Der Arme und der Reiche

Illustration von Paul Hey
Illustration von Paul Hey

Vor alten Zeiten, als der liebe Gott noch selber auf Erden unter den Menschen wandelte, trug es sich zu, daß er eines Abends müde war und ihn die Nacht überfiel, bevor er zu einer Herberge kommen konnte. Nun standen auf dem Weg vor ihm zwei Häuser einander gegenüber, das eine groß und schön, das andere klein und ärmlich anzusehen, und gehörte das große einem Reichen, das kleine einem armen Manne. Da dachte unser Herr Gott „dem Reichen werde ich nicht beschwerlich fallen: bei ihm will ich übernachten.“ Der Reiche, als er an seine Thüre klopfen hörte, machte das Fenster auf und fragte den Fremdling was er suche? Der Herr antwortete „ich bitte um ein Nachtlager.“ Der Reiche guckte den Wandersmann von Haupt bis zu den Füßen an, und weil der liebe Gott schlichte Kleider trug und nicht aussah wie einer, der viel Geld in der Tasche hat, schüttelte er mit dem Kopf und sprach „ich kann euch nicht aufnehmen, meine Kammern liegen voll Kräuter und Samen, und sollte ich einen jeden beherbergen, der an meine Thüre klopft, so könnte ich selber den Bettelstab in die Hand nehmen. Sucht euch anderswo ein Auskommen.“ Schlug damit sein Fenster zu und ließ den lieben Gott stehen. Also kehrte ihm der liebe Gott den Rücken und gieng hinüber zu dem kleinen Haus. Kaum hatte er angeklopft, so klinkte der Arme schon sein Thürchen auf und bat den Wandersmann einzutreten. „Bleibt die Nacht über bei mir,“ sagte er „es ist schon finster, und heute könnt ihr doch nicht weiter kommen.“ Das gefiel dem lieben Gott und er trat zu ihm ein. Die Frau des Armen reichte ihm die Hand, hieß ihn willkommen und sagte er möchte sichs bequem machen und vorlieb nehmen, sie hätten nicht viel, aber was es wäre, gäben sie von Herzen gerne. Dann setzte sie Kartoffeln ans Feuer, und derweil sie kochten, melkte sie ihre Ziege, damit sie ein wenig Milch dazu hätten. Und als der Tisch gedeckt war, setzte sich der liebe Gott nieder und aß mit ihnen, und schmeckte ihm die schlechte Kost gut, denn es waren vergnügte Gesichter dabei…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der Arme und der Reiche“)

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Das Todtenhemdchen

Illustration von Paul Hey
Illustration von Paul Hey

Es hatte eine Mutter ein Büblein von sieben Jahren, das war so schön und lieblich, daß es niemand ansehen konnte ohne ihm gut zu sein, und sie hatte es auch lieber als alles auf der Welt. Nun geschah es, daß es plötzlich krank ward, und der liebe Gott es zu sich nahm; darüber konnte sich die Mutter nicht trösten und weinte Tag und Nacht. Bald darauf aber, nachdem es begraben war, zeigte sich das Kind Nachts an den Plätzen, wo es sonst im Leben gesessen und gespielt hatte; weinte die Mutter, so weinte es auch, und wenn der Morgen kam, war es verschwunden. Als aber die Mutter gar nicht aufhören wollte zu weinen, kam es in einer Nacht mit seinem weißen Todtenhemdchen, in welchem es in den Sarg gelegt war, und mit dem Kränzchen auf dem Kopf, setzte sich zu ihren Füßen auf das Bett und sprach „ach Mutter, höre doch auf zu weinen, sonst kann ich in meinem Sarge nicht einschlafen, denn mein Todtenhemdchen wird nicht trocken von deinen Thränen, die alle darauf fallen.“ Da erschrack die Mutter, als sie das hörte, und weinte nicht mehr. Und in der andern Nacht kam das Kindchen wieder, hielt in der Hand ein Lichtchen und sagte „siehst du, nun ist mein Hemdchen bald trocken, und ich habe Ruhe in meinem Grab.“ Da befahl die Mutter dem lieben Gott ihr Leid und ertrug es still und geduldig, und das Kind kam nicht wieder, sondern schlief in seinem unterirdischen Bettchen.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Das Todtenhemdchen“)

Sechse kommen durch die ganze Welt

Illustration von Paul Hey

Da sprach der König „was ist das für ein gewaltiger Kerl, der den hausgroßen Ballen Leinwand auf der Schulter trägt?“ erschrak und dachte „was wird der für Gold wegschleppen!“ Da hieß er eine Tonne Gold herbringen, die mussten sechzehn der stärksten Männer tragen, aber der Starke packte sie mit einer Hand, steckte sie in den Sack und sprach „warum bringt ihr nicht gleich mehr, das deckt ja kaum den Boden.“ Da ließ der König nach und nach seinen ganzen Schatz herbeitragen, den schob der Starke in den Sack hinein und der Sack ward davon noch nicht zur Hälfte voll. „Schafft mehr herbei“, rief er, „die paar Brocken füllen nicht.“ Da mußten noch siebentausend Wagen mit Gold in dem ganzen Reich zusammen gefahren werden: die schob der Starke samt den vorgespannten Ochsen in seinen Sack. „Ich will’s nicht lange begehen“, sprach er, „und nehmen was kommt, damit der Sack nur voll wird.“ Wie alles darin stak, gieng doch noch viel hinein, da sprach er „ich will dem Ding nur ein Ende machen, man bindet wohl einmal einen Sack zu, wenn er auch noch nicht voll ist.“ Dann huckte er ihn auf den Rücken und gieng mit seinen Gesellen fort…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Sechse kommen durch die ganze Welt“)

Der Räuberbräutigam

An dem Eingang des Waldes war Asche gestreut, der ging es nach warf aber bei jedem Schritt rechts und links ein paar Erbsen auf die Erde. Es gieng fast den ganzen Tag bis es mitten in den Wald kam, wo er am dunkelsten war, da stand ein einsames Haus, das gefiel ihm nicht, denn es sah so finster und unheimlich aus. Es trat hinein, aber es war niemand darin und herrschte die größte Stille. Plötzlich rief eine Stimme

„kehr um, kehr um, du junge Braut,

du bist in einem Mörderhaus.“

Illustration of "The Robber Bridegroom" from Household Stories by the Brothers Grimm, translated by Lucy Crane, illustrated by Walter Crane, first published by Macmillan and Company in 1886.
Illustration of „The Robber Bridegroom“ from Household Stories by the Brothers Grimm, translated by Lucy Crane, illustrated by Walter Crane, first published by Macmillan and Company in 1886.

Das Mädchen blickte auf und sah dass die Stimme von einem Vogel kam, der da in einem Bauer an der Wand hieng. Nochmals rief er

„kehr um, kehr um, du junge Braut,

du bist in einem Mörderhaus.“

Da gieng die schöne Braut weiter aus einer Stube in die andere und gieng durch das ganze Haus, aber es war alles leer und keine Menschenseele zu finden. Endlich kam sie auch in den Keller, da saß eine steinalte Frau, die wackelte mit dem Kopfe. „Könnt ihr mir nicht sagen“, sprach das Mädchen, „ob mein Bräutigam hier wohnt?“ „Ach, du armes Kind“, antwortete die Alte, „wo bist du hingeraten! du bist in einer Mördergrube. Du meinst du wärst eine Braut, die bald Hochzeit macht, aber du wirst die Hochzeit mit dem Tode halten. Siehst du, da hab ich einen großen Kessel mit Wasser aufsetzen müssen, wenn sie dich in ihrer Gewalt haben, so zerhacken sie dich ohne Barmherzigkeit, koch dich und essen dich, denn es sind Menschenfresser. Wenn ich nicht Mitleiden mit dir habe und dich rette, so bist du verloren.“

"At least she reached the cellar, and there she found an old, old woman with a shaking head."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„At least she reached the cellar, and there she found an old, old woman with a shaking head.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

…und die Alte tröpfelte ihnen einen Schlaftrunk in den Wein, dass sie sich bald in den Keller hinlegten, schliefen und schnarchen. Als die Braut das hörte, kam sie hinter dem Fass hervor, und musste über die Schlafenden wegschreiten, die da reihenweise auf der Erde lagen, und hatte große Angst, sie möchte einen aufwecken. Aber Gott half ihr dass sie glücklich durchkam, die Alte stieg mit ihr hinauf, öffnete die Türe, und sie eilten so schnell sie konnten aus der Mördergrube fort…

Illustration von Paul Hey
Illustration von Paul Hey

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der Räuberbräutigam“)

Der Schneider im Himmel

Es trug sich zu, dass der liebe Gott an einem schönen Tag in dem himmlischen Garten sich ergehen wollte und alle Apostel und Heiligen mit nahm, also dass niemand mehr im Himmel blieb als der heilige Petrus. Der Herr hatte ihm befohlen während seiner Abwesenheit niemand einzulassen, Petrus stand also an der Pforte und hielt Wache. Nicht lange so klopfte jemand an. Petrus fragte wer da wäre und was er wollte. „Ich bin ein armer ehrlicher Schneider“, antwortete eine feine Stimme, „der um Einlass bittet.“ „Ja, ehrlich“, sagte Petrus, „wie der Dieb am Galgen, du hast lange Finger gemacht und den Leuten das Tuch abgezwickt. Du kommst nicht in den Himmel, der Herr hat mir verboten, so lange er draußen wäre, irgend jemand einzulassen.“ „Seid doch barmherzig“, rief der Schneider, „kleine Flicklappen, die von selbst vom Tisch herab fallen, sind nicht gestohlen und nicht der Rede wert. Seht ich hinke und habe von dem Weg daher Blasen an den Füßen , ich kann unmöglich wieder umkehren. Lasst mich nur hinein, ich will alle schlechte Arbeit tun. Ich will die Kinder tragen, die Windeln waschen, die Bänke, darauf sie gespielt haben, säubern und abwischen, und ihre zerrissenen Kleider flicken.“ Der heilige Petrus ließ sich aus Mitleid bewegen und öffnete dem lahmen Schneider die Himmelspforte so weit, dass er mit seinem dürren Leib hineinschlüpfen konnte…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der Schneider im Himmel“)

Brüder Grimm / Kinder-Märchen Märchenbuch Illustrationen: Paul Hey K. Thienemanns Verlag (Stuttgart / Deutschland; ~1935)

Die kluge Else

Es war ein Mann , der hatte eine Tochter, die hieß die kluge Else. Als sie nun erwachsen war, sprach der Vater „wir wollen sie heiraten lassen. „Ja“, sagte die Mutter, „wenn nur einer käme, der sie haben wollte.“ Endlich kam von weither einer, der hieß Hans, und hielt um sie an, er machte aber die Bedingung, dass die kluge Else auch recht gescheit wäre. „Oh“, sprach der Vater, „die hat Zwirn im Kopf“, und die Mutter sagte „ach, die sieht den Wind auf der Gasse laufen und hört die Fliegen husten.“ „Ja“, sprach der Hans, „wenn sie nicht recht gescheit ist, so nehm ich sie nicht.“ Als sie nun zu Tisch saßen und gegessen hatten, sprach die Mutter „Else, geh in den Keller und hol Bier.“ Da nahm die kluge Else den Krug von der Wand, gieng in den Keller und klappte unterwegs brav mit dem Deckel, damit ihr die Zeit ja nicht lang würde. Als sie unten war, holte sie ein Stühlchen, und stellte es vors Fass, damit sie sich nicht zu bücken brauchte und ihrem Rücken etwa nicht wehe täte und unverhofften Schaden nähme. Dann stellte sie die Kanne vor sich und drehte den Hahn auf, und während der Zeit dass das Bier hinein lief, wollte sie doch ihre Augen nicht müßig lassen, sah oben an die Wand hinauf und erblickte nach vielem Hin- und Herschauen eine Kreuzhacke gerade über sich, welche die Maurer da aus Versehen hatten stecken lassen. Da fieng die kluge Else an zu weinen und sprach „wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und wir schicken das Kind in den Keller, dass es hier soll Bier zapfen, so fällt ihm die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägt’s tot.“ Da saß sie und weinte und schrie aus Leibeskräften über das bevorstehende Unglück. Die oben warteten auf den Trank, aber die kluge Else kam immer nicht…

Illustration von Paul Hey
Illustration von Paul Hey

…Als sie den Hans eine Weile hatte, sprach er „Frau, ich will ausgehen arbeiten und uns Geld verdienen, geh du ins Feld und schneid das Korn, dass wir Brot haben.“ „Ja, mein lieber Hans, das will ich tun.“ Nachdem der Hans fort war, kochte sie sich einen guten Brei und nahm ihn mit ins Feld. Als sie vor den Acker kam, sprach sie zu sich selbst „was tu ich? schneid ich eh’r, oder ess ich eh’r? hei, ich will erst essen.“ Nun aß sie ihren Topf mit Brei aus, und als sie dick satt war, sprach sie wieder „was tu ich? schneid ich eh’r, oder schlaf ich eh’r? hei, ich will erst schlafen.“ Da legte sie sich ins Korn und schlief ein. Der Hans war längst zu Haus, aber die Else wollte nicht kommen, da sprach er „was hab ich für eine kluge Else, die ist so fleißig, dass sie nicht einmal nach Haus kommt und isst.“ Als sie aber noch immer ausblieb und es Abend ward, gieng der Hans hinaus, und wollte sehen was sie geschnitten hätte: aber es war nichts geschnitten, sondern sie lag im Korn und schlief…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die kluge Else“)

Illustration von Paul Hey
Illustration von Paul Hey

„Die kluge Else“ tiefenpsychologisch gedeutet:

Eugen Drewermann sieht das Ich von Elses Vater durch Leistungsideale zerbrochen. Er identifiziert sich narzißtisch mit der Tochter, die klug sein, v.a. aber, wie er, versagen muss, um ihn nicht abzuwerten. So ein Kind entwickelt ein feines Gespür dafür, zu denken was die anderen denken, jeden „Wind auf der Gasse“ und jeden drohenden Schatten einer Fliege an der Wand zu ahnen. Die latente Vernichtungsdrohung internalisierter Aggression, die vatergöttliche Doppelaxt steckt tief im Familienfundament. Das Denken verkommt zum Handlungsersatz, zur Rationalisierung eigener Verzweiflung. Wer sich stets wider Willen zu Leistung nötigt, wird oft von der Arbeit durch Hunger und Schlafbedürfnis abgelenkt, eine Art oral-mütterlicher Gegenpol zu den väterlichen Ansprüchen. Die psychotische Identitätskrise zerbricht die Bindungen und wandelt anfangs noch gut gemeinte Ratschläge in Zynismus.

Quelle: wikipedia

Der gute Handel

Brüder Grimm / Kinder-Märchen Märchenbuch Illustrationen: Paul Hey
K. Thienemanns Verlag (Stuttgart / Deutschland; ~1935)

Ein Bauer, der hatte eine Kuh auf den Markt getrieben und für sieben Taler verkauft. Auf dem Heimweg musste er an einem Teich vorbei, da hörte er schon von weitem, wie die Frösche riefen „ak, ak, ak, ak“. „Ja“, sprach er für sich, „die schreien auch ins Haberfeld hinein: sieben sind’s, die ich gelöst habe, keine acht.“ Als er zu dem Wasser heran kam, rief er ihnen zu „dummes Vieh, das ihr seid! wisst ihr’s nicht besser? sieben Taler sind’s und keine acht.“ Die Frösche blieben aber bei ihrem „ak, ak, ak, ak“. „Nun, wenn ihr’s nicht glauben wollt, ich kann’s euch vorzählen“, holte das Geld aus der Tasche und zählte die sieben Taler ab, immer vierundzwanzig Groschen auf einen. Die Frösche kehrten sich aber nicht an seine Rechnung und riefen abermals „ak, ak, ak, ak“. „Ei“, rief der Bauer ganz bös, „wollt ihr’s besser wissen als ich, so zählt selber“, und warf ihnen das Geld miteinander ins Wasser hinein. Er blieb stehen und wollte warten bis sie fertig wären und ihm das Seinige wieder brächten, aber die Frösche beharrten auf ihrem Sinn, schrien immerfort „ak, ak, ak, ak“, und warfen auch das Geld nicht wieder heraus. Er wartete noch eine gute Weile, bis der Abend anbrach, und er nach Hause musste, da schimpfte er die Frösche aus, und rief „ihr Wasserpatscher, ihr Dickköpfe, ihr Klotzaugen, ein groß Maul habt ihr und könnt schreien dass einem die Ohren weh tun, aber sieben Taler könnt ihr nicht zählen: meint ihr, ich wollte da stehen bis ihr fertig wärt?“ Damit gieng er fort, aber die Frösche riefen noch „ak ak, ak, ak“ hinter ihm her dass er ganz verdrießlich heim kam…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der gute Handel“)