Julia Margaret Cameron

Julia Margaret Cameron (geborene: Julia Margaret Pattle; * 11. Juni 1815 in Kalkutta; † 26. Januar 1879 in Kalutara, Ceylon) ist 48 Jahre alt, Hausfrau und Mutter von sechs Kindern, als sie von ihrer Tochter und deren Mann eine Kamera geschenkt bekommt mit den Worten: „It may amuse you, Mother, to try to photograph during your solitude at Freshwater.“

Im darauf folgenden Jahrzehnt sollte ihrer Beschäftigung mit der Fotografie aber eine weitaus größere Bedeutung zukommen als nur die eines Zeitvertreibs in einsamen Stunden. In ihrer unvollendeten Autobiografie „Annals Of My Glass House“ von 1874 schreibt sie: „Mein Kohlenkeller wurde zur Dunkelkammer und ein gläsernes Hühnerhaus, das ich einst meinen Kindern geschenkt hatte, wurde mein Atelier; die Hennen wurden befreit und hoffentlich nicht gegessen. Meine Söhne verzichteten auf frisch gelegte Eier und alle sympathisierten mit meiner neuen Tätigkeit, seit die Gesellschaft von Hennen und Küken ersetzt wurde durch die von Dichtern, Propheten, Malern und liebenswerten jungen Frauen […] Ich bemühte mich, alles Schöne, das mir vor Augen kam, festzuhalten, und auf die Dauer war die Mühe auch erfolgreich. […] Ich begann ohne jede Vorkenntnis. Ich wusste nicht, wo ich meine Kamera platzieren sollte, wie ich die Schärfe einstellen musste, und mein erstes Bild wurde zu meinem Entsetzen zerstört, als ich mit der Hand über die Beschichtung der Glasplatte fuhr. […] Mein Mann hat vom Anfang bis zum Ende jedes meiner Bilder erfreut betrachtet, und es ist mir zur täglichen Gewohnheit geworden, mit jeder Glasplatte zu ihm zu laufen und seinem enthusiastischen Beifall zuzuhören. Diese Angewohnheit, mit meinen nassen Bildplatten ins Esszimmer zu laufen, hat eine so große Anzahl von Tischdecken mit unentfernbaren Flecken von Silbernitrat verdorben, dass ich aus jedem weniger duldsamen Haushalt verbannt worden wäre.“

Die anfänglichen Schwierigkeiten aber im Umgang mit dem noch unausgereiften nassen Kollodiumverfahren erklärt sie schnell zum beabsichtigten Stilmittel: „Was bedeutet Schärfe – und wer hat das Recht zu sagen, welche Schärfe die richtige ist?“ Ihren Kritikern begegnet sie also schon früh mit erstaunlichem Selbstbewusstsein. Und an der Zahl der kritischen Stimmen lässt sich ablesen, wie rasant sie sich einen Namen macht in der Welt der Fotografie.

Julia Margaret Cameron hat zwar keine formale Schulbildung, aber sie ist in hohem Maße belesen. Für ihre figürlichen Arrangements schöpft sie aus verschiedenen Quellen: dem Alten und dem Neuen Testament, der Mythologie des griechischen Altertums, der Renaissancemalerei, den Werken der klassischen und romantischen englischen Literatur. Wesentliche Vorbilder sind die Arbeiten der Präraffaeliten, einer 1848 gegründeten Bruderschaft junger britischer Maler, deren Name sich auf die italienische Malerei des 14. und 15. Jahrhunderts bezieht, also „vor Raffael“. Den vorherrschenden idealistisch-akademischen Malstil wollen sie durch eine naturalistische Darstellungsweise ersetzen, auch bei geistigen und religiösen Themen. Statt Wachsfiguren wollen sie lebendige Wesen malen. Dieser Stil gewinnt innerhalb weniger Jahre bedeutenden Einfluss auf die englische Malerei des 19. Jahrhunderts.

Ihr Anspruch ist also von Anfang an ein künstlerischer. In einem Brief an Sir John Herschel schreibt sie am 31. Dezember 1864: „Mein Bestreben ist es, die Fotografie zu veredeln und ihr den Charakter und die Wirkung einer hohen Kunst zu sichern, indem ich das Wirkliche und das Ideal verbinde und bei aller Verehrung für Poesie und Schönheit von der Wirklichkeit nichts opfere.“ Ihr Interesse an der Wirklichkeit geht jedoch nicht so weit, dass sie Alltägliches wie Beruf, soziale Stellung oder individuelle Merkmale ihrer Modelle zum Gegenstand ihrer allegorischen Bilder macht. Sie will vielmehr das Unsterbliche sichtbar machen, den zeitlosen Typus – die mütterliche Madonna, die leidende Ophelia, die sündige Guinevere, die wilde Waldnymphe. Dazu bittet oder kommandiert sie Verwandte, Gäste und sogar zufällige Spaziergänger vor ihre Kamera, häufig auch Angehörige des Hauspersonals. Ihr Stubenmädchen Mary Hillier wird so oft von der Hausarbeit befreit, um stattdessen als Jungfrau Maria zu posieren, dass sie an ihrem Wohnort nur noch Mary Madonna genannt wird.

In einer Reihe von Madonna-mit-Kind-Motiven spielt sie selber eine Rolle. Diese Darstellungen finden viele Bewunderer. Das Motiv ist in der Kunst jener Zeit weit verbreitet und steht für die bedingungslose Verehrung der Mütterlichkeit. Cupido wird nicht mehr als die Verkörperung des Eros, des antiken Gottes der sexuellen Liebe angesehen sondern nur noch als unschuldiges, schelmisches Kind.

Ihr Bild „Venus schilt Cupido und nimmt ihm seine Flügel“ vermittelt eine subtile Botschaft. Es bestärkt den viktorianischen Kult um die Häuslichkeit, der die verheiratete Frau als den Mittelpunkt der Familie verankert und diese über ihre profanen Rollen außerhalb der Familienfestung erhebt. Mit der Entfernung der Amorflügel geht auch die Warnung einher: Es gibt keine Zweifel, dass die sexuelle Verführung kommen wird, aber man muss sie im Griff haben und ihr so lange wie möglich widerstehen.

Zu ihrem persönlichen Lieblingsbild aber erklärt Julia Margaret Cameron ein Portrait ihrer Nichte Julia Jackson, die zu ihren bevorzugten Modellen zählt:

Deren Tochter, die Schriftstellerin Virginia Woolf, bringt 1926 zusammen mit dem Maler und Kunstkritiker Roger Fry im New Yorker Verlag Harcourt, Brace den Bildband „Julia Margaret Cameron. Victorian Photographs of Famous Men & Fair Women“ heraus. In einem einleitenden biographischen Essay schildert sie ihre Großtante als willensstarke Persönlichkeit, die viele anstrengende Jahre als Hausfrau und Mutter hinter sich brachte, bevor sie im Alter von 48 Jahren beinahe zufällig zu einer bedeutenden Künstlerin wurde. Auch Virginia Woolfs einziges Theaterstück befasst sich mit ihrer kreativen Verwandten aus dem 19. Jahrhundert. Es heißt „Freshwater“, wird 1935 auf einer Londoner Studiobühne vor Freunden aufgeführt und beschreibt mitfühlend aber auch ironisch die Wertvorstellungen der viktorianischen Gesellschaft, innerhalb derer sich Julia Margaret Cameron bewegte und mit ihren außergewöhnlichen Porträts zur bedeutendsten englischen Fotografin der Epoche avancierte.

Quellen: wikipediaJulia Margaret Cameron und William A. Ewing, „Zärtliche Berührung – Liebe & Verlangen in der Fotografie“ (Edition Leipzig, 1999)