Absence of Subject

Seit den 20er Jahren bis zu seinem Tod 1964 arbeitete August Sander an seinem Projekt Menschen des 20. Jahrhunderts:

August Sander, "Tochter eines Landwirts" (1919)
August Sander, „Tochter eines Landwirts“ (1919)

Im Gegenzug unterstützte sein Enkel Julian Sander das sieben Jahre währende Projekt des New Yorker Fotografen Michael Somoroff Absence of Subject:

Michael Somoroff, "Farmer's Child" (2007)
Michael Somoroff, „Farmer’s Child“ (2007)

Somoroff äußert sich wie folgt dazu:

What really is our relationship to God or our relationship to being? The answer to that – universally found in all religions – is that we are a part of a whole. In so being, we are an expression of a lack. In essence, ‘Absence of Subject’ is about that lack.

Darüber hinaus wäre es ohne die Arbeit August Sanders undenkbar.

Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz

August Sander, „Jungbauern, Westerwald“ (1914)

Schon das Datum verriet mir, dass sie nicht wie erwartet zu einem Tanz gingen. Ich ging nicht wie erwartet zu einem Tanz. Wir alle würden mit verbundenen Augen auf ein Feld irgendwo in diesem geschundenen Jahrhundert geführt werden und tanzen müssen, bis uns die Luft ausgeht. Tanzen, bis wir zusammenbrechen.

Richard Powers, „Drei Bauern auf dem Weg zum Tanz“

August Sander

Manche Fotografen fühlen sich als Wissenschaftler, manche als Moralisten. Die Wissenschaftler widmen sich der Bestandsaufnahme der Welt, die Moralisten konzentrieren sich auf die schwierigen Fälle.

Susan Sontag, „Über Fotografie“

Den wissenschaftlichen Ansatz verfolgte der deutsche Fotograf August Sander (* 17. November 1876 in Herdorf, Landkreis Altenkirchen (damals Rheinprovinz, heute Rheinland-Pfalz); † 20. April 1964 in Köln). „Das Wesen der gesamten Photographie ist dokumentarischer Art“, formulierte er als Kernsatz in einem seiner Vorträge, die er 1931 im Westdeutschen Rundfunk hielt. Er gilt heute als bedeutender Wegbereiter der dokumentarisch sachlich-konzeptuellen Fotografie.

Berühmt wird Sander durch das um 1924 begonnene Projekt „Menschen des 20. Jahrhunderts“, in dem er Hunderte seiner Portraits von Menschen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen über Jahrzehnte hinweg in 45 Bildmappen zusammenführen will, um, wie Sander es ausdrückt, „damit einen Spiegel der Zeit zu schaffen, in der diese Menschen leben.“ Es ist die Zeit der Weimarer Republik. Im Bauern des Westerwaldes sieht er einen zeitgenössischen Archetyp und entwickelt darauf aufbauend ein System, in dem die Bauern die Basis der Gesellschaft bilden. So fasst er seine 12 Bauernportraits denn auch unter dem Titel „Stammmappe“ zusammen.

Bauer aus dem Westerwald

Darüber hinaus ordnet er seine Arbeiten in weitere sechs Gruppen: „Der Handwerker“, „Die Frau“, „Die Stände“, „Die Künstler“, „Die Großstadt“ und „Die letzten Menschen“. Zu ihnen gehören Kranke, Zigeuner, Arbeitslose und Bettler.

Arbeitsloser

Der kategorisch nüchtern-distanzierte Ansatz ist typisch für Sanders Herangehensweise. Er kritisiert nicht, er dokumentiert. Aber gerade diese Systematik ist auch Teil der ungewöhnlich hohen Qualität seines Werkes und macht es zu einer wohl gestalteten Einheit sowohl in soziologischer und philosophischer Hinsicht als auch nach fotografischen Aspekten.

Nur Hintergrund, Kleidung, Frisur und Gestik der vorwiegend Ganzkörperportraitierten liefern beabsichtigte wenn auch dezente Hinweise auf ihre jeweils gesellschaftliche Stellung. In Sanders Augen verkörpern sie alle überindividuelle Charakteristika. Man könnte fast von einer Art „Corporate Design“ sprechen, das Sander bei jeder Aufnahme bis ins letzte Detail perfektioniert. Exakte Fotografie, das ist sein Anspruch. Und absolute Naturtreue. Eventuelle Sympathien oder Antipathien des Fotografen zählen nicht.

Notar

Seine Arbeiten werden erstmalig 1927 anlässlich einer Ausstellung im Kölnischen Kunstverein in Auszügen gezeigt und 1929 in seiner ersten Buchpublikation unter dem Titel „Antlitz der Zeit“ veröffentlicht. Von der großen Resonanz zeugen viele Besprechungen, zum Beispiel von Walter Benjamin, der besonders auf die aufklärerische Wirkung der Sanderschen Portraits vor dem Hintergrund der drohenden nationalsozialistischen Herrschaft hinweist. Fünf Jahre später werden die Druckstöcke von den Nationalsozialisten zerstört und der weitere Vertrieb des Buches verboten. Sanders Arbeiten sind in den Augen der neuen Machthaber nicht gerade der Beweis für eine homogene, vom nationalsozialistischen Gedankengut eingeebnete Volksmasse. Die „Letzten Menschen“ gehören genauso dazu wie die Repräsentanten der herrschenden Klasse.

Angehöriger der Waffen-SS

Obwohl 40.000 seiner Negative anlässlich eines Bombenangriffs auf die Stadt Köln 1944 vernichtet wurden und er sich zwischenzeitlich der Landschaftsfotografie zugewendet hatte, verfolgte Sander sein Projekt noch bis weit in die 1950er Jahre hinein. Über sich und seine Arbeit schrieb er:

Die Wahrheit zu sehen, müssen wir vertragen können, vor Allem aber sollten wir sie unseren Mitmenschen und der Nachwelt überliefern, sei es günstig oder ungünstig für uns. Wenn ich nun als gesunder Mensch so unbescheiden bin, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, und nicht, wie sie sein sollen oder können, so möge man mir dies verzeihen, aber ich kann nicht anders.

2009 wurde vom Kölnischen Stadtmuseum der vier Kilogramm schwere Bildband „Köln wie es war. Fotografien von August Sander“ in Faksimilequalität herausgegeben, der Köln in 408 Fotografien in 16 Mappen vor dem Zweiten Weltkrieg von 1920 bis 1939 zeigt. Erstmals werden hier alle von Sander selbst gefertigten Abzüge so wiedergegeben, wie er sie selbst vergrößert, entwickelt und bearbeitet hat. 1953 hatte das Stadtmuseum diese für 25.000 DM erworben.

Das Archiv August Sanders hat in der „Photographischen Sammlung“ der SK Stiftung Kultur in Köln seinen Platz gefunden, wo seine Arbeiten auch immer wieder ausgestellt werden!

Quellen: wikipedia; MoMA; Susan Sontag, „Über Fotografie“; Boris von Brauchitsch, „Kleine Geschichte der Fotografie“