Lewis Wickes Hine

Wer kennt sie nicht, seine Bilder vom Bau des Empire State Building. Lewis Wickes Hine (* 26. September 1874 in Oshkosh, Wisconsin; † 4. November 1940 in Hastings-on-Hudson, New York) war 56 Jahre alt, als er 1930 den Auftrag erhielt, dessen Errichtung fotografisch zu begleiten. Die Bauzeit war ungewöhnlich kurz, und so entstanden in nur einem halben Jahr über 1.000 Aufnahmen, die bis heute populäres Allgemeingut sind und bis zum Einschlagen des letzten Niet das Anwachsen des Wolkenkratzers auf eine Höhe von 443 Meter dokumentieren:

Auch diese Arbeit entsprach wohl seinem engagierten Bildjournalismus, mit dem er einem ganzen Genre den Weg bereitete und dennoch als Künstler auch Jahrzehnte nach seinem Tod noch verkannt war.

Hine war einerseits fasziniert von Technik, hatte aber als Soziologe und Lehrer auch einen Blick für deren Flüche. Sein „Power House Mechanic“ aus dem Jahr 1920 ist ein an widersprüchlicher Ästhetik kaum zu überbietendes Foto vom modernen „Man at Work“:

Vor allem in seinem Engagement gegen die Kinderarbeit in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts wusste er die Kamera als Waffe einzusetzen, um die Missstände im wahrsten Sinne des Wortes zu zeigen.

Über 1,7 Millionen Kinder zwischen 10 und 15 Jahren arbeiteten 1907 in Fabriken, Bergwerken, auf den Feldern, putzten Schuhe oder trugen Zeitungen aus – oft 60 Stunden pro Woche. Die Industrie freute sich über rentable Arbeitskräfte, die Familien brauchten jeden Cent. Ein Teufelskreis.

„Was hier die Wirtschaft spart, zahlt später die Gesellschaft tausendfach zurück.“ notierte Hine. Seine „Dokumente der Ungerechtigkeit“ trugen letzten Endes zur Verabschiedung eines Kinderschutzgesetzes bei, das die Kinderarbeit in der Folge zumindest einschränkte, kurze Zeit später aufgrund des Eintritts der USA in den Ersten Weltkrieg jedoch schon wieder annulliert wurde.

„Girl worker in a Carolina Cotton Mill, 1908“

Hine war mit seinen Fotos vielleicht gerade noch gelungen, was Susan Sontag Jahre später, als die Bilderflut des Fotojournalismus an Stelle einer Sensibilisierung bereits eine visuelle Betäubung des Betrachters zur Folge hatte, in Frage stellte:

„Das Fotografieren ist seinem Wesen nach ein Akt der Nicht-Einmischung. Der Horror solch denkwürdiger coups des zeitgenössischen Fotojournalismus wie etwa Bilder eines vietnamesischen Priesters, der nach dem Benzinbehälter greift, oder eines bengalischen Soldaten, der mit dem Seitengewehr einen gefesselten Kollaborateur ersticht, erklärt sich daraus, daß wir wissen, wie plausibel es geworden ist, wenn ein Fotograf, der sich vor die Alternative gestellt sieht, eine Aufnahme zu machen oder sich für das Leben eines anderen einzusetzen, die Aufnahme vorzieht. Wer sich einmischt, kann nicht berichten; und wer berichtet, kann nicht eingreifen.“

Das Credo von Lewis Wickes Hine war: „Ein gutes Foto ist nicht einfach die Reproduktion eines Objekts oder einer Gruppe von Objekten – es ist eine Interpretation der Natur, eine Wiedergabe der Eindrücke, die der Fotograf erhält und die er anderen vermitteln möchte.“ Und seinen moralischen Ansprüchen ist er als „concerned photographer“ Zeit seines Lebens treu geblieben.

Quellen: wikipedia;

„Ein Bild und seine Geschichte: Verkannter Vorreiter“;

Susan Sontag, „Über Fotografie“ (S. Fischer Verlag GmbH, 1980);

Boris von Brauchitsch, „Kleine Geschichte der Fotografie“ (Philipp Reclam jun. Stuttgart, 2002)