Leicht, vielteilig, auseinanderstrebend

Julien Douvier, "Ohne Titel"
Julien Douvier, „Ohne Titel“

In einem Wort, ich wünschte, daß mein Bild – wandelbar, schlingernd zwischen tausend je nach Situation oder Alter changierenden Photos – stets mit meinem (bekanntlich tiefen) „Ich“ übereinstimmte; doch vom Gegenteil muß die Rede sein: Mein „Ich“ ist’s, das nie mit seinem Bild übereinstimmt; denn schwer, unbeweglich, eigensinnig ist schließlich das Bild (weshalb sich auch die Gesellschaft darauf beruft); leicht, vielteilig, auseinanderstrebend ist mein „Ich“, das, gleich einem kartesischen Teufelchen, nicht stillhält, in seinem Glasgefäß auf- und absteigt: oh, wenn doch wenigstens die PHOTOGRAPHIE mir einen neutralen, anatomischen Körper verleihen könnte, einen Körper, der nichts bedeuten würde! Doch leider bin ich durch die PHOTOGRAPHIE, die es gut mit mir meint, dazu verurteilt, immer einen Ausdruck zur Schau zu stellen: nie findet mein Körper seinen Nullpunkt, niemand kann ihm diesen geben (vielleicht nur meine Mutter? Denn nicht die Gleichgültigkeit hebt das Gewicht des Bildes auf – nichts ist besser als ein „objektives“ Photo wie das Automatenphoto dazu geeignet, aus jedem ein steckbrieflich gesuchtes Subjekt zu machen -, sondern die Liebe, die große Liebe).

Roland Barthes, „Die helle Kammer“