Das Meerhäschen

Es war einmal eine Königstochter, die hatte in ihrem Schloss hoch unter der Zinne einen Saal mit zwölf Fenstern, die giengen nach allen Himmelsgegenden, und wenn sie hinaufstieg und umher schaute, so konnte sie ihr ganzes Reich übersehen. Aus dem ersten sah sie schon schärfer, als andere Menschen, in dem zweiten noch besser, in dem dritten noch deutlicher und so immer weiter bis in dem zwölften, wo sie alles sah, was über und unter der Erde war und ihr nichts verborgen bleiben konnte. Weil sie aber stolz war, sich niemand unterwerfen wollte und die Herrschaft allein behalten, so ließ sie bekannt machen, es sollte niemand ihr Gemahl werden, der sich nicht so vor ihr verstecken könnte dass es ihr unmöglich wäre ihn zu finden. Wer es aber versuche und sie entdecke ihn, so werde ihm das Haupt abgeschlagen und auf einen Pfahl gesteckt. Es standen schon sieben und neunzig Pfähle mit toten Häuptern vor dem Schloss, und in langer Zeit meldete sich niemand. Die Königstochter war vergnügt und dachte „ich werde nun für mein Lebtag frei bleiben.“ Da erschienen drei Brüder vor ihr und kündigten ihr an, dass sie ihr Glück versuchen wollten…

Brüder Grimm, Kinder und Hausmärchen („Das Meerhäschen“)

David Hockney, "The Boy Hidden in a Fish" from "€œThe Little Sea Hare"€ in "Six Fairy Tales from the Brothers Grimm" (1969)
David Hockney, „The Boy Hidden in a Fish“
from „€œThe Little Sea Hare“€ in „Six Fairy Tales from the Brothers Grimm“ (1969)
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Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

„wenn mir’s nur gruselte! wenn mir’s nur gruselte!“

(David Hockney, ‘Inside the Castle’, etching, 1969,  from ‘The Boy Who Left Home to Learn Fear’ in Six Fairy Tales from the Brothers Grimm (London, Petersburg Press, 1970; reprinted London: Royal Academy of Art, 2012)
(David Hockney, ‘Inside the Castle’, etching, 1969, from ‘The Boy Who Left Home to Learn Fear’ in Six Fairy Tales from the Brothers Grimm (London, Petersburg Press, 1970; reprinted London: Royal Academy of Art, 2012)

Da trat ein Mann herein, der war größer als alle andere, und sah fürchterlich aus; er war aber alt und hatte einen langen weißen Bart. „O du Wicht“, rief er, „nun sollst du bald lernen, was Gruseln ist, denn du sollst sterben.“ „Nicht so schnell“, antwortete der Junge, „soll ich sterben, so muss ich auch dabei sein.“ „Dich will ich schon packen“ sprach der Unhold. „Sachte, sachte, mach dich nicht so breit; so stark wie du bin ich auch, und wohl noch stärker.“ „Das wollen wir sehn“, sprach der Alte, „bist du stärker als ich, so will ich dich gehn lassen; komm, wir wollen’s versuchen.“ Da führte er ihn durch dunkle Gänge zu einem Schmiedefeuer, nahm eine Axt und schlug den einen Amboss mit einem Schlag in die Erde. „Das kann ich noch besser“ sprach der Junge, und gieng zu dem andern Amboss: der Alte stellte sich neben hin und wollte zusehen, und sein weißer Bart hieng herab. Da fasste der Junge die Axt, spaltete den Amboss auf einen Hieb und klemmte den Bart des Alten mit hinein.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“)

Then the Youth took the axe and split the anvil with one blow, catching in the Old Man's beard at the same time."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
Then the Youth took the axe and split the anvil with one blow, catching in the Old Man’s beard at the same time.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Welche Salatsorte trägt den Namen eines Grimmschen Märchens?

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die hatten sich schon lange ein Kind gewünscht und nie eins bekommen, endlich aber ward die Frau guter Hoffnung. Diese Leute hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnten sie in den Garten einer Fee sehen, der voll von Blumen und Kräutern stand, allerlei Art, keiner aber durfte es wagen, in den Garten hineinzugehen. Eines Tages stand die Frau an diesem Fenster und sah hinab, da erblickte sie wunderschöne Rapunzeln auf einem Beet und wurde so lüstern darnach, und wußte doch, daß sie keine davon bekommen konnte, daß sie ganz abfiel und elend wurde. Ihr Mann erschrack endlich und fragte nach der Ursache; „ach wenn ich keine von den Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm Haus zu essen kriege, so muß ich sterben.“ Der Mann, welcher sie gar lieb hatte, dachte, es mag kosten was es will, so willst du ihr doch welche schaffen, stieg eines Abends über die hohe Mauer und stach in aller Eile eine Hand voll Rapunzeln aus, die er seiner Frau brachte. Die Frau machte sich sogleich Salat daraus, und aß sie in vollem Heißhunger auf. Sie hatten ihr aber so gut, so gut geschmeckt, daß sie den andern Tag noch dreimal soviel Lust bekam. Der Mann sah wohl, daß keine Ruh wäre, also stieg er noch einmal in den Garten, allein er erschrack gewaltig, als die Fee darin stand und ihn heftig schalt, daß er es wage in ihren Garten zu kommen und daraus zu stehlen. Er entschuldigte sich, so gut er konnte, mit der Schwangerschaft seiner Frau, und wie gefährlich es sey, ihr dann etwas abzuschlagen, endlich sprach die Fee: „ich will mich zufrieden geben und dir selbst gestatten Rapunzeln mitzunehmen, so viel du willst, wofern du mir das Kind geben wirst, womit deine Frau jetzo geht.“ In der Angst sagte der Mann alles zu, und als die Frau in Wochen kam, erschien die Fee sogleich, nannte das kleine Mädchen Rapunzel und nahm es mit sich fort.

Das ganze Märchen gibt es hier

„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“ – dies ist wohl einer der bekanntesten Sätze aus der Märchensammlung der Brüder Grimm. Tatsächlich ist das Märchen französischen Ursprungs. 1698 schrieb die Hofdame Mademoiselle de la Force die Erzählung Persinette (erschienen in ihrem Buch Cabinet des Fees). Der Rumpf dieser Geschichte stammt ebenso aus dem Volksgut, wie eine weitere Quelle – Petrosinella aus dem Pentamerone von Giambattista Basile (gestorben 1632). 1790 übernimmt Friedrich Schulz dieses Märchen in einen seiner Kleinen Romane. Von ihm übernahmen es die Brüder Grimm unter starker Kürzung 1812 in ihre Kinder- und Hausmärchen als Nr. 12. Dort erfuhr die als anstößig empfundene Version in späteren Ausgaben mehrere Änderungen: Anstatt durch ihre Schwangerschaft („meine Kleiderchen passen mir nicht mehr“) verrät sich Rapunzel jetzt unverfänglich „Sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als den jungen Königssohn“. Auch die Heiratserklärung wurde später, wohl als Legitimation, eingefügt. Die Anmerkungen der Brüder Grimm zählen noch weitere Quellen auf. Sie stellen fest, dass in Märchen häufig der Vater oder die Mutter um ein augenblickliches Gelüßten zu befriedigen, ihr zukünftiges Kind verspricht. Während das ungeborene Wesen natürlich einerseits noch abstrakt und relativ leicht anderen als Lohn angeboten kann, da noch keine tiefe persönliche Bindung besteht, befriedigen diese scheinbar egoistischen Gelüste der Mutter gleichsam auch das Wohl des Kindes: Rapunzeln / Rucola (Grimmsche Version) und auch Petersilie (französische Version) sind überdurchschnittlich reich an Eisen und anderen Spurenelementen, die während der Schwangerschaft sehr wichtig sind. Weitere Beispiele für derartige Gelüste aus Grimms Märchen sind Die Nixe im TeichDas singende springende LöweneckerchenDer König vom goldenen BergHans mein IgelDer Bärenhäuter.

Die Handlung ähnelt in Giambattista Basiles Pentameron II,1 Petrosinella, ferner II,7 Die Taube, II,8 Die kleine Sklavin. Das Motiv der Jungfrau im Turm entspricht dem griechischen Mythos von Danaë und der christlichen Legende der Heiligen Barbara.

Fasst man Hedwig von Beits tiefenpsychologische Deutung zusammen, so wiederholen sich Bilder der Abgeschlossenheit vom ersehnten Unbewussten, das sein gestohlenes Kind zurücknimmt. Solche Frauen entwickeln eine verträumte, realitätsferne Haltung. Der hohe Turm, aber auch das lange Kopfhaar drücken diese geistbetonten Wesensanteile aus, die dann auch der Animus nutzt, um die Große Mutter zu ersetzen. Ihre Durchtrennung verursacht den Absturz in eine demütigere Haltung, wo Rapunzel den ebenfalls gestürzten, im Unbewussten blinden Prinzen mit ihren Tränen (Symbol des Lebenswassers) heilen kann.

Laut Eugen Drewermann antizipiert der gierige Appetit auf Rapunzeln das Bedürfnis nach einem Lebenssinn spendenden Kind. Mutter und Zauberin sind dieselbe Frau in ängstlicher Spaltung. Die kindlich-orale Abspaltung der Sexualität führt zur Reduktion auf eine scheinbar erfüllende Mutter-Tochter-Symbiose. Rapunzels Turm ähnelt dem Hinterhaus ihrer Mutter, allerdings subjektiv überhöht, so wie mit der Schönheit und Selbständigkeit der Tochter auch der Stolz der Mutter wächst. Nur ein hellhöriger Mann, der ihre Sprache genau erlernt, vermag die Mauern der Kontaktangst zu überwinden. Dabei entsteht aber eine Spaltung zwischen Rapunzels Liebe und der weiterhin tiefen Loyalität zur Mutter, die der Prinz aufgrund der Identifikation nicht angreifen kann. Der Königssohn kann gegen die Ausbrüche von Rapunzels Über-Ich nichts unternehmen, doch umgekehrt kann auch Frau Gothel nicht verhindern, dass Rapunzel nach der Verstoßung wirklich selbständig wird. Die anerzogene Bedürfnislosigkeit erweist sich jetzt als hilfreich, bis die Kraft der Erinnerung an die Liebe den Zwang zur Autarkie überwindet.

Auch Wilhelm Salber bringt Rapunzel, wie auch Marienkind oder Das singende springende Löweneckerchen mit den Kränkungen ess- und beziehungsgestörter Frauen in Verbindung, die sich als glücklich darstellen und nach außen bedeckt halten. Der Turm der ’splendid isolation‘ verdreht echte Anteilnahme zu paradoxen Abhängigkeiten.

Die visuell interessante Verbindung von goldenem Haar und hohem Turm inspirierte zu zahlreichen Rapunzelillustrationen: Besonders wichtig sind die von Arthur Rackham,

das Märchenbildprogramm von Ernst Liebermann,

und die Gemälde von Emma Florence Harrison

und Heinrich Lefler.

1969 beschäftigt sich David Hockney in vier Zeichnungen mit dem Rapunzelthema:

1. Der Rapunzelsalatgarten

Rapunzel Growing In The Garden

2. Rapunzel als Baby

rapunzel

3. Rapunzel mit Haarschleppe

The Older Rapunzel (David Hockney)

4. Haar und Turm vor Prinz

David_Hockney_Rapunzel_Rapunzel_Let_Down_Your_Hair_87

Quelle: wikipedia