Die Gänsemagd

"Blow, blow, little breeze, And Conrad's hat seize" Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„Blow, blow, little breeze,
And Conrad’s hat seize“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Des Morgens früh, da sie und Kürdchen unterm Thor hinaus trieben, sprach sie im Vorbeigehen

„o du Falada, da du hangest,“

da antwortete der Kopf

„o du Jungfer Königin, da du gangest,
wenn das deine Mutter wüßte,
ihr Herz thät ihr zerspringen.“

Da zog sie still weiter zur Stadt hinaus, und sie trieben die Gänse aufs Feld. Und wenn sie auf der Wiese angekommen war, saß sie nieder und machte ihre Haare auf, die waren eitel Gold, und Kürdchen sah sie und freute sich wie sie glänzten, und wollte ihr ein paar ausraufen. Da sprach sie

„weh, weh, Windchen,
nimm Kürdchen sein Hütchen,
und laß’n sich mit jagen,
bis ich mich geflochten und geschnatzt,
und wieder aufgesatzt.“

Und da kam ein so starker Wind, daß er dem Kürdchen sein Hütchen weg wehte über alle Land, und es mußte ihm nachlaufen. Bis es wieder kam war sie mit dem Kämmen und Aufsetzen fertig, und er konnte keine Haare kriegen. Da war Kürdchen bös und sprach nicht mit ihr; und so hüteten sie die Gänse bis daß es Abend ward, dann giengen sie nach Haus.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die Gänsemagd“)

 

Das singende springende Löweneckerchen

Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„She went away accompanied by the Lions.“                                                      Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

…und (sie) gieng weiter, bis der Nachtwind heran kam und sie anblies: da sprach sie zu ihm „du wehst ja über alle Bäume und unter allen Blättern weg, hast du keine weiße Taube fliegen sehen?“ „Nein,“ sagte der Nachtwind, „ich habe keine gesehen, aber ich will die drei andern Winde fragen, die haben sie vielleicht gesehen.“ Der Ostwind und der Westwind kamen und hatten nichts gesehen, der Südwind aber sprach „die weiße Taube habe ich gesehen, sie ist zum rothen Meer geflogen, da ist sie wieder ein Löwe geworden, denn die sieben Jahre sind herum, und der Löwe steht dort im Kampf mit einem Lindwurm, der Lindwurm ist aber eine verzauberte Königstochter.“ Da sagte der Nachtwind zu ihr „ich will dir Rath geben, geh zum rothen Meer, am rechten Ufer da stehen große Ruthen, die zähle, und die eilfte schneid dir ab, und schlag den Lindwurm damit, dann kann ihn der Löwe bezwingen, und beide bekommen auch ihren menschlichen Leib wieder. Hernach schau dich um, und du wirst den Vogel Greif sehen, der am rothen Meer sitzt, schwing dich mit deinem Liebsten auf seinen Rücken: der Vogel wird euch übers Meer nach Haus tragen. Da hast du auch eine Nuß, wenn du mitten über dem Meere bist, laß sie herab fallen, alsbald wird sie aufgehen, und ein großer Nußbaum wird aus dem Wasser hervor wachsen, auf dem sich der Greif ausruht: und könnte er nicht ruhen, so wäre er nicht stark genug euch hinüber zu tragen: und wenn du vergißt die Nuß herab zu werfen, so läßt er euch ins Meer fallen.“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Das singende springende Löweneckerchen“)

Der alte Großvater und der Enkel

OldManandGrandson_RackhamEs war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floß ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen mußte sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch, und die Augen wurden ihm naß. Einmal auch konnten seine zitterigen Hände das Schüsselchen nicht fest halten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte aber nichts und seufzte nur. Da kaufte sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus mußte er nun essen. Wie sie da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. „Was machst du da?“ fragte der Vater. „Ich mache ein Tröglein,“ antwortete das Kind, „daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin.“ Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fiengen endlich an zu weinen, holten alsofort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mit essen, sagten auch nichts wenn er ein wenig verschüttete.

Brüder Grimm, Kinder und Hausmärchen („Der alte Großvater und der Enkel“)

"The Old Man had to sit by himself, and ate his food from a wooden bowl."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„The Old Man had to sit by himself, and ate his food from a wooden bowl.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Die goldene Gans

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Illustration von Arpad Schmidhammer (1857-1921)

Er kam darauf in eine Stadt, da herrschte ein König, der hatte eine Tochter, die war so ernsthaft, dass sie niemand zum lachen bringen konnte. Darum hatte er ein Gesetz gegeben, wer sie könnte zum lachen bringen, der sollte sie heiraten. Der Dummling, als er das hörte, gieng mit seiner Gans und ihrem Anhang vor die Königstochter, und als diese die sieben Menschen immer hinter einander herlaufen sah, fieng sie überlaut an zu lachen und wollte gar nicht wieder aufhören…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die goldene Gans“)

"There stands an old tree; cut it down, and you will find something at the roots."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„There stands an old tree; cut it down, and you will find something at the roots.“
"So now there were seven people running behind Simpleton and his Goose."Illustration von Arthur Rackham in "Grimm's Fairy Tales"
„So now there were seven people running behind Simpleton and his Goose.“
"And so they followed up hill...
„And so they followed up hill…
...and down dale after Simpleton and his Goose."
…and down dale after Simpleton and his Goose.“
"The King could no longer withhold his daughter."Illustrationen von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„The King could no longer withhold his daughter.“
Illustrationen von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Die Bienenkönigin

Die zweite Aufgabe aber war, den Schlüssel zu der Schlafkammer der Königstochter aus der See zu holen. Wie der Dummling zur See kam, schwammen die Enten, die er einmal gerettet hatte, heran, tauchten unter, und holten den Schlüssel aus der Tiefe.

Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Die dritte Aufgabe aber war die schwerste, aus den drei schlafenden Töchtern des Königs sollte die jüngste und die liebste heraus gesucht werden. Sie glichen sich aber vollkommen, und waren durch nichts verschieden, als dass sie, bevor sie eingeschlafen waren, verschiedene Süßigkeiten gegessen hatten, die älteste ein Stück Zucker, die zweite ein wenig Sirup, die jüngste einen Löffel voll Honig. Da kam die Bienenkönigin von den Bienen, die der Dummling vor dem Feuer geschützt hatte, und versuchte den Mund von allen dreien, zuletzt blieb sie auf dem Mund sitzen, der Honig gegessen hatte, und so erkannte der Königssohn die rechte…

Hegenbarth, Josefum 1940
Hegenbarth, Josef
um 1940

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die Bienenkönigin“)

Die drei Sprachen

“On the way he passed a swamp, in which a number of Frogs were croaking.”Illustration von Arthur Rackham
“On the way he passed a swamp, in which a number of Frogs were croaking.”
Illustration von Arthur Rackham

Über eine Zeit kam es ihm in den Sinn, er wollte nach Rom fahren. Auf dem Weg kam er an einem Sumpf vorbei, in welchem Frösche saßen und quakten. Er horchte auf, und als er vernahm was sie sprachen, ward er ganz nachdenklich und traurig. Endlich langte er in Rom an, da war gerade der Papst gestorben und unter den Kardinälen großer Zweifel wen sie zum Nachfolger bestimmen sollten…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die drei Sprachen“)

Der goldene Vogel

Radierung von Harry Jürgens
Radierung von Harry Jürgens

Es war vor Zeiten ein König, der hatte einen schönen Lustgarten hinter seinem Schloss, darin stand ein Baum, der goldene Äpfel trug. Als die Äpfel reiften, wurden sie gezählt, aber gleich den nächsten Morgen fehlte einer. Das ward dem König gemeldet, und er befahl dass alle Nächte unter dem Baume Wache sollte gehalten werden. Der König hatte drei Söhne, davon schickte er den ältesten bei einbrechender Nacht in den Garten: wie es aber Mitternacht war, konnte er sich des Schlafes nicht erwehren, und am nächsten Morgen fehlte wieder ein Apfel…

Illustration von Stephanie Holmes
Illustration von Stephanie Holmes

Jetzt kam die Reihe zu wachen an den dritten Sohn, der war auch bereit, aber der König traute ihm nicht viel zu und meinte er würde noch weniger ausrichten als seine Brüder: endlich aber gestattete er es doch. Der Jüngling legte sich also unter den Baum, wachte und ließ den Schlaf nicht Herr werden. Als es zwölf schlug, so rauschte etwas durch die Luft, und er sah im Mondschein einen Vogel daher fliegen, dessen Gefieder ganz von Gold glänzte. Der Vogel ließ sich auf dem Baume nieder und hatte eben einen Apfel abgepickt, als der Jüngling einen Pfeil nach ihm abschoss. Der Vogel entflog, aber der Pfeil hatte sein Gefieder getroffen, und eine seiner goldenen Federn fiel herab…

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Der Fuchs rief „schieß mich nicht, ich will dir dafür einen guten Rat geben. Du bist auf dem Weg nach dem goldenen Vogel, und wirst heut Abend in ein Dorf kommen, wo zwei Wirtshäuser einander gegenüber stehen. Eins ist hell erleuchtet, und es geht darin lustig her: da kehr aber nicht ein, sondern geh ins andere, wenn es dich auch schlecht ansieht.“ … „Und damit du schneller fortkommst, so steig hinten auf meinen Schwanz.“ Und kaum hat er sich aufgesetzt, so fieng der Fuchs an zu laufen, und da gieng’s über Stock und Stein dass die Haare im Wind pfiffen…

"Away they flew over stock and stone, at such a pace that his hair whistled in the wind."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„Away they flew over stock and stone, at such a pace that his hair whistled in the wind.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Lange danach gieng der Königssohn einmal wieder in den Wald, da begegnete ihm der Fuchs und sagte „du hast nun alles, was du dir wünschen kannst, aber mit meinem Unglück will es kein Ende nehmen, und es steht doch in deiner Macht mich zu erlösen“, und abermals bat er flehentlich er möchte ihn totschießen und ihm Kopf und Pfoten abhauen. Also tat er’s, und kaum war es geschehen, so verwandelte sich der Fuchs in einen Menschen, und war niemand anders als der Bruder der schönen Königstochter, der endlich von dem Zauber, der auf ihm lag, erlöst war. Und nun fehlte nichts mehr zu ihrem Glück, so lange sie lebten.

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Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der goldene Vogel“)

Interpretation:

Als der jüngste Sohn fortzieht, sagt der Vater: „Es ist vergeblich, der wird den goldenen Vogel noch weniger finden als seine Brüder, und wenn ihm ein Unglück zustößt, so weiß er sich nicht zu helfen; es fehlt ihm am Besten.“ „Das beste“ nennt der Fuchs später die Königstochter. Es wiederholt sich die Idee eines edlen Kerns, der von seiner nur scheinbar prachtvollen Hülle befreit werden muss: Das schlechte statt des guten Wirtshauses, der hölzerne statt des goldenen Käfigs, der hölzerne und lederne statt des goldenen Sattels, die Hinrichtung der bösen Brüder. Insofern liegt eine Steigerung des bei vielen Märchen zentralen Dualismus‘ zwischen Gut und Böse vor. Die Erlösung gelingt, als der Königssohn die Kleider des Bettlers anlegt und den Tierkörper des Fuchses zerstört. Dabei sind der Vogel, das Pferd und das Schloss der Prinzessin golden, Käfig, Sattel und Fuchs eher rötlich. Der Vogel ist also der Phönix, der in der Alchemie ebenfalls als goldener Vogel aus roter Hülle schlüpft. Der Baum im Garten des Vaters mit den goldenen Äpfeln ist der Baum des Lebens.

Quelle: wikipedia

Fitchers Vogel

Illustration von Hermann Vogel, Künstlername auch Hermann Vogel-Plauen (1954-1921)
Illustration von Hermann Vogel, Künstlername auch Hermann Vogel-Plauen (1954-1921)

Daheim aber ordnete die Braut das Hochzeitsfest an und ließ die Freunde des Hexenmeisters dazu einladen. Dann nahm sie einen Totenkopf mit grinsenden Zähnen, setzte ihm einen Schmuck auf und einen Blumenkranz, trug ihn oben vors Bodenloch und ließ ihn da hinausschauen. Als alles bereit war, steckte sie sich in ein Fass mit Honig, schnitt das Bett auf und wälzte sich darin, dass sie aussah wie ein wunderlicher Vogel und kein Mensch sie erkennen konnte. Da gieng sie zum Haus hinaus, und unterwegs begegnete ihr ein Teil der Hochzeitsgäste, die fragten

„Du Fitchers Vogel, wo kommst du her?“

„Ich komme von Fitze Fitchers Hause her.“

„Was macht denn da die junge Braut?“

„Hat gekehrt von unten bis oben das Haus,

und guckt zum Bodenloch heraus.“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Fitchers Vogel“)

Illustration von Arthur Rackham
Illustration von Arthur Rackham

Der Räuberbräutigam

An dem Eingang des Waldes war Asche gestreut, der ging es nach warf aber bei jedem Schritt rechts und links ein paar Erbsen auf die Erde. Es gieng fast den ganzen Tag bis es mitten in den Wald kam, wo er am dunkelsten war, da stand ein einsames Haus, das gefiel ihm nicht, denn es sah so finster und unheimlich aus. Es trat hinein, aber es war niemand darin und herrschte die größte Stille. Plötzlich rief eine Stimme

„kehr um, kehr um, du junge Braut,

du bist in einem Mörderhaus.“

Illustration of "The Robber Bridegroom" from Household Stories by the Brothers Grimm, translated by Lucy Crane, illustrated by Walter Crane, first published by Macmillan and Company in 1886.
Illustration of „The Robber Bridegroom“ from Household Stories by the Brothers Grimm, translated by Lucy Crane, illustrated by Walter Crane, first published by Macmillan and Company in 1886.

Das Mädchen blickte auf und sah dass die Stimme von einem Vogel kam, der da in einem Bauer an der Wand hieng. Nochmals rief er

„kehr um, kehr um, du junge Braut,

du bist in einem Mörderhaus.“

Da gieng die schöne Braut weiter aus einer Stube in die andere und gieng durch das ganze Haus, aber es war alles leer und keine Menschenseele zu finden. Endlich kam sie auch in den Keller, da saß eine steinalte Frau, die wackelte mit dem Kopfe. „Könnt ihr mir nicht sagen“, sprach das Mädchen, „ob mein Bräutigam hier wohnt?“ „Ach, du armes Kind“, antwortete die Alte, „wo bist du hingeraten! du bist in einer Mördergrube. Du meinst du wärst eine Braut, die bald Hochzeit macht, aber du wirst die Hochzeit mit dem Tode halten. Siehst du, da hab ich einen großen Kessel mit Wasser aufsetzen müssen, wenn sie dich in ihrer Gewalt haben, so zerhacken sie dich ohne Barmherzigkeit, koch dich und essen dich, denn es sind Menschenfresser. Wenn ich nicht Mitleiden mit dir habe und dich rette, so bist du verloren.“

"At least she reached the cellar, and there she found an old, old woman with a shaking head."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„At least she reached the cellar, and there she found an old, old woman with a shaking head.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

…und die Alte tröpfelte ihnen einen Schlaftrunk in den Wein, dass sie sich bald in den Keller hinlegten, schliefen und schnarchen. Als die Braut das hörte, kam sie hinter dem Fass hervor, und musste über die Schlafenden wegschreiten, die da reihenweise auf der Erde lagen, und hatte große Angst, sie möchte einen aufwecken. Aber Gott half ihr dass sie glücklich durchkam, die Alte stieg mit ihr hinauf, öffnete die Türe, und sie eilten so schnell sie konnten aus der Mördergrube fort…

Illustration von Paul Hey
Illustration von Paul Hey

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der Räuberbräutigam“)

Daumesdick

Als die beiden fremden Männer den Daumesdick erblickten, wussten sie nicht was sie vor Verwunderung sagen sollten. Da nahm der eine den anderen beiseit und sprach „hör, der kleine Kerl könnte unser Glück machen, wenn wir ihn in einer großen Stadt vor Geld sehen ließen: wir wollen ihn kaufen.“ Sie giengen zu dem Bauer und sprachen: „verkauft uns den kleinen Mann, er soll’s gut bei uns haben.“ „Nein“, antwortete der Vater, „es ist mein Herzblatt, und ist mir für alles Gold in der Welt nicht feil.“ Daumesdick aber, als er von dem Handel gehört, war an den Rockfalten seines Vaters hinaufgekrochen, stellte sich ihm auf die Schulter, und wisperte ihm ins Ohr „Vater, gib mich nur hin, ich will schon wieder zurück kommen.“ Da gab ihn der Vater für ein schönes Stück Geld den beiden Männern hin. „Wo willst du sitzen?“ sprachen sie zu ihm. „Ach, setzt mich nur auf den Rand von eurem Hut, da kann ich auf und ab spazieren und die Gegend betrachten und falle doch nicht herunter.“ Sie taten ihm den Willen, und als Daumesdick Abschied von seinem Vater genommen hatte, machten sie sich mit ihm fort…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Daumesdick“)

"When Tom had said good-bye to his Father they went away with him."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„When Tom had said good-bye to his Father they went away with him.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Der gescheite Hans

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Illustration von Arthur Rackham

„Wohin, Hans?“ „Zur Grethel, Mutter.“ „Machs gut, Hans.“ „Schon gut machen. Adies, Mutter.“ „Adies, Hans.“

Hans kommt zur Grethel. „Guten Tag, Grethel.“ „Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?“ „Bring nichts, gegeben han.“ Grethel schenkt dem Hans ein Stück Speck. „Adies, Grethel.“ „Adies, Hans.“

Hans nimmt den Speck, bindet ihn an ein Seil und schleifts hinter sich her. Die Hunde kommen und fressen den Speck ab. Wie er nach Haus kommt, hat er das Seil an der Hand, und ist nichts mehr daran. „Guten Abend, Mutter.“ „Guten Abend, Hans. Wo bist du gewesen?“ „Bei der Grethel gewesen.“ „Was hast du ihr gebracht?“ „Nichts gebracht, gegeben hat.“ „Was hat dir Grethel gegeben?“ „Stück Speck gegeben.“ „Wo hast du den Speck, Hans?“ „Ans Seil gebunden, heim geführt, Hunde weggeholt.“ „Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest den Speck auf dem Kopf tragen.“ „Thut nichts, besser machen.“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der gescheite Hans“)

König Drosselbart

"The beggar took her by the hand and led her away."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„The beggar took her by the hand and led her away.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Der Bettelmann führte sie an der Hand hinaus, und sie musste mit ihm zu Fuß fort gehen. Als sie in einen großen Wald kamen, da fragte sie

„ach, wem gehört der schöne Wald?“

„Der gehört dem König Drosselbart;

hättst du ’n genommen, so wär er dein.“

„Ich arme Jungfer zart,

ach, hätt ich genommen den König Drosselbart!“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („König Drosselbart“)

Rotkäppchen

Prof. Dr. Seeger. Rotkäppchen. Verso: "Deutsche Meister-Sammlung". Wohlgemuth & Lissner, Kunstverlagsgesellschaft m.b.H., Berlin. Ges. gesch. No. 3032. Nach einem Original von Prof. Dr. Seeger. Primus-Postkarte.Hermann Seeger, geb. 1857 in Halberstadt, Todesdatum unbekannt, "Genremaler und Graphiker, lebte in Berlin, wo er Kustos der Akademie war" (Ries).
Prof. Dr. Seeger. Rotkäppchen. Verso: „Deutsche Meister-Sammlung“. Wohlgemuth & Lissner, Kunstverlagsgesellschaft m.b.H., Berlin. Ges. gesch. No. 3032. Nach einem Original von Prof. Dr. Seeger. Primus-Postkarte.
Hermann Seeger, geb. 1857 in Halberstadt, Todesdatum unbekannt, „Genremaler und Graphiker, lebte in Berlin, wo er Kustos der Akademie war“ (Ries).

„Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die rings umher stehen, warum guckst du dich nicht um? ich glaube du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen? du gehst ja für dich hin als wenn du zur Schule giengst, und ist so lustig hausen in dem Wald.“

Rotkäppchen schlug die Augen auf, und als es sah, wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume hin und her tanzten und alles voll schöner Blumen stand, dachte es: „Wenn ich der Großmutter einen frischen Strauß mitbringe, der wird ihr auch Freude machen; es ist so früh am Tag, dass ich doch zu rechter Zeit ankomme“, lief vom Wege ab in den Wald hinein und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte, meinte es, weiter hinaus stände eine schönere, und lief darnach, und geriet immer tiefer in den Wald hinein…

"O Grandmother, what big ears you have got", she said.Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„O Grandmother, what big ears you have got“, she said.
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

…Rotkäppchen aber war nach den Blumen herumgelaufen, und als es so viel zusammen hatte, dass es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die Großmutter wieder ein, und es machte sich auf den Weg zu ihr. Es wunderte sich, dass die Türe auf stand, und wie es in die Stube trat, so kam es ihm so seltsam darin vor, dass es dachte: „Ei, du mein Gott, wie ängstlich wird mir ’s heute zumut, und bin sonst so gerne bei der Großmutter!“ Es rief „Guten Morgen“, bekam aber keine Antwort. Darauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück: da lag die Großmutter und hatte die Haube rief ins Gesicht gesetzt und sah so wunderlich aus. „Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!“ „Dass ich dich besser hören kann.“  „Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!“ „Dass Ich dich besser sehen kann.“ „Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!“ „Dass Ich dich besser packen kann.“ „Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!“ „Dass ich dich besser fressen kann.“ Kaum hatte der Wolf das gesagt, so tat er einen Satz aus dem Bette und verschlang das arme Rotkäppchen.

Illustration von Jennie Harbour
Illustration von Jennie Harbour

Es wird auch erzählt, dass einmal, als Rotkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf ihm zugesprochen und es vom Wege habe ableiten wollen. Rotkäppchen aber hütete sich und gieng gerade fort seines Weges und sagte der Großmutter dass es dem Wolf begegnet wäre, der ihm guten Tag gewünscht, aber so bös aus den Augen geguckt hätte: „wenn’s nicht auf offener Straße gewesen wäre, er hätte mich gefressen.“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Rotkäppchen“)

 

Schneewittchen

"The Dwarfs, when they came in the evening, found Snowdrop lying on the ground."Illustration von Arthur Rackham
„The Dwarfs, when they came in the evening, found Snowdrop lying on the ground.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Die Zwerglein, wie sie Abends nach Haus kamen, fanden Sneewittchen auf der Erde liegen, und es gieng kein Atem mehr aus seinem Mund, und es war tot. Sie hoben es auf, suchten ob sie was giftiges fänden, schnürten es auf, kämmten ihm die Haare, wuschen es mit Wasser und Wein, aber es half alles nichts; das liebe Kind war tot und blieb tot…

Illustration von Sulamith Wülfing (* 11. Januar 1901 Elberfeld, heute zu Wuppertal; † 20. März 1989 in Wuppertal)
Illustration von Sulamith Wülfing (* 11. Januar 1901 Elberfeld, heute zu Wuppertal; † 20. März 1989 in Wuppertal)

…Sie legten es auf eine Bahre und setzten sich alle siebene daran und beweinten es, und weinten drei Tage lang. Da wollten sie es begraben, aber es sah noch so frisch aus wie ein lebender Mensch, und hatte noch seine schönen roten Backen. Sie sprachen „das können wir nicht in die schwarze Erde versenken“, und ließen einen durchsichtigen Sarg von Glas machen, dass man es von allen Seiten sehen konnte, legten es hinein, und schrieben mit goldenen Buchstaben seinen Namen darauf, und dass es eine Königstochter wäre. Dann setzten sie den Sarg hinaus auf den Berg, und einer von ihnen blieb immer dabei, und bewachte ihn. Und die Tiere kamen auch und beweinten Sneewittchen, erst eine Eule, dann ein Rabe, zuletzt ein Täubchen.

Nun lag Sneewittchen lange lange Zeit in dem Sarg und verweste nicht, sondern sah aus als wenn es schliefe, denn es war noch so weiß wie Schnee, so rot als Blut, und so schwarzhaarig wie Ebenholz…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Sneewittchen“)

Aschenputtel

Illustration von Arthur Rackham
Illustration von Arthur Rackham

Sie nahmen ihm seine schönen Kleider weg, zogen ihm einen grauen alten Kittel an, und gaben ihm hölzerne Schuhe. „Seht einmal die stolze Prinzessin, wie sie geputzt ist!“ riefen sie, lachten und führten es in die Küche. Da musste es von Morgen bis Abend schwere Arbeit tun, früh vor Tag aufstehn, Wasser tragen, Feuer anmachen, kochen und waschen. Obendrein taten ihm die Schwestern alles ersinnliche Herzeleid an, verspotteten es und schütteten ihm die Erbsen und Linsen in die Asche, so dass es sitzen und sie wieder auslesen musste. Abends, wenn es sich müde gearbeitet hatte, kam es in kein Bett, sonder musste sich neben den Herd in die Asche legen. Und weil es darum immer staubig und schmutzig aussah, nannten sie es Aschenputtel.

Märchenpostkarte ohne Titel. Nummer: 22. Im Bild signiert: K. Verso: 25/6, K 1676. Keine Verlagsangabe.
Märchenpostkarte ohne Titel. Nummer: 22. Im Bild signiert: K. Verso: 25/6, K 1676. Keine Verlagsangabe.

Aschenputtel dankte ihm, gieng zu seiner Mutter Grab und pflanzte den Reis darauf, und weinte so sehr, dass die Tränen darauf niederfielen und es begossen. Es wuchs aber, und ward ein schöner Baum. Aschenputtel gieng alle Tage dreimal darunter, weinte und betete, und allemal kam ein weißes Vöglein auf den Baum, und wenn es einen Wunsch aussprach, so warf ihm das Vöglein herab was es sich gewünscht hatte.

Detail of illustration for Cinderella by Eleanor Abbott for Grimm's Fairy Tales. New York: Charles Scribner's Sons, 1920.
Detail of illustration for Cinderella by Eleanor Abbott for Grimm’s Fairy Tales. New York: Charles Scribner’s Sons, 1920.

Am dritten Tag, als die Eltern und Schwestern fort waren, gieng Aschenputtel wieder zu seiner Mutter Grab und sprach zu dem Bäumchen

„Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich

wirf Gold und Silber über mich.“

Nun warf ihm der Vogel ein Kleid herab, das war so prächtig und glänzend wie es noch keins gehabt hatte, und die Pantoffeln waren ganz golden.

"Ashenputtel goes to the ball."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„Ashenputtel goes to the ball.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Als es in dem Kleid zu der Hochzeit kam, wussten sie alle nicht was sie vor Verwunderung sagen sollten. Der Königssohn tanzte ganz allein mit ihm, und wenn es einer aufforderte, sprach er „das ist meine Tänzerin.“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Aschenputtel“)

Das tapfere Schneiderlein

"Pulling the piece of soft cheese out of his pocket, he squeezed it till the moisture ran out."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„Pulling the piece of soft cheese out of his pocket, he squeezed it till the moisture ran out.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Der Riese las „siebene auf einen Streich“, meinte das wären Menschen gewesen, die der Schneider erschlagen hätte, und kriegte ein wenig Respekt vor dem kleinen Kerl. Doch wollte er ihn erst prüfen, nahm einen Stein in die Hand, und drückte ihn zusammen dass das Wasser heraus tropfte. „Das mach mir nach“, sprach der Riese, „wenn du Stärke hast.“ „Ist’s weiter nichts?“ sagte das Schneiderlein, „das ist bei unser einem Spielwerk“, griff in die Tasche, holte den weichen Käs und drückte ihn dass der Saft heraus lief. „Gelt“, sprach er, „das war ein wenig besser?“

"The brave little tailor" von Kay Rasmus Nielsen ( 1886 – 1957)
„The brave little tailor“ von Kay Rasmus Nielsen ( 1886 – 1957)

Das Schneiderlein verlangte von dem König die versprochene Belohnung, den aber reute sein Versprechen und er sann aufs neue wie er sich den Helden vom Halse schaffen könnte. „Ehe du meine Tochter und das halbe Reich erhältst“, sprach er zu ihm, „musst du noch eine Heldentat vollbringen. In dem Walde läuft ein Einhorn, das großen Schaden anrichtet, das musst du erst einfangen.“ „Vor einem Einhorne fürchte ich mich noch weniger als vor zwei Riesen; siebene auf einen Streich, das ist meine Sache.“ Er nahm sich einen Strick und eine Axt mit, gieng hinaus in den Wald, und hieß abermals die, welche ihm zugeordnet waren, außen warten…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Das tapfere Schneiderlein“)

Strohhalm, Kohle und Bohne

"Once there was a poor old woman who lived in village…"Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„Once there was a poor old woman who lived in a village…“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

In einem Dorfe wohnte eine arme alte Frau, die hatte ein Gericht Bohnen zusammen gebracht und wollte sie kochen. Sie machte also auf ihrem Herd ein Feuer zurecht, und damit es desto schneller brennen sollte, zündete sie es mit einer Hand voll Stroh an. Als sie die Bohnen in den Topf schüttete, entfiel ihr unbemerkt eine, die auf dem Boden neben einen Strohhalm zu liegen kam; bald danach sprang auch eine glühende Kohle vom Herd zu den beiden herab. Da fieng der Strohhalm an und sprach…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Strohhalm, Kohle und Bohne“)

Dornröschen

Silhouette work on Sleeping Beauty by Arthur Rackham
Silhouette work on Sleeping Beauty by Arthur Rackham

Rings um das Schloss aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher ward, und endlich das ganze Schloss umzog, und darüber hinaus wuchs, dass gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht die Fahne auf dem Dach. Es gieng aber die Sage in dem Land von dem schönen schlafenden Dornröschen, denn so ward die Königstochter genannt, also dass von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die Hecke in das Schloss dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich, denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die Jünglinge blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder los machen und starben eines jämmerlichen Todes……

Dornröschen, Aquarell von Henry Meynell Rheam (1899)
Dornröschen, Aquarell von Henry Meynell Rheam (1899)

Da gieng er noch weiter, und alles war so still, dass einer seinen Atem hören konnte, und endlich kam er zu dem Turm und öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief. Da lag es und war so schön, dass er die Augen nicht abwenden konnte, und er bückte sich und gab ihm einen Kuss…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Dornröschen“)

Die weiße Schlange

Alsbald ward er hinaus ans Meer geführt und vor seinen Augen ein goldener Ring hinein geworfen. Dann hieß ihn der König diesen Ring aus dem Meeresgrund wieder hervorzuholen, und fügte hinzu „wenn du ohne ihn wieder in die Höhe kommst, so wirst du immer aufs neue hinab gestürzt, bis du in den Wellen umkommst.“ Alle bedauerten den schönen Jüngling und ließen ihn dann einsam am Meere zurück. Er stand am Ufer und überlegte was er wohl tun sollte, da sah er auf einmal drei Fische daher schwimmen, und es waren keine anderen, als jene, welchen er das Leben gerettet hatte. Der mittelste hielt eine Muschel im Munde, die er an den Strand zu den Füßen des Jünglings hinlegte, und als dieser sie aufhob und öffnete, so lag der Goldring darin.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die weiße Schlange“)

Arthur Rackham ‘The White Snake’From Snowdrop & other tales / by the Brothers Grimm ; illus. by Arthur Rackham. (New York Dutton 1920)
Arthur Rackham ‘The White Snake’
From Snowdrop & other tales / by the Brothers Grimm ; illus. by Arthur Rackham. (New York Dutton 1920)
Rie Cramer ~ Grimm's Fairy Tales ~ 1927The White Snake
Rie Cramer ~ Grimm’s Fairy Tales ~ 1927
The White Snake

Jorinde und Joringel

"By day she made herself into a cat."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„By day she made herself into a cat…“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Es war einmal ein altes Schloss mitten in einem großen dicken Wald, darinnen wohnte eine alte Frau ganz alleine, das war eine Erzzauberin. Am Tage machte sie sich zur Katze oder zur Nachteule, des abends aber wurde sie wieder ordentlich wie ein Mensch gestaltet. Sie konnte das Wild und die Vögel herbei locken, und dann schlachtete sie, kochte und briet es. Wenn Jemand auf hundert Schritte dem Schloss nahe kam, so musste er stille stehen und konnte sich nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn los sprach: wenn aber eine keusche Jungfrau in diesen Kreis kam, so verwandelte sie dieselbe in einen Vogel, und sperrte sie dann einen Korb ein und trug den Korb in eine Kammer des Schlosses. Sie hatte wohl sieben tausend solcher Körbe mit so raren Vögeln im Schlosse…

Illustration von Jenny Dolfen
Illustration von Jenny Dolfen

Joringel sah nach Jorinde. Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt, die sang „zicküth, zicküth“. Eine Nachteule mit glühenden Augen flog dreimal um sie herum und schrie dreimal „schu, hu, hu, hu“. Joringel konnte sich nicht regen: er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fuß regen. Nun war die Sonne unter: die Eule flog in einen Strauch, und gleich darauf kam eine alte krumme Frau aus diesem hervor, gelb und mager: große rote Augen, krumme Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte. Sie murmelte, fieng die Nachtigall und trug sie auf der Hand fort. Joringel konnte nichts sagen, nicht von der Stelle kommen; die Nachtigall war fort…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Jorinde und Joringel“)

Hänsel und Gretel

Als sie endlich erwachten, war es schon finstere Nacht. Gretel fieng an zu weinen und sprach „wie sollen wir nun aus dem Wald kommen!“ Hänsel aber tröstete sie, „wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen ist, dann wollen wir den Weg schon finden.“ Und als der volle Mond aufgestiegen war, so nahm Hänsel sein Schwesterchen an der Hand und gieng den Kieselsteinen nach, die schimmerten wie neu geschlagene Batzen und zeigten ihnen den Weg…

Hänsel and Gretel; Darstellung von Alexander Zick (1845 - 1907)
Hänsel and Gretel; Darstellung von Alexander Zick (1845 – 1907)

Nun war’s schon der dritte Morgen, dass sie ihres Vaters Haus verlassen hatte. Sie fiengen wieder an zu gehen, aber sie gerieten immer tiefer in den Wald und wenn nicht bald Hilfe kam, so mussten sie verschmachten. Als es Mittag war, sahen sie ein schönes schneeweißes Vöglein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, dass sie stehen blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie giengen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nah heran kamen, so sahen sie dass das Häuslein aus Brot gebaut war, und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker…

Illustration von Kay Nielsen
Illustration von Kay Nielsen

Da gieng auf einmal die Türe auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte, kam heraus geschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, dass sie fallen ließen was sie in den Händen hielten. Die Alte aber wackelte mit dem Kopf und sprach „ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch hierher gebracht? kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht euch kein Leid.“

Illustration von Arthur Rackham
Illustration von Arthur Rackham

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Hänsel und Gretel“)

Die drei Spinnerinnen

Als das Mädchen wieder allein war, wusste es sich nicht mehr zu raten und zu helfen, und trat in seiner Betrübnis vor das Fenster. Da sah es drei Weiber herkommen, davon hatte die erste einen breiten Platschfuß, die zweite hatte eine so große Unterlippe, dass sie über das Kinn herunterhieng, und die dritte hatte einen breiten Daumen. Die blieben vor dem Fenster stehen, schauten hinauf, und fragten das Mädchen was ihm fehlte. Es klagte ihnen seine Not, da trugen sie ihm ihre Hülfe an und sprachen „willst du uns zur Hochzeit einladen, dich unser nicht schämen und uns deine Basen heißen, auch an deinen Tisch setzen, so wollen wir dir den Flachs wegspinnen und das in kurzer Zeit.“ „Von Herzen gern“, antwortete es, „kommt nur herein und fangt gleich die Arbeit an.“ Da ließ es die drei seltsamen Weiber herein und machte in der ersten Kammer eine Lücke, so sie sich hinsetzten und ihr Spinnen anhuben. Die eine zog den Faden und trat das Rad, die andere netzte den Faden, die dritte drehte ihn und schlug mit dem Finger auf den Tisch, und so oft sie schlug, fiel eine Zahl Garn zur Erde, und das war aufs feinste gesponnen…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die drei Spinnerinnen“)

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In came the three women dressed in the stangest fashion. Illustration by Arthur Rackham from Grimm’s Fairy Tale, The Three Spinning Women. / Private Collection / Ken Welsh / The Bridgeman Art Library

Siehe auch hier

Die Alte im Wald

…Da nahm es den Ring und lief ganz froh damit zum Haus hinaus und dachte das weiße Täubchen würde kommen und den Ring holen, aber es kam nicht. Da lehnte es sich an einen Baum und wollte auf das Täubchen warten, und wie es so stand, da war es als wäre der Baum weich und biegsam und senkte seine Zweige herab. Und auf einmal schlangen sich die Zweige um es herum, und waren zwei Arme, und wie es sich umsah, war der Baum ein schöner Mann, der es umfasste und herzlich küsste und sagte „du hast mich erlöst und aus der Gewalt der Alten befreit, die eine böse Hexe ist. Sie hatte mich in einen Baum verwandelt, und alle Tage ein paar Stunden war ich eine weiße Taube, und so lang sie den Ring besaß, konnte ich meine menschliche Gestalt nicht wieder erhalten.“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die Alte im Wald“)

Little Brother and Little Sister and Other Tales by the Brothers Grimm, published in 1917 and illustrated by Arthur Rackham
Little Brother and Little Sister and Other Tales by the Brothers Grimm, published in 1917 and illustrated by Arthur Rackham

Die sieben Raben

"The good little Sister cut off her own tiny finger, fitted it into the lock, and succeeded in opening it."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„The good little Sister cut off her own tiny finger, fitted it into the lock, and succeeded in opening it.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

…Da machte es sich geschwind fort  und kam zu den Sternen, die waren ihm freundlich und gut, und jeder saß auf seinem besonderen Stühlchen. Der Morgenstern aber stand auf, gab ihm ein Hinkelbeinchen und sprach „wenn du das Beinchen nicht hast, kannst du den Glasberg nicht aufschließen, und in dem Glasberg da sind deine Brüder.“

Das Mädchen nahm das Beinchen, wickelte es wohl in ein Tüchlein, und gieng wieder fort so lange bis es an den Glasberg kam. Das Tor war verschlossen und es wollte das Beinchen hervor holen, aber wie es das Tüchlein aufmachte, so war es leer, und es hatte das Geschenk der guten Sterne verloren. Was sollte es nun anfangen? seine Brüder wollte es erretten und hatte keinen Schlüssel zum Glasberg. Das gute Schwesterchen nahm ein Messer, schnitt sich ein kleines Fingerchen ab, steckte es in das Tor und schloss glücklich auf.

Illustration im Bild signiert durch "E. Schütz", d. i. Erich Schütz, wie sich der Maler auf anderen Karten im Verlag der Brüder Kohn nennt. Erich Schütz (22.3.1886 Pogancec (Kroatien) - 17.5.1937 Wien) war um 1920 in Wien und 1933 in Innsbruck tätig (Peter Krause / Josef Schantl: Bildpostkarten-Katalog. Wien 2001, S. 152). Der Signatur gegenüber findet sich das Kürzel "AK.", das auf die Kunstanstalt verweist.
Illustration im Bild signiert durch „E. Schütz“, d. i. Erich Schütz, wie sich der Maler auf anderen Karten im Verlag der Brüder Kohn nennt. Erich Schütz (22.3.1886 Pogancec (Kroatien) – 17.5.1937 Wien) war um 1920 in Wien und 1933 in Innsbruck tätig (Peter Krause / Josef Schantl: Bildpostkarten-Katalog. Wien 2001, S. 152). Der Signatur gegenüber findet sich das Kürzel „AK.“, das auf die Kunstanstalt verweist.

…Auf einmal hörte es in der Luft ein Geschwirr und ein Geweh, da sprach das Zwerglein „jetzt kommen die Herren Raben heim geflogen.“ Da kamen sie, wollten essen und trinken, und suchten ihre Tellerchen und Becherchen. Da sprach einer nach dem andern „wer hat von meinem Tellerchen gegessen? wer hat aus meinem Becherchen getrunken? das ist eines Menschen Mund gewesen.“ Und wie der siebente auf den Grund des Bechers kam, rollte ihm das Ringlein entgegen. Da sah er es an und erkannte dass es ein Ring von Vater und Mutter war, und sprach: „Gott gebe, unser Schwesterlein wäre da, so wären wir erlöst.“ Wie das Mädchen, das hinter der Türe stand und lauschte, den Wunsch hörte, so trat es hervor, und da bekamen alle die Raben ihre menschliche Gestalt wieder. Und sie herzten und küssten einander, und zogen fröhlich heim.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die sieben Raben“; siehe auch „Die zwölf Brüder)

Schneeweißchen und Rosenrot

Darstellung von Alexander Zick
Darstellung von Alexander Zick

Nach einiger Zeit schickte die Mutter die Kinder in den Wald, Reisig zu sammeln. Da fanden sie draußen einen großen Baum, der lag gefällt auf dem Boden, und an dem Stamme sprang zwischen dem Gras etwas auf und ab, sie konnten aber nicht unterscheiden was es war. Als sie näher kamen, sahen sie einen Zwerg mit einem alten verwelkten Gesicht und einem ellenlangen schneeweißen Bart. Das Ende des Bartes war in eine Spalte des Baums eingeklemmt, und der Kleine sprang hin und her wie ein Hündchen an einem Seil und wusste nicht wie er sich helfen sollte. Er glotzte die Mädchen mit seinen roten feurigen Augen an und schrie „was steht ihr da! könnt ihr nicht herbei gehen und mir Beistand leisten?“ „Was hast du angefangen, kleines Männchen?“ fragte Rosenrot. „Dumme neugierige Gans“, antwortete der Zwerg, „den Baum habe ich mir spalten wollen, um kleines Holz in der Küche zu haben; bei den dicken Klötzen verbrennt gleich das bisschen Speise, das unser einer braucht, der nicht so viel hinunter schlingt als ihr, grobes, gieriges Volk. Ich hatte den Keil schon glücklich hinein getrieben, und es wäre alles nach Wunsch gegangen, aber das verwünschte Holz war zu glatt und sprang unversehens heraus, und der Baum fuhr so geschwind zusammen, dass ich meinen schönen weißen Bart nicht mehr herausziehen konnte; nun steckt er drin, und ich kann nicht fort. Da lachen die albernen glatten Milchgesichter! pfui, was seid ihr garstig!“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Schneeweißchen und Rosenrot“)

Little Brother and Little Sister and Other Tales by the Brothers Grimm, published in 1917 and illustrated by Arthur Rackham
Little Brother and Little Sister and Other Tales by the Brothers Grimm, published in 1917 and illustrated by Arthur Rackham

Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

„wenn mir’s nur gruselte! wenn mir’s nur gruselte!“

(David Hockney, ‘Inside the Castle’, etching, 1969,  from ‘The Boy Who Left Home to Learn Fear’ in Six Fairy Tales from the Brothers Grimm (London, Petersburg Press, 1970; reprinted London: Royal Academy of Art, 2012)
(David Hockney, ‘Inside the Castle’, etching, 1969, from ‘The Boy Who Left Home to Learn Fear’ in Six Fairy Tales from the Brothers Grimm (London, Petersburg Press, 1970; reprinted London: Royal Academy of Art, 2012)

Da trat ein Mann herein, der war größer als alle andere, und sah fürchterlich aus; er war aber alt und hatte einen langen weißen Bart. „O du Wicht“, rief er, „nun sollst du bald lernen, was Gruseln ist, denn du sollst sterben.“ „Nicht so schnell“, antwortete der Junge, „soll ich sterben, so muss ich auch dabei sein.“ „Dich will ich schon packen“ sprach der Unhold. „Sachte, sachte, mach dich nicht so breit; so stark wie du bin ich auch, und wohl noch stärker.“ „Das wollen wir sehn“, sprach der Alte, „bist du stärker als ich, so will ich dich gehn lassen; komm, wir wollen’s versuchen.“ Da führte er ihn durch dunkle Gänge zu einem Schmiedefeuer, nahm eine Axt und schlug den einen Amboss mit einem Schlag in die Erde. „Das kann ich noch besser“ sprach der Junge, und gieng zu dem andern Amboss: der Alte stellte sich neben hin und wollte zusehen, und sein weißer Bart hieng herab. Da fasste der Junge die Axt, spaltete den Amboss auf einen Hieb und klemmte den Bart des Alten mit hinein.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen“)

Then the Youth took the axe and split the anvil with one blow, catching in the Old Man's beard at the same time."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
Then the Youth took the axe and split the anvil with one blow, catching in the Old Man’s beard at the same time.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Der Bärenhäuter

Endlich als der letzte Tag von den sieben Jahren anbrach, gieng er wieder hinaus auf die Heide, und setzte sich unter den Ring von Bäumen. Nicht lange, so sauste der Wind, und der Teufel stand vor ihm und blickte ihn verdrießliche an; dann warf er ihm den alten Rock hin und verlangte seinen grünen zurück. „So weit sind wir noch nicht“, antwortete der Bärenhäuter, „erst sollst du mich reinigen.“ Der Teufel mochte wollen oder nicht, er musste Wasser holen, den Bärenhäuter abwaschen, ihm die Haare kämmen, und die Nägel schneiden. Hierauf sah er wie ein tapferer Kriegsmann aus, und war viel schöner als je vorher.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der Bärenhäuter“)

The Brothers Grimm and Louis Rhead, Grimm's Fairy Tales, Stories and Tales of Elves, Goblins, and Fairies (New York: Harper and Brothers, 1917) 94
The Brothers Grimm and Louis Rhead, Grimm’s Fairy Tales, Stories and Tales of Elves, Goblins, and Fairies (New York: Harper and Brothers, 1917) 94

Der Geist im Glas

Aquarell nach Ruth Koser-Michaels, in: Märchen der Brüder Grimm, Leipzig: Brockhaus, 1937
Aquarell nach Ruth Koser-Michaels, in: Märchen der Brüder Grimm, Leipzig: Brockhaus, 1937

Der Sohn aber gieng in den Wald, aß sein Brot, war ganz fröhlich und sah in die grünen Zweige hinein, ob er etwa ein Nest entdeckte. So gieng er hin und her, bis er endlich zu einer großen gefährlichen Eiche kam, die gewiss schon viele hundert Jahre alt war und die keine fünf Menschen umspannt hätten. Er blieb stehen und sah sie an und dachte „es muss doch mancher Vogel sein Nest hinein gebaut haben.“ Da däuchte ihn auf einmal als hörte er eine Stimme. Er horchte und vernahm wie es mit so einem recht dumpfen Ton rief „lass mich heraus, lass mich heraus.“ Er sah sich rings um, konnte aber nichts entdecken, doch es war ihm als ob die Stimme unten aus der Erde hervor käme. Da rief er „wo bist du?“ Die Stimme antwortete „ich stecke da unten bei den Eichenwurzeln. Lass mich heraus, lass mich heraus.“ Der Schüler fieng an unter dem Baum aufzuräumen und bei den Wurzeln zu suchen, bis er endlich in einer kleinen Höhlung eine Glasflasche entdeckte. Er hob sie in die Höhe und hielt sie gegen das Licht, da sah er ein Ding, gleich einem Frosch gestaltet, das sprang darin auf und nieder. „Lass mich heraus, lass mich heraus“, rief’s von neuem, und der Schüler, der an nichts Böses dachte, nahm den Pfropfen von der Flasche ab. Alsbald stieg ein Geist heraus und fieng an zu wachsen, und wuchs so schnell, dass er in wenigen Augenblicken als ein entsetzlicher Kerl, so groß wie der halbe Baum, vor dem Schüler stand. „Weißt du“, rief er mit einer fürchterlichen Stimme, „was dein Lohn dafür ist, dass du mich heraus gelassen hast?“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der Geist im Glas“)

Little Brother and Little Sister and Other Tales by the Brothers Grimm, published in 1917 and illustrated by Arthur Rackham
Little Brother and Little Sister and Other Tales by the Brothers Grimm, published in 1917 and illustrated by Arthur Rackham

Der Liebste Roland

Da verwandelte sich das Mädchen in eine schöne Blume, die mitten in einer Dornenhecke stand, seinen Liebsten Roland aber in einen Geigenspieler. Nicht lange, so kam die Hexe herangeschritten und sprach zu dem Spielmann „lieber Spielmann, darf ich mir wohl die schöne Blume abbrechen?“ „O ja“, antwortete er, „ich will dazu aufspielen.“ Als sie nun mit Hast in die Hecke kroch und die Blume brechen wollte, denn sie wusste wohl wer die Blume war, so fieng er an aufzuspielen, und, sie mochte wollen oder nicht, sie musste tanzen, denn es war ein Zaubertanz. Je schneller er spielte, desto gewaltigere Sprünge musste sie machen, und die Dornen rissen ihr die Kleider vom Leibe, stachen sie blutig und wund, und da er nicht aufhörte, musste sie so lange tanzen bis sie tot liegen blieb…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der Liebste Roland“)

Illustration von Arthur Rackham
Illustration von Arthur Rackham

Allerleirauh

…Als nun die Königstochter sah dass keine Hoffnung mehr war ihres Vaters Herz umzuwenden, so fasste sie den Entschluss zu entfliehen. In der Nacht, während alles schlief, stand sie auf und nahm von ihren Kostbarkeiten dreierlei, einen goldenen Ring, ein goldenes Spinnrädchen und ein goldenes Haspelchen; die drei Kleider von Sonne, Mond und Sternen, tat sie in eine Nussschale, zog den Mantel von allerlei Rauhwerk an und machte sich Gesicht und Hände mit Ruß schwarz. Dann befahl sie sich Gott und gieng fort, und gieng die ganze Nacht, bis sie in einen großen Wald kam. Und weil sie müde war, setzte sie sich in einen hohlen Baum, und schlief ein.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Allerleirauh“)

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„Catskin“
(circa 1900)
by Arthur Rackham

Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich

…Endlich sprach er „ich habe mich satt gegessen, und bin müde, nun trag mich in dein Kämmerlein und mach dein seiden Bettlein zurecht, da wollen wir uns schlafen legen.“ Die Königstochter fieng an zu weinen und fürchtete sich vor dem kalten Frosch, den sie nicht anzurühren getraute, und der nun in ihrem schönen reinen Bettlein schlafen sollte. Der König aber ward zornig und sprach „wer dir geholfen hat, als du in der Not warst, den sollst du hernach nicht verachten.“ Da packte sie ihn mit zwei Fingern, trug ihn hinauf und setzte ihn in eine Ecke. Als sie aber im Bett lag, kam er gekrochen und sprach „ich bin müde, ich will schlafen so gut wie du: heb mich herauf, oder ich sag’s deinem Vater.“ Da ward sie erst bitterböse, holte ihn herauf und warf ihn aus allen Kräften wider die Wand, „nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch.“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich“)

Arthur Rackham's illustration to the fairy tale of the Brothers Grimm The Frog Prince.
Arthur Rackham’s illustration to the fairy tale of the Brothers Grimm The Frog Prince.

Welche Salatsorte trägt den Namen eines Grimmschen Märchens?

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die hatten sich schon lange ein Kind gewünscht und nie eins bekommen, endlich aber ward die Frau guter Hoffnung. Diese Leute hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnten sie in den Garten einer Fee sehen, der voll von Blumen und Kräutern stand, allerlei Art, keiner aber durfte es wagen, in den Garten hineinzugehen. Eines Tages stand die Frau an diesem Fenster und sah hinab, da erblickte sie wunderschöne Rapunzeln auf einem Beet und wurde so lüstern darnach, und wußte doch, daß sie keine davon bekommen konnte, daß sie ganz abfiel und elend wurde. Ihr Mann erschrack endlich und fragte nach der Ursache; „ach wenn ich keine von den Rapunzeln aus dem Garten hinter unserm Haus zu essen kriege, so muß ich sterben.“ Der Mann, welcher sie gar lieb hatte, dachte, es mag kosten was es will, so willst du ihr doch welche schaffen, stieg eines Abends über die hohe Mauer und stach in aller Eile eine Hand voll Rapunzeln aus, die er seiner Frau brachte. Die Frau machte sich sogleich Salat daraus, und aß sie in vollem Heißhunger auf. Sie hatten ihr aber so gut, so gut geschmeckt, daß sie den andern Tag noch dreimal soviel Lust bekam. Der Mann sah wohl, daß keine Ruh wäre, also stieg er noch einmal in den Garten, allein er erschrack gewaltig, als die Fee darin stand und ihn heftig schalt, daß er es wage in ihren Garten zu kommen und daraus zu stehlen. Er entschuldigte sich, so gut er konnte, mit der Schwangerschaft seiner Frau, und wie gefährlich es sey, ihr dann etwas abzuschlagen, endlich sprach die Fee: „ich will mich zufrieden geben und dir selbst gestatten Rapunzeln mitzunehmen, so viel du willst, wofern du mir das Kind geben wirst, womit deine Frau jetzo geht.“ In der Angst sagte der Mann alles zu, und als die Frau in Wochen kam, erschien die Fee sogleich, nannte das kleine Mädchen Rapunzel und nahm es mit sich fort.

Das ganze Märchen gibt es hier

„Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!“ – dies ist wohl einer der bekanntesten Sätze aus der Märchensammlung der Brüder Grimm. Tatsächlich ist das Märchen französischen Ursprungs. 1698 schrieb die Hofdame Mademoiselle de la Force die Erzählung Persinette (erschienen in ihrem Buch Cabinet des Fees). Der Rumpf dieser Geschichte stammt ebenso aus dem Volksgut, wie eine weitere Quelle – Petrosinella aus dem Pentamerone von Giambattista Basile (gestorben 1632). 1790 übernimmt Friedrich Schulz dieses Märchen in einen seiner Kleinen Romane. Von ihm übernahmen es die Brüder Grimm unter starker Kürzung 1812 in ihre Kinder- und Hausmärchen als Nr. 12. Dort erfuhr die als anstößig empfundene Version in späteren Ausgaben mehrere Änderungen: Anstatt durch ihre Schwangerschaft („meine Kleiderchen passen mir nicht mehr“) verrät sich Rapunzel jetzt unverfänglich „Sie wird mir viel schwerer heraufzuziehen als den jungen Königssohn“. Auch die Heiratserklärung wurde später, wohl als Legitimation, eingefügt. Die Anmerkungen der Brüder Grimm zählen noch weitere Quellen auf. Sie stellen fest, dass in Märchen häufig der Vater oder die Mutter um ein augenblickliches Gelüßten zu befriedigen, ihr zukünftiges Kind verspricht. Während das ungeborene Wesen natürlich einerseits noch abstrakt und relativ leicht anderen als Lohn angeboten kann, da noch keine tiefe persönliche Bindung besteht, befriedigen diese scheinbar egoistischen Gelüste der Mutter gleichsam auch das Wohl des Kindes: Rapunzeln / Rucola (Grimmsche Version) und auch Petersilie (französische Version) sind überdurchschnittlich reich an Eisen und anderen Spurenelementen, die während der Schwangerschaft sehr wichtig sind. Weitere Beispiele für derartige Gelüste aus Grimms Märchen sind Die Nixe im TeichDas singende springende LöweneckerchenDer König vom goldenen BergHans mein IgelDer Bärenhäuter.

Die Handlung ähnelt in Giambattista Basiles Pentameron II,1 Petrosinella, ferner II,7 Die Taube, II,8 Die kleine Sklavin. Das Motiv der Jungfrau im Turm entspricht dem griechischen Mythos von Danaë und der christlichen Legende der Heiligen Barbara.

Fasst man Hedwig von Beits tiefenpsychologische Deutung zusammen, so wiederholen sich Bilder der Abgeschlossenheit vom ersehnten Unbewussten, das sein gestohlenes Kind zurücknimmt. Solche Frauen entwickeln eine verträumte, realitätsferne Haltung. Der hohe Turm, aber auch das lange Kopfhaar drücken diese geistbetonten Wesensanteile aus, die dann auch der Animus nutzt, um die Große Mutter zu ersetzen. Ihre Durchtrennung verursacht den Absturz in eine demütigere Haltung, wo Rapunzel den ebenfalls gestürzten, im Unbewussten blinden Prinzen mit ihren Tränen (Symbol des Lebenswassers) heilen kann.

Laut Eugen Drewermann antizipiert der gierige Appetit auf Rapunzeln das Bedürfnis nach einem Lebenssinn spendenden Kind. Mutter und Zauberin sind dieselbe Frau in ängstlicher Spaltung. Die kindlich-orale Abspaltung der Sexualität führt zur Reduktion auf eine scheinbar erfüllende Mutter-Tochter-Symbiose. Rapunzels Turm ähnelt dem Hinterhaus ihrer Mutter, allerdings subjektiv überhöht, so wie mit der Schönheit und Selbständigkeit der Tochter auch der Stolz der Mutter wächst. Nur ein hellhöriger Mann, der ihre Sprache genau erlernt, vermag die Mauern der Kontaktangst zu überwinden. Dabei entsteht aber eine Spaltung zwischen Rapunzels Liebe und der weiterhin tiefen Loyalität zur Mutter, die der Prinz aufgrund der Identifikation nicht angreifen kann. Der Königssohn kann gegen die Ausbrüche von Rapunzels Über-Ich nichts unternehmen, doch umgekehrt kann auch Frau Gothel nicht verhindern, dass Rapunzel nach der Verstoßung wirklich selbständig wird. Die anerzogene Bedürfnislosigkeit erweist sich jetzt als hilfreich, bis die Kraft der Erinnerung an die Liebe den Zwang zur Autarkie überwindet.

Auch Wilhelm Salber bringt Rapunzel, wie auch Marienkind oder Das singende springende Löweneckerchen mit den Kränkungen ess- und beziehungsgestörter Frauen in Verbindung, die sich als glücklich darstellen und nach außen bedeckt halten. Der Turm der ’splendid isolation‘ verdreht echte Anteilnahme zu paradoxen Abhängigkeiten.

Die visuell interessante Verbindung von goldenem Haar und hohem Turm inspirierte zu zahlreichen Rapunzelillustrationen: Besonders wichtig sind die von Arthur Rackham,

das Märchenbildprogramm von Ernst Liebermann,

und die Gemälde von Emma Florence Harrison

und Heinrich Lefler.

1969 beschäftigt sich David Hockney in vier Zeichnungen mit dem Rapunzelthema:

1. Der Rapunzelsalatgarten

Rapunzel Growing In The Garden

2. Rapunzel als Baby

rapunzel

3. Rapunzel mit Haarschleppe

The Older Rapunzel (David Hockney)

4. Haar und Turm vor Prinz

David_Hockney_Rapunzel_Rapunzel_Let_Down_Your_Hair_87

Quelle: wikipedia