Der Gevatter Tod

Otto Ubbelohde, Der Gevatter Tod, 1907-09.
Otto Ubbelohde, Der Gevatter Tod, 1907-09.

Der Tod, als er sich zum zweitenmal um sein Eigentum betrogen sah, gieng mit langen Schritten auf den Arzt zu und sprach „es ist aus mit dir und die Reihe kommt nun an dich“, packte ihn mit seiner eiskalten Hand so hart, dass er nicht widerstehen konnte, und führte ihn in eine unterirdische Höhle. Da sah er wie tausend und tausend Lichter in unübersehbaren Reihen brannten, einige groß, andere halbgroß, andere klein. Jeden Augenblick verloschen einige, und andere brannten wieder auf, also dass die Flämmchen in beständigem Wechsel hin und her zu hüpfen schienen. „Siehst du“, sprach der Tod, „das sind die Lebenslichter der Menschen. Die großen gehören Kindern, die halbgroßen Eheleuten in ihren besten Jahren, die kleinen gehören Greisen. Doch auch Kinder und junge Leute haben oft nur ein kleines Lichtchen.“ „Zeige mir mein Lebenslicht“ sagte der Arzt und meinte es wäre noch recht groß. Der Tod deutete auf ein kleines Endchen, das eben auszugehen drohte und sagte „siehst du, da ist es.“ „Ach, lieber Pate“, sagte der erschrockene Arzt, „zündet mir ein neues an, tut mir’s zu Liebe, damit ich meines Lebens genießen kann, König werde und Gemahl der schönen Königstochter.“ „Ich kann nicht“, antwortete der Tod, „erst muss eins verlöschen, eh ein neues anbrennt.“ „So setzt das alte auf ein neues, das gleich fortbrennt wenn jenes zu Ende ist“, bat der Arzt. Der Tod stellte sich als ob er seinen Wunsch erfüllen wollte, langte ein frisches großes Licht herbei: aber weil er sich rächen wollte versah er’s beim Umstecken absichtlich, und das Stückchen fiel um und verlosch. Alsbald sank der Arzt zu Boden, und war nun selbst in die Hand des Todes geraten.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der Gevatter Tod“)

H. Lefler & A. J. Urban in 'Märchen-Kalender'
Heinrich Lefler & Joseph Urban in ‚“Märchen-Kalender'“

Marienkind

In den zwischen 1904 und 1922 im Verlag Josef Scholz erschienenen, reich illustrierten Märchenschmuckbüchern wurde auch das Märchen Marienkind verlegt. Die Jugendstilillustrationen zum Marienkind stammen von Heinrich Lefler und Joseph Urban. Marienkind thematisieren hier acht ganzseitige Farbbilder, die ergänzt werden durch eine schwarz-weiße ornamental gestaltete Initiale zu Beginn des Märchens und fünf weitere schwarz-weiße Zeichnungen. Die Fabbilder dominiert ein lichtmystischer Farbkontrast von Gelbtönen mit Blau. Alle Bilder sind ornamental und linear auf die Märchstimmung abgestimmt.
In den zwischen 1904 und 1922 im Verlag Josef Scholz erschienenen, reich illustrierten Märchenschmuckbüchern wurde auch das Märchen Marienkind verlegt. Die Jugendstilillustrationen zum Marienkind stammen von Heinrich Lefler und Joseph Urban. Marienkind thematisieren hier acht ganzseitige Farbbilder, die ergänzt werden durch eine schwarz-weiße ornamental gestaltete Initiale zu Beginn des Märchens und fünf weitere schwarz-weiße Zeichnungen. Die Fabbilder dominiert ein lichtmystischer Farbkontrast von Gelbtönen mit Blau. Alle Bilder sind ornamental und linear auf die Märchstimmung abgestimmt.

…Und alsbald fieng der Himmel an zu regnen und löschte die Feuerflammen, und über ihr brach ein Licht hervor, und die Jungfrau Maria kam herab und hatte die beiden Söhnlein zu ihren Seiten und das neugeborne Töchterlein auf dem Arm. Sie sprach freundlich zu ihr „wer seine Sünde bereut und eingesteht, dem ist sie vergeben“, und reichte ihr die drei Kinder, löste ihr die Zunge, und gab ihr Glück für das ganze Leben.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Marienkind“)

Welche Salatsorte trägt den Namen eines Grimmschen Märchens?

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die hatten sich schon lange ein Kind gewünscht und nie eins bekommen, endlich aber ward die Frau guter Hoffnung. Diese Leute hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnten sie in den Garten einer Fee sehen, der voll von Blumen und Kräutern stand, allerlei Art, keiner aber durfte es wagen, in den Garten hineinzugehen. Eines Tages stand die Frau an diesem Fenster und sah hinab, da erblickte sie wunderschöne Rapunzeln auf einem Beet und wurde so lüstern darnach, und wußte doch, daß sie keine davon bekommen konnte, daß sie ganz abfiel und elend wurde. Ihr Mann erschrack endlich und fragte nach der Ursache; „ach wenn ich keine von den Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm Haus zu essen kriege, so muß ich sterben.“ Der Mann, welcher sie gar lieb hatte, dachte, es mag kosten was es will, so willst du ihr doch welche schaffen, stieg eines Abends über die hohe Mauer und stach in aller Eile eine Hand voll Rapunzeln aus, die er seiner Frau brachte. Die Frau machte sich sogleich Salat daraus, und aß sie in vollem Heißhunger auf. Sie hatten ihr aber so gut, so gut geschmeckt, daß sie den andern Tag noch dreimal soviel Lust bekam. Der Mann sah wohl, daß keine Ruh wäre, also stieg er noch einmal in den Garten, allein er erschrack gewaltig, als die Fee darin stand und ihn heftig schalt, daß er es wage in ihren Garten zu kommen und daraus zu stehlen. Er entschuldigte sich, so gut er konnte, mit der Schwangerschaft seiner Frau, und wie gefährlich es sey, ihr dann etwas abzuschlagen, endlich sprach die Fee: „ich will mich zufrieden geben und dir selbst gestatten Rapunzeln mitzunehmen, so viel du willst, wofern du mir das Kind geben wirst, womit deine Frau jetzo geht.“ In der Angst sagte der Mann alles zu, und als die Frau in Wochen kam, erschien die Fee sogleich, nannte das kleine Mädchen Rapunzel und nahm es mit sich fort.

Das ganze Märchen gibt es hier

„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“ – dies ist wohl einer der bekanntesten Sätze aus der Märchensammlung der Brüder Grimm. Tatsächlich ist das Märchen französischen Ursprungs. 1698 schrieb die Hofdame Mademoiselle de la Force die Erzählung Persinette (erschienen in ihrem Buch Cabinet des Fees). Der Rumpf dieser Geschichte stammt ebenso aus dem Volksgut, wie eine weitere Quelle – Petrosinella aus dem Pentamerone von Giambattista Basile (gestorben 1632). 1790 übernimmt Friedrich Schulz dieses Märchen in einen seiner Kleinen Romane. Von ihm übernahmen es die Brüder Grimm unter starker Kürzung 1812 in ihre Kinder- und Hausmärchen als Nr. 12. Dort erfuhr die als anstößig empfundene Version in späteren Ausgaben mehrere Änderungen: Anstatt durch ihre Schwangerschaft („meine Kleiderchen passen mir nicht mehr“) verrät sich Rapunzel jetzt unverfänglich „Sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als den jungen Königssohn“. Auch die Heiratserklärung wurde später, wohl als Legitimation, eingefügt. Die Anmerkungen der Brüder Grimm zählen noch weitere Quellen auf. Sie stellen fest, dass in Märchen häufig der Vater oder die Mutter um ein augenblickliches Gelüßten zu befriedigen, ihr zukünftiges Kind verspricht. Während das ungeborene Wesen natürlich einerseits noch abstrakt und relativ leicht anderen als Lohn angeboten kann, da noch keine tiefe persönliche Bindung besteht, befriedigen diese scheinbar egoistischen Gelüste der Mutter gleichsam auch das Wohl des Kindes: Rapunzeln / Rucola (Grimmsche Version) und auch Petersilie (französische Version) sind überdurchschnittlich reich an Eisen und anderen Spurenelementen, die während der Schwangerschaft sehr wichtig sind. Weitere Beispiele für derartige Gelüste aus Grimms Märchen sind Die Nixe im TeichDas singende springende LöweneckerchenDer König vom goldenen BergHans mein IgelDer Bärenhäuter.

Die Handlung ähnelt in Giambattista Basiles Pentameron II,1 Petrosinella, ferner II,7 Die Taube, II,8 Die kleine Sklavin. Das Motiv der Jungfrau im Turm entspricht dem griechischen Mythos von Danaë und der christlichen Legende der Heiligen Barbara.

Fasst man Hedwig von Beits tiefenpsychologische Deutung zusammen, so wiederholen sich Bilder der Abgeschlossenheit vom ersehnten Unbewussten, das sein gestohlenes Kind zurücknimmt. Solche Frauen entwickeln eine verträumte, realitätsferne Haltung. Der hohe Turm, aber auch das lange Kopfhaar drücken diese geistbetonten Wesensanteile aus, die dann auch der Animus nutzt, um die Große Mutter zu ersetzen. Ihre Durchtrennung verursacht den Absturz in eine demütigere Haltung, wo Rapunzel den ebenfalls gestürzten, im Unbewussten blinden Prinzen mit ihren Tränen (Symbol des Lebenswassers) heilen kann.

Laut Eugen Drewermann antizipiert der gierige Appetit auf Rapunzeln das Bedürfnis nach einem Lebenssinn spendenden Kind. Mutter und Zauberin sind dieselbe Frau in ängstlicher Spaltung. Die kindlich-orale Abspaltung der Sexualität führt zur Reduktion auf eine scheinbar erfüllende Mutter-Tochter-Symbiose. Rapunzels Turm ähnelt dem Hinterhaus ihrer Mutter, allerdings subjektiv überhöht, so wie mit der Schönheit und Selbständigkeit der Tochter auch der Stolz der Mutter wächst. Nur ein hellhöriger Mann, der ihre Sprache genau erlernt, vermag die Mauern der Kontaktangst zu überwinden. Dabei entsteht aber eine Spaltung zwischen Rapunzels Liebe und der weiterhin tiefen Loyalität zur Mutter, die der Prinz aufgrund der Identifikation nicht angreifen kann. Der Königssohn kann gegen die Ausbrüche von Rapunzels Über-Ich nichts unternehmen, doch umgekehrt kann auch Frau Gothel nicht verhindern, dass Rapunzel nach der Verstoßung wirklich selbständig wird. Die anerzogene Bedürfnislosigkeit erweist sich jetzt als hilfreich, bis die Kraft der Erinnerung an die Liebe den Zwang zur Autarkie überwindet.

Auch Wilhelm Salber bringt Rapunzel, wie auch Marienkind oder Das singende springende Löweneckerchen mit den Kränkungen ess- und beziehungsgestörter Frauen in Verbindung, die sich als glücklich darstellen und nach außen bedeckt halten. Der Turm der ’splendid isolation‘ verdreht echte Anteilnahme zu paradoxen Abhängigkeiten.

Die visuell interessante Verbindung von goldenem Haar und hohem Turm inspirierte zu zahlreichen Rapunzelillustrationen: Besonders wichtig sind die von Arthur Rackham,

das Märchenbildprogramm von Ernst Liebermann,

und die Gemälde von Emma Florence Harrison

und Heinrich Lefler.

1969 beschäftigt sich David Hockney in vier Zeichnungen mit dem Rapunzelthema:

1. Der Rapunzelsalatgarten

Rapunzel Growing In The Garden

2. Rapunzel als Baby

rapunzel

3. Rapunzel mit Haarschleppe

The Older Rapunzel (David Hockney)

4. Haar und Turm vor Prinz

David_Hockney_Rapunzel_Rapunzel_Let_Down_Your_Hair_87

Quelle: wikipedia