Das Mädchen ohne Hände

Die Müllerstochter war ein schönes und frommes Mädchen, und lebte die drei Jahre in Gottesfurcht und ohne Sünde. Als nun die Zeit herum war, und der Tag kam, wo sie der Böse holen wollte, da wusch sie sich rein und machte mit Kreide einen Kranz um sich. Der Teufel erschien ganz frühe, aber konnte ihr nicht nahe kommen…

Illustration von Ericka Lugo
Illustration von Ericka Lugo

…und sprach wütend zu dem Müller „hau ihr die Hände ab, sonst kann ich ihr nichts anhaben.“

Der Müller sprach zu ihr „ich habe so großes Gut durch dich gewonnen, ich will dich zeitlebens aufs köstlichste halten.“ Sie antwortete aber „hier kann ich nicht bleiben: ich will fortgehen: mitleidige Menschen werden mir schon so viel geben als ich brauche.“ Darauf ließ sie sich die verstümmelten Arme auf den Rücken binden, und mit Sonnenaufgang machte sie sich auf den Weg und gieng den ganzen Tag bis es Nacht ward. Da kam sie zu einem königlichen Garten , und beim Mondschimmer sah sie dass Bäume voll schöner Früchte darin standen; aber sie konnte nicht hinein, denn es war ein Wasser darum. Und weil sie den ganzen Tag gegangen war und keinen Bissen genossen hatte, und der Hunger sie quälte, so dachte sie „ach, wäre ich darin, damit ich etwas von den Früchten äße, sonst muss ich verschmachten.“ Da kniete sie nieder, rief Gott den Herrn an und betete auf einmal kam ein Engel daher, der machte eine Schleuse in dem Wasser zu, so dass der Graben trocken ward und sie hindurch gehen konnte…

Illustration von Barbara Swan aus "Transformations" von Anne Sexton
Illustration von Barbara Swan aus „Transformations“ von Anne Sexton

…Nun gieng sie in den Garten, und der Engel gieng mit ihr. Sie sah einen Baum mit Obst, das waren schöne Birnen, aber sie waren alle gezählt. Da trat sie hinzu und aß eine mit dem Munde vom Baume ab, ihren Hunger zu stillen, aber nicht mehr.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Das Mädchen ohne Hände“)