Tagesanbruch

Paul Almasy, "Shell-Tankstelle in der Wueste bei Hassi-Messaoud, Algerien" (1963)
Paul Almasy, „Shell-Tankstelle in der Wueste bei
Hassi-Messaoud, Algerien“ (1963)

Tagesanbruch. So ist auch das erste Kapitel von „Alles, was ist“ überschrieben. Mit einem fast biblisch anmutenden Zug bringt James Salter seinen Philip Bowman in Stellung. Genau dreizehn Seiten später besiegelt die Versenkung der Yamato, eines vermeintlich unbesiegbaren Schlachtschiffes, das den archaischen Namen des japanischen Ur-Reiches trägt, das Ende des Pazifikkrieges auf See. Die geneigte Leserin weiß, dass es die USA dabei nicht bewenden ließen. Der Autor lässt es damit gut sein. Mehr braucht es auch nicht, um zu ahnen: Bowman hat zwar überlebt und gehört zu den Gewinnern, aber wenn es nach der Kompositionslehre des Krieges geht, wird er von nun an hilflos seinem Schicksal überlassen sein wie ein matter König im Schach.

Wie das Leben spielt. Es ist die Blaue Stunde und gleich wird unerbittlich die Nacht in mein Lebenszimmer einfallen, und wir werden uns anschweigen, wie immer um diese Zeit. Aber noch klingt dieses erste Kapitel in mir nach wie Beethovens Schicksalssinfonie.

Einmal hatte er in der Ferne, tief und geschmeidig durch das Wasser gleitend, das getarnte Flaggschiff gesehen, die New Jersey, mit Halsey an Bord. Es war, als würde man in Regensburg von Ferne Karl den Großen sehen.

Wow! Also, Karl der Große ist mir hier noch nie begegnet, aber vielleicht muss man dafür auch in Okinawa gewesen sein. In seinem Buch „Die Blaue Stunde“ erwähnt William Boyd sogar Obertraubling: Umgesetzt hat Kranewitter diese schwerverständliche Theorie in seinem Meisterwerk, dem Lothar-Haus (1924-1929) in Obertraubling bei Regensburg. In dem Fall sind der vermeintliche Architekt Oscar Kranewitter und das ominöse Lothar-Haus aber der Phantasie des Autors entsprungen. Was ich damit sagen will: Vor Einfällen dieser Art habe ich Respekt. Sie atmen für mich diesen Geist, der selbst einem unsäglichen Kaff hinterm Mond, wo der Hund verreckt ist und die Bordsteine nach der Blauen Stunde hochgeklappt werden, Bedeutung zu verleihen vermag.

Für einen Moment hat Bowman also dem Jüngsten Tag ins Antlitz geblickt, und ich frage mich, noch bevor ich das nächste Kapitel aufschlage, wie sein Leben wohl weitergehen wird. Wie Töne, die darum ringen, gespielt zu werden, hängen die Antworten auf alle meine Fragen im Raum und warten vielleicht darauf, gefunden zu werden Vielleicht auch nicht. Selbst wenn man die Vorhänge seines Lebenszimmers den ganzen Tag geschlossen hält, die Schwärze sickert doch durch das sepiafarbene Gewebe, und das Licht saugt sie unweigerlich bei Tagesanbruch wieder ein. Das Leben plätschert einfach immer weiter.

Alles, was ist. Ja. Ich bin gespannt.

Advertisements