Aging Actress

This is the last time I do this. I’m so sick of using myself, how much more can I try to change myself? … It’s the most sincere thing I can do.

Cindy Sherman

Gesichter

Nachfolgend vier Bilder einer Ausstellung im Neuen Museum in Nürnberg. Gesichter – Ein Motiv zwischen Figur, Porträt und Maske, so der Titel. Einen unauslöschlichen Eindruck haben die Arbeiten von Cindy Sherman und Gillian Wearing bei mir hinterlassen. Sherman zerstört den schönen Schein, Wearing spielt mit Identität, während sie sich als Dreijährige, August Sander oder Claude Cahun inszeniert. Ihr wahres Gesicht baumelt als Maske in der Hand von Cahun. Als gäbe es hinter tausend Masken kein Selbst…

Sich nicht aus der Hand geben

Beim Lesen des von Iris verlinkten Vorabdruckes eines Textes von Herta Müller in der Welt (aus dem Buch von Henriette Schroeder: Ein Hauch von Lippenstift für die Würde. Weiblichkeit in Zeiten großer Not.) fiel mir insbesondere eine Redewendung auf, die Herta Müller gleich zweimal gebraucht:

Als die Bedrohung ganz schlimm wurde, als es zu Verhören beim Geheimdienst kam und Freunde verhaftet wurden, habe ich besonderen Wert darauf gelegt, mich nicht aus der Hand zu geben. Schminken gehörte dazu. Ich wusste, wenn ich mich nicht mehr schminke, wenn mir das nicht mehr wichtig ist, dann habe ich mich aufgegeben. Ich habe mich auch geschminkt, wenn ich nicht zu einem Verhör ging. Aber wenn ich zu einem Verhör ging, vielleicht noch mehr…

Wenn man sich aus der Hand gibt, dann hat man natürlich keine Würde mehr. Eitelkeit ist vielleicht sogar übertriebene Würde. Oder Würde da, wo man sich etwas beweisen will, wo es nicht unbedingt sein müsste. Ich glaube, dass ich auch beweisen wollte, ich bin intakt. Dem Geheimdienstler, der mich verhörte, wollte ich damit sagen, du hast mich noch nicht fertiggemacht. Ich lass mich nicht unterkriegen. Mit Worten konnte man das ja nicht tun. Das tat dann die Kleidung…

Ein Foto von ihr, täte es an dieser Stelle auch. Um ihren Worten den gebührenden Ausdruck zu verleihen. Obwohl: Wenn etwas keiner Bilder bedarf, dann sind es Worte von Herta Müller. Sie erinnert mich an eine Englischlehrerin, die ich einst hatte. Meta Krupp. Immer, wenn sie vor uns stand, fiel sie den Spottdrosseln der Klasse zum Opfer. Ich mochte sie. Vermutlich weil ich hinter der harten, ja, stählernen Fassade eine beschädigte Frau sah. Und alles, was mit Verletzlichkeit zu tun hatte, zog und zieht mich unwiderstehlich an. Kein Bild von Herta Müller, also, sondern eines aus Cindy Shermans Fashion-Photo-Serie, das mir beim Lesen dieses Artikels in den Sinn kam: die Frau mit den zusammengeballten Fäusten. Dabei gibt es in Cindy Shermans Werk tausend und ein Bild, das an dieser Stelle stehen könnte. Ich habe noch vier ausgewählt aus verschiedenen aufeinander folgenden Schaffensperioden und in chronologischer Reihenfolge angeordnet:

Ich wollte mit diesen Bildern [Centerfolds] auf jeden Fall provozieren, aber es ging eher darum, Männer dazu zu bringen, ihre Annahmen zu überdenken, mit denen sie Bilder von Frauen betrachten. Ich dachte an eine Verletzlichkeit, bei der ein männlicher Betrachter sich unwohl fühlen würde, wie wenn man seine Tochter in einer verletzlichen Lage sieht. […] Mir ist erst später klar geworden, dass es eine Bandbreite von Interpretationen geben wird, die ich nicht kontrollieren kann, und auch nicht kontrollieren will, weil es das für mich interessant macht. Aber ich war verstört, dass man meine Absichten so missverstehen konnte, und deshalb versuchte ich sie in der nächsten Serie [Pink Robes and Fashion Photos] klarer darzulegen.

Cindy Sherman

In einem dieser Chick Flicks, den ich mir die Tage reinzog, steht Diane Lane an der Metzgertheke, und der Verkäufer will ihr statt der verlangten Hühnerbrust gleich ein ganzes Huhn andrehen, woraufhin die Gute ausflippt: „Hör’n Sie, ich bin geschieden, klar, ich esse für gewöhnlich allein, im Stehen, an der Spüle, ich brauche keinen Haufen Hühner!“ Ich weiß nicht genau, was die Szene mit diesem Beitrag zu tun hat, vielleicht, weil ich auch daran denken musste, als ich über Herta Müllers Formulierung „sich nicht aus der Hand geben“ stolperte. Und weil Cindy Shermans Frauenfiguren irgendwie so aussehen, als würden sie, aus welchen Gründen auch immer, für gewöhnlich allein essen, im Stehen, an der Spüle.

Untitled #96

Das Magazin Artforum beauftragte Cindy Sherman 1981, ein Bild für eine Doppelseite herzustellen. Sherman blieb bei ihrem Thema der Selbstinszenierung, setzte es aber provokativer ein. Die Kamera war aus der Vogelperspektive nach unten gerichtet, wo Sherman als Modell in verschiedenen Verkleidungen und Posen am Boden hockte oder lag. Der Blick der Kamera suggeriert Dominanz, während das Modell ängstlich, unterwürfig oder verträumt wirkt. Die Posen erinnern mit Absicht an Playboy-Centerfolds. Die Bilder wurden nicht gedruckt, weil die Herausgeberin des Magazins befürchtete, sie könnten als sexistisch missverstanden werden.

Das Foto „Untitled #96“ aus dieser Serie wurde im Mai 2011 für 3,89 Millionen US Dollar bei Christie’s versteigert und ist damit die derzeit zweitteuerste Fotografie der Welt.

Quelle: wikipedia

Cindy Sherman, „Untitled #96 (Centerfold, 1981)

Ich wollte mit diesen Bildern auf jeden Fall provozieren, aber es ging eher darum, Männer dazu zu bringen, ihre Annahmen zu überdenken, mit denen sie Bilder von Frauen betrachten. Ich dachte an eine Verletzlichkeit, bei der ein männlicher Betrachter sich unwohl fühlen würde, wie wenn man seine Tochter in einer verletzlichen Lage sieht. […] Mir ist erst später klar geworden, dass es eine Bandbreite von Interpretationen geben wird, die ich nicht kontrollieren kann, und auch nicht kontrollieren will, weil es das für mich interessant macht. Aber ich war verstört, dass man meine Absichten so missverstehen konnte, und deshalb versuchte ich sie in der nächsten Serie klarer darzulegen.

Cindy Sherman