Der photographische Blick

Der photographische Blick hat etwas Paradoxes, dem man bisweilen auch im Leben begegnet: vor kurzem sah ich im Café einen jungen Mann, der seine Augen durch den Raum schweifen ließ; ab und zu fiel sein Blick auf mich; in einem solchen Moment hatte ich die Gewißheit, daß er mich ansah, ohne indes sicher zu sein, daß er mich sah: unbegreifliche Umkehrung: wie kann man ansehen ohne zu sehen? Offenbar trennt die PHOTOGRAPHIE die Beachtung von der Wahrnehmung und setzt nur die erstere ins Bild, obwohl sie ohne letztere nicht denkbar ist; aberwitziges Phänomen: eine Noesis ohne Noema, ein Denkakt ohne Gedanke, ein Zielen ohne Ziel. Und dennoch bringt dieser unbegreifliche Vorgang die höchst seltene Erscheinung eines Ausdrucks hervor. Hier haben wir das Paradox: wie kann man einen intelligenten Ausdruck haben, ohne etwas Intelligentes zu denken, während man dieses Stück schwarzen Kunststoff ansieht? Es ist, als ob der Blick, der die Ökonomie des Sehens steuert, durch etwas Innerliches zurückgehalten würde. Der kleine arme Junge, der einen kleinen Hund hält und seine Wange an ihn drückt (Kertész, 1928), blickt ins Objektiv mit traurigen, eifersüchtigen, ängstlichen Augen: welch erbarmungswürdige, zu Herzen gehende Nachdenklichkeit! In Wirklichkeit sieht er nichts an; er hält seine Liebe und seine Angst nach innen zurück: nichts anderes ist der BLICK.

Roland Barthes, „Die helle Kammer“

André Kertész, „Der kleine Hund“ (Paris, 1928)

André Kertész

Everything is a subject. Every subject has a rhythm. To feel it is the „raison d’etre“. The photograph is a fixed moment of such a „raison d’etre“, which lives on in itself.

André Kertész

André Kertész, „Der Pont des Arts, durch die Turmuhr der Académie Francaise gesehen“ (1929-32)