Die Nelke

Illustration von Phillip Grot Johann
Illustration von Phillip Grot-Johann

„Herr Vater, wollt ihr auch das Mädchen sehen, das mich so zärtlich aufgezogen hat und mich hernach ums Leben bringen sollte, es aber nicht getan hat, obgleich sein eigenes Leben auf dem Spiel stand?“ Antwortete der König „ja, ich will sie gerne sehen.“ Sprach der Sohn „gnädigster Vater, ich will sie euch zeigen in Gestalt einer schönen Blume.“ Und griff in die Tasche und holte die Nelke, und stellte sie auf die königliche Tafel, und sie war so schön, wie der König nie eine gesehen hatte. Darauf sprach der Sohn „nun will ich sie auch in ihrer wahren Gestalt zeigen“, und wünschte sie zu einer Jungfrau; da stand sie da und war so schön, dass kein Maler sie hätte schöner malen können.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die Nelke“)

Die Wichtelmänner

Erstes Märchen.

Am anderen Morgen sprach die Frau „die kleinen Männer haben uns reich gemacht, wir müssten uns doch dankbar dafür bezeigen. Sie laufen so herum, haben nichts am Leib und müssen frieren. Weißt du was? ich will Hemdlein, Rock, Wams und Höslein für sie nähen, auch jedem ein Paar Strümpfe stricken; mach du jedem ein Paar Schühlein dazu.“ Der Mann sprach „das bin ich wohl zufrieden“, und Abends, wie sie alles fertig hatten, legten sie die Geschenke statt der zugeschnittenen Arbeit zusammen auf den Tisch und versteckten sich dann, um mit anzusehen wie sich die Männlein dazu anstellen würden…

Die Wichtelmänner, Zeichnung von G. Olms um 1900
Die Wichtelmänner, Zeichnung von G. Olms um 1900

Zweites Märchen.

Da kamen drei Wichtelmänner und führten es in einen hohlen Berg, wo die Kleinen lebten. Es war da alles klein, aber so zierlich und prächtig dass es nicht zu sagen ist. Die Kindbetterin lag in einem Bett von schwarzem Ebenholz mit Knöpfchen von Perlen, die Decken waren mit Gold gestickt, die Wiege war von Elfenbein die Badewanne von Gold. Das Mädchen stand nun Gevatter und wollte dann wieder nach Hause gehen, die Wichtelmänner baten es aber inständig drei Tage bei ihnen zu bleiben…

Philipp Grot-Johann, "Die Wichtelmänner" (1841-1892)
Philipp Grot-Johann, „Die Wichtelmänner“ (1841-1892)

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die Wichtelmänner“)