In a photograph, a person’s history is buried as if under a layer of snow.

Rahel Müller, "In the silence, I listen." (aus "Burning Pictures", 2008)
Rahel Müller, „In the silence, I listen.“ (aus „Burning Pictures“, 2008)

Er konnte seinen Blick nicht losreißen von dieser Fotografie, und er fragte sich, warum er sie zwischen den Blättern der „Akte“ vergessen hatte. War sie etwas, was ihn störte, ein Beweisstück, wie man in der Rechtssprache sagt, das er, Daragane, gern aus seinem Gedächtnis verdrängt hätte? Er spürte eine Art Schwindel, ein Kribbeln in den Haarwurzeln. Dieses Kind, von vielen Jahrzehnten in so graue Ferne gerückt, dass ein Fremder aus ihm wurde, nun musste er sich’s eingestehen, das war er.

Patrick Modiano, „Damit du dich im Viertel nicht verirrst“

Displacement in Time

What might have been and what has been
Point to one end, which is always present.

T. S. Eliot, “Burnt Norton” (No. 1 of “Four Quartets”)

Immer noch bin ich auf der Suche nach meiner Lieblingsmalerin. Als mir diese Woche Helene Schjerfbecks Schneiderin begegnete, wurde mir wieder bewusst, wie sehr ich die finnische Künstlerin mag. Auf diese in einer Schaukelbewegung erstarrte Frau, deren Handwerkszeug ihr von der Taille baumelt wie ein loser Faden, trifft in meinen Augen zu, was Bianca Brunner über ihre Arbeit „Limbo“ sagt: Erinnerung ist auch an Bewegung geknüpft. Und wenn diese latent schwelenden Bilder in einer bestimmten Bewegung plötzlich aufflackern, können sie einen Riss in die Gegenwart brennen. Vielleicht auch den Vorhang durchtrennen, der manchmal so schwer zwischen den Zeitkorridoren lastet.

René Burri

Das erste, was auf den Bildern von

René Burri (9. April 1933 in Zürich; † 20. Oktober 2014)

zu sehen ist, was uns aus ihnen, mit dem gleichgültigen Blick der Siegerin, ansieht, ist die Zeit. Denn der nostalgische Blick sieht immer nur das eine, die Aura des Damaligen. René Burris Aufnahmen gehen, im Gegensatz zu anderen, nicht in diesem suppigen Genuss auf. Das macht ihre Qualität aus. Sie suchen nicht die wolkige Atmosphäre, sondern die Widersprüchlichkeit der Erscheinungen, nicht die Stimmung, sondern das Unstimmige, nicht das Allgemeine, sondern den Unterschied.

H. M. Enzensberger

Elevator

When people look at my pictures I want them to feel the way they do when they want to read a line of a poem twice.

Robert Frank, „Life“ (26. November 1951), S. 21

Robert Frank, "Elevator - Miami Beach" (1955)
Robert Frank, „Elevator – Miami Beach“ (1955) aus „The Americans“