With strong willed girls you let them do it

Hier schließt sich ein Kreis.

Für ein 1942 in der British Vogue erschienenes Feature mit dem Titel Make the Most of Your Figure positionierte Lee Miller das Gesicht ihres Fotomodells über dessen Händen, von denen jede auf einer transparenten Blase ruht. Darin eingeschlossen posiert in jeweils unterschiedlicher Haltung ein und dieselbe weibliche Figur. Der Kopf des Modells ist jener Blase zugeneigt, in deren Inneren die Dame zu sehen ist, deren Haltung die offensichtlich vorteilhaftere ist. Ihrer Doppelgängerin wirft sie einen vielsagenden Blick zu und zeigt dem Betrachter auf diese Weise ihr schönes Profil. Die Schulterpartie ist gestrafft, die Brust wohlgeformt. Die Blase, in der sie sich präsentiert, spiegelt den Außenraum und gewinnt dadurch an Tiefe. Ja, es sieht fast so aus, als ob sich der Innenraum nach hinten öffnen würde. Die Doppelgängerin dagegen wirkt wie eingekapselt, ihre Blase vergleichsweise stumpf, im Hintergrund gähnt ein schwarzer Schlund. Ein Arrangement, das den shocking effect on clothes and figure betonen sollte, den eine gute oder schlechte Körperhaltung haben kann. Dennoch wirken beide Blasen wie Spielbälle unter den Händen von Millers Modell, dessen Blick wissend in eine geheimnisvolle Ferne zu schweifen scheint. Dieser Blick korrespondiert mit einem Bild von George Hoyningen-Huene aus dem Jahr 1932, auf dem Lee Miller einer Seherin gleich in eine Glaskugel blickt, darin eine strahlend schöne Venus sich langsam aus dem Lichtbad im Inneren zu materialisieren beginnt.

(Notiz an mich: Melvin Sokolsky hält mitnichten das Patent auf Bubbles in der Modefotografie!)

Zehn Jahre zuvor hatte Lee Miller selbst noch als Fotomodell gearbeitet. Ihre eigenen Brüste hatten einem französischen Glashersteller als formvollendete Vorlage für eine neue Kreation von Champagnerschalen gedient. Man Ray war in sie vernarrt gewesen. Sie wusste also, wovon sie erzählen wollte. Schon zu Beginn der 30er Jahre hatte sie in den Studios der Vogue eine amputierte weibliche Brust wie eine Delikatesse auf einem Teller mit Messer und Gabel angerichtet und abgelichtet. Ein Bild, das Zeit ihres Lebens zwar nie öffentlich gezeigt wurde, dessen Kontaktabzüge jedoch in ihrem Nachlass überdauerten. Es spiegelt beides wider, das surrealistische Spiel mit einem Fragment des weiblichen Körpers und die Bedeutung, die es für eine Frau haben mag, Einzelteile dieses Körpers auf dem Präsentierteller vorzufinden. Ein Bild, das den Betrachter daran erinnert, dass der menschliche Körper nicht nur ein Objekt der Begierde sondern auch der Ort von Leiden, Schmerz und Tod ist.

Lee Miller, "Untitled" [Severed Breast from Radical Mastectomy (1930)
Lee Miller, „Untitled“ (1930)
[Severed Breast from Radical Mastectomy]

Mit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs vollzog sie den ungewöhnlichsten aller vorstellbaren Wechsel vom Fach der Modefotografie zur – ebenfalls für die Vogue – Kriegs- und Nachkriegsreportage. Auch ihre Bilder aus den deutschen Konzentrationslagern oder den Ruinen der Stadt Köln suchen ihresgleichen.

Zur außergewöhnlichen Lebensgeschichte dieser faszinierenden Frau finden sich vier lesenswerte Artikel bei der Mützenfalterin: Hier, hier, hier, und hier.

 

Mimesis

Letter II
From Aline to Valcour
6 June [1778]

How can I say it? How soften the blow I must inflict? My senses are confused, reason leaves me, I exist here and now only through pain and sorrow…

Marquis de Sade, „Aline and Valcour“

(übersetzt aus dem Französischen von Jocelyne Geneviève Barque and John Galbraith Simmons)

Glass Tears

Das Heilige beim Menschen ist wie Ebbe und Flut – es legt die Seele des Menschen frei und überdeckt sie… *

Man Ray, "Glass Tears" (1932)
Man Ray, „Glass Tears“ (1932)

Vertraute Traumsymbolik in überdeutlichen, teils apokalyptischen, teils surrealen Bildern:

Nach der Mittagspause besteige ich, ganz gegen meine Gewohnheit, den Lift, der mich ins Büro bringen soll. Beim Verlassen jedoch erkenne ich, dass die Ebene, auf der ich gelandet bin, eine völlig andere ist.

Einmal finde ich mich in der Wüste wieder. Sand, so weit das Auge reicht. Weißer Wüstensand, gleißendes Licht und flirrende Hitze. Einmal in einem Land des Monsuns, wo der Regen in Massen vom Himmel stürzt und mir das Wasser in kürzester Zeit bis zum Halse steht.

Die Menschen, die mir begegnen, und die ich in wachsender Verzweiflung nach dem richtigen Weg frage, zeigen sich zwar alle hilfsbereit. Nur, jedes Mal, wenn ich einen Blick zurück werfe, finde ich mich weiter von meinem vermeintlichen Ziel entfernt. Wie eine Fata Morgana wabert die Silhouette des Hochhauses, in dem ich von einem Stockwerk ins andere fahre, am Nachthimmel, der nirgendwo endet, und die hell erleuchteten Fenster blinken wie Sterne aus einer fernen Galaxie zu mir herüber.

Ich sollte Bescheid sagen, mein Fernbleiben erklären. Ich tu’s nicht. In einem türkischen Bad erkenne ich kurz darauf undeutlich, seine Nacktheit in Dampfschwaden gehüllt, den Chef. Lächerlich.

Auf der obersten Etage schließlich eine Arztpraxis. Eine der Helferinnen, eine Asiatin, reißt plötzlich in einem stummen Schrei den Mund auf. Ihre Zunge, deren Oberfläche der Haut eines Reptils gleicht, versprüht ein Sekret mit kleinen Glassteinen darin. Wie ein Hagelschauer geht es auf meiner Haut nieder. Der Anblick erinnert mich an ein Bild von Man Ray. Die Steine tun mir weh. Von dem Schmerz wache ich auf.

Zitat Per Olov Enquist, „Das Buch von Blanche und Marie“