Alles zählt

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Fan Ho, „Journey to Uncertainty“

Weil sie schon früh wusste, vor allem anderen würde sie ihr Augenlicht verlieren, begann diese Patentante, Gedichte auswendig zu lernen. Celan und Rilke vor allem, sie kaute wochenlang auf einzelnen Wörtern und Versen herum, bis sie deren Bedeutung ganz erfasst hatte. Oder so weit, wie der Dichter das zuließ. Sie verlor ihren Verstand nie. Und mit dem letzten Gedicht, das sie lernte, es war eine der Elegien, spürte sie, wie sich noch einmal ein Raum voller unbekannter Empfindungen und Gedanken öffnete. „Nirgends, Geliebte, wird Welt sein als innen. [Unser Leben geht hin mit Verwandlung.] Und immer geringer schwindet das Außen.“ Es war ein Raum, zu dem sie erst Zutritt erlangte, als der Tod schon in der Zimmerecke stand und immer öfter zu ihr herüberschaute. Sie hatte ihr das erzählt, um ihr zu sagen, es gibt trotz allem etwas, das nur das Alter zu geben vermag.

Verena Lueken, „Alles zählt“

…and run we will.

Drei Bilder, die mich in diesen Tagen beschäftigen:

Links ein Gemälde von Geertgen tot Sins Jans aus dem Jahr 1490, das ich entdecken durfte, nachdem ich einem Link der Mützenfalterin gefolgt bin. In der National Gallery ist es „Picture of the month“. It’s Christmas time, of course. Was mich in seinen Bann gezogen hat, sind die kindlichen Gesichter im Widerschein dieses von der Krippe ausstrahlenden übernatürlichen Lichts.

Rechts eine Gruppe Jugendlicher im Amsterdamer Rijksmuseum mit dem Rücken zu Rembrandts Nachtwache, sein vielleicht berühmtestes Gemälde aus dem Jahr 1642. Irritierend ist jedoch die Tatsache, dass es eigentlich überall aufgenommen sein könnte: zu Hause, in der Schule, in der U-Bahn, im Bett.

Das dritte Bild gewann den diesjährigen Grand Prize des National Geographic:

Brian Yen, "A node glows in the dark"
Brian Yen, „A node glows in the dark“

Dazu heißt es:

In the last ten years, mobile data, smartphones and social networks have forever changed our existence. Although this woman stood at the center of a jam-packed train, the warm glow from her phone told the strangers around her that she wasn’t really there. She managed to slip away from here for a short moment; she’s a node flickering on the social web, roaming the Earth, free as a butterfly. Our existence is no longer stuck to the physical here; we’re free to run away, and run we will.

Wo immer Ihr seid, egal wie Ihr die Zeit zwischen den Jahren verbringen werdet, was auch immer die Herausforderungen der nächsten 365 Tage sein mögen: Let your nodes glow on in the dark!