Unfall in der Nacht

Man muß warten, daß die anderen ganz ungezwungen auf einen zukommen. Keine allzu brüsken Bewegungen. Reglos und stumm bleiben und mit der Bewegung verschmelzen. Ich setzte mich immer an den abgelegensten Tisch. Und ich wartete. Ich war jemand, der in der Abenddämmerung am Ufer eines Teichs stehenbleibt und seinem Blick Zeit läßt, sich an das Halbdunkel zu gewöhnen, bis er den wilden Aufruhr im stillen Wasser sieht.

Patrick Modiano, „Unfall in der Nacht“

Ein Stammbaum

Willy Ronis, "Vincent" (1945)
Willy Ronis, „Vincent, 5 ans“ (1945)

Abgesehen von meinem Bruder Rudy, seinem Tod, betrifft mich, glaube ich, nichts wirklich von allem, was ich hier erzähle. Ich schreibe diese Seiten so, wie man ein Protokoll oder einen Lebenslauf verfaßt, aus dokumentarischen Gründen und wahrscheinlich auch, um einen Schlußstrich zu ziehen unter ein Leben, das nicht meines war. Es handelt sich nur um eine dünne Schicht von Fakten und Gesten. Ich habe nichts zu bekennen, nichts zu erhellen, und ich verspüre keinerlei Neigung zu Introspektion und Gewissenserforschung. Im Gegenteil, je dunkler und geheimnisvoller die Dinge bleiben, desto mehr haben sie mich immer interessiert. Ja, ich versuche ein Geheimnis sogar in etwas zu finden, was gar keines hatte. Die Ereignisse, von denen ich bis zu meinem einundzwanzigsten Lebensjahr berichten werde, habe ich als Rückprojektion erlebt – jenes Verfahren, das darin besteht, im Hintergrund Landschaften vorüberziehen zu lassen, während die Darsteller reglos auf der Studiobühne verharren. Ich möchte dieses Gefühl, das viele andere vor mir empfunden haben, in Worten ausdrücken: alles zog vorüber wie bei einer Rückprojektion, und ich konnte mein Leben noch nicht leben.

Patrick Modiano, „Ein Stammbaum“