Schwerelos

Schwerelos wie Luftschlangen kräuseln sich die Rauchfähnchen aus den Kaminen in den Feiertagshimmel. Wieder eine volle Arbeitswoche geschafft, für die der Mondkalender das folgende Motto ausgegeben hatte:

…Bitte machen Sie am Schreibtisch Dehnübungen, mindestens einmal pro Stunde, stehen Sie öfters auf, gehen Sie an die frische Luft, tanzen Sie!

Isabella Berr, "Schwerelos"
Isabella Berr, „Schwerelos“

In regelmäßigen Abständen das Tanzbein durchs Großraumbüro geschwungen, und kein Kollege würde früher oder später noch Notiz von einem nehmen. Ein Creep müsste man sein, ein Weirdo. Keinen Pfifferling d’rauf geben, was die Leute von einem denken. Frau F. beispielsweise. Sie steht manchmal wie eine Schlafwandlerin plötzlich am Fenster und nimmt sich die Freiheit, den Blick über die Gleise schweifen zu lassen, als hinge sie in Gedanken tausend und einer verpassten Gelegenheit nach. Vielleicht sind die Gestade ihrer heimlichen Träume mit der Zeit auch in so weite Ferne gerückt, dass sie deren Ufer bereits aus den Augen verloren hat. Vielleicht ist es nur das Donnern des durchrasenden Schnellzuges, welches das Rattern der Rechenwerke immer noch zu übertönen vermag und das sie lediglich in ihrer Konzentration stört. Nicht mehr und nicht weniger, als es das Geplapper der Seniorchefin tut oder eine meiner Zwischenfragen hin und wieder. Dann erhebt sie sich, geht ans Fenster und steht dort minutenlang und schaut angestrengt hinaus in die unendlichen Weiten des Weltraums.

Neben dem Kopierer steht ein Papierkorb. Einer für alle. Alles was nicht in den Reißwolf muss, werfen alle dahinein. Ein zinnfarbenes Behältnis mit Deckel auf einem der Schreibtische gibt es auch. In das gehört, was nicht Papier ist. Heftklammern und so. Aber ein Apfelbutzen, ich wüsste nicht wohin damit. Auch in der Toilette gibt es keinen Abfalleimer. Keine Ahnung, wie das die anderen Frauen machen. Ich will auch nicht fragen, wie verfahren Sie eigentlich mit Ihren Tampons, Frau F., da versenke ich sie doch lieber stillschweigend in der Kanalisation. Jedenfalls fischte ich aus besagtem Papierkorb neben dem Kopierer Anfang der Woche eine Ansichtskarte. Sie zeigt einen italienischen Himmel über einer malerischen hügeligen Landschaft. Auf einem dieser Hügel liegt ein Gehöft. Ein Gehöft in Umbrien. Was sich systemisch über das Gefälle des Hügels erstreckt, sieht aus wie ein Olivenhain. Das Bild liegt jetzt auf meinem Schreibtisch und soll mich daran erinnern, wenigstens ab und zu den Blick schweifen zu lassen, wenn ich schon nicht Creep oder Weirdo genug bin, durchs Großraumbüro zu tanzen.

Bewegung verschaffe ich mir morgens, mittags und abends. Mehr ist nicht drin als die paar Stechschritte über den Stadtplatz auf dem Weg zwischen Arbeit und Zuhause. Golden Years, denke ich, wenn die Zeiger der Stadtturmuhr im Licht der auf- oder untergehenden Sonne erstrahlen wie wertvollstes Geschmeide am Halse einer wohlhabenden Frau. Wenn ich für ein paar Augenblicke am Tag das Gefühl habe, dass die Zeit nicht an diesen zwei Zeigern klebt sondern der Moment bis zum Sprung auf die nächste Ziffer mir gehört und nichts mit der Rechnung zu tun hat, die immer ein vermeintlich anderer für einen aufgestellt zu haben scheint. Oder All on a misty morning, wenn der Nebel am Morgen nicht feucht sondern sandig wirkt wie Wüstenstaub, in dessen pudrigem Medium die Silhouetten schweben wie Fata Morganen am Horizont. Mittags sitze ich für 20 Minuten in meiner Küche und versuche mir ins Gedächtnis zu rufen, wer ich bin und dass bald Feierabend ist und ich dann für ein paar Stunden vielleicht vergessen kann, wie anstrengend es ist, sich nicht zu verlieren.

Jetzt herrscht Puppenruhe. In einen Kokon aus seidigem Wolkengarn spinnt sich am Himmel der Mond, und am Boden des Stundenglases häufen sich stumm die Minuten.

Die Tage traf ich meine Tochter im Supermarkt. Zwischen zwei Regalreihen kam sie mir plötzlich entgegen und sah mich an mit einem Blick, der dem ihres Vaters wie aus den Augen geschnitzt war. Ernst und verschleiert, als hätte er zu verbergen, was ihm schon alles untergekommen sei im Leben. Derselbe Blick, den mir L. zugeworfen hatte, als er mich zum letzten Mal ansah, dachte ich. Nur dass seiner in dem Moment schon kurz davor war, zu brechen.

Keine Rückschau im Leben sollte wesentlicher sein als das Leben selbst.

Walking Dreams

The question is not what you look at, but what you see.

Henry David Thoreau, „Journal, 05. August 1851“

Isabella Berr, "Walking Dreams | Wandelnde Träume", aus: Jürgen B. Tesch (Hrsg.), Isabella Berr, "Walking Dreams", Hirmer Verlag
Isabella Berr, „Walking Dreams | Wandelnde Träume“
aus: Jürgen B. Tesch (Hrsg.), Isabella Berr, „Walking Dreams“, Hirmer Verlag