Lila

Dorothea Lange, „Migrant Mother“ (Florence Owens Thompson, 1936)

So seltsam das war, es war was dran. Allein schon wie seltsam es war. Der alte Mann hatte keine Ahnung. Lasst uns beten, und alle beteten sie. Lasst uns gemeinsam Lied Nummer egal was anstimmen, und alle sangen sie. Wozu verschwendeten sie Kerzen ans Tageslicht? Und er stellte sich hin und redete von Leuten, die wer weiß wie lange tot waren, wenn die Geschichten über sie überhaupt wahr waren, und die meisten Leute hörten zu, oder versuchten es. Das war alles unnötig. Die Tage kamen und gingen ganz von alleine, ganz ohne beten. Und trotzdem überall Versammlungen und Erweckungen, Leute, die sehend wurden. Die Trost fanden, wo es keinen Trost gab, bloß diesen alten Mann, der Dinge sagte, die er so oft schon gesagt hatte, dass er sie scheints selber gar nicht hörte. Ging um den Sinn der Existenz, sagte er. In Ordnung. Von der Existenz verstand sie ein bisschen was. Es war ziemlich das Einzige, wo sie was von verstand, und das Wort dafür hatte sie von ihm gelernt. Das war wie mit den Vereinigten Staaten von Amerika – irgendwas mussten sie dazu ja sagen. Der Abend  und der Morgen, schlafen und aufwachen. Hunger und Einsamkeit und Erschöpfung und trotzdem mehr davon wollen. Existenz. Wozu plage ich mich damit ab? Das konnte er ihr auch nicht sagen. Dabei wusste er’s, das sah sie ihm an. Warum will er mehr davon, wo sein Haus doch so leer ist, seine Frau und sein Kind längst unter der Erde? Der Abend und der Morgen, singen und beten. Die Seltsamkeit des Ganzen. Du hörst nicht auf zu suchen. Er würde den Hügel zu der traurigen Stelle hochsteigen und sie mit Rosen bedeckt vorfinden. Ob er nun wusste oder nicht wusste, wer sie zum Blühen gebracht hatte, er würde es seltsam und recht finden. Rosen waren unnötig.

Marilynne Robinson, „Lila“

[fremd bin ich eingezogen unter meine haut]

Eva Rubinstein, „Bed in Mirror“ (Rhode Island, 1972)

fremd bin ich eingezogen unter meine haut / so lässt sich das am anschaulichsten sagen / im spiegel das visavis es bleibt unvertraut / besser so als anders kein grund, zu klagen

das hirn vollgepumpt mit sehnsuchtsdrogen / mit chimären die den winter pulverisieren / der blick hat sich den raum zurechtgebogen  / um die tür nicht aus den augen zu verlieren

sitze ich in mir mit dem rücken zur wand / tu so als hätte es sich zwangsläufig ergeben / die koffer griffbereit den pass in der hand

wie ein schlafgänger im körpereigenen haus / keine ahnung wer mich treibt so zu leben / ich weiß nur eins fremd zieh ich wieder aus

Christoph W. Bauer

They sentenced me to 20 years of boredom oder Schnee, der auf Linden fällt.

Literweise Lindenblütentee trinken und sich von fiebrigen Assoziationen treiben lassen. In die Untiefen des Blogs eintauchen und alte Einträge zutage fördern…

…gefegt vom Lindenbaum, in der Allee, 1 Ästchen grünes Laub 1 Ästchen Lindenbaum, 1 Gedichtzeile womöglich

…und ich liesz meine Arme / Augen emporfliegen zu den Häuptern der Linden welche in 1 Allee in der Strasze, und ihren Duft verströmten…

Friederike Mayröcker

Seit einigen Nächten nun, nur geträumt, logiere ich immer im selben Hotel. Ich checke ein, der Empfangschef weist mir einen Parkplatz zu, dann zerfließt alles in einem Mix aus mehr gefühlten denn konkreten Inhalten…

Der Mond. La Lune. The Moon. Ein Bilderbuchmond. Ein Kinomond. Wie ein Stück Leinwand leuchtend im kreisrunden Lichtkegel eines imaginären Projektors. Durchzogen von einer geheimnisvollen blau-violetten Schwade: der Atemhauch eines eng umschlungenen Paares an einem fernen Horizont oder der feucht-heiße Odem eines einsam heulenden Wolfes. Mühelos liefert der Kopf Bild und Ton zur himmlischen Dramaturgie. Der inszenierte Partyrummel verblasst, verklingt. Ein Vorhang fällt. Dein Film läuft Backstage.

Im Park knistern die letzten Regentropfen im Laub. Die Blütenkelche des Jasmin prangen wie Sterne im dunklen Spalier. Ihr betörender Duft mischt sich mit dem der Lindenblüten, die goldgelben Glöckchen gleich von den Zweigen baumeln. Ein leises Potpourri fernab des ohrenbetäubenden Lärms.

Aus einem Brief Bettina Brentanos an ihren Bruder Clemens:

Die Linden blühen, Clemente, und der Abendwind schüttelt sich in ihren Zweigen. Wer bin ich, daß ihr mir all euren Duft zuweht, ihr Linden? Ach, sagen die Linden, Du gehst so einsam zwischen unseren Stämmen herum und umfaßt unsre Stämme, als wenn wir Menschen wären, da sprechen wir dich an mit unserm Duft.

Ich liebe diesen Duft, auch weil er mich an eine reich bebilderte Geschichte erinnert, die ich als Kind gelesen habe. Sie handelte von einem kleinen Jungen, der sich des nachts auf einer Baustelle herumtreibt, wo die Arbeitsgeräte plötzlich zu mysteriösem Leben erwachen. Irgendwann beginnt es zu regnen. Vollkommen durchnässt findet er sich nach diesem traumhaften Abenteuer in seinem Bette wieder. Am nächsten Morgen ist er krank. Die Mutter kocht ihm heißen Lindenblütentee, von dem gesagt wird, dass er scheußlich schmecke. Kaum zu glauben, wo die frischen Blüten doch so köstlich riechen.

Nie wollte ich so krank sein, dass meine Mutter mir heißen Lindenblütentee würde einflößen müssen, denn bei der Vorstellung, Kamille und Pfefferminze würden einmal nicht mehr ihre Wirkung tun, schauderte mir.

Was wohl die Botschaft dieser Geschichte war? Betreten der Baustelle bei Strafe verboten? Oder: Mach Dir nichts vor, das Leben ist kaum mehr als ein Fiebertraum.

Das Buch dürfte bei einem Umzug auf der Strecke geblieben sein. Merkwürdig: An seinen Titel erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber daran, dass es in einem DDR-Verlag erschienen war.

Und dann ist da noch Wilhelm Müllers Lindenbaum: Ich träumt‘ in seinem Schatten so manchen kühlen Traum. Ja, es ist Sommer, und ich höre die Winterreise. Manchmal ist es gut, wenn einer den Finger in die Wunde legt und sagt: „Sieh. Hier. Du blutest.“

Try to remember some details

Hiroshi Watanabe, „Ellis Island 2, New York“ (from the series „American Studies“)

Try to remember some details. Remember the clothing  / of the one you love / so that on the day of loss you’ll be able to say: last seen / wearing such-and-such, brown jacket, white hat. / Try to remember some details. For they have no face / and their soul is hidden and their crying / is the same as their laughter, / and their silence and their shouting rise to one height / and their body temperature is between 98 and 104 degrees / and they have no life outside this narrow space / and they have no graven image, no likeness, no memory and they have paper cups on the day of their rejoicing / and paper cups that are used once only.

… Try, try / to remember some details.

Jehuda Amichai

Psychological Portrait

Marcel Sternberger - Diego Rivera and Frida Kahlo - Mexico - 1952
Marcel Sternberger, „Diego Rivera and Frida Kahlo“ (Mexico, 1952)

Today with our smartphones, we are so immersed in images – and selfies – that it seems doubtful that any one image, among so many, might convey some absolute statement of a person’s inner being. And yet it’s tempting to believe that some personal essence might be captured. Of a portrait made by Sternberger, Diego Rivera said it was “the first time I have seen the real me … behind the mask.”

Lucy McKeon on Jacob Loewentheil’s „The Psychological Portrait: Marcel Sternberger’s Revelations in Photography“

Ein helles Weiß, eine Schande, ein Tintenfleck, rosiger Liebreiz.

The first step is understanding the story. And then it’s finding the places where you think pictures might happen.

Amy Toensing

 

Amy Toensing zum Bild links:

UTUADO, PR – AUGUST 01: Little girl dresses hang from a laundry line on a porch August 1, 2002 in Utuado, Puerto Rico. Puerto Rico was an outpost of Spanish colonialism for 400 years, until the United States took possession in 1898. Today Puerto Rico’s Spanish–speaking culture reflects its history – a mix of African slaves, Spanish settlers, and Taino Indians. Puerto Ricans fight in the U.S. armed forces but are not entitled to vote in presidential elections. They passionately debate their relationship with the U.S. with about half the island wanting to become the 51st state and the other half wanting to remain a U.S. commonwealth. A small percentage feel the island should be an independent country. While locals grapple with the evils of a burgeoning drug trade and unchecked development, drumbeats still drive the rhythms of African-inspired bomba music.

Teju Cole zum Bild rechts:

„The Superhero Photographs of the Black Lives Matter Movement“

Zur Überschrift:

Gertrude Stein, „Drei Gedichte“

Aging Actress

This is the last time I do this. I’m so sick of using myself, how much more can I try to change myself? … It’s the most sincere thing I can do.

Cindy Sherman

Speak to me of Rivers

I’ve known rivers:

I’ve known rivers ancient as the world and older than the flow of human blood in human veins.

My soul has grown deep like the rivers.

I bathed in the Euphrates when dawns were young.
I built my hut near the Congo and it lulled me to sleep.
I looked upon the Nile and raised the pyramids above it.
I heard the singing of the Mississippi when Abe Lincoln went down to New Orleans, and I’ve seen its muddy bosom turn all golden in the sunset.

I’ve known rivers:
Ancient, dusky rivers.

My soul has grown deep like the rivers.

Langston Hughes, „The Negro Speaks of Rivers“

A Woman’s Bed

A Woman’s Bed, Logan, Ohio 1970, from the series Iowa, by Nancy Rexroth, made with a Diana camera.
Nancy Rexroth, „A Woman’s Bed“ (Logan/Ohio 1970, from the Series „Iowa“)

I remember how my grandparents’ bedroom seemed to conceal something.  The door was closed; you never went in.  When the door stood open by accident the bed was always made, smooth and immaculate.  Large but somehow not large enough. That seemed wrong to think about.  Things were folded, tucked away.  Nothing had happened during the night, and the daylight entering from a side window, seemed to sanctify a kind of order.  But the whiteness of the spread – I couldn’t take my eyes off it.  It seemed to rise like a mountain and spread out like a desert. What if you did lie down there, fall into that whiteness?  Would you feel someone next to you, someone impossibly old?  If they did touch you, would the room suddenly darken?  Would you ever be able to get up again?  Would you be dead?  As a child, I had fevers.  I often lay in a white bed dreaming I could fly.

Lyle Rexer

Dinge

die dinge sind heute irgendwie einsam / die dinge sind wie vasen ohne freunde / sind wie das buffet hier mit seiner schweren / platte an die wand gestellt und stehngelassen. / haben die dinge, wollen wir wissen / denn keine anderen dinge zum spielen? / hat man den dingen denn nichts, aber auch / gar nichts gegeben, was sie halten können? / doch wenn wir einmal ehrlich wären / würden wir nur eines wissen wollen / wo die dinge geblieben, die unsere schuld  / auf sich zu nehmen gewillt sind. / fadenförmige ich, kreiselförmiger du

Monika Rinck

the snow doesn’t give a soft white damn Whom it touches

Michele Palazzo. Jonas Blizzard in New York, 2016.
Michele Palazzo, „Jonas Blizzard in New York“ (Flat Iron Building, 2016)

XIX

i will cultivate within
me scrupulously the Inimitable which
is loneliness,these unique dreams
never shall soil their raiment

with phenomena:such
being a conduct worthy of

more ponderous
wishes or
hopes less
tall than mine“(opening the windows)

„and there is a philosophy“ strictly at
which instant(leaped
into the

street)this deep immediate mask and
expressing „as for myself,because i
am slender and fragile
i borrow contact from that you and from

this you sensations,imitating a few fatally

exquisite“(pulling Its shawl carefully around
it)“things i mean the
Rain is no respecter of persons
the snow doesn’t give a soft white
damn Whom it touches

e. e. cummings, poem XIX from „W(ViVa)“

We dance round in a ring and suppose, / But the Secret sits in the middle and knows.

„Man sollte wirklich alles, was sich über das Gemeine erheben muss, in Versen wenigstens anfänglich konzipieren, denn das Platte kommt nirgends so ins Licht, als wenn es in gebundener Schreibart ausgesprochen wird.“

Friedrich Schiller

Wohlan denn:

Feiertag.
Suhlen im
Wasser und Tauchen
im Finsteren Tal. Feuchte
und Stille, nur die Spannung
schwebt wie ein Bogen im Raum.
Noch 84 Seiten bis zum gnadenlosen Showdown.

Inzwischen:

Latte Macchiato schmeichelt den Schleimhäuten, macht die
Mundhöhle geschmeidig für Smalltalk und Subtext,
ölig an der Oberfläche, aber
zwischen den Zeilen, da
zerfallen die Sprechblasen,
porös wie
Milchschaum.

En Route IV

Charles Harbutt, "Le Mistral, Enroute Arles-Paris" (1975)
Charles Harbutt, „Le Mistral, Enroute Arles-Paris“ (1975)

Schwer zu verstehen
ist nämlich die Landschaft,
wenn du im D-Zug von dahin
nach dorthin vorbeifährst,
während sie stumm
dein Verschwinden betrachtet.

W. G. Sebald

Quelle: Die Mützenfalterin

Light Circles

„Dann strömt das Licht plötzlich herein und verbirgt uns ganz.“

Tomas Espedal, „Wider die Kunst“

„Sieh näher hin!“

Das folgende Foto kursiert als Selbstportrait von Diane Arbus auf Twitter:

laura_kok-today_i_closed_my_eyes

Es ist ja mal so. Beim Lesen des Artikels „Veränderungen“ bei der Mützenfalterin dachte ich genau an dieses Bild. Tatsächlich ist es ein Selbstportrait der niederländischen Fotografin Laura Kok, das den Titel trägt: „Today I closed my eyes“. Ich musste es etliche Male durch die Suchmaschine jagen, um auf die Urheberin zu stoßen.

Achtung! Hier kommt ein Portrait von Diane Arbus, aufgenommen ca. 1949 von ihrem damaligen Ehemann Allan Arbus:

diane-arbus

„A photograph is a secret about a secret. The more it tells you the less you know.“ Ich weiß nicht, ob Diane Arbus das wirklich gesagt hat, aber es soll wohl heißen: „Sieh näher hin!“

No dar papaya

No dar papaya, is a common expression unique to Colombia which means show no vulnerabilities and present no easy target…

Andernorts trugen Mädchen Schuluniformen. Lange Zeit, eine sehr lange Zeit musste ich um eines dieser kurzen, dunkelblauen, plissierten Röckchen bitten und betteln. A vertically hanging piece of fabric such as a skirt or a drape will often be described in terms of its „fullness.“ An einem Sonntagvormittag im April saß ich schließlich neben meinem Vater im Auto. Zu einer Zeit, da es einer besonderen Belohnung gleichkam, als Kind auf dem Beifahrersitz Platz nehmen zu dürfen. Wir fuhren über eine Grenze, fremdes Territorium betreten. Fast wie etwas Verbotenes tun. Ganz tief in meinem Innersten fühlte ich: Ich bin frei.

Auch Klimaanlagen gab es noch keine. Durch die Frontscheibe prallte ungebremst die Sonne in meinen Schoß und ergoss sich wie ein warmer Wasserfall über meine nackten Oberschenkel unter dem heißgeliebten Röckchen. Selbst meine Mutter war einem ihrer Prinzipien untreu geworden an diesem Tag im April: Keine Kniestrümpfe in einem Monat mit „r“! Einer jener seltenen Momente, in denen ich Anteil hatte an der Fülle des Lebens, ja, für den Augenblick sogar die Anwesenheit des Vaters vergaß. Ich zog das dunkelblaue Tuch ein Stückchen weiter über die Beine und entblößte meine Knie.

Ohne Worte legte sich eine schwere Hand auf meine Beine und schob den gefältelten Stoff mit einem Ruck zurück. Ich hatte eine Grenze überschritten. Ich war nicht frei.

9/11

Tim Barber, Image from the series "Untitled Photographs"
Tim Barber, Image from the series „Untitled Photographs“

Into the smouldering ruin now go down:
And find, in ashes bright as hammered tin,
A buried bone-white naked mannikin
That flung from some shop window serves to bind
Her body, and its beauty, to your mind.

William Jay Smith

Can’t be taken away

Imagine you lost everything that really mattered to you, and then you had a dream, and in that dream you found out that you never really lost it, because it can’t be taken away from you. That’s how Vermeer makes me feel.

Michael White, „Travels in Vermeer: A memoir“

Hingabe

…letztlich ist es vielleicht eine Frage des „Zufalls“: der Photograph hat die Hand des Jungen (…) genau im richtigen Grad des Sich-Öffnens, in der Intensität der Hingabe festgehalten…

Roland Barthes, „Die helle Kammer“

Pain & Pleasure

The illusion of knowing has blinded us to the fantastic pain and pleasure of acknowledging that we may know nothing after all.

Amelia Jones

Infinite Momentum

One’s relationship to place, context and meaning are always in flux and fleeting. The American landscape as a whole has been created through history, mythology and metaphor. Perhaps all we see when we stand in front of the landscape are archetypes: preconceived notions and pre-experienced views. Landscape is a manifestation of culture. Our perception grows out of how we have seen the landscape represented historically and in popular culture.

Justin James King

Justin James King, "And still we gather with infinite momentum 2"
Justin James King, „And still we gather with infinite momentum 2“

The Human Fate Given A Human Face

…And did this woman, who clearly still
Speaks no English, her head scarf, say, Russian?
A son stands at her side, crop-haired, in clumpy
Shoes. She stares straight forward, reserved, aware,
Embattled. The deep-set eyes say something
About the emptiness of most wishes; and
About her hopes. She knows the odds are poor.
Or, the odds are zero, counted from here.
That past survives its population
And is unkind. Triumph no more than failure
In the longest run ever fails to fail.
Is that the argument against shuffling,
Dealing, and reshuffling these photographs?
They are not mementos of death alone,
But of life lived variously, avatars
Energy, insight, cruelty took – and love.
Variousness: the great kaleidoscope
Of time, its snowflake pictures, form after
Form, collapsing into the future, hours,
Days, seasons, generations that rise up
And fall like leaves, each one a hand inscribed
With fragile calligraphy of selfhood;
The human fate given a human face.

Alfred Corn, „Photographs of Old New York“

Gesichter

Nachfolgend vier Bilder einer Ausstellung im Neuen Museum in Nürnberg. Gesichter – Ein Motiv zwischen Figur, Porträt und Maske, so der Titel. Einen unauslöschlichen Eindruck haben die Arbeiten von Cindy Sherman und Gillian Wearing bei mir hinterlassen. Sherman zerstört den schönen Schein, Wearing spielt mit Identität, während sie sich als Dreijährige, August Sander oder Claude Cahun inszeniert. Ihr wahres Gesicht baumelt als Maske in der Hand von Cahun. Als gäbe es hinter tausend Masken kein Selbst…

Stop and Stare For A Second

I feel like I’m actually tuned in to the world and I’m witness to things that are going on in my world. I’m making a statement, ‘This is what I’m seeing,’ and someone looking at it hopefully might be moved to stop and stare for a second.

Andrew Savulich

The Art of Observation

To me, photography is an art of observation. It’s about finding something interesting in an ordinary place… I’ve found it has little to do with the things you see and everything to do with the way you see them.

Elliott Erwitt

Ghostly Presence

„I’m interested in dreams and subconscious thoughts and the weirdness of how we go from one thought to another in an almost drifting process“, benennt Mike Worrall die Inspirationsquellen für seine Bilder. Dazu Matthew Pillsbury mit seinen Time Frames, geisterhaft wirkende Menschenmassen, die ihrerseits durch Museen driften – beobachtet von der Kunst.

Even memory is not necessary for love.

„But soon we shall die and all memory of those five will have left the earth, and we ourselves shall be loved for a while and forgotten. But the love will have been enough; all those impulses of love return to the love that made them. Even memory is not necessary for love. There is a land of the living and a land of the dead and the bridge is love, the only survival, the only meaning.“

Thornton Wilder, „The Bridge of San Luis Rey“

Becoming a Vermeer

Diese helle Freude, wann immer mir ein Vermeer begegnet, was will sie mir sagen?

Ein Tag kann eine Perle sein / Und hundert Jahre – Nichts!“, schreibt Gottfried Keller über die Zeit. Und der Guardian über Gerhard Richters Lesende: “He snaps his daughter reading a letter, meditative in the sunshine, and she becomes a Vermeer.”

Bündele das verfügbare Licht, gieße alle Hingabe in den Moment und werde zu einem Vermeer. So einfach ist das.

A thin place ist ein alter keltischer Ausdruck für einen Ort, an dem der Schleier zwischen Himmel und Erde fast transparent ist. Und in den hebräischen Schriften gibt es eine Erzählung, nach der sich Gott anlässlich dramatischer Ereignisse erst recht nicht zu erkennen gibt, selbst wenn wir uns gerade in solchen Momenten besonders danach sehnen. Dagegen tritt er als kaum wahrnehmbares Flüstern in Erscheinung, in a thin silence, da, wo wir ihn am wenigsten vermuten und vermeintlich brauchen würden.

Vermeer übte keine Gesellschaftskritik. Seine Frauen sind keine ausgemachten Schönheiten wie die Mona Lisa oder Botticellis Unvergleichliche. Die Sujets gleichen sich, unterscheiden sich lediglich in dem, was seine Figuren gerade tun und worin sie so ganz und gar aufgehen. Wie der Maler selbst, vermutlich.

Ich möchte mein Ohr an diese Bilder legen. Ich würde zu gerne jenes kaum wahrnehmbare Flüstern vernehmen, das Vermeer in ihnen eingschlossen hat und das die Jahrhunderte überdauert wie die Inklusen zartgeflügelter Insekten in Bernstein.

„Ein Etwas, form- und farbenlos, / Das nur Gestalt gewinnt, / Wo ihr drin auf und nieder taucht, / Bis wieder ihr zerrinnt.“

Verstohlen melkten wir den Kosmos und überlebten.

Wir wissen es im Grunde nicht, ahnen es aber: zu unserem Leben gibt es ein Schwesterschiff, das einen ganz anderen Kurs steuert. Während die Sonne hinter den Inseln brennt.

Tomas Tranströmer, „Das blaue Haus“

(* 15. April 1931 in Stockholm, † 26. März 2015 ebenda)

Von Erinnerungen

Theodore Shaw, "Dutch Scene"
Theodore Shaw, „Dutch Scene“

Im Zeitmagazin vom 28. Februar 2015 erzählt Liv Ullmann unter der Rubrik Ich habe einen Traum von der einzigen Erinnerung, die sie an ihren Vater hat. Berührend. An meinen Vater habe ich viele Erinnerungen. Ich wünschte, es wäre eine gute dabei.

Mein Vater war Zahnarzt, und ich hatte von Geburt an schlechte Zähne. Die waren wohl nicht das einzige, was ihn an mir gestört haben mag. Meine Mutter meint, er hätte doch meine schmalen Schultern  und nicht nur meine krausen Haare sehen können. (Die krausen Haare hatte ich von ihrem Vater, die schmalen Schultern von seiner Mutter.) Für schwere Lasten waren diese Schultern nie gemacht, und nur mit einer Prise Galgenhumor lässt es sich nach jedem Niederschlag wieder aufstehen.

An den ersten erinnere ich mich nicht, doch es gibt diese Anekdote, nach der ich eine Ohrfeige meines Vaters, die mich zur Räson bringen sollte, mit einem Gegenschlag konterte. Ich war noch sehr klein und unbedarft, die Situation entbehrt nicht einer gewissen Komik, denn ich lachte meinem Gegner den Erzählungen zufolge dabei schamlos ins Gesicht. Den Ernst der Lage galt es erst noch zu begreifen. Dass er es todernst meinte, war mir längst klar, als er zum letzten Mal handgreiflich wurde, mir seine Hände um den Hals legte und damit den Morddrohungen aus seinem Munde den nötigen Nachdruck verlieh. Dabei hatte er selber rein gar nichts begriffen. Ich war längst so eingeschüchtert, dass ich mich nichts von alledem traute, was für andere Mädchen meines Alters selbstverständlich war. Nur um sein Missfallen nicht zu erregen, tapezierte ich die Wände meines Zimmers statt mit männlichen Konterfeis mit Bildern schöner Frauen: Greta Garbo, Katherine Hepburn, Ingrid Bergman, Romy Schneider, Liv Ullmann. All die Frauen, die nicht nur schön waren, weil sie hübsche Gesichter hatten. Was sich am Ende als ebenso großer, wenn nicht größerer Fehler erwies, lieferte ich ihm damit doch den augenfälligen Beweis, dass mit mir etwas nicht stimmte.

Selbst meine schulischen Leistungen bereiteten ihm Anlass zur Sorge, wenn ich meiner Mutter Glauben schenken darf. Die waren zwar vorzeigbar, legten jedoch die Befürchtung nahe, dass ich ihm eines Tages geistig überlegen sein würde.

Das Geistige. Mein Vater hat mir vieles genommen, und noch heute stehe ich manchmal der Macht gegenüber, mit der er meine Gefühle kontrolliert hat. Hilflos. Nur die Welt in meinem Kopf, die um so vieles schöner und wirklicher war als die mich umgebende Realität, die entzog sich seinem Zugriff. Das war meine Rettung. Dieses Kind, ich wüsste nur zu gerne, was es denkt. Dieses Kind, dem nichts anderes übrig blieb, als um sich eine Aura von geistiger Abwesenheit zu erschaffen. Please, don’t bother trying to find her, she’s not there. Mag sein, dass er mir ausgerechnet den Sinn für die Kunst mitgegeben hat. Schöne Dinge hat er geliebt und sie am Ende doch zerstört. Vor seinen unkontrollierten Wutausbrüchen war nichts und niemand sicher.

Irgendwann bekam ich nach langem Bitten und Betteln endlich ein eigenes Radio, ein lumpiges Transistorradio zwar, kaum größer als die ersten Mobiltelefone, aber egal, ich war überglücklich. Bis dahin hatte ich mir am Abend, wenn ich durfte, das Kofferradio aus der Küche mit in mein Zimmer genommen. (An ein Stück, das damals im Dunkel der Nacht durch den Äther waberte, erinnere ich mich ganz besonders: „Spain“ von Chick Corea.) Jetzt konnte ich überall Radio hören, das Ding wurde zu meinem ständigen Begleiter. Nur, so hatte sich mein Vater das nicht gedacht. Als ich eines Tages damit aus dem Bad kam, griff er nach der Antenne, hob in einer archaischen Geste seinen Arm und zertrümmerte den kleinen Weltempfänger mit einem Schlag auf dem Boden. Das war’s. Von da an traute ich mich nicht einmal mehr, nach dem Radio in der Küche zu fragen.

Die letzten Worte, die mein Vater zu mir sagte, ohne mich noch eines Blickes zu würdigen, waren: „Geh weg. Mach die Tür zu.“ Das tat ich dann auch. Erleichtert. Geblieben sind mir nur traurige Erinnerungen, die von Zeit zu Zeit am Horizont aufscheinen, und keine, die gut und stark genug wäre, sie zu ersetzen. Wenngleich ich sie immer wieder umarrangiere, ändere ich damit nur das Erscheinungsbild des Schmerzes. Nur der Schmerz verfügt über eine schier unendliche Zahl von Masken. Nicht dass ich ihn noch spüren würde, wenn ich an meinen Vater denke. Nein. Die Gestalt, die dort in weiter Ferne an einem anderen Ufer steht, ist viel zu weit weg. Nein. Der Schmerz hat sich selbständig gemacht. Die Gesichtsnervenneuralgie, die sich bei mir in chronischen Zahnschmerzen manifestiert hat, ist nur eine der vielen Masken, die er sich immer wieder aufsetzt. Keine besonders phantasievolle in meinem Fall, by the way. Lebe damit. Wie T. C. Boyle im Interview mit Günter Keil sagt:

Weil das die Realität ist, weil wir alle in einem ganz und gar willkürlichen Universum leben. Die Grausamkeit schlägt bei jedem von uns zu. Und wir sind dazu verurteilt, ein illusorisches und viel zu kurzes Leben zu leben.

Enfants Terribles

I like to make people a little uncomfortable. It encourages them to examine who they are and why they think the way they do.
Sally Mann

Briefwechsel

Wenn die Post nachts käme / und der Mond / schöbe die Kränkungen / unter die Tür:
Sie erschienen wie Engel / in ihren weissen Gewändern / und stünden still im Flur.

Ilse Aichinger

Memento Mori

Jedes Jahr portraitiert Nicholas Nixon seine Frau Bebe und ihre drei Schwestern. Seit nunmehr vierzig Jahren. Das erste Foto entstand 1975 mehr oder weniger zufällig anlässlich eines Familientreffens:

Nicholas Nixon, "The Brown Sisters" (New Canaan/Connecticut, 1975)
Nicholas Nixon, „The Brown Sisters“ (New Canaan/Connecticut, 1975)

Von links nach rechts stehen Heather (23), Mimi (15), Nixons Ehefrau Bebe (25), und Laurie (21). Ein Jahr später, als eine von ihnen ihren Collegeabschluss feiert, fotografiert er die vier kind of on a whim in derselben Anordnung wieder:

Nicholas Nixon, "The Brown Sisters" (Hartford, 1979)
Nicholas Nixon, „The Brown Sisters“ (Hartford, 1976)

Seitdem kommen jedes Jahr fünf Menschen für eine Aufnahme zusammen. Es wechseln die Gesichtsausdrücke und die Posen, die Kleidung und die Haartracht, all jene Attribute also, an denen sich das Vergehen der Zeit ablesen lässt, aber nie die Anordnung. Die Bedeutung, die das Projekt für Nixon persönlich hat, beschreibt er so:

Being an only child, it was really gratifying and lovely to be embraced by this family. There’s still a ground water of affection, and support. I look back at these thirty-some pictures and it’s like they’re of my sisters. I can feel myself getting old with them. And I’m part of them; they’re part of my love.

Die bis dato letzte Aufnahme entstand 2014:

Nicholas Nixon, "The Brown Sisters" (Wellfleet/Massachusetts, 2014)
Nicholas Nixon, „The Brown Sisters“ (Wellfleet/Massachusetts, 2014)

Wir wissen nichts über das Leben der Schwestern, wie sie geliebt und gelitten haben, wir sehen nur, dass es so war, und dass jede einzelne von ihnen sich selbst nach all den Jahren immer noch ähnlich sieht.

Zum Fortgang des Projektes meint Nixon:

We joke about it. But everybody knows that certainly my intention would be that we would go on forever no matter what. To just take three, and then two, and then one. The joke question is what happens if I go in the middle. I think we’ll figure that out when the time comes.

Die komplette Bilderfolge gibt es hier:

The New York Times Magazine, „Forty Portraits in Forty Years“

En Route

Wenn das Fenster geöffnet ist,
Vergänglichkeit mit dem Winde hereinweht,
mit letzten Blütenblättern der roten Kastanie
und dem Walzer „Faszination“
von neunzehnhundertundvier,
wenn das Fenster geöffnet ist
und den Blick freigibt auf Flußhafen und Stapelholz,
das immer bewegte Blattgewirk der Akazie, –
wie ein Todesurteil ist der Gedanke an dich,
Wer wird deine Brust küssen
Und deine geflüsterten Worte kennen?
Wenn das Fenster geöffnet ist
Und das Grauen der Erde hereinweht –
Das Kind mit zwei Köpfen,
– während der eine schläft, schreit der andere –
es schreit über die Welt hin
und erfüllt die Ohren meiner Liebe mit Entsetzen,
(Man sagt, die Mißgeburten nähmen seit Hiroshima zu.)

Wenn das Fenster geöffnet ist, gedenke ich derer,
die sich liebten im Jahre neunzehnhundertundvier
und der Menschen des Jahres dreitausend,
zahnlos, haarlos.

Neil Slavin,
Neal Slavin, „Train Corridor – Enroute to Porto, Portugal“

Wem gibst du den zerrinnenden Blick, der einst mein war?

Unser Leben, es fähret schnell dahin als flögen wir davon
und in den Abgründen wohnt verborgen das Glück.

Günter Eich, „Augenblick im Juni“

Sich nicht aus der Hand geben

Beim Lesen des von Iris verlinkten Vorabdruckes eines Textes von Herta Müller in der Welt (aus dem Buch von Henriette Schroeder: Ein Hauch von Lippenstift für die Würde. Weiblichkeit in Zeiten großer Not.) fiel mir insbesondere eine Redewendung auf, die Herta Müller gleich zweimal gebraucht:

Als die Bedrohung ganz schlimm wurde, als es zu Verhören beim Geheimdienst kam und Freunde verhaftet wurden, habe ich besonderen Wert darauf gelegt, mich nicht aus der Hand zu geben. Schminken gehörte dazu. Ich wusste, wenn ich mich nicht mehr schminke, wenn mir das nicht mehr wichtig ist, dann habe ich mich aufgegeben. Ich habe mich auch geschminkt, wenn ich nicht zu einem Verhör ging. Aber wenn ich zu einem Verhör ging, vielleicht noch mehr…

Wenn man sich aus der Hand gibt, dann hat man natürlich keine Würde mehr. Eitelkeit ist vielleicht sogar übertriebene Würde. Oder Würde da, wo man sich etwas beweisen will, wo es nicht unbedingt sein müsste. Ich glaube, dass ich auch beweisen wollte, ich bin intakt. Dem Geheimdienstler, der mich verhörte, wollte ich damit sagen, du hast mich noch nicht fertiggemacht. Ich lass mich nicht unterkriegen. Mit Worten konnte man das ja nicht tun. Das tat dann die Kleidung…

Ein Foto von ihr, täte es an dieser Stelle auch. Um ihren Worten den gebührenden Ausdruck zu verleihen. Obwohl: Wenn etwas keiner Bilder bedarf, dann sind es Worte von Herta Müller. Sie erinnert mich an eine Englischlehrerin, die ich einst hatte. Meta Krupp. Immer, wenn sie vor uns stand, fiel sie den Spottdrosseln der Klasse zum Opfer. Ich mochte sie. Vermutlich weil ich hinter der harten, ja, stählernen Fassade eine beschädigte Frau sah. Und alles, was mit Verletzlichkeit zu tun hatte, zog und zieht mich unwiderstehlich an. Kein Bild von Herta Müller, also, sondern eines aus Cindy Shermans Fashion-Photo-Serie, das mir beim Lesen dieses Artikels in den Sinn kam: die Frau mit den zusammengeballten Fäusten. Dabei gibt es in Cindy Shermans Werk tausend und ein Bild, das an dieser Stelle stehen könnte. Ich habe noch vier ausgewählt aus verschiedenen aufeinander folgenden Schaffensperioden und in chronologischer Reihenfolge angeordnet:

Ich wollte mit diesen Bildern [Centerfolds] auf jeden Fall provozieren, aber es ging eher darum, Männer dazu zu bringen, ihre Annahmen zu überdenken, mit denen sie Bilder von Frauen betrachten. Ich dachte an eine Verletzlichkeit, bei der ein männlicher Betrachter sich unwohl fühlen würde, wie wenn man seine Tochter in einer verletzlichen Lage sieht. […] Mir ist erst später klar geworden, dass es eine Bandbreite von Interpretationen geben wird, die ich nicht kontrollieren kann, und auch nicht kontrollieren will, weil es das für mich interessant macht. Aber ich war verstört, dass man meine Absichten so missverstehen konnte, und deshalb versuchte ich sie in der nächsten Serie [Pink Robes and Fashion Photos] klarer darzulegen.

Cindy Sherman

In einem dieser Chick Flicks, den ich mir die Tage reinzog, steht Diane Lane an der Metzgertheke, und der Verkäufer will ihr statt der verlangten Hühnerbrust gleich ein ganzes Huhn andrehen, woraufhin die Gute ausflippt: „Hör’n Sie, ich bin geschieden, klar, ich esse für gewöhnlich allein, im Stehen, an der Spüle, ich brauche keinen Haufen Hühner!“ Ich weiß nicht genau, was die Szene mit diesem Beitrag zu tun hat, vielleicht, weil ich auch daran denken musste, als ich über Herta Müllers Formulierung „sich nicht aus der Hand geben“ stolperte. Und weil Cindy Shermans Frauenfiguren irgendwie so aussehen, als würden sie, aus welchen Gründen auch immer, für gewöhnlich allein essen, im Stehen, an der Spüle.