Fotografie der Maske

Da jedes Photo kontingent ist (und gerade deshalb außerhalb des Bereichs von Sinn), kann die PHOTOGRAPHIE Bedeutung nur annehmen (auf etwas Allgemeines zielen), indem sie sich maskiert. Das Wort „Maske“ verwendet nicht von ungefähr auch (Italo) Calvino, um das zu bezeichnen, was aus einem Gesicht das Produkt einer Gesellschaft und ihrer Geschichte macht. Solches gilt für das Porträt von William Casby, aufgenommen von Avedon: das Wesen der Sklaverei ist hier bloßgelegt: die Maske, das ist der Sinn, insofern er völlig unverstellt ist (wie er es im antiken Theater war). Daher kommt es, daß die großen Porträtisten große Mythologen sind: Nadar (das französische Bürgertum), Sander (die Deutschen im pränazistischen Deutschland), Avedon (die New Yorker high-class).

Die Maske ist allerdings der schwierige Teil der PHOTOGRAPHIE. Wie es scheint, mißtraut die Gesellschaft dem unverstellten Sinn: sie will Sinn, doch will sie gleichzeitig, daß dieser Sinn von einem Rauschen umgeben sei (wie es in der Kybernetik heißt), das ihm etwas von seiner Schärfe nimmt. Daher wird das Photo, dessen Sinn (ich spreche nicht von der Wirkung) zu eindringlich ist, rasch verharmlost; man macht davon einen ästhetischen, nicht politischen Gebrauch. Die PHOTOGRAPHIE DER MASKE ist in der Tat hinreichend kritisch, um zu beunruhigen (…), doch andererseits ist sie zu diskret (oder zu „sublim“), um tatsächlich zu einer Instanz sozialer Kritik zu werden, jedenfalls wenn man militante Forderungen zum Maßstab nehmen will: welche engagierte Wissenschaft würde das Interesse an der Physiognomik anerkennen? Ist nicht die Fähigkeit, den sei’s politischen, sei’s moralischen Sinn eines Gesichts wahrzunehmen, selbst schon eine soziale Abweichung? Und auch das ist noch zuviel gesagt: Sanders Notar ist geprägt vom Gefühl für die eigene Wichtigkeit und von Steifheit (…); doch nie hätte(n) ein Notar (…) diese Zeichen lesen können. Der soziale Blick, der eine Distanz herstellt, wird hier zwangsläufig durch eine subtile Ästhetik gefiltert und dadurch nichtig: kritisch ist dieser Blick nur bei denen, die bereits zur Kritik fähig sind…

Roland Barthes, „Die helle Kammer – Bemerkungen zur Photographie“

Richard Avedon, „William Casby, als Sklave geboren, Algiers, Louisiana, 24. März 1963“

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