The stars are pears

Illustration von Barbara Swan aus "Transformations" von Anne Sexton
Illustration von Barbara Swan aus „Transformations“ von Anne Sexton

If I could blame it all on the weather,
the snow like the cadaver’s table,
the trees turned into knitting needles,
the ground as hard as a frozen haddock,
the pond wearing its mustache of frost.

If I could blame conditions on that,
if I could blame the hearts of strangers
striding muffled down the street,
or blame the dogs, every color,
sniffing each other
and pissing on the doorstep.

If I could blame the bosses
and the presidents for
their unpardonable songs.

If I could blame it on all
the mothers and fathers of the world,
they of the lessons, the pellets of power,
they of the love surrounding you like batter.

Blame it on God perhaps?
He of the first opening
that pushed us all into our first mistakes?
No, I’ll blame it on Man
For Man is God
and man is eating the earth up
like a candy bar
and not one of them can be left alone with the ocean
for it is known he will gulp it all down.

The stars (possibly) are safe.

At least for the moment.

The stars are pears
that no one can reach,
even for a wedding.

Perhaps for a death.

Anne Sexton

Le petit chaperon rouge

Rotkäppchen zählte nie zu meinen Lieblingsmärchen. Daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, dass es dereinst auf Schallplatte für mich unter dem Weihnachtsbaum lag. Im Gegenteil. Die Stimme des Wolfes quasi leibhaftig zu hören, verstärkte das Grauen um so mehr. Vielleicht steckten in den Sträußen, die das kleine Mädchen für die Großmutter band, auch Mohnblumen, wer weiß:

Der Wolf lief aus Leibeskräften den Weg, der kürzer war, und das kleine Mädchen ging den längeren Weg, wobei es seine Freude daran hatte, Haselnüsse zu sammeln, Schmetterlingen nachzujagen und Sträusse aus den Blümchen zu binden, die es fand.

Jedenfalls greift mir heute von den Bildern, mit denen Sarah Moon Le petit chaperon rouge  illustrierte, vor allem dieses hier ans Herz:

Sarah Moon, "Le petit chaperon" (1983)
Sarah Moon, „Le petit chaperon rouge“ (1983)

Die Version von Charles Perrault aus dem Jahr 1697 ist eine der ältesten bekannten schriftlichen Fassungen des Rotkäppchen-Stoffes. Bei ihm geht sie jedoch nicht gut aus. Die Großmutter und das Rotkäppchen werden vom Wolf gefressen, Ende der Geschichte. Darüber hinaus schreckt er auch vor expliziten sexuellen Anspielungen nicht zurück:

Sarah Moon, "Le petit chaperon" (1983)
Sarah Moon, „Le petit chaperon rouge“ (1983)

„Stell den Fladen und den kleinen Topf Butter auf den Backtrog und leg dich zu mir.“

Das kleine Rotkäppchen zieht sich aus und geht hin und legt sich in das Bett, wo es zu seinem allergrössten Erstaunen sah, wie seine Grossmutter ohne Kleider beschaffen war. Es sagte zu ihr:

„Grossmutter, was habt Ihr für grosse Arme!“

„Damit ich dich besser umfangen kann, mein Kind!“

Zuletzt wendet sich Perrault gar mit erhobenem Zeigefeiger an seine Leser:

Moral

Hier sieht man, dass ein jedes Kind und dass die kleinen Mädchen (die schon gar, so hübsch und fein, so wunderbar!) sehr übel tun, wenn sie vertrauensselig sind, und dass es nicht erstaunlich ist, wenn dann ein Wolf so viele frisst. Ich sag ein Wolf, denn alle Wölfe haben beileibe nicht die gleiche Art: Da gibt es welche, die ganz zart, ganz freundlich leise, ohne Böses je zu sagen, gefällig, mild, mit artigem Betragen die jungen Damen scharf ins Auge fassen und ihnen folgen in die Häuser, durch die Gassen doch ach, ein jeder weiss, gerade sie, die zärtlich werben, gerade diese Wölfe locken ins Verderben.

Sarah Moon, "Petit Chaperon Rouge" (1983)
Sarah Moon, „Petit Chaperon Rouge“ (1983)

Auch die Bilder von Sarah Moon haben nichts mit den bekannten Märchenillustrationen gemein. Das Unheimliche wird von ihr weder verniedlicht noch ein Zeigefinger erhoben. Alles liegt in den Lichtern und Schatten, im Gesicht und in den Gesten des kleinen Mädchens.

Kafka und ich

Ich will doch nur spielen
Ich will doch nur spielen

Beide kamen wir in diesen Tagen unters Messer. Kafka und ich. Für ihn war der Eingriff sicher einschneidender. Er wurde kastriert. Obwohl er naturgemäß nicht wusste, wie ihm geschieht. Nun ja: Watt mutt, dat mutt. Was zwar auch für mich galt, aber die meiste Angst hatte ich vor der Narkose. Ich gebe die Zügel nur ungern aus der Hand. Du könntest mein Sohn sein, dachte ich, während der Anästhesist sich bemühte, meinen flackernden Blick mit seinen dunklen Augen über dem hellen Mundschutz auf sich zu ziehen. Das machte er gut. Der russische Akzent, der seinerseits etwas sehr Väterliches hatte, tat ein Übriges zu meiner Beruhigung. Seine letzten Worte waren „Tief ein- und ausatmen… ganz tief einatmen… und wieder ausatmen“, dann reißt der Film. Faszinierend. Wie das Skalpell mit einem einzigen glatten sauberen Schnitt auch ein Stück Lebenszeit entfernt.

Als ich die Augen zum ersten Mal wieder aufschlage, tätschelt der Operateur mein Bein. „Alles gut“, flüstert er mir zu. Beim zweiten Mal beugt sich der junge Anästhesist, der mein Sohn sein könnte, über mich. „Ah, ohne Mundschutz“, meine Stimme klingt wie von fern, „auch gut“, seufze ich und beschließe, noch eine Weile zu schlafen. Jegliches Zeitgefühl ist mir abhanden gekommen. Erst als ich zur Toilette muss, geht plötzlich alles ganz schnell. Kaffee und Kekse sind köstlich, in der Tat, alles gut. Bald darauf werde ich in die Obhut meiner Schwester entlassen.

Für Kafka war in weniger als einer halben Stunde alles vorbei. Wie tot lag er da, mit weit geöffneten Augen und so leblos, dass ich ihm die Hand auflegte, um seinem Atem nachzuspüren. „Sehen Sie nur, er ist ganz entspannt“, versicherte mir die Ärztin mit ihrem vertraut klingenden südamerikanischen Akzent. Im Gegensatz zu mir hatte er dann aber mit den Nachwirkungen der Narkose zu kämpfen und verbrachte den Rest des Tages als Häuflein Elend auf meinem Schoß. Nur wenn ihm wieder schlecht wurde, schleppte er sich ein ums andere Mal brav ins Badezimmer, um sich dort auf den kalten weißen Fliesen ganz erbärmlich zu erbrechen. Seitdem haben wir ein noch innigeres Verhältnis zueinander, Kafka und ich.

Der König in seinem Exil, denke ich manchmal, wenn er, wie jetzt, eingerollt wie ein Wüstenfuchs auf meinem Schoß liegt. Ob er einen Artgenossen neben sich akzeptieren würde? Seit dem Auszug meines Sohnes trage ich mich nämlich mit dem Gedanken, noch eine Katze in meine Obhut zu nehmen. „Oh, nein, Frau S., bitte nicht, Sie werden sonst noch so eine Katzenfrau“, meinte ein Freund meines Sohnes mit unverhohlenem Entsetzen.

So eine Katzenfrau, so so. Ich schätze, das bin ich schon.

Der weiße Bär König Valemon

Theodor Kittelsen, "White Bear King Valemon" (ca. 1901 oder 1912)
Theodor Kittelsen, „White Bear King Valemon“ (ca. 1901 oder 1912)

Eines Tages, als sie im Walde war, sah sie einen weißen Bären, der hatte denselben Kranz, von dem sie geträumt hatte, zwischen den Tatzen und spielte damit. Da wollte sie ihm den Kranz abkaufen. Aber er war ihm nicht für Geld feil, sondern nur, wenn sie selbst seine Frau werden wollte. Sie könne nun einmal nicht ohne den Kranz leben, gab sie zur Antwort, und da sei es einerlei, wohin sie käme und wen sie heiratete, wenn sie nur den Kranz hätte; also einigten sie sich darauf, daß er sie in drei Tagen holen sollte, und das war ein Donnerstag.

Als sie mit dem Kranz nach Hause kam, freuten sich alle, weil sie wieder froh war, und der König meinte, es könne nicht so schwer sein, einen Bären von seinem Vorhaben zurückzuhalten. Am dritten Tag mußte das ganze Kriegsheer sich rund um das Schloß aufstellen, um ihn in Empfang zu nehmen. Aber als der weiße Bär kam, konnte niemand etwas gegen ihn ausrichten, denn keine Waffe konnte ihm etwas anhaben. Er schlug die Leute rechts und links nieder, so daß sie haufenweise dalagen. Das fand der König denn doch zu arg, und er schickte seine älteste Tochter hinaus; der weiße Bär nahm sie auf den Rücken und zog mit ihr ab. Als sie schon lange unterwegs waren, fragte der Bär: »Hast du jemals weicher gesessen? Hast du jemals klarer gesehen?« – »Ja, auf meiner Mutter Schoß habe ich weicher gesessen, und in meines Vaters Schloß habe ich klarer gesehen«, gab sie zur Antwort.

»Dann bist du nicht die Rechte«, sagte der Bär und jagte sie wieder heim…

„Der weiße Bär König Valemon“, aus der Sammlung von Peter Christen Asbjørnsen, übersetzt von Klara Stroebe)

Das Meerhäschen

Es war einmal eine Königstochter, die hatte in ihrem Schloss hoch unter der Zinne einen Saal mit zwölf Fenstern, die giengen nach allen Himmelsgegenden, und wenn sie hinaufstieg und umher schaute, so konnte sie ihr ganzes Reich übersehen. Aus dem ersten sah sie schon schärfer, als andere Menschen, in dem zweiten noch besser, in dem dritten noch deutlicher und so immer weiter bis in dem zwölften, wo sie alles sah, was über und unter der Erde war und ihr nichts verborgen bleiben konnte. Weil sie aber stolz war, sich niemand unterwerfen wollte und die Herrschaft allein behalten, so ließ sie bekannt machen, es sollte niemand ihr Gemahl werden, der sich nicht so vor ihr verstecken könnte dass es ihr unmöglich wäre ihn zu finden. Wer es aber versuche und sie entdecke ihn, so werde ihm das Haupt abgeschlagen und auf einen Pfahl gesteckt. Es standen schon sieben und neunzig Pfähle mit toten Häuptern vor dem Schloss, und in langer Zeit meldete sich niemand. Die Königstochter war vergnügt und dachte „ich werde nun für mein Lebtag frei bleiben.“ Da erschienen drei Brüder vor ihr und kündigten ihr an, dass sie ihr Glück versuchen wollten…

Brüder Grimm, Kinder und Hausmärchen („Das Meerhäschen“)

David Hockney, "The Boy Hidden in a Fish" from "€œThe Little Sea Hare"€ in "Six Fairy Tales from the Brothers Grimm" (1969)
David Hockney, „The Boy Hidden in a Fish“
from „€œThe Little Sea Hare“€ in „Six Fairy Tales from the Brothers Grimm“ (1969)

Die Gänsemagd

"Blow, blow, little breeze, And Conrad's hat seize" Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„Blow, blow, little breeze,
And Conrad’s hat seize“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Des Morgens früh, da sie und Kürdchen unterm Thor hinaus trieben, sprach sie im Vorbeigehen

„o du Falada, da du hangest,“

da antwortete der Kopf

„o du Jungfer Königin, da du gangest,
wenn das deine Mutter wüßte,
ihr Herz thät ihr zerspringen.“

Da zog sie still weiter zur Stadt hinaus, und sie trieben die Gänse aufs Feld. Und wenn sie auf der Wiese angekommen war, saß sie nieder und machte ihre Haare auf, die waren eitel Gold, und Kürdchen sah sie und freute sich wie sie glänzten, und wollte ihr ein paar ausraufen. Da sprach sie

„weh, weh, Windchen,
nimm Kürdchen sein Hütchen,
und laß’n sich mit jagen,
bis ich mich geflochten und geschnatzt,
und wieder aufgesatzt.“

Und da kam ein so starker Wind, daß er dem Kürdchen sein Hütchen weg wehte über alle Land, und es mußte ihm nachlaufen. Bis es wieder kam war sie mit dem Kämmen und Aufsetzen fertig, und er konnte keine Haare kriegen. Da war Kürdchen bös und sprach nicht mit ihr; und so hüteten sie die Gänse bis daß es Abend ward, dann giengen sie nach Haus.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die Gänsemagd“)

 

Das singende springende Löweneckerchen

Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„She went away accompanied by the Lions.“                                                      Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

…und (sie) gieng weiter, bis der Nachtwind heran kam und sie anblies: da sprach sie zu ihm „du wehst ja über alle Bäume und unter allen Blättern weg, hast du keine weiße Taube fliegen sehen?“ „Nein,“ sagte der Nachtwind, „ich habe keine gesehen, aber ich will die drei andern Winde fragen, die haben sie vielleicht gesehen.“ Der Ostwind und der Westwind kamen und hatten nichts gesehen, der Südwind aber sprach „die weiße Taube habe ich gesehen, sie ist zum rothen Meer geflogen, da ist sie wieder ein Löwe geworden, denn die sieben Jahre sind herum, und der Löwe steht dort im Kampf mit einem Lindwurm, der Lindwurm ist aber eine verzauberte Königstochter.“ Da sagte der Nachtwind zu ihr „ich will dir Rath geben, geh zum rothen Meer, am rechten Ufer da stehen große Ruthen, die zähle, und die eilfte schneid dir ab, und schlag den Lindwurm damit, dann kann ihn der Löwe bezwingen, und beide bekommen auch ihren menschlichen Leib wieder. Hernach schau dich um, und du wirst den Vogel Greif sehen, der am rothen Meer sitzt, schwing dich mit deinem Liebsten auf seinen Rücken: der Vogel wird euch übers Meer nach Haus tragen. Da hast du auch eine Nuß, wenn du mitten über dem Meere bist, laß sie herab fallen, alsbald wird sie aufgehen, und ein großer Nußbaum wird aus dem Wasser hervor wachsen, auf dem sich der Greif ausruht: und könnte er nicht ruhen, so wäre er nicht stark genug euch hinüber zu tragen: und wenn du vergißt die Nuß herab zu werfen, so läßt er euch ins Meer fallen.“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Das singende springende Löweneckerchen“)

Der Arme und der Reiche

Illustration von Paul Hey
Illustration von Paul Hey

Vor alten Zeiten, als der liebe Gott noch selber auf Erden unter den Menschen wandelte, trug es sich zu, daß er eines Abends müde war und ihn die Nacht überfiel, bevor er zu einer Herberge kommen konnte. Nun standen auf dem Weg vor ihm zwei Häuser einander gegenüber, das eine groß und schön, das andere klein und ärmlich anzusehen, und gehörte das große einem Reichen, das kleine einem armen Manne. Da dachte unser Herr Gott „dem Reichen werde ich nicht beschwerlich fallen: bei ihm will ich übernachten.“ Der Reiche, als er an seine Thüre klopfen hörte, machte das Fenster auf und fragte den Fremdling was er suche? Der Herr antwortete „ich bitte um ein Nachtlager.“ Der Reiche guckte den Wandersmann von Haupt bis zu den Füßen an, und weil der liebe Gott schlichte Kleider trug und nicht aussah wie einer, der viel Geld in der Tasche hat, schüttelte er mit dem Kopf und sprach „ich kann euch nicht aufnehmen, meine Kammern liegen voll Kräuter und Samen, und sollte ich einen jeden beherbergen, der an meine Thüre klopft, so könnte ich selber den Bettelstab in die Hand nehmen. Sucht euch anderswo ein Auskommen.“ Schlug damit sein Fenster zu und ließ den lieben Gott stehen. Also kehrte ihm der liebe Gott den Rücken und gieng hinüber zu dem kleinen Haus. Kaum hatte er angeklopft, so klinkte der Arme schon sein Thürchen auf und bat den Wandersmann einzutreten. „Bleibt die Nacht über bei mir,“ sagte er „es ist schon finster, und heute könnt ihr doch nicht weiter kommen.“ Das gefiel dem lieben Gott und er trat zu ihm ein. Die Frau des Armen reichte ihm die Hand, hieß ihn willkommen und sagte er möchte sichs bequem machen und vorlieb nehmen, sie hätten nicht viel, aber was es wäre, gäben sie von Herzen gerne. Dann setzte sie Kartoffeln ans Feuer, und derweil sie kochten, melkte sie ihre Ziege, damit sie ein wenig Milch dazu hätten. Und als der Tisch gedeckt war, setzte sich der liebe Gott nieder und aß mit ihnen, und schmeckte ihm die schlechte Kost gut, denn es waren vergnügte Gesichter dabei…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der Arme und der Reiche“)

Das Todtenhemdchen

Illustration von Paul Hey
Illustration von Paul Hey

Es hatte eine Mutter ein Büblein von sieben Jahren, das war so schön und lieblich, daß es niemand ansehen konnte ohne ihm gut zu sein, und sie hatte es auch lieber als alles auf der Welt. Nun geschah es, daß es plötzlich krank ward, und der liebe Gott es zu sich nahm; darüber konnte sich die Mutter nicht trösten und weinte Tag und Nacht. Bald darauf aber, nachdem es begraben war, zeigte sich das Kind Nachts an den Plätzen, wo es sonst im Leben gesessen und gespielt hatte; weinte die Mutter, so weinte es auch, und wenn der Morgen kam, war es verschwunden. Als aber die Mutter gar nicht aufhören wollte zu weinen, kam es in einer Nacht mit seinem weißen Todtenhemdchen, in welchem es in den Sarg gelegt war, und mit dem Kränzchen auf dem Kopf, setzte sich zu ihren Füßen auf das Bett und sprach „ach Mutter, höre doch auf zu weinen, sonst kann ich in meinem Sarge nicht einschlafen, denn mein Todtenhemdchen wird nicht trocken von deinen Thränen, die alle darauf fallen.“ Da erschrack die Mutter, als sie das hörte, und weinte nicht mehr. Und in der andern Nacht kam das Kindchen wieder, hielt in der Hand ein Lichtchen und sagte „siehst du, nun ist mein Hemdchen bald trocken, und ich habe Ruhe in meinem Grab.“ Da befahl die Mutter dem lieben Gott ihr Leid und ertrug es still und geduldig, und das Kind kam nicht wieder, sondern schlief in seinem unterirdischen Bettchen.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Das Todtenhemdchen“)

Der alte Großvater und der Enkel

OldManandGrandson_RackhamEs war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floß ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen mußte sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch, und die Augen wurden ihm naß. Einmal auch konnten seine zitterigen Hände das Schüsselchen nicht fest halten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte aber nichts und seufzte nur. Da kaufte sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus mußte er nun essen. Wie sie da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. „Was machst du da?“ fragte der Vater. „Ich mache ein Tröglein,“ antwortete das Kind, „daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin.“ Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fiengen endlich an zu weinen, holten alsofort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mit essen, sagten auch nichts wenn er ein wenig verschüttete.

Brüder Grimm, Kinder und Hausmärchen („Der alte Großvater und der Enkel“)

"The Old Man had to sit by himself, and ate his food from a wooden bowl."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„The Old Man had to sit by himself, and ate his food from a wooden bowl.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Das kluge Gretel

Als der Herr den Rücken gekehrt hatte, legte Gretel den Spieß mit den Hühnern beiseite und dachte „so lange da beim Feuer stehen, macht schwitzen und durstig, wer weiß wann die kommen! derweil spring ich in den Keller und tue einen Schluck.“ Lief hinab setzte einen Krug an, sprach „Gott gesegne’s dir, Gretel“, und tat einen guten Zug. „Der Wein hängt an einander“, sprach’s weiter, „und ist nicht gut abbrechen“, und tat noch einen ernsthaften Zug…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Das kluge Gretel“)

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Die Nelke

Illustration von Phillip Grot Johann
Illustration von Phillip Grot-Johann

„Herr Vater, wollt ihr auch das Mädchen sehen, das mich so zärtlich aufgezogen hat und mich hernach ums Leben bringen sollte, es aber nicht getan hat, obgleich sein eigenes Leben auf dem Spiel stand?“ Antwortete der König „ja, ich will sie gerne sehen.“ Sprach der Sohn „gnädigster Vater, ich will sie euch zeigen in Gestalt einer schönen Blume.“ Und griff in die Tasche und holte die Nelke, und stellte sie auf die königliche Tafel, und sie war so schön, wie der König nie eine gesehen hatte. Darauf sprach der Sohn „nun will ich sie auch in ihrer wahren Gestalt zeigen“, und wünschte sie zu einer Jungfrau; da stand sie da und war so schön, dass kein Maler sie hätte schöner malen können.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die Nelke“)

Die drei Glückskinder

Illustration von Emil Orlik
Illustration von Emil Orlik

Ein Vater ließ einmal seine drei Söhne vor sich kommen und schenkte dem ersten einen Hahn, dem zweiten eine Sense, dem dritten eine Katze. „Ich bin schon alt“, sagte er, „und mein Tod ist nah, da wollte ich euch vor meinem Ende noch versorgen. Geld hab ich nicht, und was ich euch jetzt gebe, scheint wenig wert, es kommt aber bloß darauf an, dass ihr es verständig anwendet: such euch nur ein Land, wo dergleichen Dinge noch unbekannt sind, so ist euer Glück gemacht.“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die drei Glückskinder“)

Sechse kommen durch die ganze Welt

Illustration von Paul Hey

Da sprach der König „was ist das für ein gewaltiger Kerl, der den hausgroßen Ballen Leinwand auf der Schulter trägt?“ erschrak und dachte „was wird der für Gold wegschleppen!“ Da hieß er eine Tonne Gold herbringen, die mussten sechzehn der stärksten Männer tragen, aber der Starke packte sie mit einer Hand, steckte sie in den Sack und sprach „warum bringt ihr nicht gleich mehr, das deckt ja kaum den Boden.“ Da ließ der König nach und nach seinen ganzen Schatz herbeitragen, den schob der Starke in den Sack hinein und der Sack ward davon noch nicht zur Hälfte voll. „Schafft mehr herbei“, rief er, „die paar Brocken füllen nicht.“ Da mußten noch siebentausend Wagen mit Gold in dem ganzen Reich zusammen gefahren werden: die schob der Starke samt den vorgespannten Ochsen in seinen Sack. „Ich will’s nicht lange begehen“, sprach er, „und nehmen was kommt, damit der Sack nur voll wird.“ Wie alles darin stak, gieng doch noch viel hinein, da sprach er „ich will dem Ding nur ein Ende machen, man bindet wohl einmal einen Sack zu, wenn er auch noch nicht voll ist.“ Dann huckte er ihn auf den Rücken und gieng mit seinen Gesellen fort…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Sechse kommen durch die ganze Welt“)

Die zwölf Jäger

Der König aber hatte einen Löwen, das war ein wunderliches Tier, denn er wusste alles Verborgene und Heimliche. Es trug sich zu, dass er eines Abends zum König sprach „du meinst du hättest da zwölf Jäger?“ „Ja“, sagte der König, „zwölf Jäger sind’s.“ Sprach der Löwe weiter „du irrst dich, das sind zwölf Mädchen…

Illustration von H. J. Ford
Illustration von Henry Justice Ford

…Lass nur einmal zwölf Spinnräder ins Vorzimmer bringen, so werden sie herzukommen und werden sich daran freuen, und das tut kein Mann.“ Dem König gefiel der Rat, und er ließ die Spinnräder ins Vorzimmer stellen.

Der Diener aber, der’s redlich mit den Jägern meinte, gieng hin und entdeckte ihnen den Anschlag. Da sprach die Königstochter, als sie allein waren, zu ihren elf Mädchen „tut euch Gewalt an und blickt euch nicht um nach den Spinnrädern.“

Illustration von Friedrich Holbein
Illustration von Friedrich Holbein

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die zwölf Jäger“)

 

 

Die goldene Gans

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Illustration von Arpad Schmidhammer (1857-1921)

Er kam darauf in eine Stadt, da herrschte ein König, der hatte eine Tochter, die war so ernsthaft, dass sie niemand zum lachen bringen konnte. Darum hatte er ein Gesetz gegeben, wer sie könnte zum lachen bringen, der sollte sie heiraten. Der Dummling, als er das hörte, gieng mit seiner Gans und ihrem Anhang vor die Königstochter, und als diese die sieben Menschen immer hinter einander herlaufen sah, fieng sie überlaut an zu lachen und wollte gar nicht wieder aufhören…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die goldene Gans“)

"There stands an old tree; cut it down, and you will find something at the roots."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„There stands an old tree; cut it down, and you will find something at the roots.“
"So now there were seven people running behind Simpleton and his Goose."Illustration von Arthur Rackham in "Grimm's Fairy Tales"
„So now there were seven people running behind Simpleton and his Goose.“
"And so they followed up hill...
„And so they followed up hill…
...and down dale after Simpleton and his Goose."
…and down dale after Simpleton and his Goose.“
"The King could no longer withhold his daughter."Illustrationen von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„The King could no longer withhold his daughter.“
Illustrationen von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Die drei Federn

Da gieng der Dummling ohne weiteres hinab zu der dicken Itsche und sprach „ich soll die schönste Frau heimbringen.“ „Ei“, antwortete die Itsche, „die schönste Frau! die ist nicht gleich zur Hand, aber du sollst sie doch haben.“ Sie gab ihm eine ausgehöhlte gelbe Rübe mit sechs Mäuschen bespannt. Da sprach der Dummling ganz traurig „was soll ich damit anfangen?“ Die Itsche antwortete „setze nur eine von meinen kleinen Itschen hinein.“ Da griff er auf Geratewohl eine aus dem Kreis und setzte sie in die gelbe Kutsche, aber kaum saß sie darin, so ward sie zu einem wunderschönen Fräulein, die Rübe zur Kutsche, und die sechs Mäuschen zu Pferden…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die drei Federn“)

Illustration von Kay Nielsen
Illustration von Kay Nielsen

Die Bienenkönigin

Die zweite Aufgabe aber war, den Schlüssel zu der Schlafkammer der Königstochter aus der See zu holen. Wie der Dummling zur See kam, schwammen die Enten, die er einmal gerettet hatte, heran, tauchten unter, und holten den Schlüssel aus der Tiefe.

Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Die dritte Aufgabe aber war die schwerste, aus den drei schlafenden Töchtern des Königs sollte die jüngste und die liebste heraus gesucht werden. Sie glichen sich aber vollkommen, und waren durch nichts verschieden, als dass sie, bevor sie eingeschlafen waren, verschiedene Süßigkeiten gegessen hatten, die älteste ein Stück Zucker, die zweite ein wenig Sirup, die jüngste einen Löffel voll Honig. Da kam die Bienenkönigin von den Bienen, die der Dummling vor dem Feuer geschützt hatte, und versuchte den Mund von allen dreien, zuletzt blieb sie auf dem Mund sitzen, der Honig gegessen hatte, und so erkannte der Königssohn die rechte…

Hegenbarth, Josefum 1940
Hegenbarth, Josef
um 1940

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die Bienenkönigin“)

Die drei Sprachen

“On the way he passed a swamp, in which a number of Frogs were croaking.”Illustration von Arthur Rackham
“On the way he passed a swamp, in which a number of Frogs were croaking.”
Illustration von Arthur Rackham

Über eine Zeit kam es ihm in den Sinn, er wollte nach Rom fahren. Auf dem Weg kam er an einem Sumpf vorbei, in welchem Frösche saßen und quakten. Er horchte auf, und als er vernahm was sie sprachen, ward er ganz nachdenklich und traurig. Endlich langte er in Rom an, da war gerade der Papst gestorben und unter den Kardinälen großer Zweifel wen sie zum Nachfolger bestimmen sollten…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die drei Sprachen“)

Der Hund und der Sperling

Illustration von Hermann Vogel
Illustration von Hermann Vogel-Plauen

„Ach, ich armer Mann!“ „Noch nicht arm genug“ sprach der Sperling, setzte sich auch dem dritten Pferd auf den Kopf und pickte ihm nach den Augen. Der Fuhrmann schlug in seinem Zorn, ohne umzusehen, auf den Sperling los, traf ihn aber nicht, sondern schlug auch sein drittes Pferd tot. „Ach, ich armer Mann!“ rief er. „Noch nicht arm genug“, antwortete der Sperling, „jetzt will ich dich daheim arm machen“, und flog fort.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der Hund und der Sperling“)

Der goldene Vogel

Radierung von Harry Jürgens
Radierung von Harry Jürgens

Es war vor Zeiten ein König, der hatte einen schönen Lustgarten hinter seinem Schloss, darin stand ein Baum, der goldene Äpfel trug. Als die Äpfel reiften, wurden sie gezählt, aber gleich den nächsten Morgen fehlte einer. Das ward dem König gemeldet, und er befahl dass alle Nächte unter dem Baume Wache sollte gehalten werden. Der König hatte drei Söhne, davon schickte er den ältesten bei einbrechender Nacht in den Garten: wie es aber Mitternacht war, konnte er sich des Schlafes nicht erwehren, und am nächsten Morgen fehlte wieder ein Apfel…

Illustration von Stephanie Holmes
Illustration von Stephanie Holmes

Jetzt kam die Reihe zu wachen an den dritten Sohn, der war auch bereit, aber der König traute ihm nicht viel zu und meinte er würde noch weniger ausrichten als seine Brüder: endlich aber gestattete er es doch. Der Jüngling legte sich also unter den Baum, wachte und ließ den Schlaf nicht Herr werden. Als es zwölf schlug, so rauschte etwas durch die Luft, und er sah im Mondschein einen Vogel daher fliegen, dessen Gefieder ganz von Gold glänzte. Der Vogel ließ sich auf dem Baume nieder und hatte eben einen Apfel abgepickt, als der Jüngling einen Pfeil nach ihm abschoss. Der Vogel entflog, aber der Pfeil hatte sein Gefieder getroffen, und eine seiner goldenen Federn fiel herab…

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Der Fuchs rief „schieß mich nicht, ich will dir dafür einen guten Rat geben. Du bist auf dem Weg nach dem goldenen Vogel, und wirst heut Abend in ein Dorf kommen, wo zwei Wirtshäuser einander gegenüber stehen. Eins ist hell erleuchtet, und es geht darin lustig her: da kehr aber nicht ein, sondern geh ins andere, wenn es dich auch schlecht ansieht.“ … „Und damit du schneller fortkommst, so steig hinten auf meinen Schwanz.“ Und kaum hat er sich aufgesetzt, so fieng der Fuchs an zu laufen, und da gieng’s über Stock und Stein dass die Haare im Wind pfiffen…

"Away they flew over stock and stone, at such a pace that his hair whistled in the wind."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„Away they flew over stock and stone, at such a pace that his hair whistled in the wind.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Lange danach gieng der Königssohn einmal wieder in den Wald, da begegnete ihm der Fuchs und sagte „du hast nun alles, was du dir wünschen kannst, aber mit meinem Unglück will es kein Ende nehmen, und es steht doch in deiner Macht mich zu erlösen“, und abermals bat er flehentlich er möchte ihn totschießen und ihm Kopf und Pfoten abhauen. Also tat er’s, und kaum war es geschehen, so verwandelte sich der Fuchs in einen Menschen, und war niemand anders als der Bruder der schönen Königstochter, der endlich von dem Zauber, der auf ihm lag, erlöst war. Und nun fehlte nichts mehr zu ihrem Glück, so lange sie lebten.

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Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der goldene Vogel“)

Interpretation:

Als der jüngste Sohn fortzieht, sagt der Vater: „Es ist vergeblich, der wird den goldenen Vogel noch weniger finden als seine Brüder, und wenn ihm ein Unglück zustößt, so weiß er sich nicht zu helfen; es fehlt ihm am Besten.“ „Das beste“ nennt der Fuchs später die Königstochter. Es wiederholt sich die Idee eines edlen Kerns, der von seiner nur scheinbar prachtvollen Hülle befreit werden muss: Das schlechte statt des guten Wirtshauses, der hölzerne statt des goldenen Käfigs, der hölzerne und lederne statt des goldenen Sattels, die Hinrichtung der bösen Brüder. Insofern liegt eine Steigerung des bei vielen Märchen zentralen Dualismus‘ zwischen Gut und Böse vor. Die Erlösung gelingt, als der Königssohn die Kleider des Bettlers anlegt und den Tierkörper des Fuchses zerstört. Dabei sind der Vogel, das Pferd und das Schloss der Prinzessin golden, Käfig, Sattel und Fuchs eher rötlich. Der Vogel ist also der Phönix, der in der Alchemie ebenfalls als goldener Vogel aus roter Hülle schlüpft. Der Baum im Garten des Vaters mit den goldenen Äpfeln ist der Baum des Lebens.

Quelle: wikipedia

Der alte Sultan

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Der Anschlag gefiel dem Hund, und wie er ausgedacht war, so ward er auch ausgeführt. Der Vater schrie als er den Wolf mit seinem Kinde durchs Feld laufen sah, als es aber der alte Sultan zurückbrachte, da war er froh, streichelte ihn und sagte „dir soll kein Härchen gekrümmt werden, du sollst das Gnadenbrot essen, solange du lebst.“ Zu seiner Frau aber sprach er „geh gleich heim und koche dem alten Sultan einen Weckbrei, den braucht er nicht zu beißen, und bring das Kopfkissen aus meinem Bette, das schenk ich ihm zu seinem Lager.“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der alte Sultan“)

Fitchers Vogel

Illustration von Hermann Vogel, Künstlername auch Hermann Vogel-Plauen (1954-1921)
Illustration von Hermann Vogel, Künstlername auch Hermann Vogel-Plauen (1954-1921)

Daheim aber ordnete die Braut das Hochzeitsfest an und ließ die Freunde des Hexenmeisters dazu einladen. Dann nahm sie einen Totenkopf mit grinsenden Zähnen, setzte ihm einen Schmuck auf und einen Blumenkranz, trug ihn oben vors Bodenloch und ließ ihn da hinausschauen. Als alles bereit war, steckte sie sich in ein Fass mit Honig, schnitt das Bett auf und wälzte sich darin, dass sie aussah wie ein wunderlicher Vogel und kein Mensch sie erkennen konnte. Da gieng sie zum Haus hinaus, und unterwegs begegnete ihr ein Teil der Hochzeitsgäste, die fragten

„Du Fitchers Vogel, wo kommst du her?“

„Ich komme von Fitze Fitchers Hause her.“

„Was macht denn da die junge Braut?“

„Hat gekehrt von unten bis oben das Haus,

und guckt zum Bodenloch heraus.“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Fitchers Vogel“)

Illustration von Arthur Rackham
Illustration von Arthur Rackham

Der Gevatter Tod

Otto Ubbelohde, Der Gevatter Tod, 1907-09.
Otto Ubbelohde, Der Gevatter Tod, 1907-09.

Der Tod, als er sich zum zweitenmal um sein Eigentum betrogen sah, gieng mit langen Schritten auf den Arzt zu und sprach „es ist aus mit dir und die Reihe kommt nun an dich“, packte ihn mit seiner eiskalten Hand so hart, dass er nicht widerstehen konnte, und führte ihn in eine unterirdische Höhle. Da sah er wie tausend und tausend Lichter in unübersehbaren Reihen brannten, einige groß, andere halbgroß, andere klein. Jeden Augenblick verloschen einige, und andere brannten wieder auf, also dass die Flämmchen in beständigem Wechsel hin und her zu hüpfen schienen. „Siehst du“, sprach der Tod, „das sind die Lebenslichter der Menschen. Die großen gehören Kindern, die halbgroßen Eheleuten in ihren besten Jahren, die kleinen gehören Greisen. Doch auch Kinder und junge Leute haben oft nur ein kleines Lichtchen.“ „Zeige mir mein Lebenslicht“ sagte der Arzt und meinte es wäre noch recht groß. Der Tod deutete auf ein kleines Endchen, das eben auszugehen drohte und sagte „siehst du, da ist es.“ „Ach, lieber Pate“, sagte der erschrockene Arzt, „zündet mir ein neues an, tut mir’s zu Liebe, damit ich meines Lebens genießen kann, König werde und Gemahl der schönen Königstochter.“ „Ich kann nicht“, antwortete der Tod, „erst muss eins verlöschen, eh ein neues anbrennt.“ „So setzt das alte auf ein neues, das gleich fortbrennt wenn jenes zu Ende ist“, bat der Arzt. Der Tod stellte sich als ob er seinen Wunsch erfüllen wollte, langte ein frisches großes Licht herbei: aber weil er sich rächen wollte versah er’s beim Umstecken absichtlich, und das Stückchen fiel um und verlosch. Alsbald sank der Arzt zu Boden, und war nun selbst in die Hand des Todes geraten.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der Gevatter Tod“)

H. Lefler & A. J. Urban in 'Märchen-Kalender'
Heinrich Lefler & Joseph Urban in ‚“Märchen-Kalender'“

Die Wichtelmänner

Erstes Märchen.

Am anderen Morgen sprach die Frau „die kleinen Männer haben uns reich gemacht, wir müssten uns doch dankbar dafür bezeigen. Sie laufen so herum, haben nichts am Leib und müssen frieren. Weißt du was? ich will Hemdlein, Rock, Wams und Höslein für sie nähen, auch jedem ein Paar Strümpfe stricken; mach du jedem ein Paar Schühlein dazu.“ Der Mann sprach „das bin ich wohl zufrieden“, und Abends, wie sie alles fertig hatten, legten sie die Geschenke statt der zugeschnittenen Arbeit zusammen auf den Tisch und versteckten sich dann, um mit anzusehen wie sich die Männlein dazu anstellen würden…

Die Wichtelmänner, Zeichnung von G. Olms um 1900
Die Wichtelmänner, Zeichnung von G. Olms um 1900

Zweites Märchen.

Da kamen drei Wichtelmänner und führten es in einen hohlen Berg, wo die Kleinen lebten. Es war da alles klein, aber so zierlich und prächtig dass es nicht zu sagen ist. Die Kindbetterin lag in einem Bett von schwarzem Ebenholz mit Knöpfchen von Perlen, die Decken waren mit Gold gestickt, die Wiege war von Elfenbein die Badewanne von Gold. Das Mädchen stand nun Gevatter und wollte dann wieder nach Hause gehen, die Wichtelmänner baten es aber inständig drei Tage bei ihnen zu bleiben…

Philipp Grot-Johann, "Die Wichtelmänner" (1841-1892)
Philipp Grot-Johann, „Die Wichtelmänner“ (1841-1892)

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die Wichtelmänner“)

 

Der Räuberbräutigam

An dem Eingang des Waldes war Asche gestreut, der ging es nach warf aber bei jedem Schritt rechts und links ein paar Erbsen auf die Erde. Es gieng fast den ganzen Tag bis es mitten in den Wald kam, wo er am dunkelsten war, da stand ein einsames Haus, das gefiel ihm nicht, denn es sah so finster und unheimlich aus. Es trat hinein, aber es war niemand darin und herrschte die größte Stille. Plötzlich rief eine Stimme

„kehr um, kehr um, du junge Braut,

du bist in einem Mörderhaus.“

Illustration of "The Robber Bridegroom" from Household Stories by the Brothers Grimm, translated by Lucy Crane, illustrated by Walter Crane, first published by Macmillan and Company in 1886.
Illustration of „The Robber Bridegroom“ from Household Stories by the Brothers Grimm, translated by Lucy Crane, illustrated by Walter Crane, first published by Macmillan and Company in 1886.

Das Mädchen blickte auf und sah dass die Stimme von einem Vogel kam, der da in einem Bauer an der Wand hieng. Nochmals rief er

„kehr um, kehr um, du junge Braut,

du bist in einem Mörderhaus.“

Da gieng die schöne Braut weiter aus einer Stube in die andere und gieng durch das ganze Haus, aber es war alles leer und keine Menschenseele zu finden. Endlich kam sie auch in den Keller, da saß eine steinalte Frau, die wackelte mit dem Kopfe. „Könnt ihr mir nicht sagen“, sprach das Mädchen, „ob mein Bräutigam hier wohnt?“ „Ach, du armes Kind“, antwortete die Alte, „wo bist du hingeraten! du bist in einer Mördergrube. Du meinst du wärst eine Braut, die bald Hochzeit macht, aber du wirst die Hochzeit mit dem Tode halten. Siehst du, da hab ich einen großen Kessel mit Wasser aufsetzen müssen, wenn sie dich in ihrer Gewalt haben, so zerhacken sie dich ohne Barmherzigkeit, koch dich und essen dich, denn es sind Menschenfresser. Wenn ich nicht Mitleiden mit dir habe und dich rette, so bist du verloren.“

"At least she reached the cellar, and there she found an old, old woman with a shaking head."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„At least she reached the cellar, and there she found an old, old woman with a shaking head.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

…und die Alte tröpfelte ihnen einen Schlaftrunk in den Wein, dass sie sich bald in den Keller hinlegten, schliefen und schnarchen. Als die Braut das hörte, kam sie hinter dem Fass hervor, und musste über die Schlafenden wegschreiten, die da reihenweise auf der Erde lagen, und hatte große Angst, sie möchte einen aufwecken. Aber Gott half ihr dass sie glücklich durchkam, die Alte stieg mit ihr hinauf, öffnete die Türe, und sie eilten so schnell sie konnten aus der Mördergrube fort…

Illustration von Paul Hey
Illustration von Paul Hey

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der Räuberbräutigam“)

Der Wolf und die sieben jungen Geißlein

Illustration von Karl Fahringer (1874 - 1952)
Illustration von Karl Fahringer (1874 – 1952)

Nun gieng der Bösewicht zum drittenmal zu der Haustüre, klopfte an und sprach „macht mir auf, Kinder, euer liebes Mütterchen ist heim gekommen und jedem von Euch etwas aus dem Walde mitgebracht.“ Die Geißerchen riefen „zeig uns erst deine Pfote, damit wir wissen dass du unser liebes Mütterchen bist.“ Da legte er die Pfote ins Fenster, und als sie sahen dass sie weiß war, so glaubten sie es wäre alles wahr, was er sagte, und machten die Türe auf. Wer aber hereinkam, das war der Wolf. Sie erschraken und wollten sich verstecken…

Illustration von Karl Fahringer (1874 - 1952)
Illustration von Karl Fahringer (1874 – 1952)

…Und als er an den Brunnen kam und sich über das Wasser bückte und trinken wollte, da zogen ihn die schweren Steine hinein und er musste jämmerlich ersaufen. Als die sieben Geißlein das sahen, da kamen sie herbei gelaufen, riefen laut „der Wolf ist tot! der Wolf ist tot!“ und tanzten mit ihrer Mutter vor Freude um den Brunnen herum.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der Wolf und die sieben jungen Geißlein“)

Daumesdick

Als die beiden fremden Männer den Daumesdick erblickten, wussten sie nicht was sie vor Verwunderung sagen sollten. Da nahm der eine den anderen beiseit und sprach „hör, der kleine Kerl könnte unser Glück machen, wenn wir ihn in einer großen Stadt vor Geld sehen ließen: wir wollen ihn kaufen.“ Sie giengen zu dem Bauer und sprachen: „verkauft uns den kleinen Mann, er soll’s gut bei uns haben.“ „Nein“, antwortete der Vater, „es ist mein Herzblatt, und ist mir für alles Gold in der Welt nicht feil.“ Daumesdick aber, als er von dem Handel gehört, war an den Rockfalten seines Vaters hinaufgekrochen, stellte sich ihm auf die Schulter, und wisperte ihm ins Ohr „Vater, gib mich nur hin, ich will schon wieder zurück kommen.“ Da gab ihn der Vater für ein schönes Stück Geld den beiden Männern hin. „Wo willst du sitzen?“ sprachen sie zu ihm. „Ach, setzt mich nur auf den Rand von eurem Hut, da kann ich auf und ab spazieren und die Gegend betrachten und falle doch nicht herunter.“ Sie taten ihm den Willen, und als Daumesdick Abschied von seinem Vater genommen hatte, machten sie sich mit ihm fort…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Daumesdick“)

"When Tom had said good-bye to his Father they went away with him."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„When Tom had said good-bye to his Father they went away with him.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Tischchen deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack

 

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen,

(„Tischchen deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack)

Bildpostkartenserie von Georg Mühlenberg:Muehlberg_1_Tischlein__500x772_

Ein Schneider hatte drei Söhne und eine Ziege. Diese Ziege war aber eine Betrügerin. Der Vater schickte seine drei Buben ihretwegen aus dem Hause, weil sie angeblich das Tier hungrig in den Stall gesperrt hatten. Zuletzt kam aber der Schneider hinter die Lügen der Ziege. Er schor sie zur Strafe am Kopfe ganz glatt und jagte sie mit der Peitsche davon.

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Den drei Buben war es aber nicht schlecht gegangen. Der Älteste war Schreiner geworden. Beim Abschied aus der Lehre erhielt er ein Tischlein. Wenn man zu diesem sprach: „Tischlein deck dich!“ so standen auf einmal Schüsseln mit Gesottenem und Gebratenem darauf, auch der Wein fehlte nicht. In einer Herberge aber merkte der böse Wirt die Wunderkraft des Tischchens und vertauschte es nachts mit einem gewöhnlichen Tischlein.

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Der zweite Schneidersbub war Müller geworden. Er hatte zum Abschied einen Esel erhalten. Wenn man zu diesem sagte: Bricklebrit, so spie das Tier Goldstücke. Der junge Müllerknecht freute sich darüber. Auch er machte Halt in der Herberge, wo der Bruder so betrogen worden war. Als ihm das Geld ausging, eilte er zu seinem Esel und Sprach: „Bricklebrit“. Nun hatte er Gold genug. Der Wirt aber hatte an der Türe der Sache zugesehen. Nachts stellte er einen andern Esel in den Stall. Erst zu Hause bemerkte der Müller den Betrug.

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Der dritte Schneidersbub war Drechsler geworden. Sein Meister schenkte ihm zum Abschied einen Sack mit einem Knüppel. Wenn er sagte: Knüppel aus dem Sack! so tanzte der Prügel den Lauten auf dem Rücken herum, dass ihnen wind [!] und weh wurde. In der Herberge aber war der Wirt neugierig und suchte den Knüppelsack zu vertauschen. Da fuhr der Knüppel heraus und verbläute ihn jämmerlich. Gerne gab der Wirt das Tischlein-deck-dich und den Goldesel heraus, wenn der Knüppel nur aufhörte zu schlagen.

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Als der dritte Sohn mit dem Wundertischlein und dem Goldesel nach Hause kam, veranstaltete der Vater Schneider ein großes Fest und lud alle Verwandten dazu. Mit dem Tischlein-deck-dich wurden diese aufs feinste bewirtet, so dass sie fröhlich und guter Dinge wurden. Dann musste der Esel noch jedem Verwandten Gold speien, soviel sie wollten. Manche füllten sogar ihre Hüte. Als sie gar nicht nach Hause gehen wollten, ließ der Schneider den Knüppel aus dem Sack. Da zogen sie schleunigst ab und hatten überdies ein Andenken von blauen Striemen, das sie nicht gleich vergaßen.

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Die böse Ziege aber, die schuld daran war, dass der Vater seine Buben aus dem Hause gejagt hatte, war in ein Fuchsloch gesprungen. Als Meister Reinecke heimkam, leuchteten ihm ein paar große Augen entgegen. Leise schlich er davon. Auch der Bär, der des Weges kam, fürchtete sich. Da flog ein Bienlein in die Höhle und stach die Ziege in den kahlgeschorenen Kopf. Vor Schmerz sprang sie auf und davon. Niemand hat sie seither wieder gesehen.

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Vorlage:
Brüder Grimm. Tischlein deck dich. Illustriert von Gg. Mühlberg. Meisterwerke der Literatur, Serie 267, Nr. 4528-4533. Uvachrom. Akt.-Ges. für Farbenphotographie. – Der Text auf der Adressseite wird im Anschluss an die  jeweilige Bildseite wiedergegeben.

Quelle: Goethezeitportal

Der Schneider im Himmel

Es trug sich zu, dass der liebe Gott an einem schönen Tag in dem himmlischen Garten sich ergehen wollte und alle Apostel und Heiligen mit nahm, also dass niemand mehr im Himmel blieb als der heilige Petrus. Der Herr hatte ihm befohlen während seiner Abwesenheit niemand einzulassen, Petrus stand also an der Pforte und hielt Wache. Nicht lange so klopfte jemand an. Petrus fragte wer da wäre und was er wollte. „Ich bin ein armer ehrlicher Schneider“, antwortete eine feine Stimme, „der um Einlass bittet.“ „Ja, ehrlich“, sagte Petrus, „wie der Dieb am Galgen, du hast lange Finger gemacht und den Leuten das Tuch abgezwickt. Du kommst nicht in den Himmel, der Herr hat mir verboten, so lange er draußen wäre, irgend jemand einzulassen.“ „Seid doch barmherzig“, rief der Schneider, „kleine Flicklappen, die von selbst vom Tisch herab fallen, sind nicht gestohlen und nicht der Rede wert. Seht ich hinke und habe von dem Weg daher Blasen an den Füßen , ich kann unmöglich wieder umkehren. Lasst mich nur hinein, ich will alle schlechte Arbeit tun. Ich will die Kinder tragen, die Windeln waschen, die Bänke, darauf sie gespielt haben, säubern und abwischen, und ihre zerrissenen Kleider flicken.“ Der heilige Petrus ließ sich aus Mitleid bewegen und öffnete dem lahmen Schneider die Himmelspforte so weit, dass er mit seinem dürren Leib hineinschlüpfen konnte…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der Schneider im Himmel“)

Brüder Grimm / Kinder-Märchen Märchenbuch Illustrationen: Paul Hey K. Thienemanns Verlag (Stuttgart / Deutschland; ~1935)

Die kluge Else

Es war ein Mann , der hatte eine Tochter, die hieß die kluge Else. Als sie nun erwachsen war, sprach der Vater „wir wollen sie heiraten lassen. „Ja“, sagte die Mutter, „wenn nur einer käme, der sie haben wollte.“ Endlich kam von weither einer, der hieß Hans, und hielt um sie an, er machte aber die Bedingung, dass die kluge Else auch recht gescheit wäre. „Oh“, sprach der Vater, „die hat Zwirn im Kopf“, und die Mutter sagte „ach, die sieht den Wind auf der Gasse laufen und hört die Fliegen husten.“ „Ja“, sprach der Hans, „wenn sie nicht recht gescheit ist, so nehm ich sie nicht.“ Als sie nun zu Tisch saßen und gegessen hatten, sprach die Mutter „Else, geh in den Keller und hol Bier.“ Da nahm die kluge Else den Krug von der Wand, gieng in den Keller und klappte unterwegs brav mit dem Deckel, damit ihr die Zeit ja nicht lang würde. Als sie unten war, holte sie ein Stühlchen, und stellte es vors Fass, damit sie sich nicht zu bücken brauchte und ihrem Rücken etwa nicht wehe täte und unverhofften Schaden nähme. Dann stellte sie die Kanne vor sich und drehte den Hahn auf, und während der Zeit dass das Bier hinein lief, wollte sie doch ihre Augen nicht müßig lassen, sah oben an die Wand hinauf und erblickte nach vielem Hin- und Herschauen eine Kreuzhacke gerade über sich, welche die Maurer da aus Versehen hatten stecken lassen. Da fieng die kluge Else an zu weinen und sprach „wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und wir schicken das Kind in den Keller, dass es hier soll Bier zapfen, so fällt ihm die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägt’s tot.“ Da saß sie und weinte und schrie aus Leibeskräften über das bevorstehende Unglück. Die oben warteten auf den Trank, aber die kluge Else kam immer nicht…

Illustration von Paul Hey
Illustration von Paul Hey

…Als sie den Hans eine Weile hatte, sprach er „Frau, ich will ausgehen arbeiten und uns Geld verdienen, geh du ins Feld und schneid das Korn, dass wir Brot haben.“ „Ja, mein lieber Hans, das will ich tun.“ Nachdem der Hans fort war, kochte sie sich einen guten Brei und nahm ihn mit ins Feld. Als sie vor den Acker kam, sprach sie zu sich selbst „was tu ich? schneid ich eh’r, oder ess ich eh’r? hei, ich will erst essen.“ Nun aß sie ihren Topf mit Brei aus, und als sie dick satt war, sprach sie wieder „was tu ich? schneid ich eh’r, oder schlaf ich eh’r? hei, ich will erst schlafen.“ Da legte sie sich ins Korn und schlief ein. Der Hans war längst zu Haus, aber die Else wollte nicht kommen, da sprach er „was hab ich für eine kluge Else, die ist so fleißig, dass sie nicht einmal nach Haus kommt und isst.“ Als sie aber noch immer ausblieb und es Abend ward, gieng der Hans hinaus, und wollte sehen was sie geschnitten hätte: aber es war nichts geschnitten, sondern sie lag im Korn und schlief…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die kluge Else“)

Illustration von Paul Hey
Illustration von Paul Hey

„Die kluge Else“ tiefenpsychologisch gedeutet:

Eugen Drewermann sieht das Ich von Elses Vater durch Leistungsideale zerbrochen. Er identifiziert sich narzißtisch mit der Tochter, die klug sein, v.a. aber, wie er, versagen muss, um ihn nicht abzuwerten. So ein Kind entwickelt ein feines Gespür dafür, zu denken was die anderen denken, jeden „Wind auf der Gasse“ und jeden drohenden Schatten einer Fliege an der Wand zu ahnen. Die latente Vernichtungsdrohung internalisierter Aggression, die vatergöttliche Doppelaxt steckt tief im Familienfundament. Das Denken verkommt zum Handlungsersatz, zur Rationalisierung eigener Verzweiflung. Wer sich stets wider Willen zu Leistung nötigt, wird oft von der Arbeit durch Hunger und Schlafbedürfnis abgelenkt, eine Art oral-mütterlicher Gegenpol zu den väterlichen Ansprüchen. Die psychotische Identitätskrise zerbricht die Bindungen und wandelt anfangs noch gut gemeinte Ratschläge in Zynismus.

Quelle: wikipedia

Der gute Handel

Brüder Grimm / Kinder-Märchen Märchenbuch Illustrationen: Paul Hey
K. Thienemanns Verlag (Stuttgart / Deutschland; ~1935)

Ein Bauer, der hatte eine Kuh auf den Markt getrieben und für sieben Taler verkauft. Auf dem Heimweg musste er an einem Teich vorbei, da hörte er schon von weitem, wie die Frösche riefen „ak, ak, ak, ak“. „Ja“, sprach er für sich, „die schreien auch ins Haberfeld hinein: sieben sind’s, die ich gelöst habe, keine acht.“ Als er zu dem Wasser heran kam, rief er ihnen zu „dummes Vieh, das ihr seid! wisst ihr’s nicht besser? sieben Taler sind’s und keine acht.“ Die Frösche blieben aber bei ihrem „ak, ak, ak, ak“. „Nun, wenn ihr’s nicht glauben wollt, ich kann’s euch vorzählen“, holte das Geld aus der Tasche und zählte die sieben Taler ab, immer vierundzwanzig Groschen auf einen. Die Frösche kehrten sich aber nicht an seine Rechnung und riefen abermals „ak, ak, ak, ak“. „Ei“, rief der Bauer ganz bös, „wollt ihr’s besser wissen als ich, so zählt selber“, und warf ihnen das Geld miteinander ins Wasser hinein. Er blieb stehen und wollte warten bis sie fertig wären und ihm das Seinige wieder brächten, aber die Frösche beharrten auf ihrem Sinn, schrien immerfort „ak, ak, ak, ak“, und warfen auch das Geld nicht wieder heraus. Er wartete noch eine gute Weile, bis der Abend anbrach, und er nach Hause musste, da schimpfte er die Frösche aus, und rief „ihr Wasserpatscher, ihr Dickköpfe, ihr Klotzaugen, ein groß Maul habt ihr und könnt schreien dass einem die Ohren weh tun, aber sieben Taler könnt ihr nicht zählen: meint ihr, ich wollte da stehen bis ihr fertig wärt?“ Damit gieng er fort, aber die Frösche riefen noch „ak ak, ak, ak“ hinter ihm her dass er ganz verdrießlich heim kam…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der gute Handel“)

Der gescheite Hans

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Illustration von Arthur Rackham

„Wohin, Hans?“ „Zur Grethel, Mutter.“ „Machs gut, Hans.“ „Schon gut machen. Adies, Mutter.“ „Adies, Hans.“

Hans kommt zur Grethel. „Guten Tag, Grethel.“ „Guten Tag, Hans. Was bringst du Gutes?“ „Bring nichts, gegeben han.“ Grethel schenkt dem Hans ein Stück Speck. „Adies, Grethel.“ „Adies, Hans.“

Hans nimmt den Speck, bindet ihn an ein Seil und schleifts hinter sich her. Die Hunde kommen und fressen den Speck ab. Wie er nach Haus kommt, hat er das Seil an der Hand, und ist nichts mehr daran. „Guten Abend, Mutter.“ „Guten Abend, Hans. Wo bist du gewesen?“ „Bei der Grethel gewesen.“ „Was hast du ihr gebracht?“ „Nichts gebracht, gegeben hat.“ „Was hat dir Grethel gegeben?“ „Stück Speck gegeben.“ „Wo hast du den Speck, Hans?“ „Ans Seil gebunden, heim geführt, Hunde weggeholt.“ „Das hast du dumm gemacht, Hans, mußtest den Speck auf dem Kopf tragen.“ „Thut nichts, besser machen.“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der gescheite Hans“)

Das Mädchen ohne Hände

Die Müllerstochter war ein schönes und frommes Mädchen, und lebte die drei Jahre in Gottesfurcht und ohne Sünde. Als nun die Zeit herum war, und der Tag kam, wo sie der Böse holen wollte, da wusch sie sich rein und machte mit Kreide einen Kranz um sich. Der Teufel erschien ganz frühe, aber konnte ihr nicht nahe kommen…

Illustration von Ericka Lugo
Illustration von Ericka Lugo

…und sprach wütend zu dem Müller „hau ihr die Hände ab, sonst kann ich ihr nichts anhaben.“

Der Müller sprach zu ihr „ich habe so großes Gut durch dich gewonnen, ich will dich zeitlebens aufs köstlichste halten.“ Sie antwortete aber „hier kann ich nicht bleiben: ich will fortgehen: mitleidige Menschen werden mir schon so viel geben als ich brauche.“ Darauf ließ sie sich die verstümmelten Arme auf den Rücken binden, und mit Sonnenaufgang machte sie sich auf den Weg und gieng den ganzen Tag bis es Nacht ward. Da kam sie zu einem königlichen Garten , und beim Mondschimmer sah sie dass Bäume voll schöner Früchte darin standen; aber sie konnte nicht hinein, denn es war ein Wasser darum. Und weil sie den ganzen Tag gegangen war und keinen Bissen genossen hatte, und der Hunger sie quälte, so dachte sie „ach, wäre ich darin, damit ich etwas von den Früchten äße, sonst muss ich verschmachten.“ Da kniete sie nieder, rief Gott den Herrn an und betete auf einmal kam ein Engel daher, der machte eine Schleuse in dem Wasser zu, so dass der Graben trocken ward und sie hindurch gehen konnte…

Illustration von Barbara Swan aus "Transformations" von Anne Sexton
Illustration von Barbara Swan aus „Transformations“ von Anne Sexton

…Nun gieng sie in den Garten, und der Engel gieng mit ihr. Sie sah einen Baum mit Obst, das waren schöne Birnen, aber sie waren alle gezählt. Da trat sie hinzu und aß eine mit dem Munde vom Baume ab, ihren Hunger zu stillen, aber nicht mehr.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Das Mädchen ohne Hände“)

Der Teufel mit den drei goldenen Haaren

Illustration zu dem Märchen „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ aus den Kinder- und Haus-Märchen der Brüder Grimm. Repro: epd
Illustration zu dem Märchen „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ aus den Kinder- und Haus-Märchen der Brüder Grimm. Repro: epd

Als er gegessen und getrunken hatte, war er müde, legte der Ellermutter seinen Kopf in den Schoß und sagte sie sollte ihn ein wenig lausen. Es dauerte nicht lange, so schlummerte er ein, blies und schnarchte. Da fasste die Alte ein goldenes Haar, riss es aus und legte es neben sich. „Autsch!“ schrie der Teufel, „Was hast du vor?“ „Ich habe einen schweren Traum gehabt“, antwortete die Ellermutter, „da hab ich dir in die Haare gefasst.“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“)

Die Bremer Stadtmusikanten

"A short time after they came upon a Cat, sitting in the road, with a face as long as a wet week." Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„A short time after they came upon a Cat, sitting in the road, with a face as long as a wet week.“
Illustration von Arthur Rackham
aus „Grimm’s Fairy Tales“

Es dauerte nicht lange, so saß da eine Katze an dem Weg und machte ein Gesicht wie drei Tage Regenwetter. „Nun, was ist dir in die Quere gekommen, alter Bartputzer?“ sprach der Esel. „Wer kann da lustig sein, wenn’s einem an den Kragen geht“, antwortete die Katze, „weil ich nun zu Jahren komme, meine Zähne stumpf werden, und ich lieber hinter dem Ofen sitze und spinne, als nach Mäusen herum jage, hat mich meine Frau ersäufen wollen; ich habe mich zwar noch fortgemacht, aber nun ist guter Rat teuer: wo soll ich hin?“ „Geh mit uns nach Bremen, du verstehst dich doch auf die Nachtmusik, da kannst du ein Stadtmusikant werden.“ Die Katze hielt das für gut und gieng mit…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die Bremer Stadtmusikanten“)

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König Drosselbart

"The beggar took her by the hand and led her away."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„The beggar took her by the hand and led her away.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Der Bettelmann führte sie an der Hand hinaus, und sie musste mit ihm zu Fuß fort gehen. Als sie in einen großen Wald kamen, da fragte sie

„ach, wem gehört der schöne Wald?“

„Der gehört dem König Drosselbart;

hättst du ’n genommen, so wär er dein.“

„Ich arme Jungfer zart,

ach, hätt ich genommen den König Drosselbart!“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („König Drosselbart“)

Rotkäppchen

Prof. Dr. Seeger. Rotkäppchen. Verso: "Deutsche Meister-Sammlung". Wohlgemuth & Lissner, Kunstverlagsgesellschaft m.b.H., Berlin. Ges. gesch. No. 3032. Nach einem Original von Prof. Dr. Seeger. Primus-Postkarte.Hermann Seeger, geb. 1857 in Halberstadt, Todesdatum unbekannt, "Genremaler und Graphiker, lebte in Berlin, wo er Kustos der Akademie war" (Ries).
Prof. Dr. Seeger. Rotkäppchen. Verso: „Deutsche Meister-Sammlung“. Wohlgemuth & Lissner, Kunstverlagsgesellschaft m.b.H., Berlin. Ges. gesch. No. 3032. Nach einem Original von Prof. Dr. Seeger. Primus-Postkarte.
Hermann Seeger, geb. 1857 in Halberstadt, Todesdatum unbekannt, „Genremaler und Graphiker, lebte in Berlin, wo er Kustos der Akademie war“ (Ries).

„Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die rings umher stehen, warum guckst du dich nicht um? ich glaube du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen? du gehst ja für dich hin als wenn du zur Schule giengst, und ist so lustig hausen in dem Wald.“

Rotkäppchen schlug die Augen auf, und als es sah, wie die Sonnenstrahlen durch die Bäume hin und her tanzten und alles voll schöner Blumen stand, dachte es: „Wenn ich der Großmutter einen frischen Strauß mitbringe, der wird ihr auch Freude machen; es ist so früh am Tag, dass ich doch zu rechter Zeit ankomme“, lief vom Wege ab in den Wald hinein und suchte Blumen. Und wenn es eine gebrochen hatte, meinte es, weiter hinaus stände eine schönere, und lief darnach, und geriet immer tiefer in den Wald hinein…

"O Grandmother, what big ears you have got", she said.Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„O Grandmother, what big ears you have got“, she said.
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

…Rotkäppchen aber war nach den Blumen herumgelaufen, und als es so viel zusammen hatte, dass es keine mehr tragen konnte, fiel ihm die Großmutter wieder ein, und es machte sich auf den Weg zu ihr. Es wunderte sich, dass die Türe auf stand, und wie es in die Stube trat, so kam es ihm so seltsam darin vor, dass es dachte: „Ei, du mein Gott, wie ängstlich wird mir ’s heute zumut, und bin sonst so gerne bei der Großmutter!“ Es rief „Guten Morgen“, bekam aber keine Antwort. Darauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück: da lag die Großmutter und hatte die Haube rief ins Gesicht gesetzt und sah so wunderlich aus. „Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!“ „Dass ich dich besser hören kann.“  „Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!“ „Dass Ich dich besser sehen kann.“ „Ei, Großmutter, was hast du für große Hände!“ „Dass Ich dich besser packen kann.“ „Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul!“ „Dass ich dich besser fressen kann.“ Kaum hatte der Wolf das gesagt, so tat er einen Satz aus dem Bette und verschlang das arme Rotkäppchen.

Illustration von Jennie Harbour
Illustration von Jennie Harbour

Es wird auch erzählt, dass einmal, als Rotkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf ihm zugesprochen und es vom Wege habe ableiten wollen. Rotkäppchen aber hütete sich und gieng gerade fort seines Weges und sagte der Großmutter dass es dem Wolf begegnet wäre, der ihm guten Tag gewünscht, aber so bös aus den Augen geguckt hätte: „wenn’s nicht auf offener Straße gewesen wäre, er hätte mich gefressen.“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Rotkäppchen“)

 

Schneewittchen

"The Dwarfs, when they came in the evening, found Snowdrop lying on the ground."Illustration von Arthur Rackham
„The Dwarfs, when they came in the evening, found Snowdrop lying on the ground.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Die Zwerglein, wie sie Abends nach Haus kamen, fanden Sneewittchen auf der Erde liegen, und es gieng kein Atem mehr aus seinem Mund, und es war tot. Sie hoben es auf, suchten ob sie was giftiges fänden, schnürten es auf, kämmten ihm die Haare, wuschen es mit Wasser und Wein, aber es half alles nichts; das liebe Kind war tot und blieb tot…

Illustration von Sulamith Wülfing (* 11. Januar 1901 Elberfeld, heute zu Wuppertal; † 20. März 1989 in Wuppertal)
Illustration von Sulamith Wülfing (* 11. Januar 1901 Elberfeld, heute zu Wuppertal; † 20. März 1989 in Wuppertal)

…Sie legten es auf eine Bahre und setzten sich alle siebene daran und beweinten es, und weinten drei Tage lang. Da wollten sie es begraben, aber es sah noch so frisch aus wie ein lebender Mensch, und hatte noch seine schönen roten Backen. Sie sprachen „das können wir nicht in die schwarze Erde versenken“, und ließen einen durchsichtigen Sarg von Glas machen, dass man es von allen Seiten sehen konnte, legten es hinein, und schrieben mit goldenen Buchstaben seinen Namen darauf, und dass es eine Königstochter wäre. Dann setzten sie den Sarg hinaus auf den Berg, und einer von ihnen blieb immer dabei, und bewachte ihn. Und die Tiere kamen auch und beweinten Sneewittchen, erst eine Eule, dann ein Rabe, zuletzt ein Täubchen.

Nun lag Sneewittchen lange lange Zeit in dem Sarg und verweste nicht, sondern sah aus als wenn es schliefe, denn es war noch so weiß wie Schnee, so rot als Blut, und so schwarzhaarig wie Ebenholz…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Sneewittchen“)

Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst

Illustration von Walter Crane (1882)
Illustration von Walter Crane (1882)

Es waren einmal ein Mäuschen, ein Vögelchen und eine Bratwurst in Gesellschaft geraten, hatten einen Haushalt geführt, lange wohl und köstlich in Frieden gelebt, und trefflich an Gütern zugenommen. Des Vögelchens Arbeit war, dass es täglich im Wald fliegen und Holz beibringen müsste. Die Maus sollte Wasser tragen, Feuer anmachen und den Tisch decken, die Bratwurst aber sollte kochen.

Wem zu wohl ist, den gelüstet immer nach neuen Dingen…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Von dem Mäuschen, Vögelchen und der Bratwurst“)

Aschenputtel

Illustration von Arthur Rackham
Illustration von Arthur Rackham

Sie nahmen ihm seine schönen Kleider weg, zogen ihm einen grauen alten Kittel an, und gaben ihm hölzerne Schuhe. „Seht einmal die stolze Prinzessin, wie sie geputzt ist!“ riefen sie, lachten und führten es in die Küche. Da musste es von Morgen bis Abend schwere Arbeit tun, früh vor Tag aufstehn, Wasser tragen, Feuer anmachen, kochen und waschen. Obendrein taten ihm die Schwestern alles ersinnliche Herzeleid an, verspotteten es und schütteten ihm die Erbsen und Linsen in die Asche, so dass es sitzen und sie wieder auslesen musste. Abends, wenn es sich müde gearbeitet hatte, kam es in kein Bett, sonder musste sich neben den Herd in die Asche legen. Und weil es darum immer staubig und schmutzig aussah, nannten sie es Aschenputtel.

Märchenpostkarte ohne Titel. Nummer: 22. Im Bild signiert: K. Verso: 25/6, K 1676. Keine Verlagsangabe.
Märchenpostkarte ohne Titel. Nummer: 22. Im Bild signiert: K. Verso: 25/6, K 1676. Keine Verlagsangabe.

Aschenputtel dankte ihm, gieng zu seiner Mutter Grab und pflanzte den Reis darauf, und weinte so sehr, dass die Tränen darauf niederfielen und es begossen. Es wuchs aber, und ward ein schöner Baum. Aschenputtel gieng alle Tage dreimal darunter, weinte und betete, und allemal kam ein weißes Vöglein auf den Baum, und wenn es einen Wunsch aussprach, so warf ihm das Vöglein herab was es sich gewünscht hatte.

Detail of illustration for Cinderella by Eleanor Abbott for Grimm's Fairy Tales. New York: Charles Scribner's Sons, 1920.
Detail of illustration for Cinderella by Eleanor Abbott for Grimm’s Fairy Tales. New York: Charles Scribner’s Sons, 1920.

Am dritten Tag, als die Eltern und Schwestern fort waren, gieng Aschenputtel wieder zu seiner Mutter Grab und sprach zu dem Bäumchen

„Bäumchen, rüttel dich und schüttel dich

wirf Gold und Silber über mich.“

Nun warf ihm der Vogel ein Kleid herab, das war so prächtig und glänzend wie es noch keins gehabt hatte, und die Pantoffeln waren ganz golden.

"Ashenputtel goes to the ball."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„Ashenputtel goes to the ball.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Als es in dem Kleid zu der Hochzeit kam, wussten sie alle nicht was sie vor Verwunderung sagen sollten. Der Königssohn tanzte ganz allein mit ihm, und wenn es einer aufforderte, sprach er „das ist meine Tänzerin.“

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Aschenputtel“)

Das tapfere Schneiderlein

"Pulling the piece of soft cheese out of his pocket, he squeezed it till the moisture ran out."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„Pulling the piece of soft cheese out of his pocket, he squeezed it till the moisture ran out.“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Der Riese las „siebene auf einen Streich“, meinte das wären Menschen gewesen, die der Schneider erschlagen hätte, und kriegte ein wenig Respekt vor dem kleinen Kerl. Doch wollte er ihn erst prüfen, nahm einen Stein in die Hand, und drückte ihn zusammen dass das Wasser heraus tropfte. „Das mach mir nach“, sprach der Riese, „wenn du Stärke hast.“ „Ist’s weiter nichts?“ sagte das Schneiderlein, „das ist bei unser einem Spielwerk“, griff in die Tasche, holte den weichen Käs und drückte ihn dass der Saft heraus lief. „Gelt“, sprach er, „das war ein wenig besser?“

"The brave little tailor" von Kay Rasmus Nielsen ( 1886 – 1957)
„The brave little tailor“ von Kay Rasmus Nielsen ( 1886 – 1957)

Das Schneiderlein verlangte von dem König die versprochene Belohnung, den aber reute sein Versprechen und er sann aufs neue wie er sich den Helden vom Halse schaffen könnte. „Ehe du meine Tochter und das halbe Reich erhältst“, sprach er zu ihm, „musst du noch eine Heldentat vollbringen. In dem Walde läuft ein Einhorn, das großen Schaden anrichtet, das musst du erst einfangen.“ „Vor einem Einhorne fürchte ich mich noch weniger als vor zwei Riesen; siebene auf einen Streich, das ist meine Sache.“ Er nahm sich einen Strick und eine Axt mit, gieng hinaus in den Wald, und hieß abermals die, welche ihm zugeordnet waren, außen warten…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Das tapfere Schneiderlein“)

Strohhalm, Kohle und Bohne

"Once there was a poor old woman who lived in village…"Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„Once there was a poor old woman who lived in a village…“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

In einem Dorfe wohnte eine arme alte Frau, die hatte ein Gericht Bohnen zusammen gebracht und wollte sie kochen. Sie machte also auf ihrem Herd ein Feuer zurecht, und damit es desto schneller brennen sollte, zündete sie es mit einer Hand voll Stroh an. Als sie die Bohnen in den Topf schüttete, entfiel ihr unbemerkt eine, die auf dem Boden neben einen Strohhalm zu liegen kam; bald danach sprang auch eine glühende Kohle vom Herd zu den beiden herab. Da fieng der Strohhalm an und sprach…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Strohhalm, Kohle und Bohne“)

Fundevogel

Illustration zu dem Märchen "Fundevogel". Feder in Braun, aquarelliert, über Spuren von schwarzem Stift. 43,8 x 23,1 cm, spätestens 1859
Ferdinand Fellner, Illustration zu dem Märchen „Fundevogel“, spätestens 1859. Feder in Braun, aquarelliert, über Spuren von schwarzem Stift. 43,8 x 23,1 cm.

Es war einmal ein Förster, der gieng in den Wald auf die Jagd, und wie er in den Wald kam, hörte er schreien, als ob’s ein kleines Kind wäre. Er gieng dem Schreien nach und kam endlich zu einem hohen Baum,  und oben darauf saß ein kleines Kind. Es war aber die Mutter mit dem Kinde unter dem Baum eingeschlafen, und ein Raubvogel hatte das Kind in ihrem Schoße gesehen: da war er hinzu geflogen, hatte es mit seinem Schnabel weggenommen und auf den hohen Baum gesetzt…

Illustration vermutlich Ruth Koser-Michaels
Illustration von Ruth Koser-Michaels

…Nun machte sich die alte Köchin selbst auf die Beine und gieng mit den drei Knechten den Kindern nach. Die Kinder sahen aber die drei Knechte von weitem kommen, und die Köchin wackelte hinten nach. Da sprach Lenchen: „Fundevogel, verlässt du mich nicht, so verlass ich dich auch nicht.“ Da sprach der Fundevogel „nun und nimmermehr.“ Sprach Lenchen „werde zum Teich und ich die Ente drauf.“ Die Köchin aber kam herzu, und als sie den Teich sahe, legte sie sich drüber hin und wollte ihn aussaufen. Aber die Ente kam schnell geschwommen, fasste sie mit ihrem Schnabel beim Kopf und zog sie ins Wasser hinein: da musste die alte Hexe ertrinken. Da giengen die Kinder zusammen nach Haus und waren herzlich froh; und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie noch.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Fundevogel“)

Dornröschen

Silhouette work on Sleeping Beauty by Arthur Rackham
Silhouette work on Sleeping Beauty by Arthur Rackham

Rings um das Schloss aber begann eine Dornenhecke zu wachsen, die jedes Jahr höher ward, und endlich das ganze Schloss umzog, und darüber hinaus wuchs, dass gar nichts mehr davon zu sehen war, selbst nicht die Fahne auf dem Dach. Es gieng aber die Sage in dem Land von dem schönen schlafenden Dornröschen, denn so ward die Königstochter genannt, also dass von Zeit zu Zeit Königssöhne kamen und durch die Hecke in das Schloss dringen wollten. Es war ihnen aber nicht möglich, denn die Dornen, als hätten sie Hände, hielten fest zusammen, und die Jünglinge blieben darin hängen, konnten sich nicht wieder los machen und starben eines jämmerlichen Todes……

Dornröschen, Aquarell von Henry Meynell Rheam (1899)
Dornröschen, Aquarell von Henry Meynell Rheam (1899)

Da gieng er noch weiter, und alles war so still, dass einer seinen Atem hören konnte, und endlich kam er zu dem Turm und öffnete die Türe zu der kleinen Stube, in welcher Dornröschen schlief. Da lag es und war so schön, dass er die Augen nicht abwenden konnte, und er bückte sich und gab ihm einen Kuss…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Dornröschen“)

Die weiße Schlange

Alsbald ward er hinaus ans Meer geführt und vor seinen Augen ein goldener Ring hinein geworfen. Dann hieß ihn der König diesen Ring aus dem Meeresgrund wieder hervorzuholen, und fügte hinzu „wenn du ohne ihn wieder in die Höhe kommst, so wirst du immer aufs neue hinab gestürzt, bis du in den Wellen umkommst.“ Alle bedauerten den schönen Jüngling und ließen ihn dann einsam am Meere zurück. Er stand am Ufer und überlegte was er wohl tun sollte, da sah er auf einmal drei Fische daher schwimmen, und es waren keine anderen, als jene, welchen er das Leben gerettet hatte. Der mittelste hielt eine Muschel im Munde, die er an den Strand zu den Füßen des Jünglings hinlegte, und als dieser sie aufhob und öffnete, so lag der Goldring darin.

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die weiße Schlange“)

Arthur Rackham ‘The White Snake’From Snowdrop & other tales / by the Brothers Grimm ; illus. by Arthur Rackham. (New York Dutton 1920)
Arthur Rackham ‘The White Snake’
From Snowdrop & other tales / by the Brothers Grimm ; illus. by Arthur Rackham. (New York Dutton 1920)
Rie Cramer ~ Grimm's Fairy Tales ~ 1927The White Snake
Rie Cramer ~ Grimm’s Fairy Tales ~ 1927
The White Snake

Jorinde und Joringel

"By day she made herself into a cat."Illustration von Arthur Rackham aus "Grimm's Fairy Tales"
„By day she made herself into a cat…“
Illustration von Arthur Rackham aus „Grimm’s Fairy Tales“

Es war einmal ein altes Schloss mitten in einem großen dicken Wald, darinnen wohnte eine alte Frau ganz alleine, das war eine Erzzauberin. Am Tage machte sie sich zur Katze oder zur Nachteule, des abends aber wurde sie wieder ordentlich wie ein Mensch gestaltet. Sie konnte das Wild und die Vögel herbei locken, und dann schlachtete sie, kochte und briet es. Wenn Jemand auf hundert Schritte dem Schloss nahe kam, so musste er stille stehen und konnte sich nicht von der Stelle bewegen, bis sie ihn los sprach: wenn aber eine keusche Jungfrau in diesen Kreis kam, so verwandelte sie dieselbe in einen Vogel, und sperrte sie dann einen Korb ein und trug den Korb in eine Kammer des Schlosses. Sie hatte wohl sieben tausend solcher Körbe mit so raren Vögeln im Schlosse…

Illustration von Jenny Dolfen
Illustration von Jenny Dolfen

Joringel sah nach Jorinde. Jorinde war in eine Nachtigall verwandelt, die sang „zicküth, zicküth“. Eine Nachteule mit glühenden Augen flog dreimal um sie herum und schrie dreimal „schu, hu, hu, hu“. Joringel konnte sich nicht regen: er stand da wie ein Stein, konnte nicht weinen, nicht reden, nicht Hand noch Fuß regen. Nun war die Sonne unter: die Eule flog in einen Strauch, und gleich darauf kam eine alte krumme Frau aus diesem hervor, gelb und mager: große rote Augen, krumme Nase, die mit der Spitze ans Kinn reichte. Sie murmelte, fieng die Nachtigall und trug sie auf der Hand fort. Joringel konnte nichts sagen, nicht von der Stelle kommen; die Nachtigall war fort…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Jorinde und Joringel“)

Hänsel und Gretel

Als sie endlich erwachten, war es schon finstere Nacht. Gretel fieng an zu weinen und sprach „wie sollen wir nun aus dem Wald kommen!“ Hänsel aber tröstete sie, „wart nur ein Weilchen, bis der Mond aufgegangen ist, dann wollen wir den Weg schon finden.“ Und als der volle Mond aufgestiegen war, so nahm Hänsel sein Schwesterchen an der Hand und gieng den Kieselsteinen nach, die schimmerten wie neu geschlagene Batzen und zeigten ihnen den Weg…

Hänsel and Gretel; Darstellung von Alexander Zick (1845 - 1907)
Hänsel and Gretel; Darstellung von Alexander Zick (1845 – 1907)

Nun war’s schon der dritte Morgen, dass sie ihres Vaters Haus verlassen hatte. Sie fiengen wieder an zu gehen, aber sie gerieten immer tiefer in den Wald und wenn nicht bald Hilfe kam, so mussten sie verschmachten. Als es Mittag war, sahen sie ein schönes schneeweißes Vöglein auf einem Ast sitzen, das sang so schön, dass sie stehen blieben und ihm zuhörten. Und als es fertig war, schwang es seine Flügel und flog vor ihnen her, und sie giengen ihm nach, bis sie zu einem Häuschen gelangten, auf dessen Dach es sich setzte, und als sie ganz nah heran kamen, so sahen sie dass das Häuslein aus Brot gebaut war, und mit Kuchen gedeckt; aber die Fenster waren von hellem Zucker…

Illustration von Kay Nielsen
Illustration von Kay Nielsen

Da gieng auf einmal die Türe auf, und eine steinalte Frau, die sich auf eine Krücke stützte, kam heraus geschlichen. Hänsel und Gretel erschraken so gewaltig, dass sie fallen ließen was sie in den Händen hielten. Die Alte aber wackelte mit dem Kopf und sprach „ei, ihr lieben Kinder, wer hat euch hierher gebracht? kommt nur herein und bleibt bei mir, es geschieht euch kein Leid.“

Illustration von Arthur Rackham
Illustration von Arthur Rackham

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Hänsel und Gretel“)

Die drei Spinnerinnen

Als das Mädchen wieder allein war, wusste es sich nicht mehr zu raten und zu helfen, und trat in seiner Betrübnis vor das Fenster. Da sah es drei Weiber herkommen, davon hatte die erste einen breiten Platschfuß, die zweite hatte eine so große Unterlippe, dass sie über das Kinn herunterhieng, und die dritte hatte einen breiten Daumen. Die blieben vor dem Fenster stehen, schauten hinauf, und fragten das Mädchen was ihm fehlte. Es klagte ihnen seine Not, da trugen sie ihm ihre Hülfe an und sprachen „willst du uns zur Hochzeit einladen, dich unser nicht schämen und uns deine Basen heißen, auch an deinen Tisch setzen, so wollen wir dir den Flachs wegspinnen und das in kurzer Zeit.“ „Von Herzen gern“, antwortete es, „kommt nur herein und fangt gleich die Arbeit an.“ Da ließ es die drei seltsamen Weiber herein und machte in der ersten Kammer eine Lücke, so sie sich hinsetzten und ihr Spinnen anhuben. Die eine zog den Faden und trat das Rad, die andere netzte den Faden, die dritte drehte ihn und schlug mit dem Finger auf den Tisch, und so oft sie schlug, fiel eine Zahl Garn zur Erde, und das war aufs feinste gesponnen…

Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen („Die drei Spinnerinnen“)

KW492391
In came the three women dressed in the stangest fashion. Illustration by Arthur Rackham from Grimm’s Fairy Tale, The Three Spinning Women. / Private Collection / Ken Welsh / The Bridgeman Art Library

Siehe auch hier