Die drei Federn

Da gieng der Dummling ohne weiteres hinab zu der dicken Itsche und sprach „ich soll die schönste Frau heimbringen.“ „Ei“, antwortete die Itsche, „die schönste Frau! die ist nicht gleich zur Hand, aber du sollst sie doch haben.“ Sie gab ihm eine ausgehöhlte gelbe Rübe mit sechs Mäuschen bespannt. Da sprach der Dummling ganz traurig „was soll ich damit anfangen?“ Die Itsche antwortete „setze nur eine von meinen kleinen Itschen hinein.“ Da griff er auf Geratewohl eine aus dem Kreis und setzte sie in die gelbe Kutsche, aber kaum saß sie darin, so ward sie zu einem wunderschönen Fräulein, die Rübe zur Kutsche, und die sechs Mäuschen zu Pferden…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die drei Federn“)

Illustration von Kay Nielsen
Illustration von Kay Nielsen

Das tapfere Schneiderlein

"Pulling the piece of soft cheese out of his pocket, he squeezed it till the moisture ran out."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„Pulling the piece of soft cheese out of his pocket, he squeezed it till the moisture ran out.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Der Riese las „siebene auf einen Streich“, meinte das wären Menschen gewesen, die der Schneider erschlagen hätte, und kriegte ein wenig Respekt vor dem kleinen Kerl. Doch wollte er ihn erst prüfen, nahm einen Stein in die Hand, und drückte ihn zusammen dass das Wasser heraus tropfte. „Das mach mir nach“, sprach der Riese, „wenn du Stärke hast.“ „Ist’s weiter nichts?“ sagte das Schneiderlein, „das ist bei unser einem Spielwerk“, griff in die Tasche, holte den weichen Käs und drückte ihn dass der Saft heraus lief. „Gelt“, sprach er, „das war ein wenig besser?“

"The brave little tailor" von Kay Rasmus Nielsen ( 1886 – 1957)
„The brave little tailor“ von Kay Rasmus Nielsen ( 1886 – 1957)

Das Schneiderlein verlangte von dem König die versprochene Belohnung, den aber reute sein Versprechen und er sann aufs neue wie er sich den Helden vom Halse schaffen könnte. „Ehe du meine Tochter und das halbe Reich erhältst“, sprach er zu ihm, „musst du noch eine Heldentat vollbringen. In dem Walde läuft ein Einhorn, das großen Schaden anrichtet, das musst du erst einfangen.“ „Vor einem Einhorne fürchte ich mich noch weniger als vor zwei Riesen; siebene auf einen Streich, das ist meine Sache.“ Er nahm sich einen Strick und eine Axt mit, gieng hinaus in den Wald, und hieß abermals die, welche ihm zugeordnet waren, außen warten…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Das tapfere Schneiderlein“)

Hänsel und Gretel

Als sie endlich erwachten, war es schon finstere Nacht. Gretel fieng an zu weinen und sprach „wie sollen wir nun aus dem Wald kommen!“ Hänsel aber tröstete sie, „wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen ist, dann wollen wir den Weg schon finden.“ Und als der volle Mond aufgestiegen war, so nahm Hänsel sein Schwesterchen an der Hand und gieng den Kieselsteinen nach, die schimmerten wie neu geschlagene Batzen und zeigten ihnen den Weg…

Hänsel and Gretel; Darstellung von Alexander Zick (1845 - 1907)
Hänsel and Gretel; Darstellung von Alexander Zick (1845 – 1907)

Nun war’s schon der dritte Morgen, dass sie ihres Vaters Haus verlassen hatte. Sie fiengen wieder an zu gehen, aber sie gerieten immer tiefer in den Wald und wenn nicht bald Hilfe kam, so mussten sie verschmachten. Als es Mittag war, sahen sie ein schönes schneeweißes Vöglein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, dass sie stehen blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie giengen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nah heran kamen, so sahen sie dass das Häuslein aus Brot gebaut war, und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker…

Illustration von Kay Nielsen
Illustration von Kay Nielsen

Da gieng auf einmal die Türe auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte, kam heraus geschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, dass sie fallen ließen was sie in den Händen hielten. Die Alte aber wackelte mit dem Kopf und sprach „ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch hierher gebracht? kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht euch kein Leid.“

Illustration von Arthur Rackham
Illustration von Arthur Rackham

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Hänsel und Gretel“)

Rapunzel

Sie verabredeten dass er bis dahin alle Abend zu ihr kommen sollte, denn bei Tag kam die Alte. Die Zauberin merkte auch nichts davon, bis einmal Rapunzel anfieng und zu ihr sagte „sag sie mir doch, Frau Gothel, wie kommt es nur, sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen, als der junge Königssohn, der ist in einem Augenblick bei mir. „Ach du gottloses Kind“, rief die Zauberin, „was muss ich von dir hören, ich dachte ich hätte dich von aller Welt geschieden, und du hast mich doch betrogen!“ In ihrem Zorne packte sie die schönen Haare der Rapunzel, schlug sie ein paar Mal um ihre linke Hand, griff eine Schere mit der rechten, und ritsch, ratsch, waren sie abgeschnitten, und die schönen Flechten lagen auf der Erde. Und sie war so unbarmherzig dass sie die arme Rapunzel in eine Wüstenei brachte, wo sie in großem Jammer und Elend leben musste.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Rapunzel“)

Illustration von Kay Nielsen
Illustration von Kay Nielsen

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Brüderchen und Schwesterchen

„Gott und unsere Herzen die weinen zusammen!“

Kay Nielsen (ein führender Exponent des „Goldenen Zeitalters der Illustration“, das in den zwanziger Jahren endete)
Kay Nielsen, ein führender Vertreter des „Goldenen Zeitalters der Illustration“, das in den zwanziger Jahren zu Ende ging.

Nun weinte das Schwesterchen über das arme verwünschte Brüderchen, und das Rehchen weinte auch und saß so traurig neben ihm. Da sprach das Mädchen endlich „sei still, liebes Rehchen, ich will dich ja nimmermehr verlassen.“ Dann band es sein goldenes Strumpfband ab und tat es dem Rehchen um den Hals, und rupfte Binsen und flocht ein weiches Seil daraus. Daran band es das Tierchen und führte es weiter, und gieng immer tiefer in den Wald hinein. Und als sie lange gegangen waren kamen sie endlich an ein kleines Haus, und das Mädchen schaute hinein, und weil es leer war, dachte es „hier können wir bleiben und wohnen.“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Brüderchen und Schwesterchen“)

Die zwei Brüder

Da fuhr der Drache gegen den Jäger, aber er schwang sein Schwert, dass es in der Luft sang, und schlug ihm drei Köpfe ab…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die zwei Brüder“)

Kay Nielsen schuf ein sehr vielschichtiges Märchenbild zu Grimms Die zwei Brüder. In seiner filigranen und motivreichen Malweise stellt Nielsen hier den Drachenkampf in das Zentrum des Geschehens, wie in einem Tabernakel kauert im Hintergrund die blonde Prinzessin unter einem Baldachin aus gotischen Strebebögen und Turmspitzen. Unterhalb der bühnenartig sich präsentierenden Drachenkampfszene auf dem Felsen tummeln sich die helfenden Tiere: Hase, Löwe Wolf, Bär, Adler und Fuchs, Der verräterische Hofmarschall mit Federhut schaut mit intriganter Vorsicht ums Eck. Der kleine Hase lugt besorgt nach seinem Herrn über den Bühnenrand des Felsplateaus. - Nielsen kennzeichnete das Bild mit dem Märchenzitat Then the dragon made a dart at the hunter, but he swung his sword round and cut off three of the beast’s head - THE TWO BROTHERS.
Kay Nielsen schuf ein sehr vielschichtiges Märchenbild zu Grimms Die zwei Brüder. In seiner filigranen und motivreichen Malweise stellt Nielsen hier den Drachenkampf in das Zentrum des Geschehens, wie in einem Tabernakel kauert im Hintergrund die blonde Prinzessin unter einem Baldachin aus gotischen Strebebögen und Turmspitzen. Unterhalb der bühnenartig sich präsentierenden Drachenkampfszene auf dem Felsen tummeln sich die helfenden Tiere: Hase, Löwe Wolf, Bär, Adler und Fuchs. Der verräterische Hofmarschall mit Federhut schaut mit intriganter Vorsicht ums Eck. Der kleine Hase lugt besorgt nach seinem Herrn über den Bühnenrand des Felsplateaus. – Nielsen kennzeichnete das Bild mit dem Märchenzitat Then the dragon made a dart at the hunter, but he swung his sword round and cut off three of the beast’s head – THE TWO BROTHERS.
grimm - die zwei brueder
Aquarell nach Ruth Koser-Michaels, in: Märchen der Brüder Grimm, Leipzig: Brockhaus, 1937