Poppy & Caryatid

I can claim no special knowledge of horticulture… I even confess to enjoying that ignorance since it has left me free to react with simple pleasure just to form and colour, without being diverted by considerations of rarity or tied to the convention that a flower must be photographed at its moment of unblemished, nubile perfection.

Irving Penn

Wie kommt es nur, dass ich die Entfernung, die zwischen uns liegt, nicht spüre?

Was schreibst du ihr? Worte der Liebe, des Vermissens, der großen Versprechungen, die sich nie erfüllen, weil der, der verspricht, vergisst, dass die Dinge sich ständig ändern; dass nichts Bestand hat. Wie gern würde ich  sicher sein können, dass es anders ist, dass das, was ich als wirklich empfinde, auch von dir als wirklich empfunden wird!

Stefanie Schaefer, „Meditation über ein Bild von Gabriel Metsu“

In der Malerei gibt es die Lesenden wie Sand am Meer. Das Sujet macht aber noch lange kein Bild, wenn es nicht den Finger in eine Wunde hält.

Die Distanz könnte nicht größer sein zwischen der Dame des Hauses und ihrer Dienstmagd, die Rollenverteilung ist eindeutig. Und doch gibt es Hinweise auf eine heimliche Nähe. Über den verlorenen Schuh schweift mein Blick in einen Raum, in dem für einen Moment die Zeit stillzustehen scheint. Schön ist sie, die Dame, die den Brief in Händen hält wie ein filigranes Spitzentaschentuch. Als wäre er Teil der Handarbeit, die weiß und weich wie eine Schleppe an ihrem Kleid hinunter fließt. Die Worte haben ihr ein leises Lächeln auf die schmalen Lippen gezaubert. Die Carte Blanche zwischen den Fingern der Magd dagegen ist zwar nicht zu übersehen, doch bei näherer Inaugenscheinnahme dem Betrachter zugedacht: Auf ihr befindet sich die Signatur des Malers. Das Mädchen selber nutzt die Gunst der Stunde, einen Blick auf jenes Bild im Bild zu werfen, dessen Leinwand sich hinter einem giftig grünen Vorhang verbirgt und eine von Wind und Wetter gepeitschte Hohe See zeigt mit zwei ungleichen Schiffen im Kampf gegen die Elemente. Noch bevor ich erkennen kann, was sie sieht, empfinde ich eine Art Komplizenschaft.

Dann ist da noch der schiefe Spiegel über dem Kopf der Dame, der nur ein rudimentäres Bild vom Fenster an der Seitenwand zurückwirft. Als lauere draußen schon die Nacht. Je länger ich den Blick schweifen lasse, um so undurchschaubarer erscheint mir die Szenerie in diesem hellen Raum, und am Ende frage ich mich, in das gleißende Licht welcher Wahrheit der Maler ihn getaucht haben mag?

(Wer das Bild in starker Vergrößerung sehen will, folge diesem Link und verwende die Lupe.)