Le petit chaperon rouge

Rotkäppchen zählte nie zu meinen Lieblingsmärchen. Daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, dass es dereinst auf Schallplatte für mich unter dem Weihnachtsbaum lag. Im Gegenteil. Die Stimme des Wolfes quasi leibhaftig zu hören, verstärkte das Grauen um so mehr. Vielleicht steckten in den Sträußen, die das kleine Mädchen für die Großmutter band, auch Mohnblumen, wer weiß:

Der Wolf lief aus Leibeskräften den Weg, der kürzer war, und das kleine Mädchen ging den längeren Weg, wobei es seine Freude daran hatte, Haselnüsse zu sammeln, Schmetterlingen nachzujagen und Sträusse aus den Blümchen zu binden, die es fand.

Jedenfalls greift mir heute von den Bildern, mit denen Sarah Moon Le petit chaperon rouge  illustrierte, vor allem dieses hier ans Herz:

Sarah Moon, "Le petit chaperon" (1983)
Sarah Moon, „Le petit chaperon rouge“ (1983)

Die Version von Charles Perrault aus dem Jahr 1697 ist eine der ältesten bekannten schriftlichen Fassungen des Rotkäppchen-Stoffes. Bei ihm geht sie jedoch nicht gut aus. Die Großmutter und das Rotkäppchen werden vom Wolf gefressen, Ende der Geschichte. Darüber hinaus schreckt er auch vor expliziten sexuellen Anspielungen nicht zurück:

Sarah Moon, "Le petit chaperon" (1983)
Sarah Moon, „Le petit chaperon rouge“ (1983)

„Stell den Fladen und den kleinen Topf Butter auf den Backtrog und leg dich zu mir.“

Das kleine Rotkäppchen zieht sich aus und geht hin und legt sich in das Bett, wo es zu seinem allergrössten Erstaunen sah, wie seine Grossmutter ohne Kleider beschaffen war. Es sagte zu ihr:

„Grossmutter, was habt Ihr für grosse Arme!“

„Damit ich dich besser umfangen kann, mein Kind!“

Zuletzt wendet sich Perrault gar mit erhobenem Zeigefeiger an seine Leser:

Moral

Hier sieht man, dass ein jedes Kind und dass die kleinen Mädchen (die schon gar, so hübsch und fein, so wunderbar!) sehr übel tun, wenn sie vertrauensselig sind, und dass es nicht erstaunlich ist, wenn dann ein Wolf so viele frisst. Ich sag ein Wolf, denn alle Wölfe haben beileibe nicht die gleiche Art: Da gibt es welche, die ganz zart, ganz freundlich leise, ohne Böses je zu sagen, gefällig, mild, mit artigem Betragen die jungen Damen scharf ins Auge fassen und ihnen folgen in die Häuser, durch die Gassen doch ach, ein jeder weiss, gerade sie, die zärtlich werben, gerade diese Wölfe locken ins Verderben.

Sarah Moon, "Petit Chaperon Rouge" (1983)
Sarah Moon, „Petit Chaperon Rouge“ (1983)

Auch die Bilder von Sarah Moon haben nichts mit den bekannten Märchenillustrationen gemein. Das Unheimliche wird von ihr weder verniedlicht noch ein Zeigefinger erhoben. Alles liegt in den Lichtern und Schatten, im Gesicht und in den Gesten des kleinen Mädchens.

Der Horizont

Er stellte ein merkwürdiges Phänomen fest. Dieser Traum erhellte durch sein Licht alles, was Wirklichkeit gewesen war, die Straßen, die Menschen, mit denen Margaret und er gemeinsam in Berührung gekommen waren. Und wenn dieses Licht nun das wahre Licht gewesen war, jenes Licht, das sie beide damals umstrahlte? Warum hatte er dann in jener Zeit die zwei Hefte vollgeschrieben mit einer kleinen Schrift, die ein Gefühl von Beklemmung und Ersticken verriet?

Sarah Moon, "Suzanne aux Tuileries" (1974)
Sarah Moon, „Suzanne aux Tuileries“ (1974)

Er glaubte, die Antwort zu finden. Alles, was man tagein, tagaus erlebt, ist gekennzeichnet von den Ungewissheiten der Gegenwart… Doch aus der Ferne betrachtet, mit dem Abstand der Jahre, sind die Ungewissheiten und Ängste, die man in einem bestimmten Augenblick durchgestanden hat, verflogen wie das Rauschen, das einen hinderte, im Radio kristallklare Musik zu hören. Ja, wenn ich jetzt daran zurückdenke, dann war es genau wie im Traum: Margaret und ich, die einander gegenübersitzen in einem reinen und zeitlosen Licht.

Patrick Modiano, „Der Horizont“