Nadar

Ein Paradiesvogel unter den Pionieren der Fotografie ist Nadar (* 6. April 1820 in Paris; † 21. März 1910 ebenda; eigentlich Gaspard-Félix Tournachon).

Ein 1836 in Lyon begonnenes Medizinstudium schließt er nicht ab sondern tauscht es 1839 wieder ein gegen das unstete Leben eines Pariser Bohémiens. In der Folge arbeitet er zunächst als Journalist und Karikaturist. Erst 1854 wendet er sich unter dem Einfluss von Nièpce und Talbot der Fotografie zu und gründet noch im selben Jahr auf dem Boulevard des Capucines ein eigenes Atelier, wo sich die Pariser Bohème bald die Klinke in die Hand gibt: Victor Hugo, Gioacchino Rossini, Gustave Courbet, Edouard Manet, Sarah Bernhardt und viele andere. Nadar portraitiert sie alle. Selbst Baudelaire, für den – wie für viele seiner Zeitgenossen auch – die Fotografie als maschinengemachtes Bild eigentlich eine Beleidigung der «göttlichen» Malerei darstellt, lässt sich von ihm ablichten. Anders als andere Auftragsfotografen verzichtet er bald auf Accessoires oder gemalten Hintergrund sowie auf die spätere Retusche. Seine Porträts inszenieren die Modelle mittels Beleuchtung, Silhouette und Konzentration auf Blick und Hände und zeichnen sich durch eine erstaunliche Natürlichkeit aus, die zu dieser Zeit aufgrund langer Belichtungszeiten nur schwer zu erreichen ist. Mit diesem Fokus auf die psychologische Erfassung der Persönlichkeit bezieht er eine eigene Position in der Geschichte der Portraitfotografie bis dahin.

Nachdem ihm 1859 bei der Schlacht von Solferino das erste Luftbild der Fotogeschichte von einem Heißluftballon aus gelingt, konstruiert der Tausendsassa Nadar mit großem Vertrauen in die Luftschifffahrt gleich selbst ein Schraubenluftschiff und inspiriert damit Jules Verne zu seinem Roman „Fünf Wochen im Ballon“. 1863 gründen die beiden die „Société d’encouragement de la navigation aérienne au moyen du plus lourd que l’air“ mit Nadar als Präsidenten und Jules Verne als Sekretär. Ihr erklärtes Ziel ist es, die Konstruktion von solchen Flugmaschinen zu fördern, die schwerer sind als Ballons, dafür aber gesteuert werden können.

Die Vorreiterrolle bleibt ihm bis zu seinem Lebensende auf den Leib geschrieben: 1874 organisiert er die erste Ausstellung der Impressionisten; 1886 liefert er die Bilder für das erste Fotointerview der Geschichte mit dem französischen Chemiker Michel Eugène Chevreul; 1891 gründet er die Zeitschrift „Paris Photograph“; mit 80 Jahren gelingen ihm 1900 aus der Luftkammer eines Docks die ersten Unterwasserfotos und veröffentlicht er schließlich seine Autobiografie: „Nadar – als ich Photograph war“.

Heute verleiht eine Jury anerkannter Fotojournalisten jährlich den sogenannten «Prix Nadar» an herausragende Fotografen aus aller Welt.

Quellen: wikipedia und „Zwischen Bohème und Kanalisation“