Jacob August Riis

Diese Menschen erwachen auf papiernen Abzügen wieder ebenso eindrucksvoll zum Leben wie damals vor sechzig Jahren, als man ihr Bild auf Trockenplatten bannte… Ich wandere durch ihre Gassen, stehe in ihren Zimmern, Schuppen und Werkstätten, schaue von innen und von außen durch ihre Fenster. Und es scheint, als nähmen sie mich ebenfalls wahr.

Ansel Adams (aus dem Vorwort zu Jacob Riis: Photographer & Citizen, 1974)

zitiert aus Susan Sontag, „Über Fotografie“

Jacob August Riis (* 3. Mai 1849 in Ribe, Dänemark; † 26. Mai 1914 in Barre, Massachusetts) emigrierte als 21-jähriger 1870 in die USA. Anfangs nur Gelegenheitsarbeiter fand er schließlich 1873 eine Stelle als Journalist bei der New Yorker Zeitung South Brooklyn News, wechselte 1877 als Polizei-Reporter zur New York Tribune und arbeitete von 1888 an für die New York Evening Sun. Thema seiner Reportagen waren die East-Side-Slums (Manhattan), die er zwischen zwei und vier Uhr morgens auf der Suche nach authentischen Eindrücken durchstreifte.

Den Umgang mit Fotoapparat und Blitzlicht eignete sich Riis nach der Erfindung des Blitzlichtpulvers 1887 in Deutschland an, das das Fotografieren bei Dunkelheit erst ermöglichte. Durch das mit einem Magnesiumpulver-Gemisch ausgelöste Blitzlicht weckte er allerdings nicht nur die zumeist schlafend Portraitierten, sondern riskierte auch sein Augenlicht. Doch vermitteln die Fotografien gerade aufgrund des harschen Lichts und der zufälligen Kompositionen eindrücklich den chaotischen Charakter eines Lebens in Armut.

Riis gilt als einer der ersten Vertreter eines verdeckten investigativen Journalismus. Sein Ruhm gründet auf seinen Buchveröffentlichungen How the Other Half Lives (Wie die andere Hälfte lebt, 1890) und Children of the Poor (1892), die Anstöße zu Verbesserungen der Wohnbedingungen in den New Yorker Mietskasernen und für schulische Reformen waren.

Auch wenn seine Fotografien heute als eindrucksvolle Beispiele für eine humanistisch intendierte Fotografie gelten, soll die posthume Bewertung nicht darüber hinwegtäuschen, dass Riis selbst die Aufnahmen ganz ungeniert zur Illustration seiner öffentlichen Lesungen verwendete, die ihrerseits einen eher unterhaltenden Charakter für die Besucher hatten. Zeit seines Lebens war er ein Anhänger sozialdarwinistischer Theorie, deren unterschiedliche Spielarten laut Franz Wuketits in drei Kernaussagen übereinstimmen:

  • Darwins Theorie der Auslese ist in sozialer, ökonomischer und auch moralischer Hinsicht maßgeblich für die menschliche Entwicklung.
  • Es gibt gutes und schlechtes Erbmaterial.
  • Gute Erbanlagen sollen gefördert, schlechte ausgelöscht werden.

Als Evangelikaler setzte er denn auch mehr auf christliche Nächstenliebe als auf das Vertrauen in die Möglichkeiten und Macht von Regierungen, die sozialen Missstände zu korrigieren.

Spätere wesentlich progressivere Vertreter der sozialdokumentarischen Fotografie waren zum Beispiel Lewis Wickes HineWalker Evans und Dorothea Lange.

Quellen: wikipedia; „Revisiting the Other Half of Jacob Riis“

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