleich stichdunkel werden, da könnten sie keinen Schritt weiter, auch wäre es so schmutzig auf der Straße, ob sie nicht ein wenig einsitzen könnten: sie wären auf der Schneiderherberge vor dem Tor gewesen und hätten sich beim Bier verspätet. Hähnchen, da es magere Leute waren, die nicht viel Platz einnahmen, ließ sie beide einsteigen, doch mussten sie versprechen ihm und seinem Hühnchen nicht auf die Füße zu treten…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Das Lumpengesindel“)

Der Geist im Glas

Aquarell nach Ruth Koser-Michaels, in: Märchen der Brüder Grimm, Leipzig: Brockhaus, 1937
Aquarell nach Ruth Koser-Michaels, in: Märchen der Brüder Grimm, Leipzig: Brockhaus, 1937

Der Sohn aber gieng in den Wald, aß sein Brot, war ganz fröhlich und sah in die grünen Zweige hinein, ob er etwa ein Nest entdeckte. So gieng er hin und her, bis er endlich zu einer großen gefährlichen Eiche kam, die gewiss schon viele hundert Jahre alt war und die keine fünf Menschen umspannt hätten. Er blieb stehen und sah sie an und dachte „es muss doch mancher Vogel sein Nest hinein gebaut haben.“ Da däuchte ihn auf einmal als hörte er eine Stimme. Er horchte und vernahm wie es mit so einem recht dumpfen Ton rief „lass mich heraus, lass mich heraus.“ Er sah sich rings um, konnte aber nichts entdecken, doch es war ihm als ob die Stimme unten aus der Erde hervor käme. Da rief er „wo bist du?“ Die Stimme antwortete „ich stecke da unten bei den Eichenwurzeln. Lass mich heraus, lass mich heraus.“ Der Schüler fieng an unter dem Baum aufzuräumen und bei den Wurzeln zu suchen, bis er endlich in einer kleinen Höhlung eine Glasflasche entdeckte. Er hob sie in die Höhe und hielt sie gegen das Licht, da sah er ein Ding, gleich einem Frosch gestaltet, das sprang darin auf und nieder. „Lass mich heraus, lass mich heraus“, rief’s von neuem, und der Schüler, der an nichts Böses dachte, nahm den Pfropfen von der Flasche ab. Alsbald stieg ein Geist heraus und fieng an zu wachsen, und wuchs so schnell, dass er in wenigen Augenblicken als ein entsetzlicher Kerl, so groß wie der halbe Baum, vor dem Schüler stand. „Weißt du“, rief er mit einer fürchterlichen Stimme, „was dein Lohn dafür ist, dass du mich heraus gelassen hast?“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der Geist im Glas“)

Little Brother and Little Sister and Other Tales by the Brothers Grimm, published in 1917 and illustrated by Arthur Rackham
Little Brother and Little Sister and Other Tales by the Brothers Grimm, published in 1917 and illustrated by Arthur Rackham

Die zwei Brüder

Da fuhr der Drache gegen den Jäger, aber er schwang sein Schwert, dass es in der Luft sang, und schlug ihm drei Köpfe ab…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die zwei Brüder“)

Kay Nielsen schuf ein sehr vielschichtiges Märchenbild zu Grimms Die zwei Brüder. In seiner filigranen und motivreichen Malweise stellt Nielsen hier den Drachenkampf in das Zentrum des Geschehens, wie in einem Tabernakel kauert im Hintergrund die blonde Prinzessin unter einem Baldachin aus gotischen Strebebögen und Turmspitzen. Unterhalb der bühnenartig sich präsentierenden Drachenkampfszene auf dem Felsen tummeln sich die helfenden Tiere: Hase, Löwe Wolf, Bär, Adler und Fuchs, Der verräterische Hofmarschall mit Federhut schaut mit intriganter Vorsicht ums Eck. Der kleine Hase lugt besorgt nach seinem Herrn über den Bühnenrand des Felsplateaus. - Nielsen kennzeichnete das Bild mit dem Märchenzitat Then the dragon made a dart at the hunter, but he swung his sword round and cut off three of the beast’s head - THE TWO BROTHERS.
Kay Nielsen schuf ein sehr vielschichtiges Märchenbild zu Grimms Die zwei Brüder. In seiner filigranen und motivreichen Malweise stellt Nielsen hier den Drachenkampf in das Zentrum des Geschehens, wie in einem Tabernakel kauert im Hintergrund die blonde Prinzessin unter einem Baldachin aus gotischen Strebebögen und Turmspitzen. Unterhalb der bühnenartig sich präsentierenden Drachenkampfszene auf dem Felsen tummeln sich die helfenden Tiere: Hase, Löwe Wolf, Bär, Adler und Fuchs. Der verräterische Hofmarschall mit Federhut schaut mit intriganter Vorsicht ums Eck. Der kleine Hase lugt besorgt nach seinem Herrn über den Bühnenrand des Felsplateaus. – Nielsen kennzeichnete das Bild mit dem Märchenzitat Then the dragon made a dart at the hunter, but he swung his sword round and cut off three of the beast’s head – THE TWO BROTHERS.
grimm - die zwei brueder
Aquarell nach Ruth Koser-Michaels, in: Märchen der Brüder Grimm, Leipzig: Brockhaus, 1937